Stati­ons­re­por­tagen

Thomas Stöckl absol­viert einen Teil seines Referen­da­riats im Flücht­lingscamp Moría auf Lesbos. Dort engagiert er sich im Pro-Bono-Projekt „European Lawyers in Lesvos“. Im Interview gibt er einen Einblick.

Ein Referendariat im Flüchtlingslager in Moría stelle ich mir als große berufliche und persönliche Herausforderung vor. Was beschäftigt Sie gerade?

Im Camp ist eine Frau, die im achten Mo nat schwanger ist. Dort ist zwar eine medizi­nische Versorgung gewähr­leistet, aber die reicht nicht aus. Die Frau muss für eine bessere Versorgung dringend nach Athen. Dazu muss sie erst regis­triert werden. Die Anwälte des Projekts versuchen, diesen Prozess zu beschleu­nigen, aber es geht nicht voran. Das Papier, auf das die notwendige Beschei­nigung gedruckt werden muss, ist nicht vorhanden.

Wie gehen Sie mit Konfliktsituationen wie dieser um?

Man muss immer wieder erfahren, dass die eigenen Möglich­keiten begrenzt sind. Zumal ich in meiner Rolle als Referendar ohne Anwalts­zu­lassung die Mandanten nicht berate, sondern beispiels­weise an der Vorbe­reitung der Asylbe­werber-Inter­views beteiligt bin. Trotz vieler negativer Erfah­rungen muss ich sagen, dass mich aber auch der Mut vieler Menschen stark geprägt hat.

Wie werden die Mandanten auf das entscheidende Gespräch vorbereitet?

Etwa vier bis sechs Anwälte sind von Mon tag bis Samstag in einem Drei-Raum-Container im Flücht­lings­lager vor Ort. Dort beraten die Freiwil­ligen die Flücht­linge. Zunächst verdeut­lichen wir ihnen, wie wichtig dieses Interview ist – viele wissen nicht, dass es fast allein über ihre Zukunft entscheidet. Wir klären sie über den EU-Türkei-Deal und die Folgen auf, nämlich, dass die Türkei als sicherer Dritt­staat angesehen wird: Viele der Mandanten haben in der Türkei negative Erfah­rungen mit der Polizei gemacht.

Wie sehen solche Gespräche mit den Flüchtlingen aus?

Die Anwälte gehen das Schicksal der Betrof­fenen mit ihnen Schritt für Schritt durch, sprechen über ihre Motive für die Flucht. Die Menschen müssen klar vortragen können, was ihnen zu welchem Zeitpunkt wo wider­fahren ist. Außerdem klären die Juristen sie beispiels­weise über den Flücht­lings­status auf. Manche kommen aber auch mit allge­meinen Fragen zum Anerken­nungs­prozess oder über die Famili­en­zu­sam­men­führung zu uns. Seit dem Start des Projekts im Juli 2016 bis Februar diesen Jahres haben 45 Freiwillige knapp 800 Menschen beraten.

Was haben Sie gelernt?

Dass man einen langen Atem und viel Durch­hal­te­ver­mögen braucht! Ich habe auch viel über das Asylrecht hinzu­ge­lernt, da es sehr stark europäi­siert ist und über nationale Grenzen hinausgeht. Es bestärkt einen, sich mit Anwälten aus ganz Europa auszut­au­schen. Da wir in einem inter­na­tio­nalen Team arbeiten, konnte ich auch mein Englisch verbessern.

Sie haben zuvor Station gemacht in einer Kanzlei für Asyl- und Ausländerrecht. Bietet Ihnen Ihre Referendariatsstationauf Lesbos Vorteile?

Auf jeden Fall: Man kann den Menschen hier schnell und direkt helfen, seine Kennt nisse unmit­telbar einsetzen. Die Anwälte sind dort, wo Rechtsrat mit am meisten gebraucht wird. Und Lesbos ist natürlich eine schöne Insel, Mytilini ist sehr pittoresk.

Sehen Sie auch Nachteile?

Für die alltäg­liche Praxis wäre eine Station in einer Kanzlei vielleicht relevanter. Und man muss hier mit viel Frustration umgehen, weil grund­le­gende Rechte nicht gewähr­leistet werden. Das Niveau, von dem aus man agiert, ist ein anderes als in Deutschland. Aber dafür vermittelt einem die Tätigkeit hier noch viel mehr als Sinnhaf­tigkeit. Ich empfinde sie als eine Notwen­digkeit.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich möchte im Asyl- und Auslän­der­recht bleiben und könnte mir die Arbeit als Anwalt in diesem Feld gut vorstellen. Ich fühle mich bestärkt darin, mich später in diesem Rechts­be­reich einzu­setzen.

Würden Sie sich nochmal für ein Referendariat auf Lesbos entscheiden?

Ganz klares Ja.


Das Gespräch führte Julia Amberger, Berlin.

Spaß am juris­ti­schen Denken

Texte: Katja Gersemann, Berlin


Ausbilder Dr. Alexander Wolff, LL.M.Eur.

Beste aktuelle Rechtskenntnisse und frische Ideen – das sei die Rendite für Sozietäten, die sich die Mühe machten, Nachwuchsjuristen einzubinden. Davon ist Alexander Wolff überzeugt. „Kanzleien, die keine Referendare ausbilden und nicht den Austausch mit den jungen Kollegen pflegen, vergreisen mit der Zeit“, sagt der Arbeitsrechtsexperte aus dem Berliner Büro der Großkanzlei Baker & McKenzie. „Referendare haben in Kanzleien gute Möglichkeiten, was der gründlichen deutschen Juristenausbildung zu verdanken ist.“ Im internationalen Vergleich müssten sich deutsche Nachwuchsjuristen keinesfalls verstecken – auch wenn sie deutlich älter seien als Berufseinsteiger aus anderen Ländern.

Auch in Jenny Heinrichs Bewerbungsunterlagen stimmten die Rahmendaten: Ein „vollbefriedigend“ im ersten Staatsexamen, ein erkennbares Interesse an Wolffs Fachgebiet und fundierte Englischkenntnisse durch ein Auslandsjahr in England. „Englischkenntnisse sind heute viel wichtiger als vor zehn Jahren – und sie werden immer wichtiger“, sagt Wolff, der in Passau und Lausanne studiert und in Rostock promoviert hat. „60 bis 70 Prozent unserer Korrespondenz läuft mittlerweile auf Englisch.“ Deshalb findet es der Arbeitsrechtler auch richtig, dass seine Referendarin im Anschluss an das zweite Staatsexamen im Mai 2017 ein LL.M.-Studium im Ausland absolvieren will. Überhaupt: Andere Rechtsordnungen zu kennen, sei für Arbeitsrechtler genauso hilfreich wie für Experten anderer Rechtsgebiete auch. Wenn man in der Lage sei zu vergleichen, ließen sich ausländischen Mandanten leichter die Eigenheiten des deutschen Rechts vermitteln.Wolff, der 2001 aus Freiburg nach Berlin zu Baker & McKenzie kam, legt Wert darauf, seine Referendare von Anfang an in laufende Mandate mit einzubinden. Bei Heinrich fiel ihm schnell auf, dass sie solide arbeite. „Sie recherchiert gründlich und das ist keineswegs selbstverständlich“ sagt Wolff. „Es gibt auch Referendare, die Google-Ergebnisse präsentieren.“ Heinrich habe Spaß am juristischen Denken. Die Kombination – eigenständiges Denken und Recherchestärke – sei genau das, was man für die Bearbeitung abseits von Standardfällen benötige.

Wolff denkt dabei besonders an einen Fall, der die beidenschon seit Heinrichs Start bei Baker & McKenzie beschäftigt: Ein amerikanisches Unternehmen wurde von seinen Betriebsräten in mehreren europäischen Niederlassungen mit den Plänen konfrontiert, einen Europäischen Betriebsrat zu gründen. „Bei US-Unternehmen stoßen solche Forderungen im ersten Moment natürlich auf völliges Unverständnis“, sagt Wolff. Juristisch stellten sich unendlich viele spannende Fragen. Sechs Monate hatte das Unternehmen Zeit, auf den Vorstoß der Betriebsräte zu reagieren. Aus Sicht der Arbeitnehmervertretung hatte das Unternehmen nicht genügend getan, um dem Begehren nachzukommen. Heinrich prüft nun vor dem anstehenden Gerichtstermin, wie zum Beispiel relevante unbestimmte Rechtsbegriffe ausgelegt werden. „Zum Teil gibt es hier einfach weder Literatur noch Rechtsprechung“, gibt Wolff zu bedenken. „Da ist es wichtig, dass damit jemand befasst ist, dem Jura wirklich Spaß macht.“ Bei Heinrich sei dies offensichtlich: Sie diskutiere gerne und sei in der Lage, ihre Meinung zu vertreten.

In einem anderen aktuellen gemeinsamen Fall geht es um das Schicksal von Betriebsvereinbarungen nach einem Betriebsübergang. „Das ist juristisches Hochreck, es gibt viel – und zum Teil widersprüchliche – Rechtsprechung, und in zahlreichen Bereichen herrscht Rechtsunsicherheit“, so Wolff. DerBetriebsrat des abgebenden Unternehmens wolle, dass so viele vorteilhafte Regelungen für Arbeitnehmer wie möglich übernommen werden, das übernehmende Unternehmen ist daran weniger interessiert. Heinrich hatte die Aufgabe, eine große Anzahl von Betriebsvereinbarungen zu prüfen und glich die jeweiligen Regelungen bei Käufer und Verkäufer genau ab. Eine Arbeit, die sie gut zwei Wochen in Anspruch genommen hat. Wolff: „Betriebsvereinbarungen und viele andere sehr praxisrelevante Sachen bekommen angehende Juristen im Studium nicht zu Gesicht. Für die Ausbildung ist es aber super, so etwas gesehen zu haben.“ Dem  Anwalt ist es wichtig, Referendaren Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. „Wir können sehr gut ausgebildete junge Juristen während ihrer Ausbildung einsetzen – da fühlen wir uns verpflichtet, auch etwas zurückzugeben.“

Zielstrebig, ohne abzuheben

Referendarin Jenny Heinrich

Im Grunde hat Jenny Heinrich schon bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihre Anwaltsstation einige Fähigkeiten gezeigt, die gute Juristen haben müssen: Zielstrebigkeit und strukturiertes Vorgehen. Auf einer Karriere-Plattform stellte sie ihre Daten und ein Motivationsschreiben ein – und ließ die Arbeitgeber zu sich kommen, statt einen Stoß von Bewerbungenzu verschicken. Als erstes meldete sich Baker & McKenzie. Kurz darauf war ein Bewerbungsgespräch mit zwei Partnern – darunter Alexander Wolff – eingefädelt, und im Juni vergangenen Jahres stand bereits fest, wo Heinrich ab April 2016 für neun Monate arbeiten würde: In der Berliner Dependance der Sozietät, mit Wolff als Ausbilder.

Für Heinrich, die auf der beschaulichen Nordseeinsel Wangerooge aufgewachsen ist, in Berlin studiert hat und dort auch ihr Referendariat absolviert, war das auch im Rückblick die richtige Entscheidung: „Ich war positiv überrascht, dass ich vom ersten Tag an mit meinem Ausbilder auf Augenhöhe zusammenarbeiten durfte und in aktuelle Mandate eingebunden wurde“, sagt die 27-Jährige. „Ich werde hier nicht mit sachfremden Recherchen beschäftigt, es gibt keine Trockenübungen.“ Wolff gibt ihr das Gefühl, dass er ihre Ansichten mit in seine Überlegungen einbezieht. Heinrich: „Das ist für eine Anfängerin total motivierend.“ Die Referendarin arbeitet an internationalen Mandaten mit – was immer dann besonders spannend ist, wenn sich kulturelle Unterschiede offenbaren. Wie in dem Fall, den sie  gemeinsam mit Wolff schildert: Ein amerikanischer Mandant musste mit den europäischen Gepflogenheiten im Arbeitsrecht vertraut gemacht werden.

Heinrich war in diesem Mandat von Anfang an in die Prüfung wichtiger Details eingebunden. „Erst recherchiert man in Datenbanken und Kommentaren. Wenn da nichts zu finden ist, zahlt sich das gründliche deutsche Studium aus, denn dann kommt man zu den allgemeinen Auslegungsgrundsätzen“, sagt Heinrich lächelnd. Bei dem zweiten großen Fall auf ihrem Schreibtisch, bei dem Betriebsvereinbarungen abzugleichen waren, musste eine zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten gefunden werden. „Eine Detailarbeit und sehr interessant“, sagt die angehende Volljuristin. Dass bei einer Vielzahl internationaler Beteiligter solide Englischkenntnisse nötig sind, versteht sich von selbst. Heinrich studierte ein Semester in England. Im Vergleich zur Juristenausbildung in Großbritannien schneidet Deutschland ihrer Meinung nach deutlich besser ab. „Unbekannte Probleme zu lösen – da bekommen wir das deutlich bessere Rüstzeug an die Hand“, ist sie überzeugt.

Im Mai kommenden Jahres hat Heinrich planmäßig ihr zweites Staatsexamen in der Tasche – und will sich dann erst einmal von Deutschland verabschieden, um ein LL.M.-Studium zu absolvieren. Wo sie anschließend arbeiten wird, steht noch nicht fest. Eine Großkanzlei muss es nicht sein – auch wenn ihr die Arbeit jetzt gut gefällt. „Ich will mich erst einmal umschauen“, sagt Heinrich. In der Wahlstation wird sie eine mittelständische Kanzlei ausprobieren. Fest steht: Egal wie das zweite Staatsexamen ausgeht, mit ihren Stationen wird sie für Anwaltskanzleien eine attraktive Mitarbeiterin sein. Heinrich schätzt es sehr, dass Baker & McKenzie ihr allen Raum lässt, den sie für ihr Referendariat braucht – also etwa für Arbeitsgemeinschaften oder den Klausurenkurs. Auch der Repetitor ist ein fixer Termin, der grundsätzlich keiner Projektarbeit zum Opfer fällt. Ihr Ausbilder hat Verständnis für den Druck, unter dem viele Referendare stehen. Da müsse jeder seinen Weg finden, um damit fertig zu werden. Doch man müsse, so Wolff, als Ausbilder nicht auch noch zusätzlich Druck ausüben.

Bei Heinrich scheint in dieser Hinsicht keine Gefahr zu bestehen, im Gegenteil: Sie wirkt zuversichtlich und ist ganz offensichtlich auch zufrieden mit ihrem Schwerpunkt: „Im Arbeitsrecht hat man mit Menschen zu tun“, sagt Heinrich. „Man kann auch Nichtjuristen erklären, was man beruflich macht, weil jeder etwas über das Rechtsgebiet weiß.“ Eine Arbeit also auf hohem Niveau – ohne Gefahr, abzuheben. //

Fronteinsatz im Gemischt­wa­ren­laden

Texte: Martin Dommer, Köln

Referendar Dr. Sven-Hendrik Schulze

„Was mich positiv überrascht hat, war, wie man als Referendar wahrgenommen wird“, sagt Dr. Sven-Hendrik Schulze rückblickend über seine dualen Referendarstation(en). „Man wird ernstgenommen und in die tägliche Arbeit einbezogen – in Diskussionen ebenso wie bei Verabredungen zum Mittag essen.“ Absolviert hat er beide Stationen bei Redeker Sellner Dahs; jeweils für drei Monate, einmal am Standort Bonn, später im Brüsseler Büro. Schulze, der sein Refer endariat am OLG Koblenz absolvierte, hat seinen „Fokus“ im Studium, bei seiner Doktorarbeit und im Referendariat klar auf das Öffentliche Recht gelegt: „Ich mag die Struktur und, dass man immer weiß, an welcher Stelle man die Argumente bringen muss; ein Grobrast er hat .“ Sein Doktorvater gab ihm den entscheidenden Impuls, sich bei Redeker zu bewerben: „Er war früher selbst auch als freier Mitarbeiter für die Sozietät tätig.“ Redeker ist historisch vor allem aus dem öffentlichen Recht gewachsen. Heute bietet die Kanzlei „full service“ in nahezu allen wichtigen Rechtsgebieten.

Dabei wird viel Wert auf wissenschaftliches Arbeiten gelegt. Er habe es als sehr angenehm empfunden, „dass die Kanzlei ihre Mitarbeiter aufgrund dieser Ausrichtung aktiv und individuell fördert, wenn man wissenschaftlich arbeiten will“, sagt der 29-Jährige. Dies, so vermutet er, m ache auch aus Sicht vieler Studenten und Referendare, die eine Promotion anstrebten, den Reiz aus, sich um eine Stage bei Redeker zu bewerben: „Denn neben einer 0,5-Stelle als Anwalt kann man dann berufsbegleitend vielleicht noch seine Dissertation schreiben.“

Viele große Kanzleien, so sein Eindruck, böten berufsbegleitende Promotionen zwar an, längst nicht alle aber wirkten unterstützend daran mit. In Bonn arbeitete Schulze im Dezernat von Stefan Tysper, der in seinem „mittelgroßen Gemischtwarenladen“ private Mandanten, aber auch die öffentliche Hand im öffentlichen Bau- und im kommunalen Abgabenrecht berät. Der „Durchsatz“ sei hoch, erläutert der Rechtsanwalt: „Pro Tag laufen etwa 60 bis 80 Akten durch meine Hände.“ Für Referendare sei dies interessant, „weil sie so ganz viele kleine und mittlere Fälle bearbeiten können”. In der Regel könnten die Mandate dabei in 2–5 Monaten zum Abschluss gebracht werden. Gerichtsbesuche, Akteneinsichten bei Behörden, Arbeit an laufenden Mandaten in allen möglichen Konstellationen; aber auch formelle Schreiben, interne Vermerke oder das Formulieren von Anträgen auf einstweiligen Rechtsschutz oder Klageentwürfen: „Der Referendar ist mein positiver Schatten“, sagt Stefan Tysper. Seit vielen Jahren leitet er Fortgeschrittenen- AGs am LG Bonn und OLG Köln, um den Nachwuchs fit für Examen und Berufseinstieg zu machen. „Ich ermuntere die Referendare bei Redeker immer, sich an den Besprechungen zu beteiligen; gehe mit ihnen direkt an die Front, damit sie von Beginn an mitbekommen, wie so ein Anwaltsleben läuft.“ Wie setze ich arbeitsökonomisch die Prioritäten richtig?

Eine Frage, mit der jeder Anwalt im laufenden Tagesgeschäft ständig konfrontiert ist; für Sven-Hendrik Schulze war sie ein fester Bestandteil der Ausbildung in Bonn. Allein die Zahl der Mandantengespräche, an denen er in dieser Zeit habe teilnehmen können, habe „locker im zweistelligen Bereich“ gelegen. Aufgrund seines Studienschwerpunktes im Europa- und Völkerrecht und weil er die Kollegen in Bonn mit guten Leistungen beim „training on the job“ überzeugte, vermittelte sein Ausbilder ihm die Möglichkeit einer Wahlstation im Brüsseler Büro. Dort vertritt die Kanzlei überwiegend deutsche Mandanten, die vor EU-Institutionen auftreten. Mit sechs Berufsträgern Anwaltsstation gern vor Ort, unterscheide sich der Arbeitsablauf dort deutlich von dem in Bonn, wo er klar einem Ausbilder zugearbeitet habe, berichtet Sven-Hendrik Schulze. In der EU-Hauptstadt arbeitete man „mittelbar für den ausbildenden Partner, aber auch für die übrigen Anwälte, sodass man mit unterschiedlichen Leuten auch verschiedene Stile kennenlernt“. In der Regel seien es großvolumige Mandate, die über Jahre liefen, wie die Rettung von Banken, Beihilfeverfahren oder Kartellrechtsstreitigkeiten. Oft seien Vermerke oder Kurzgutachten, „Memos“, für die Rechtsanwälte zu erarbeiten, die mittelbar für den Verkehr mit Mandanten, europäischen Institutionen oder Gerichten genutzt würden. „Das ist schon spannend, wenn man sieht, was dabei später herauskommt“, sagt Schulze, „und man hat selber in irgendeiner Form – sei es auch nur im Kleinen – daran mitgewirkt.“

Europa zum Anfassen

Ausbilder Rechtsanwalt Dr. Andreas Rosenfeld

„Durch die duale Station mit zwei Ausbildern lernen wir die Referendare viel besser kennen, als wenn sie nur in einer Station bei uns sind – aus verschiedenen Blickrichtungen und in Büros mit unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten“, erklärt Dr. Andreas Rosenfeld. Der 47-Jährige ist Partner bei Redeker Sellner Dahs und Spezialist für Kartell-, Beihilfen- und Europarecht. Er war maßgeblich am Aufbau des 2003/2004 gegründeten Büros der Kanzlei in der EU-Hauptstadt beteiligt. Das dortige Team besteht zurzeit aus sechs Berufsträgern, meist unterstützt durch ein oder zwei Referendare. Es berät vorwiegend deutsche Mandanten in großen Regulierungsverfahren, zu Fragen des EU-Binnenmarktrechts, im Beihilfen- und Kartellrecht sowie im WTO-Recht. Zudem übernimmt es Vertretungen vor der EU-Kommission und vor den Unionsgerichten in Luxemburg sowie auch vor deutschen Gerichten. „Wir haben keine sehr starke Spezialisierung, sondern eher ein breites Portfolio, was von den Referendaren in der Regel auch sehr geschätzt wird“, erläutert Andreas Rosenfeld. Für die Nachwuchskräfte biete die Ausbildung an zwei Standorten den Reiz, ein „kompletteres Bild einer Kanzlei zu bekommen, die natürlich ganz unterschiedliche Facetten hat, gerade in der Kombinationdes deutschen mit dem internationalen Geschäft.“

Traditionell vertrete die Kanzlei in vielen Auseinandersetzungen auch auf europäischer Ebene die öffentliche Hand, „sodass wir hier viele auch rechtspolitisch spannende Themen bearbeiten.“ So etwa die Rettung von Landesbanken oder Regionalflughäfen im Auftrag der öffentlichen Hand. Als weitereBeispiele mögen die OMC-Verfahren (Staatsanleihen-Käufe) der Europäischen Zentralbank (EZB) oder das Verfahren um die Waldschlösschen-Brücke in Dresden herhalten. Auch am bislang größten deutschen Kartellschadensersatzprozess zwischen einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn und diversen Spediteuren gegen namhafte Luftfrachtanbieter (unter anderem Lufthansa, Quantas, Airfrance/KLM) wegen des Vorwurfs unrechtmäßiger Preisabsprachen sind Rosenfeld und seine Kollegen beteiligt. Für die Ausbildung sei vor allem die Anbindung an die europäischen Institutionen wertvoll. „Es gibt die Chance, jenseits der deutschen Referendarpraxis zu lernen, wie Brüssel, das Geschäftsleben im Ausland sowie die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den einzelnen Institutionen funktioniert“, sagt der Praktiker. Hinzu komme die Korrespondenz mit der europäischen Kommission und anderen Institutionen, schließlich die Nähe zu Luxemburg, wo die Kanzlei regelmäßig Prozessführungen übernehme.

Für die Referendare gilt es einzelne Rechtsfragen zu untersuchen und in Vermerke zu fassen, etwa die Entscheidungspraxis zu bestimmten Themen. „Konkret bitten wir sie darum, Schriftsätze vorzubereiten, wenn wir in Deutschland oder Luxemburg zu Gericht müssen oder lassen sie etwa Beschwerden an die Kommission entwerfen“, erläutert Andreas Rosenfeld. Zudem würden sie von den betreuenden Rechtsanwälten animiert, oft an den vielen für Brüssel typischen Veranstaltungen teilzunehmen. Nach Ratstreffen etwa gibt es häufig Termine mit hohen Beamten der deutschen Botschaft oder einer Partei, die über die Ergebnisse ihrer Sitzungen referieren. Das sei ein bewusst gesetzter Teil der „Brüsseler Erfahrung“. Rosenfeld: „Viele der Diskussionen werden interdisziplinär geführt mit politischem oder wirtschaftlichem Bezug, nicht rein rechtlich.“ Stichwort Brexit? „Das wird spannend“, urteilt der EU-Rechtler.
Man habe die Referendare gerade erst gebeten, „eine Stoffsammlung zu den möglichen Szenarien zu erstellen, um daraus am Ende ein Positionspapier zu entwickeln, was sich rechtlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt eigentlich zum Brexit sagen lässt.“ Anders als bei manch anderer Kanzlei ist die Fluktuation bei Redeker nach eigener Aussage vergleichsweise gering: Im Schnitt sind es drei bis vier Neuanstellungen pro Jahr.

Gleichwohl werden an sechs Standorten, wo insgesamt rund 100 Berufsträger tätig sind (42 davon Partner), mehr als 30 Referendare pro Jahr ausgebildet. Neben guten Noten sind vor allem (auch geistige) Mobilität und Fremdsprachenkenntnisse erwünscht. „Leute, die über den Tellerrand schauen, eine gewisse Flexibilität und Einsatzfreude zeigen, etwa durch ein Auslandsstudium, Engagement am Lehrstuhl oder interessante Projekte“, erklärt der Redeker-Partner, „solche Leute, die nehmen wir gerne, weil es genau das ist, was wir hier brauchen.“

Strukturbegeistert

Ausbilder Rechtsanwalt Dr. Tobias Nießen

Dass er einmal Rechts­anwalt werden würde, daran bestand für Dr. Tobias Nießen nie wirklich ein Zweifel. „Es stand schon in unserer Abi-Zeitung“, erzählt der 39-Jährige, heute Partner von Flick Gocke Schaumburg (FGS) mit Schwer­punkt Arbeits- und Gesell­schafts­recht in Bonn. Durch seinen als Rechts­anwalt und Notar am Nieder­rhein tätigen Vater, sei er „von Hause aus geprägt“ und hatte Gelegenheit, sich den „Beruf seit frühester Kindheit anzuschauen“. Studiert hat Nießen in Bonn, Lausanne, Genf und Nimwegen. „Dort gab es einen inter­na­tio­nalen Studiengang und ich wollte noch etwas Englisch­spra­chiges vor dem,Freischuss‘­machen“, erzählt er. Nach Bonn zog ihn seine heutige Ehefrau. Über Eigen­re­cherche, Kanzlei­ran­kings und Empfeh­lungen aus dem Bekann­ten­kreis kam er zu FGS. Der Schwer­punkt der 1972 in Bonn gegrün­deten Partner­schaft von Rechts­an­wälten, Wirtschafts­prüfern und Steuer­be­ratern liegt im Steuer- und Wirtschafts­recht. Heute sind an sechs Stand­orten in Deutschland und in Reprä­sen­tanzen in Wien und Zürich insgesamt 104 Partner (davon 52 Equity- Partner) sowie rund 250 Mitar­beiter für Recht, Steuern und Wirtschafts­prüfung tätig. Die Kanzlei, die laut ihrer Website einen Schwer­punkt auf „steu­er­zen­trierte Rechts­be­ratung“ für Unter­nehmen legt, zeichne sich vor allem durch einen teamüber­grei­fenden „inter­dis­zi­pli­nären Arbeitsstil“ aus, erklärt Tobias Nießen. Gut die eine Hälfte der Partner und Mitar­beiter bei FGS hat eine juris­tische Ausbildung, die übrigen einen wirtschafts­wis­sen­schaft­lichen Hinter­grund oder beides. Als Tobias Nießen 2005 dazu kam, so berichtet er, sei Arbeits­recht bei FGS noch „vergleichs­weise hemds­är­melig“ prakti­ziert worden. „Wir haben Großmandate teilweise jedoch nur bekommen, weil wir uns entschieden haben, das Arbeits­recht auf höchstem Niveau mit anzubieten.“ Heute sind auf dem Gebiet allein sieben Mandats­träger – davon vier Partner – und mehrere wissen­schaft­liche Mitar­beiter beschäftigt. Bei Umstruk­tu­rie­rungen im Konzern­ge­schäft bildet das Arbeits­recht neben dem Gesell­schafts- und Steuer­recht häufig eine tragende Säule. Das kollektiv-arbeits­recht­liche Themen­spektrum, das Tobias Nießen und sein Team heute bearbeiten, beginnt bei tarif­ver­trag­lichen Auswir­kungen von Fusionen und Umwand­lungen, reicht über Betriebs­ver­ein­ba­rungen bis hin zu Fragen der Mitbe­stimmung. Daneben werden aber auch sämtliche Themen des Indivi­dual­ar­beits­rechts abgedeckt. „Ich muss als Arbeits­rechtler dabei die steuer­lichen Probleme nicht selbst im Detail lösen“, erläutert Nießen, „aber im Sinne einesMehr­werts für denMan­danten eine Antenne dafür haben, wo Probleme auftauchen könnten, wenn ein Unter­nehmen seine Struk­turen in die eine oder die andere Richtung verändert.“ Hier Expertise aufzu­bauen, sei fester Bestandteil der Ausbildung bei Flick Gocke Schaumburg.

Wissen­schaft­liche Mitar­beiter und Referendare sind grund­sätzlich klar einem Partner zugeordnet und werden „eng am Fall ausge­bildet“, wie Nießen formu­liert. Die Kanzlei sei deshalb nicht nur an einzelnen Stationen der Nachwuchs­ju­risten inter­es­siert, sondern versuche sich möglichst über einen längeren Zeitraum ein Bild von den Kandi­daten zu machen. Viele starteten nach dem ersten Examen zunächst als wissen­schaft­liche Mitar­beiter, um später ihr Referen­dariat oder einige Stationen davon in der Kanzlei zu absol­vieren. „Zunächst legen wir dabei den Schwer­punkt der Ausbildung auf die Kernge­biete“, sagt der FGS-Partner. Nach einem Jahr seien die meisten Kandi­daten dann „auf Betrieb­stem­pe­ratur“, um sich auch auf andere Rechts­ge­biete vorzu­wagen. Vieles läuft dabei über „training on the job“ und erfah­rungs­gemäß werde aus „vielen Wissens­inseln irgendwann Land“, sagt der Arbeits­rechts­ex­perte.

Daneben bietet die Kanzlei regelmäßige Arbeitskreise für den fachlichen Austausch, Seminarangebote und Experten-Workshops an der hauseigenen „FGS Academy“. Ferner kümmern sich FGS-Partner schwerpunktmäßig um die Nachwuchs- Rekrutierung an Unis, Messen oder das hauseigene „Keep in
touch“-Programm, ein Karrierenetzwerk, das ehemalige Referendare, Praktikanten und wissenschaftliche Mitarbeiter in Kontakt mit den Mitarbeitern hält. Bei seinen Bewerbern achtet Nießen neben den bei FGS zwingend vorausgesetzten Prädikatsexamina auch auf interessante Stationen im Lebenslauf (gerne im Ausland) oder Zusatzausbildungen. Ob die Chemie dann stimmt und der Charakter zu Flick Gocke Schaumburg passt, stelle sich dann meist schnell im Vorstellungsgespräch heraus.

Vielseitig

Referen­darin Sarah Hempelmann

Für ihr trainingsintensives Hobby, den Triathlon, hat Sarah Hempelmann im Moment nur noch wenig Zeit. Da können die nur einen Steinwurf von ihrem Arbeitsplatz bei Flick Gocke Schaumburg entfernt liegenden Wiesen und Hügel noch so einladend locken. Und auch für die Band und Orchester, wo sie
früher gern und oft Klarinette und Saxophon spielte, fehlt jetzt oft die Zeit.Weit häufiger als über Notenblätter streift der Blick der 28-jährigen Referendarin derzeit über den leicht begrünten Innenhof der Kanzlei, der sich unter die bodentiefen Fenster der Bibliothek kauert. Dann wälzt sie gerade im Auftrag eines Associates oder Partners Kommentare, wertet Urteile aus oder feilt an den Argumenten und Formulierungen für Schriftstücke,
Memos oder Klageerwiderungen. Sie arbeitet im sieben Köpfe zählenden Arbeitsrechts-Team von Partner Tobias Nießen. Chemie und Vita passten. Sarah Hempelmann, die im Oktober 2014 zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei FGS begann, um dann nahtlos ins Referendariat überzugehen, hat nicht nur ein „gut“ unter dem ersten Examen stehen. Nach einem FH-Studium in Bad Münstereifel, stellte sie schnell fest, dass ihr der Job als Rechtspflegerin auf Dauer nicht spannend genug sein würde und sattelte noch Jura auf.

Sie habe einen „tiefen Einblick ins Arbeitsrecht“ bekommen wollen, weil dies ihr Schwerpunkt an der Uni war. Also bewarb sie sich in Bonn bei FGS. „Was ich hier gut finde, ist der hohe wissenschaftliche Anspruch“, erzählt Sarah Hempelmann. Sie hat sich bewusst gegen ein Referendariat in einer
kleineren Kanzlei entschieden. „Praxisnähe und Examensrelevanz mögen dort im Einzelfall größer sein“, argumentiert sie, „aber der wissenschaftliche und inhaltliche Anspruch ist bei FGS viel höher und man arbeitet nicht einfach nur eine Akte nach der anderen weg.“ Und warum gerade Arbeitsrecht? „Weil es im Grunde jeden betrifft“, sagt Sarah Hempelmann, „es ist sehr plastisch, konkret, nicht abstrakt.“ Zudem gebe es zahlreiche Verknüpfungen
zu anderen Rechtsgebieten, etwa dem Gesellschaftsrecht, dem Sozialversicherungsrecht oder auch zum Thema Steuern, das bei FGS eine besonders große Rolle spielt. Die Referendarin arbeitet mehreren Anwälten zu, klärt etwa Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats bei Umstrukturierungen von Unternehmen, grenzt für international tätige Mandanten illegale Arbeitnehmerüberlassungen von Selbstständigkeit und Werkvertragsverhältnissen ab oder sucht in der Datenbank nach relevanten Urteilen zu Betriebsübergängen nach § 613 a BGB. Ihre Arbeitsergebnisse liefert sie persönlich oder per Mail zu. Parallel bereitet sie sich auf das zweite Staatsexamen vor. Ein bis zweimal pro Woche besucht sie den von Muttersprachlern in der Kanzlei kostenfrei angebotenen Sprachkurs für Business-Englisch. Entgegen den Warnungen vieler Kommilitonen, hätten sich die oft gezeichneten Schreckensbilder zum Stichwort Großkanzlei in ihrem Fall nicht bewahrheitet, im Gegenteil. „Bis 22 Uhr wird hier in der Regel nicht gearbeitet.“ Mit Blick auf ihre weiteren beruflichen Ziele ist Sarah Hempelmann noch hin und hergerissen: „Weil ich aus dem öffentlichen Dienst komme, wollte ich bislang eigentlich wieder dahin zurück“, sagt sie.

Mittler­weile könne sie sich aber auch gut vorstellen „hier bei FGS oder in einer anderen Kanzlei ähnlicher Größe als Anwältin zu arbeiten.“ Aller­dings, so führt sie weiter aus, sei „nur Karriere sicherlich nicht das, was ich für mich möchte“. So spiele auch die Verein­barkeit von Beruf und Familie für sie eine wichtige Rolle bei der Auswahl des Arbeit­gebers. Bei FGS ist diese dank der Möglichkeit, sämtliche Karrie­re­stufen – inklusive der Partner­schaft – auch in Teilzeit zu erreichen, grund­sätzlich möglich. Die Kanzlei arbeitet zudem mit einem bundesweit tätigen Famili­en­service zusammen, der Kita-Plätze für Kinder von Mitar­beitern vermittelt und auch kurzfristige Notfall­si­tua­tionen abfedern hilft. Bei einem Mandan­ten­ge­spräch war Sarah Hempelmann bislang noch nicht mit dabei, aber es liegen ja auch noch neun Monate Referendarzeit vor ihr.

Frequenzmesser

Ausbilder, Rechtsanwalt und Notar Dr. Frank Burmeister

Zum Beruf des Rechts­an­walts kam Frank Burmeister dank „Liebling Kreuzberg“, jener zum Kult gewor­denen ARD-Serie, in der sich der legendäre Manfred Krug ab Mitte der 1980er Jahre als hemds­är­me­liger Advokat in die Herzen der Fernsehnation spielte. Doch zunächst stieß die Entscheidung Burmeisters bei seinen Eltern auf wenig Gegen­liebe, immerhin bedeutete sie den Abbruch eines bereits laufenden Studiums der Elektro­technik an der TU Hamburg. Der Vater Ingenieur, weit und breit kein Anwalt in der Familie, doch er „habe die Entscheidung zum Jura-Studium nie bereut“, erzählt Dr. Frank Burmeister, heute Partner bei Hengeler Mueller im Frank­furter Büro. Noch als wissen­schaft­licher Mitar­beiter am Lehrstuhl für öffent­liches Recht und Europa­recht an der Hamburger Univer­sität tätig, bewarb er sich zum Berufs­ein­stieg in Düsseldorf – für das öffent­liche Recht. Wieder kam es anders. Aus Düsseldorf wurde Frankfurt, aus Rechts­fragen zu EU-Richt­linien und Verord­nungen wurden Unter­neh­mens­käufe, Übernahmen oder Umstruk­tu­rie­rungen. „Als man mich fragte, ob ich nicht lieber M&A hiermachen wollte, warmir das dann auch egal“, scherzt Burmeister rückbli­ckend, „ich kannte ja beide Städte nicht“. Der Hengeler-Partner ist als Rechts­anwalt zugelassen und als Notar bestellt, macht längst Gesell­schafts- statt Gemein­schafts­recht.

Seit zwölf Jahren bildet er nun auch Nachwuchstalente für die Kanzlei aus. Ja, bestätigt der erfahrene Ausbilder, der Markt habe sich verändert. Gute Referendare und überdurchschnittliche Bewerber seien fordernder geworden, die Kanzleilandschaft insgesamt transparenter. Das sorge auch unter den Großen der Branche für mehr Wettbewerb und mache sie für potentielle Bewerber vergleichbarer. Ergo gehörten im engen Markt für  Top-Absolventen kanzleieigene Programme zur Examensvorbereitung oder Sprachkurse längst zum nachgefragten Repertoire. Ein Großteil der Suche nach den größten Talenten laufe „mehr vor Ort an Lehrstühlen, Universitäten oder auf Bewerber-Messen“, berichtet er. Für Hengeler Mueller wirbt er
vor allem mit der „sehr hohen Kollegialität“ im Hause und „guter Arbeitsatmosphäre in Teams, ohne, dass untereinander Ellbogenmentalität herrscht.“

Ein weiteres Plus sei die „sehr breite Ausbildung“ mit „Mandaten und Rechtsfragen auf höchstem Niveau“. „Wer sich juristisch austoben will“, erklärt Frank Burmeister, „der ist bei uns an der richtigen Adresse.“ In der Tat kann sich die Ausbildung für Referendare sehen lassen und genießt auch unter Mitbewerbern in der Branche einen sehr guten Ruf. Neben einer Reihe fachgebietsbezogener Veranstaltungen, examensrelevanter Zusatzangebote und Erfahrungsaustauschen bietet sie für Referendare Sprachkurse in „legal English“ sowie die Möglichkeit, an zwei fixen Terminen im Jahr, für drei Wochen in die befreundete Kanzlei Slaughter and May nach London zu wechseln. Möglich sind darüber hinaus aber auch Referendar-Stagen in den Hengeler- Büros in Brüssel, London oder Shanghai. Alle Associates unterliegen dem Rotationsprinzip. Das bedeutet, dass sie nach spätestens 18 Monaten einem anderen Partner unterstellt werden. Zudem gibt es die verpflichtende „HM Akademie St. Gallen“, die neben wirtschaftsrechtlichen
auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Soft-skills vermitteln soll. Im „Mainstream-Bereich“ des Wirtschaftsrechts verfolge Hengeler Mueller den Ansatz, dass es weniger auf eine frühzeitige Spezialisierung der Kandidaten in bestimmten Rechtsbereichen ankomme, als vielmehr darauf, „das juristische Handwerkszeug zu beherrschen“, erläutert Frank Burmeister. Es sei mehr ein „training on the job“, das sich bewährt habe und praktiziert werde. Worauf achtet er selbst bei den Nachwuchs-Kandidaten? „Nun, der- oder diejenige muss in der Lage sein, das durch überdurchschnittliche
Examina dokumentierte juristische Können schriftlich und mündlich auch so darzubieten, dass es für den jeweiligen Empfänger verständlich ist“, sagt Frank Burmeister – das könne, müsse aber nicht zwingend immer der Mandant und juristische Laie sein. Auch soziale Kompetenz und die Fähigkeit im Team zu arbeiten, seien angesichts der Größe vieler Mandate gewichtige Auswahlkriterien, daneben Einsatzwille, Empathie und Begeisterungsfähigkeit. „Man muss koordinieren und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können“, erläutert der Praktiker. Dabei sei „Dienstleister-Mentalität“ gefragt, denn letztlich gehe es um Service für den Mandanten.

Am Puls

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Arvid Morawe

An der Bucerius Law School in Hamburg hatte sich Arvid Morawe beworben, weil er „einen kleinen Tritt in den Hintern brauchte, also ein etwas straf­feres Programm“. Heute, ein erfolg­reiches Jura-Studium später, sitzt der gebürtige Berliner in einem Konfe­renzraum des Frank­furter Büros von Hengeler Mueller, 25. Etage aufwärts und hat die imposante Skyline des Banken­viertels im Blick. Bereits als Schüler habe er sich viel mit Politik und Philo­sophie beschäftigt, sei dann aus „Interesse am Libera­lismus“ den Jungen Liberalen in Berlin beige­treten. „Da waren viele Juristen dabei, und ich fand es sehr inter­essant, wie struk­tu­riert sie an Probleme heran­ge­gangen sind und wieviel sie dabei mit Sprache gearbeitet haben.“ Um sicher zu sein, absol­vierte Arvid Morawe nach seinem Wehrdienst zunächst ein Praktikum in einer mittel­stän­di­schen Kanzlei in Berlin. „Mich haben vor allem die Zusam­men­hänge an den Schnitt­stellen zwischen Wirtschaft und Recht inter­es­siert“, sagt der 27-Jährige heute.

Gesell­schafts­recht, M&A und Finan­zie­rungs­be­ra­tun­gen­waren denn auch Schwer­punkte seiner das Studium beglei­tenden Praktika und Stationen, etwa bei Gleiss Lutz, der Deutschen Bank, als Student an der Fordham University School of Law in New York oder bei einer Hamburger Kanzlei mit Schwer­punkt Schiffs­fi­nan­zie­rungen. Nach einem „guten“ ersten Examen ging es weiter ins Bundes­kanz­leramt, genauer, in das Referat für Wirtschafts­recht, wo sich Arvid Morawe erstmals mit Wettbe­werbs­po­litik und Mittel­standsthemen vertraut machen konnte. Spezia­li­siert hat er sich mittler­weile auf Gesell­schafts­an­walts­station und Kapital­markt­recht. Zurzeit promo­viert er an der Univer­sität Frankfurt im GmbH-Recht. Läuft alles, wie geplant, will er im April kommenden Jahres als Associate bei Hengeler Mueller weiter­machen. Seine Zukunft sieht Arvid Morawe „klar in einer großen Kanzlei“, vorerst jeden­falls. Auch, wenn es „natürlich immer eine Option bleibt, sich als Anwalt selbst­ständig zu machen.“

Bei Hengeler sind Referendare und wissen­schaft­liche Mitar­beiter grund­sätzlich einem Partner und einem Tutor – einem berufs­er­fah­renen Associate – zugeordnet. „Das System ist aber fließend“, berichtet Arvid Morawe. „Letztlich ist es mandats­ab­hängig ein Pool an Leuten, für die man arbeitet.“ Die spezia­li­sierten Teams beratender Anwälte bei Hengeler Mueller – in Frankfurt sind es insgesamt rund 100 – bestehen in der Regel aus zwei, maximal drei Mitar­beitern. Gerade über den Tutor oder die Tutorin lasse sich viel über die tatsäch­liche Arbeit des Anwalts erfahren, erzählt Arvid Morawe, zumal der Unter­schied in Alter und Ausbil­dungs­stand in der Regel noch nicht so deutlich sei, wie bei langjäh­rigen Partne­rinnen oder Partnern. Der Berufs­ein­steiger ist an Due-Diligence-Prüfungen zur Bewertung von Risiken bei Unter­neh­mens­käufen ebenso beteiligt, wie an der Dokumen­tation von Trans­ak­tionen, Fragen der Finan­zierung oder dem Vorbe­reiten von Schrift­sätzen und Vollmachten. Zuletzt arbeitete er für seinen betreu­enden Partner, Dr. Frank Burmeister, an einem Leitfaden für Gesell­schafter-Versamm­lungen mit. An Abwechslung im Arbeit­salltag fehlt es ihmbei Hengeler nicht – im Gegenteil wechselten die Heraus­for­de­rungen bei jedem der Mandate. „Ich finde die Profes­sio­na­lität in einer Großkanzlei sehr angenehm“, sagt der junge Berufs­ein­steiger. „Man kann hier auch mit den Partnern immer fachlich auf Augenhöhe disku­tieren.“ Sein Eindruck sei bislang, „dass es in dieser Kanzlei immer um die Sache geht und nicht um persön­liches Geplänkel.“ Was hat Arvid Morawe bisher angetrieben? War es das Geld? „Klar, das will man natürlich auch, aber das ist kein absolutes Ziel, weil es nicht oder jeden­falls nur sehr kurzfristig­mo­ti­viert“, sagt er ohne längeres Zögern. „Mir ging es vor allen Dingen darum, bei den großen, den spannenden Sachen dabei zu sein, nah am Puls“. Hier habe man bei Mandaten die Chance „das ganze Bild zu sehen.“ Bei der Wahl zwischen dem Verzicht auf eine Mittags­pause zugunsten von Mehrarbeit, schlage sein inneres Pendel aller­dings klar in Richtung „Lebens­qua­lität“ aus. Privat geht er gerne und oft ins Theater, joggt oder liest. Derzeit das zweite Tagebuch des Feuil­le­to­nisten, Essayisten und Roman­ciers Fritz Joachim Raddatz. Und wie steht es um die Freizeit? Übermäßig lange Arbeits­zeiten? Nein, jeden­falls für Referendare sei das bei Hengeler Mueller kein Thema, sagt er. Und: „Natürlich arbeiten Anwälte auch mehr als die Referendare.“//

Inter­kon­ti­nental …

Texte: Martin Dommer

Referendarin Elisabeth Sommer

Wo Istanbul am schönsten ist? Elisabeth Sommer zögert nur einen kurzen Moment: „Am liebsten fahre ich mit der Fähre über den Bosporus, denn ich wohne im asiati­schen Teil der Stadt und das Büro liegt auf der europäi­schen Seite mitten im Zentrum – auch da gibt’s Meerblick“, sagt die 27-Jährige Referen­darin und lacht herzlich am anderen Ende der Leitung. Gerade absol­viert sie die letzten Wochen ihrer dreimo­na­tigen Wahlstation im Istan­buler Büro der Stutt­garter Kanzlei Diem & Partner. Im grenz­über­schrei­tenden Geschäft betreut diese deutsche Mandanten, die geschäftlich in der Türkei aktiv sind oder es demnächst werden wollen. Darüber hinaus schafft sie im Auftrag türki­scher Geschäfts­partner Verbin­dungen nach Deutschland.

Grund­kennt­nisse imTür­ki­schen hat Elisabeth Sommer aus ihrer Heimat, Berlin-Kreuzberg, gleich impor­tiert. Die Mutter ist Anwältin für Ausländer- und Asylrecht, ihr Leben­s­partner Deutscher mit türki­schen Wurzeln; für Sommer, die in Neukölln lebt und ihr Referen­dariat ansonsten am Berliner Kammer­ge­richt absol­viert, sind es optimale Voraus­set­zungen, um in der pulsie­renden türki­schen Metropole zwischen Europa und Asien durch­zu­starten. Jeden­falls, so sagt sie, habe es ihr „den Einstieg in die kultu­rellen Gegeben­heiten vor Ort sehr erleichtert“.

Quelltext-Recherchen, Boten­dienste bei Gericht oder Überset­zungen für Satzungen, dazu Gesell­schafts- oder Mietver­träge auf Deutsch und Englisch; während ihres dreimo­na­tigen Aufent­halts in der Fremde macht sich die Referen­darin in der Kanzlei nützlich, wo immer es geht. „Es gibt auch in der Türkei eine Menge Bürokratie und man muss sehr viele Dinge – Verträge oder Vollmachten etwa – immer notariell beurkunden lassen“, erzählt sie. Parallel paukt Elisabeth Sommer an drei Tagen in der Woche in der Sprach­schule, um in der Landes­s­prache (noch) sattel­fester zu werden.

Gerade weil sie mit dem Gedanken spiele, vielleicht einmal für längere Zeit in der Türkei zu leben und zu arbeiten, sei es ihr für die Wahlstation wichtig gewesen, einen ersten Einblick in das fremde Rechts­system und seine aus deutscher Warte „unüber­sicht­lichen Insti­tu­tionen“ zu bekommen. Bereits im Haupt­studium hat sie einen Schwer­punkt im inter­na­tio­nalen Privat­recht gesetzt, will nach dem zweiten Examen eventuell noch ein LL.M.-Studium in der Türkei aufnehmen. Sommer belegte frühzeitig Sprach­kurse an der Volks­hoch­schule (VHS) in Berlin und absol­vierte einen zweimo­na­tigen Türkisch-Kurs in Izmir (Westtürkei), bevor sie über eine Inter­net­re­cherche auf ihre derzeitige Ausbil­dungs­kanzlei stieß und sich um einen Platz bewarb.

Kurz vor dem Ende ihrer Zeit in Istanbul findet Elisabeth Sommer ganz überwiegend lobende Worte für Ihre Wahlstation und die „ange­nehme Arbeit­sat­mo­sphäre und Betreuung“ in der kleinen Depen­dance amGol­denen Horn. Insgesamt wirke das anwalt­liche Arbeits­leben in der Türkei auf sie „deutlich entspannter als in Deutschland“, wo in der Regel alles sehr viel formstrenger ablaufe. Es fühlt sich „unheimlich gut an, wenn man die Heraus­for­derung bewältigt, in einem anderen Land mit einer anderen Kultur und Sprache sein Leben selbständig zu meistern“, sagt Sommer, „auch, weil man mit Menschen in Kontakt kommt, dieman ansonsten vermutlich niemals getroffen hätte.“

Nach dem zweiten Examen und einem kleinen Erholungs­urlaub will die Berufs­ein­stei­gerin später am liebsten im inter­na­tio­nalen Familien- oder Straf­recht tätig werden. „Ich denke, dass ein solcher Auslands­auf­enthalt im Referen­dariat eine sehr schöne Erfahrung ist, die jeder nach Möglichkeit machen sollte – Erfah­rungen in Deutschland kann man auch später noch machen.“

… und jenseits aller Vorur­teile

Ausbilder Rechtsanwalt Kaan Kalkan
„Anders als auch viele Juristen in Deutschland glauben“, erläutert Rechtsanwalt Kaan Kalkan, sei „das türkische Rechtssystem weitgehend kontinentaleuropäisch geprägt; keine Spur von Scharia.“ Kaan Kalkan, seit 2008 Leiter des Türkeigeschäfts der Kanzlei Diem & Partner, betreut die Ausbildung des juristischen Nachwuchses. Der 36-Jährige war selbst als Referendar auf Wahlstation im Istanbuler Büro, bevor er als Berufsträger bei den Mittelständlern aus Schwaben einstieg. 1993 aus einer seit 1978 bestehenden Sozietät hervorgegangen, ist die Kanzlei Diem & Partner mit Hauptsitz in Stuttgart vor allem im nationalen und internationalenWirtschaftsrecht aktiv. Iminternationalen Geschäft hat die Kanzlei Länderschwerpunkte gebildet, darunter insbesondere für französisches und türkisches Recht.

So wie das türkische Straf­recht italie­nische, jeden­falls aber keine islami­schenWurzeln hat, sind auch die übrigen Teile der Rechts­ordnung westlich orien­tiert. Etwa das am Schweizer Zivil­ge­setzbuch orien­tierte Zivil­recht. „Dessen Obliga­tio­nen­recht entspricht im Wesent­lichen unserem Verständnis des Schuld­rechts, wie wir es aus dem Beson­deren Teil des BGB kennen“, erklärt der in Rechts­his­torie sachkundige Anwalt. Demge­genüber sei das Verwal­tungs­recht franzö­si­scher Prägung und „stark zentra­lis­tisch“.

Unter­nehmen, die eine eigene Präsenz in der Türkei haben wollen, stehen häufig vor der Entscheidung, ob sie dafür lieber eine türkische Gesell­schaft gründen sollen oder ihre Tätigkeit zunächst lieber aus einem­so­ge­nannten Verbin­dungsbüro (liaison office) koordi­nieren. Rechtsrat suchen die Mandanten oft auch zu formellen Fragen des türki­schen Arbeits­rechts, etwa mit Blick auf den Kündi­gungs­schutz oder Formvor­schriften. Kaan Kalkan hat mit seinen Kollegen dazu im Netz einen eigenen Katalog mit den häufigsten Fragen (FAQ) zu den recht­lichen Rahmen­be­din­gungen in der Türkei entwi­ckelt. Im Zuge der seit Jahren angestrebten Anpassung des türki­schen Rechts an die EU und ihre Richt­linien ist dort aktuell vieles im Fluss. Zum täglichen Beratungs- und Betreu­ungs­ge­schäft der Kanzlei­an­wälte für die Unter­nehmen zählt es, Handels­be­zie­hungen aufzu­bauen und abzuwi­ckeln, Marktein­tritte rechts­sicher vorzu­be­reiten, zudemVer­träge für Einkäufer, Handels­ver­treter oder den Vertrieb zu formu­lieren, schließlich auch die unter Umständen streitige Prozess­führung in beiden Ländern.

Für die operative Arbeit vor Ort im Ausland bedienen sich Diem & Partner, in Deutschland mit 14 Berufs­trägern aktiv, externer türki­scher Rechts­an­wälte, mit denen die Kanzlei seit Jahren eng zusam­men­ar­beitet. Alle drei bis vier Wochen pendelt Kaan Kalkan zwischen dem Ländle und dem Goldenem Horn, begleitet quasi als kommu­ni­ka­tives Scharnier, hier wie dort Projekte, führt Gespräche mit wichtigen Mandanten und Geschäfts­partnern. Der Fachanwalt für Bau- und Archi­tek­ten­recht nennt das „menta­li­täts­ge­rechte Beratung“ und verweist auf kultu­relle Unter­schiede, die es etwa mit Blick auf Formvor­schriften bei der Beweis­führung, Verfah­rensab­läufen oder im prakti­schen Umgang mit Vertrags­texten und Allge­meinen Geschäfts­be­din­gungen gibt.

Für einen sinnvollen Ausland­seinsatz als Referendar in der Kanzlei sind aus seiner Sicht „ordent­liche Noten“ und eine gewisse Sprach­kom­petenz im Türki­schen zwingend. Daneben legt er bei den Bewerbern vor allem Wert auf ein „Interesse an inter­na­tio­nalen Sachver­halten“ sowie wirtschafts­recht­liche Grund­kennt­nisse, seien sie im inter­na­tio­nalen Privat­recht oder im Gesell­schafts­recht.

Im Gegenzug biete die Auslandsstage bei Diem & Partner Gelegenheit, „inter­kul­tu­relle Kompetenz“ sowie anwalt­liche Erfah­rungen auf inter­na­tio­nalem Parkett zu erwerben, wirbt er. „Mit Englisch kommen Sie heute zwar oft weiter“, sagt Kalkan, „aber gerade im Konfliktfall will sich ein Mandant in aller Regel in seiner Mutter­sprache unter­halten, weil er dort seine Befürch­tungen richtig an den Mann bringen kann – das ist einer der Mehrwerte, die wir mit unserer Kanzlei bieten.“

Winter­se­mester 2015

Feld, Wald, Wiese …

Texte: Martin Dommer

Ausbilder: Rechtsanwalt Justizrat Thomas Haberland

Es gibt Nachrichten, die haben in jeder Hinsicht etwas Beruhi­gendes. Eine stammt vom südwest­lichen Rande der Republik, zeugt von einer guten Prise schwarzen Humors und geht auf Justizrat Thomas Haberland zurück, der dort seit mehr als dreißig Jahren als Rechts­anwalt prakti­ziert: „Einen Mord hatte ich hier noch nie zu vertei­digen; als Anwalt müsste ich wohl eigentlich leider sagen.“ Hier, das ist im rheinland-pfälzi­schen Pirmasens, mit seinerzeit bis zu 200 Produk­ti­ons­stätten einst Mekka der deutschen Schuh­her­stellung, nur zwanzig Kilometer entfernt von der Grenze zu Frank­reich.

„Pirmasens ist die Schuh­stadt; hier war der Schuh zu Hause, hier waren die Fabriken“, erzählt Justizrat Thomas Haberland. Bis in die späten 1970er Jahre produ­zierten dort bekannte Firmen wie Salamander, Rhein­berger, Pudelwohl oder auch Peter Kaiser (letzterer ist noch vor Ort) bevor die Branche über viele Zwischen­sta­tionen in Europa nach Fernost abwan­derte. Das Know-how sei noch immer da, erklärt der Rechts­anwalt und auch alte Handwerks­berufe wie der „Bugger“ oder der „Schärfer“ seien in der Region keine Seltenheit. Denn bei aller Technik: ein guter Schuh bestehe aus bis zu 150 Einzel­teilen und „Hand­arbeit macht noch immer etwa 50 Prozent der Herstellung aus“ weiß Haberland, der heute als Fachanwalt für IT Recht vor allem Mandanten aus der Branche vertritt, die der Schuh- und Leder­in­dustrie die Software liefern.

Mit insgesamt 12 Mitar­beitern und drei Berufs­trägern, die sich auf unter­schied­liche Schwer­punkte spezia­li­siert haben und dabei von einem klassisch nach Dezer­naten aufge­teilten Zentral­se­kre­tariat sowie einer eigenen Mahnab­teilung unter­stützt werden, sind Flick, Haberland und Partner eine Allround- Kanzlei mit allen gängigen Rechts­ge­bieten. Neben Familien- und Verwal­tungs­recht prakti­ziert der 62-Jährige Haberland vor allem als Straf­ver­tei­diger und ist neben dem Fachanwalt für IT-Recht auch Fachanwalt für Verkehrs­recht. Ein Kollege bedient fachan­waltlich das Insol­venz­recht, eine andere Kollegin das Arbeits-, Erb- und Wettbe­werbs­recht sowie Mietsachen. Zum Mandan­ten­stamm der „klas­si­schen Feld-, Wald- und Wiesen­kanzlei“ (Haberland) zählen überwiegend mittel­stän­dische Unter­nehmen aus der Region – viele noch in Händen der Eigen­tümer. „Damussman den klassi­schen Famili­enanwalt anbieten“, sagt Thomas Haberland, „von der Scheidung bis zum Erbfall, Nachbar­schaftss­treite oder dem drohenden Führer­schei­n­entzug beim Großvater.“ Bei der Mandanten- Akquise für die Kanzlei spiele das Internet bislang besten­falls eine unter­ge­ordnete Rolle berichtet der erfahrene Rechts­anwalt. „Die Struktur hier ist schon so, dass man seinen Anwalt hat und nicht mit jeder Sache zum Nächsten geht.“ Das meiste laufe „auf klassi­schem Wege über Mund-zu-Mund-Propa­ganda“. Was letztlich zähle, sei „guter, verläss­licher und persön­licher Service für die Mandanten“.

Das Einzugs­gebiet des örtlichen Amtsge­richts ist mit etwa 100.000 Einwohnern zwar großzügig bemessen. Doch wie vielerorts in den ländlichen Regionen ist die Einwohnerzahl in Pirmasens selbst mittler­weile (von ursprünglich 60.000) auf nur noch etwa 40.000 Einwohner geschrumpft. Der Teilabzug der ameri­ka­ni­schen Streit­kräfte, die im nahen Landstuhl bezie­hungs­weise Ramstein noch immer große Luftwaf­fen­stütz­punkte und Reha-Kliniken betreiben, hat der Region einen zweiten Struk­tur­wandel beschert, der viele Arbeitsplätze kostete.

Der „Kuchen“ sei merklich kleiner geworden, berichtet der 62-Jährige Haberland, der viele seiner heutigen Klienten schon seit deren Kinder­tagen kennt. Nach dem Jura-Studium in Tübingen und München kam der gebürtige Hamburger bereits 1965 nach Pirmasens, schloss vor seiner Zulassung als Anwalt ein Ingenieur­studium in Elektro­technik ab, merkte dann aber, dass ihm „der Horizont von Ingenieuren zu eng war“. Seine große Leiden­schaft ist die Fliegerei und so hat der Hobby-Pilot auch das Luftfahrt­recht für sich entdeckt, gehört der Arbeits­ge­mein­schaft „Flie­gende Juristen und Steuer­be­rater“ (AOPA) an und vertrit­tMan­danten auch in Luftstraf- und Lizenz­ver­fahren. Nebenbei engagiert er sich ehren­amtlich als Vorsit­zender Richter beim Anwalts­ge­richtshof Rheinland-Pfalz. Etwa alle zwei Jahre bildet er zudem Referen­da­rinnen und Referendare im Zuge ihrer Anwalts­station aus. „Heute können sie keine klassische Kanzlei mehr gründen, sondern nur noch in eine kleine Kanzlei als Referendar einsteigen, die dann Stamm­kund­schaft hat“, gibt sich der erfahrene Rechts­anwalt mit Blick auf die aktuelle Generation der Berufs­ein­steiger überzeugt, „diese selbst heran­zu­züchten geht eigentlich gar nicht mehr, allen­falls in einer Nische.“

… und jenseits aller Vorur­teile

Referendarin Jennifer Greiner

In der Kanzlei-Bibliothek nebenan, brütet Jennifer Greiner gerade mit nachdenk­lichem Gesicht über einer Akte. Seit acht Monaten ist die Referen­darin vom OLG Zweibrücken in der Kanzlei, um zu lernen, welche Vertei­di­gungs­stra­tegien Mandanten und Beschul­digten anzuraten sind: Schweigen? Ein Geständnis? Oder doch lieber die Einstellung des Verfahrens beantragen? „Im Studium lernt man nur etwas zur Frage der Straf­barkeit nach Paragraf soundso, aber nicht, wie man da am besten herangeht, strate­gisch“, sagt Jennifer Greiner, „das finde ich spannend, ebenso die unter­schied­lichen Typen von Mandanten.“

Studiert hat die 28-Jährige, die von sich selbst sagt, sie lese auch privat gerne Krimis und sei „sehr heimat­ver­bunden“, in Saarbrücken, wohnt in Pirmasens. Neben Erfahrung der Kanzlei im Umgang mit der Ausbildung von Referen­daren, war ihr wichtig, eine „Station mit guten Ausbildern zu finden, die einen auch fordern, wo man aber auch immer einen Ansprech­partner hat und nicht nur einer von Vielen ist.“

Jennifer Greiner übt sich täglich am Diktieren von Klage­ent­würfen, formu­liert Entwürfe für Klage­er­wi­de­rungen, fordert Ermitt­lungs­akten an oder schreibt verwal­tungs­recht­liche Gutachten. Oft begleitet sie ihren Ausbilder zu Terminen mit den Mandanten oder bei Gericht, um ihn anschließend bei einer Nachbe­spre­chung „auszu­quet­schen“. So profi­tiert die junge Berufs­an­wär­terin von der jahrzehn­te­langen Erfahrung des Routi­niers. Der spricht als Ausbilder von einem „Heran­tasten, Heran­führen und Heran­wachsen“ in der Beziehung von jungen Berufs­an­wärtern und angestammten Mandanten der Kanzlei. Wer den Beruf des klassi­schen Anwalts anstrebe, der sei im ländlichen Kreis gut aufge­hoben, sagt Thomas Haberland, „denn hier bekommt man alle Rechts­ma­terien mit und bei unserer täglichen Arbeit in der Kanzlei menschelt es auch an allen Ecken und Enden.“

Das kann Jennifer Greiner bestä­tigen: „Am inter­essan­testen finde ich es, die unter­schied­lichen Arten von Mandanten kennen­zu­lernen und wie man da als Anwalt herangeht, von ganz sensiblen Menschen bis zu total impul­siven Typen.“ Bevor sie gekommen sei, habe sie Staats­an­wältin oder Richterin werden wollen, sagt die Referen­darin. Doch die strate­gische Arbeit als Straf­ver­tei­di­gerin habe sich in der Praxis als „sehr spannend“ erwiesen, „etwa, wenn es darum geht, abzuwägen, wie man für einen erwiesen schul­digen Täter das geringste Strafmaß bezie­hungs­weise beste Ergebnis vor Gericht erwirkt.“ Noch gut einen Monat in der Kanzlei hat Jennifer Greiner vor sich, bevor sie in ihre nächste Station bei der Staats­an­walt­schaft am OLG Zweibrücken wechselt. Für die Examensklau­suren, da ist bereits jetzt sicher, sei die praktische anwalt­liche Arbeit „ungemein hilfreich gewesen“.

Bild von Sarah Ganz
Karrie­re­sprung­brett Wahlstation

Texte: Zakiya Mzee, London

Wie eine deutsche Anwältin in das Londoner Büro einer inter­na­tio­nalen Großkanzlei kommt? „Durch meine Wahlstation“, sagt Dr. Sarah Ganz und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Im sechsten Stock von 49 Park Lane hat man bei Wilmer Hale einen großar­tigen Blick auf das nachmit­täg­liche Treiben im Hyde Park.

„Wir sind in unserem Büro vor allem im Bereich inter­na­tionale Schieds­ver­fahren tätig, bis auf eine Gruppe, die auch Inves­ti­ga­tions und Criminal Litiga­tions macht“, berichtet sie. Sie selbst ist überwiegend auf Commercial Arbitration spezia­li­siert, macht aber auch Investment Arbitration. Ihr Interesse am Schieds­ver­fah­rens­recht wurde bereits durch ein Praktikum während des Studiums geweckt. Auch die Arbeit in der Abteilung für Schieds­ver­fah­rens­recht bei der Kanzlei CMS in München während ihrer Disser­tation fand sie sehr inter­essant. Da schien es nur logisch, sich auch in der Wahlstation mit dem Fachgebiet zu beschäf­tigen. „Ich hatte Lust, noch mal ins Ausland zu gehen. Den Bezug zu Großbri­tannien hatte ich bereits durch mein Studium in Oxford. So bin ich dann bei Wilmer Hale gelandet.“ Es gefiel ihr so gut, dass sie nach der mündlichen Prüfung und der Publi­kation ihrer Doktor­arbeit wieder zurück­ge­kommen ist.

Mit einem deutschen Abschluss in einer Kanzlei in England zu arbeiten, war für sie kein Problem. „In Inter­na­tional Arbitration ist ein deutscher Abschluss kein Nachteil, weil es auch Verfahren gibt, in denen deutsches Recht eine Rolle spielt oder ander­weitig ein Deutsch­land­bezug besteht. Als ich hier angefangen habe, hatten wir einen Fall, in dem polni­sches Recht anwendbar war. Das ist dem deutschen Recht aber gar nicht so unähnlich. Es war für die Zusam­men­arbeit mit den polni­schen Anwälten sehr hilfreich, dass auch der Austausch mit einem „Civil Lawyer“ möglich war. So kann man sich auf einer völlig anderen Ebene unter­halten.“ Das heiße natürlich nicht, dass die deutschen Anwälte und Anwäl­tinnen im Büro nur an deutschen Fällen arbeiten, stellt Ganz klar. Und auch in „Common Law“-Fällen schade eine „Civil Law“-Perspektive nicht. Schließlich kann auch in einem Schieds­ge­richt mal ein „Civil Lawyer“ sitzen. Deutsch ist in der Park Lane jeden­falls kein Fremdwort.

Auch wenn es einige deutsche und deutsch­spra­chige Anwälte gibt, ist das Londoner Büro von Wilmer Hale insgesamt sehr inter­na­tional besetzt. Die Möglichkeit, mit Kolle­ginnen und Kollegen aus aller Welt zusam­men­zu­ar­beiten und das vergleichs­weise junge Team waren eine wichtige Motivation, weshalb die Anwältin zurück nach London gezogen ist. Von dieser inter­na­tio­nalen Atmosphäre profi­tieren auch Referendare wie Sebastian Gröss. „Die Referendare sind in unser „Internship-Programm“ einge­bunden. Insgesamt haben wir immer zwischen 10 und 15 Prakti­kanten aus der ganzen Welt. Aller­dings wissen wir schon, wie wir den Ausbil­dungs­stand der Referendare einzu­ordnen haben“, erläutert Ganz. „Bei uns haben die Referendare viel Kontakt zu Leuten aus anderen Ländern und können sich mit ihnen austau­schen. Das hat mir schon in meiner Referen­darszeit gut gefallen.“

Die Anfor­de­rungen an die Bewerber sind hoch. Neben Englisch­kennt­nissen braucht man vor allem hervor­ra­gende Rechts­kennt­nisse. „Wir haben wirklich sehr schwierige und komplexe Fälle, da brauchen wir Leute, die ein sehr gutes Rechts­ver­ständnis haben.“ Ebenso wichtig sei die Bereit­schaft, sich auf Gebiete einzu­lassen, die man aus deutschen Kanzleien nicht kennt. „In unseren Fällen kommen viele unbekannte Fragen auf. Da braucht man die Neugierde, auch mal etwas Nicht- Recht­liches zu recher­chieren.“

Im Vergleich zu Prakti­kanten aus anderen Ländern schneiden deutsche Referendare erfah­rungs­gemäß gut ab. „Sie haben einfach schon sehr viel gemacht. Referendare haben lange studiert, und das heißt auch, dass ihre Rechts­kennt­nisse generell sehr gut sind. Sie haben schon mehr Erfahrung. Außerdem können Referendare selbst­ständig arbeiten. Das lernen deutsche Jurastu­denten schließlich bereits im Studium“, stellt Ganz fest. Ihr Rat: Sich bereits während der Ausbildung möglichst viel anzuschauen und auszu­pro­bieren. Wer Glück hat, findet vielleicht wie sie den Traumjob bereits in der Wahlstation.

Bild von Sebastian Gröss
Referendar Sebastian Gröss: Neue Perspek­tiven

Sebastian Gröss hat schon einiges auspro­biert. Nach dem ersten Examen sechs Monate als Trainee bei der Europäi­schen Inves­ti­ti­onsbank (EIB) in Luxemburg, dann ein Promo­ti­ons­studium im Luftrecht. 2013 beginnt er am Landge­richt Aachen mit dem Referen­dariat. Es folgen Stationen beim Bundes­ver­kehrs­mi­nis­terium im Referat für Luftrecht und bei der inter­na­tio­nalen Kanzlei DLA Piper im Bereich öffent­liches Wirtschafts­recht.

Die Lust am inter­na­tio­nalen Arbeiten hat er bereits während des Studiums entwi­ckelt. „Für mich war klar, dass ich die Wahlstation gerne im Ausland machen würde“, erzählt er. „Da ich davor in Frank­reich war, wollte ich ins englisch­spra­chige Ausland.“ Wilmer Hale war dann aller­dings ein Zufall. „Ich bin auf die Stellen­aus­schreibung für Anwälte gestoßen. Da dachte ich mir, die wissen zumindest, was ein Referen­dariat ist. Ich habe mich also in Verbindung gesetzt und so von dem ‚Internship-Programm‘ erfahren.“ Die Eigenini­tiative hat sich für Sebastian gelohnt. Seit etwas mehr als siebenWochen ist er nun Teil des inter­na­tio­nalen Teams der Kanzlei und genießt die Zeit.

„Selbst wenn man als deutscher Referendar haupt­sächlich in Fällen mit deutschem Bezug arbeitet, bekommt man natürlich schon mit, was die anderen machen und tauscht sich aus.“ Die Inter­na­tio­na­lität der Kanzlei spiegelt sich auch in der Betreuung der Referendare wieder. Neben ihren deutschen Ausbildern steht ihnen einMentor zur Seite, der bewusst aus einer anderen Juris­diktion kommt. Doch in der alltäg­lichen Arbeit spiele diese Zuteilung keine große Rolle, sagt Sebastian. „Bei mir hat sich die Betreuung recht organisch ergeben.Man sucht sich eben die Leute, mit denen man an den konkreten Fällen arbeitet.“

Sebastian hatte bereits Gelegenheit an großen und komplexen Fällen mitzu­ar­beiten. In einem Fall haben ihn besonders das schiere Volumen und die Tatsache beein­druckt, dass er ihn bereits aus der deutschen Presse kannte. „Mal von Innen zu sehen, wie komplex so eine Strei­tigkeit im Detail abläuft, gerade auch in vertrau­lichen Schieds­ver­fahren, ist schon sehr inter­essant“, erzählt er. „Es ist wirklich spannend, Unter­nehmen, die sonst in der Öffent­lichkeit stehen, näher kennen zu lernen und zu sehen, was die eigent­lichen Probleme waren.“

Sebastian hatte bereits Gelegenheit an großen und komplexen Fällen mitzu­ar­beiten. In einem Fall haben ihn besonders das schiere Volumen und die Tatsache beein­druckt, dass er ihn bereits aus der deutschen Presse kannte. „Mal von Innen zu sehen, wie komplex so eine Strei­tigkeit im Detail abläuft, gerade auch in vertrau­lichen Schieds­ver­fahren, ist schon sehr inter­essant“, erzählt er. „Es ist wirklich spannend, Unter­nehmen, die sonst in der Öffent­lichkeit stehen, näher kennen zu lernen und zu sehen, was die eigent­lichen Probleme waren.“

Ende Februar 2015 ging es für Sebastian zurück nach Deutschland. Er wird seine mündliche Prüfung ablegen und seine Disser­tation beenden. Aus seiner Zeit bei Wilmer Hale nimmt er vor allem die Erfahrung mit, in einem sehr inter­na­tio­nalen Umfeld mit vielen inter­essanten und sehr guten Juristen zusam­men­ge­ar­beitet zu haben. „Das allein war schon sehr berei­chernd. Mit am inter­essan­testen fand ich, wie unter­schiedlich von Kanzlei zu Kanzlei gearbeitet wird. Jede Kanzlei entwi­ckelt beim Schreiben von Schrift­sätzen ihren eigenen Stil, fast wie eine „Corporate Identity“. Was Schreib­technik angeht, werde ich Vieles für mich mitnehmen. Und natürlich Englisch­kennt­nisse.“ Einen „British Accent“ hat er sich während seiner Zeit bei Wilmer Hale aber nicht angewöhnt. Es sei schließlich eine ameri­ka­nische Kanzlei.

Wie es nach dem Examen weitergeht? Er könne sich gut vorstellen, wieder nach London zu gehen. Und nach den Erfah­rungen in seiner Station sei auch Wilmer Hale definitiv eine Option.

Sommer­semster 2015

Bild von Janis Amort
Generation Erasmus...

Texte: Dr. Justus von Daniels, Berlin

Janis Amort wollte einfach nur weg aus Karlsruhe. Dort war er aufge­wachsen, hat Abitur gemacht. Weg – für Amort hieß das, er zieht zum Jurastudium nach Würzburg. Dann aber folgte eine Kette von Ereig­nissen, die sein Leben verän­derte. „Ich hätte damals nie gedacht, dass ich einmal nach Madrid ziehen würde, ohne zu wissen, wo ich dort arbeiten werde“, sagt der Immobi­li­enanwalt, der heute unweit des Prado in einer deutsch-spani­schen Anwalts­kanzlei tätig ist.

In Spanien gilt die Rechts­an­walts­kanzlei Monereo Meyer Marinel-lo als Topadresse für Mandate mit deutsch-spani­schem Bezug. Sie bietet in allen zivil- und verwal­tungs­recht­lichen Bereichen Rechts­be­ratung für deutsche Unter­nehmen an, die in Spanien Geschäfte machen. Umgekehrt betreut sie spanische Mandanten, die in Deutschland tätig sind. „Wir sind in zwei Rechts­ord­nungen zu Hause“, sagt Amort. „Das macht es besonders reizvoll. Wir müssen spani­schen Mandanten die Eigen­heiten des deutschen Rechts erläutern und einem deutschen Mandanten erklären, worauf er sich im spani­schen Recht vorbe­reiten muss.“

Der 34-jährige berät vor allem deutsche Mandanten im Immobi­li­en­recht und bei Finan­zie­rungen in Spanien. Ursprünglich wollte er sich mal im Handels- und Gesell­schafts­recht spezia­li­sieren, aber es kam anders. Wie so einiges im Leben von Janis Amort. In Aarhus in Dänemark verbrachte Amort ein Jahr als Erasmus-Student. Dort lernte er seine spätere Freundin, eine Spanierin aus Madrid, kennen. „Nach dem Jahr in Aarhus bin ich wieder nach Würzburg zurück und meine Freundin ging nach Madrid.“ Es blieb bei einer Fernbe­ziehung. In der Wahlstation im Referen­dariat ging er zu einer Kanzlei nach Madrid, lernte in der Zeit auch das Land lieben und beschloss, nach Abschluss des Examens zurück­zu­kommen. 2010 stand er mit einem Koffer in der spani­schen Haupt­stadt – ein abenteu­er­licher Moment. „Ich hatte mich nicht beworben, wollte aber unbedingt hier sein.“ Als Notnagel hatte er in Deutschland eine Disser­tation angemeldet, falls es nichts wird mit seinem Plan. Er zog zu seiner Freundin und schickte ein paar Bewer­bungen an Kanzleien mit deutschem Bezug. Schon nach vier Wochen kam die Zusage von Monereo Meyer Marinel-lo. Es war seine ersteWahl.

„Die ersten sechs Monate waren ein Sprung ins kalte Wasser für mich. Ich konnte nur wenig Spanisch und kannte das spanische Recht auch nur rudimentär“, erinnert er sich. Nun machte sich die Zeit des Referen­da­riats bezahlt: „Weil man dort lernt, sich schnell in völlig fremde Gebiete einzu­ar­beiten, kam mir die Ausbildung jetzt zugute.“ Mit der Hilfe seiner neuen Kollegen konnte er sich recht schnell in das spanische Recht einar­beiten und lernte, worauf es bei länder­über­grei­fenden Mandaten ankommt: „Man muss viel erklären, wie es in der jeweils anderen Rechts­ordnung läuft.“ Als er anfing, gab es in der Kanzlei einen Bedarf nach Immobi­li­en­rechtlern. Amort, der sich eher im Handels- und Gesell­schafts­recht sah, arbeitete sich auch dort ein und ist mittler­weile auf das Immobi­li­en­recht spezia­li­siert. Seine Erfahrung gibt er den Referen­daren weiter: „Es ist wichtig, dass man Interesse an einem Gebiet hat. Auf die Kennt­nisse kommt es am Anfang nicht so an. Die eignet man sich an, sobald man in einer Abteilung einge­setzt wird.“

Wenn deutsche Referendare in die Kanzlei kommen, geht es ihnen ähnlich wie Amort zu Beginn seiner Zeit in der Kanzlei. „Sie sollten über Spanisch­kennt­nisse verfügen und Interesse haben, sich in ein fremdes Recht einzu­ar­beiten“, sagt er. Referendare setzen kleinere Verträge auf oder bereiten Klagen nach spani­schem Recht vor. Umgekehrt beurteilen sie auch Gutachten, die spanische Rechts­an­wälte für deutsche Mandanten schreiben. „Ich bin selbst das beste Beispiel dafür, dass das Interesse an der Sache wichtiger ist, als sich mit Spezi­al­kennt­nissen nach Madrid zu bewerben. Die kommen später von ganz allein.“ Seinem jetzigen Referendar geht es sogar sehr ähnlich wie Amort. Auch er ist wegen seiner Freundin in Madrid.

Gibt es bei ihm eine Sehnsucht nach Deutschland? „Wenn man sich inMadrid etabliert, ist das schon eine Lebens­ent­scheidung.“ Und damit meint er nicht nur die ausge­dehnten Mittags­pausen, die in Madrid schonmal zwei Stunden dauern können. Amort sieht seine Zukunft in Spanien, aber die Verbindung zu Deutschland ist immer da. Denn mit der Mandant­schaft seiner Kanzlei steht er ja mit einem Bein im deutschen Recht.

Bild von Daniel Gutberlet
...sucht ihr Glück in Madrid - Referendar Daniel Gutberlet

Es ist schon verrückt, aber so ist Europa. Während viele Spanier zurzeit nach Deutschland ziehen, weil sie in Spanien keine Perspektive haben, zieht es Daniel Gutberlet nach Spanien. Und zwar aus denselben Gründen wie seinen Ausbilder Janis Amort. Auch Daniel Gutberlet hat seine Freundin, eine Spanierin, während seines Erasmus­jahres kennen­ge­lernt und ist unter anderem deshalb in Madrid. Gut, wenn man es dann schafft, als Referendar in einem zweistö­ckigen Büro mit Blick über den Retiro Park zu sitzen und den Prado im Rücken zu haben.

Dabei hatte er mal einen ganz anderen Plan. In Marburg studiert er Jura. „Die Stadt war toll zum Studieren.“ Ein beson­deres Interesse an einem Rechts­gebiet hatte er damals noch nicht. Das änderte sich in Norwich, und noch einiges mehr. In der engli­schen Stadt, in der er sein Erasmusjahr verbrachte, entdeckt Gutberlet sein Interesse am Wirtschafts­recht und lernt eine Spanierin aus Madrid kennen. Nach dem ersten Staats­examen belegte er dort einen Spanischkurs und plante, im Referen­dariat wieder­zu­kommen.

Während der Gerichts­station gefiel ihm die Idee, Richter werden zu können. „Ich hatte einen Ausbilder, der mich sehr beein­druckt hat.“ Aber kann man als Richter in Spanien arbeiten? So bewarb er sich bei Monereo Meyer Marinel-lo und wurde angenommen.

Während der Station arbeitet er unter­schied­lichen Anwälten zu. So lernt er die Abtei­lungen der Kanzlei und die unter­schied­liche Kommu­ni­kation mit den Mandanten kennen. In einem Fall sollte er einer deutschen Mandantin, einer Hotel­kette, erläutern, wie ihre Chancen stehen, sich mit dem spani­schen Gegner zu einigen, der insol­venz­ge­fährdet war. „Gerade im grenz­über­schrei­tenden Bereich geht es darum, eine unkom­pli­zierte Lösung für den Mandanten zu finden.“

Gelegentlich ist Gutberlet über die unter­schied­liche Rechts­men­ta­lität erstaunt. Nicht so sehr in der Kanzlei. Aber im Gerichtssaal. „Da merkt man den Unter­schied zum deutschen Vollju­risten“, sagt Gutberlet. Während spanische Rechts­an­wälte schon mit 23 Jahren ihr Arbeits­leben beginnen, durch­laufen Richter eine weitere Ausbil­dungszeit. „Im Gericht ist das Verhältnis von Richter und Rechts­an­wälten deutlich hierar­chi­scher. In Deutschland gehen sie recht kollegial mitein­ander um. Hier lassen die Richter ihre Kollegen spüren, dass sie eine weitere Ausbildung haben.“ Der gleiche Ausbil­dungs­stand durch das Referen­dariat habe vielleicht doch seine Berech­tigung, auch wenn es so lang dauert, so der 30-Jährige.

Aus seiner Erfahrung bei Monereo Meyer Marinel-lo kann er sagen, dass man zwar nicht unbedingt im spani­schen Recht fit sein muss, aber Spanisch sollte man hingegen können, damit man sich schnell einar­beiten kann. Gerade in einer Kanzlei, die mit Bezug zu deutschem Recht arbeitet, sei der Einstieg relativ einfach, weil es genügend Anwälte gibt, die genau wissen, auf welche Kennt­nisse es ankommt, damit man in den drei Monaten auch sinnvoll mitar­beiten könne, so Gutberlet.

Gutber­let­musste nun für diemünd­liche Prüfung noch einmal zurück nach Deutschland, aber es zieht ihn wieder in den Süden. Er hat sich schon in Madrid beworben, um dort bei einer Kanzlei anzufangen. Die Aussichten sind gut. Und wenn er noch Fragen hat, wie es ist, sich eine Zeitlang in Madrid zu etablieren, kann er sich ja getrost an seinen Ausbilder wenden.

Sommer­se­mester 2015

Bild von Oliver Lentze
Von Punks zu Johan­nitern

Text: Dr. Justus von Daniels, Berlin

Es war nur eine unscheinbare Weichen­stellung, aber ohne sie wäre vielleicht vieles anders verlaufen im Leben von Oliver Lentze. Er hätte eigentlich Rechts­anwalt im kleinen Garde­legen werden sollen, weil dort gerade der einzige Anwalt gestorben war. Damals, in der DDR, wurde den Rechts­an­wälten noch der Ort zugewiesen, an dem sie arbeiten sollten. Aber ein Kollege aus Magdeburg wollte unbedingt aufs Land, dessen Stelle wurde frei und so landete Lentze in seiner Heimat­stadt Magdeburg.

Manche Jurastu­denten planen sorgfältig ihre Karrieren voraus, platzieren ihre Praktika, nehmen frühzeitig Kontakt zu attrak­tiven Kanzleien auf. Rechts­anwalt Oliver Lentze ist ein Beispiel dafür, wie eine Karriere verläuft, die gar nicht planbar war. Er hat dort, wo er gearbeitet hat, jeweils seine Chance erkannt und so hat sich das eine aus dem anderen ergeben.

Er war gerade 30 Jahre alt, ein junger Anwalt, als die Mauer fiel. In der DDR hatte er in Magdeburg Punks vorm Straf­ge­richt verteidigt. Damals galt das Rumhängen der Punks als Rowdytum, das in der DDR unter Strafe stand. Die Punks wurden von der Kirche betreut. Als die Wende kam, ergaben sich über die Kirchen­ge­meinde dann Kontakte zum Bündnis 90, denen er dabei half, bei den Wahlen anzutreten. Und er nahm jetzt auch kleinere Beratungs­mandate für die Kirche an. Heute ist der 54-Jährige als einer von fünf Anwälten in derMag­de­burger Nieder­lassung von Appel­hagen und Partner Fachanwalt für Arbeits­recht und sein Schwer­punkt liegt auf der Beratung von kirch­lichen Trägern von Alten­heimen, Kinder­gärten und Kranken­häusern in der Region. „Die Kontakte gehen eigentlich auf die Wendezeit zurück“, sagt Lentze. Heute sind es nicht die Punks, sondern die karita­tiven Einrich­tungen der Johan­niter, die er vertritt.

Auch sein Schwer­punkt imArbeits­recht war nicht Ergebnis einer Karrie­re­planung, sondern eines beson­deren Zufalls. Nach der Wende gab es zwei Rechts­be­reiche, für die in Teilen übergangs­weise das DDR-Recht fort galt: das Familien- und das Arbeits­recht. Lentze sah das ganz pragma­tisch: „Ich wusste, da war ich als Ostanwalt im Vorteil.“ Als die Braun­schweiger Kanzlei Appel­hagen in Magdeburg nach Anwälten suchte, wurde Lentze dort bald Experte für Arbeits­recht. Und er war zu dieser Zeit einer der wenigen Anwälte, die beim Oberlan­des­ge­richt für Sachsen-Anhalt in Naumburg zugelassen waren. Auch diese Chance nahm er wahr, indem er dort die Berufungen für die Mandanten der Kanzlei führte.

Unscheinbare Details können manchmal entscheidend sein, um einen Fall zu gewinnen. Die Lust am Aufspüren dieser Details versucht Lentze seinen Referen­daren zu vermitteln. Bei Lentze hat die Liebe zum Detail damit zu tun, dass er nach derWende Arbei­t­rechts­normen aus Ost undWest anwenden musste, die sich ziemlich ähnlich waren. Aber eben manchmal doch im Detail anders, was einen großen Unter­schied machen konnte.

Wenn Lentze seinen Referendar mit einem Fall betraut, will er ihnen ein Gespür für die Lebens­wirk­lichkeit des Rechts vermitteln, gerne von Anfang an. Er fragt dann, was der Mandant wirklich will oder erklärt, wie man den Sachverhalt als Anwalt erst ermitteln muss. Und manchmal mag der Mandant zwar im Recht sein, aber sein Interesse ist es, möglichst wenig Aufwand zu haben. Als ein Mandant kürzlich verklagt wurde, weil ihm vorge­worfen wurde, dass ein 50-jähriger Bewerber wegen seines Alters nicht einge­stellt wurde, bot die Gegen­seite noch einen Vergleich an. Warum annehmen, wenn man doch in der Sache gewinnen wird, argumen­tierte der Referendar. Was ist, wenn der Mandant die Sache vom Tisch haben und sich nicht mit einem langen Prozess rumschlagen will, fragte Lentze. Er tauscht sich viel mit dem Referendar aus, disku­tiert Varianten und nimmt ihn zu möglichst vielen Terminen mit.

Für Lentze ist es selbst­ver­ständlich, die Referendare intensiv auszu­bilden, auch wenn das für den Rechts­anwalt immer einen höheren Aufwand bedeutet, „denn als Hilfs­kräfte sehen wir sie nicht.“ Ein Grund der engen Zusam­men­arbeit ist auch, dass es schwie­riger wird, in Magdeburg und Umgebung guten Nachwuchs zu finden, sagt Lentze. Wer seine Karriere plant, richtet sie wahrscheinlich nicht unbedingt auf Magdeburg aus. Auch der derzeitige Referendar hat das nicht getan. Jetzt könnte es sein, dass er in der Stadt bleibt.

Bild von Andy Staudte
Referendar Andy Staudte: Der Arzt in Robe

Andy Staudte beginnt seinen Arbeitstag um acht Uhr. Wir sind in Sachsen-Anhalt, dem Land der Frühauf­steher. Für Staudte, der seine Anwalts­station bei dem Arbeits­rechtler Oliver Lentze absol­viert, ist das kein Problem. Im Gegenteil, beim Arbeits­recht ist er in seinem Element und da kann es gar nicht früh genug losgehen.

Wer kann schon von sich behaupten, dass er als Kind zu seinen Eltern gesagt hat: Ich will Anwalt werden. Kinder von Anwälten, geschenkt. Aber Staudte kommt aus einer kleinen Stadt in Thüringen, ganz ohne Anwälte in der Familie. Er war faszi­niert von dem Rechts­anwalt, den seine Eltern einmal beauf­tragt hatten. „So einer wollte ich sein.“ Und er setzt noch einen drauf: Noch während seiner Schulzeit hat er ein Lehrbuch zum Arbeits­recht durch­ge­lesen. Bei Staudte, so wirkt es, war der Berufsweg klar, bevor er ihn überhaupt hätte planen können. Nein, ganz so war es nicht.

Jetzt sitzt er als Referendar in der Kanzlei Appel­hagen und Partner und sagt: „Ich berate gerne, wenn es Probleme gibt und möchte am Ende sagen können: Da konnte ich helfen.“ Das ist seine Motivation für diesen Beruf. „Ich möchte erreichen, dass das Leben der Menschen durch meine Unter­stützung wieder etwas leichter wird.“ Bei Staudte klingt es, als sei er ein Arzt in Robe. Er will dieMen­schen von ihren recht­lichen Problemen kurieren.

Eigentlich stand Medizin auch ganz oben auf seiner Liste. Jura war zunächst die zweite Wahl. Es wurde Jura, weil er bei seiner Schwester sah, dass das Medizin­studium wohl nichts für ihn sei. Vom Thüringer Land ging es zunächst nach Jena. Seine Schul­lektüre, das Arbeits­rechts­lehrbuch, hat ihn begleitet, und im Studium hat er als Schwer­punkt das Arbeits­recht gewählt. Zum Referen­dariat bewarb er sich nach Magdeburg. Eine juris­tische Ausbil­dungs­reise durch den Osten? Er sagt: Ich mag den Osten. Magdeburg ergab sich aber eher durch Zufall. „Ich wollte zur prakti­schen Ausbildung mal weg aus Thüringen und ausMag­deburg kamdie erste Zusage.“ Dort kannte er niemanden, es gibt nur eine Arbeits­ge­mein­schaft mit 14 Referen­daren, alles sehr übersichtlich. Die Atmosphäre in den Stationen sei sehr gut, Staudte fühlt sich mittler­weile richtig wohl in der Stadt.

Helfen und beraten, dasmöchte er. Aber liegtmir der Beruf als Rechts­anwalt? Am Arbeits­recht gefällt ihm, dass er sich konkret etwas unter dem Rechts­gebiet vorstellen kann. Es bewegt die Menschen, weil es fast jeden betrifft. Er sei gar nicht unbedingt aufs Arbeits­recht fixiert, aber seine Motivation, zu helfen, passt seiner Meinung nach gut zu diesem Gebiet. Jetzt kann er testen, ob er das auch als Anwalt könnte.

Was ihm in der Station als erstes auffiel: Sein Ausbilder Rechts­anwalt Oliver Lentze kann sich ein Problem eines Mandanten anhören und dem Mandanten sofort die recht­liche Situation mit einfachen und klaren Worten so erklären, dass der Mandant versteht, worum es geht. Das imponiert dem 26-Jährigen.

Er verbringt seine gesamte Anwalts­station hier, also neun Monate. Viele Referendare wechseln alle drei Monate, um möglichst verschiedene Einblicke in Kanzleien zu erhalten. Wer wie Staudte ahnt, welches Rechts­gebiet ihm liegt, kann wiederum von einer langen Station profi­tieren. Denn er kann einen Fall über eine längere Zeit begleiten. Lentze fordert ihn regel­mäßig dazu auf, das weitere Vorgehen eines Falles zu planen. Staudte schreibt nicht haupt­sächlich trockene Gutachten, er bekommt auch hautnah mit, wie sich ein Mandat über Monate entwi­ckelt. „Das Arbeits­recht hat viel mit dem zwischen­mensch­lichen Bereich zu tun“, beobachtet Staudte. Da geht es um Verlet­zungen, etwa durch subtile Drohungen. Die Kündigung einer Super­markt­mit­ar­bei­terin, die man über einen vorge­scho­benen Diebstahl loswerden wollte, hat ihn berührt.

Das anwalt­liche Denken und die eine oder andere taktische Finte lernt er bei der Begleitung zu Terminen oder den gemein­samen Fahrten zumGe­richt. Es wirkt fast so, als sei durch die enge Zusam­men­arbeit ein Verhältnis von Meister und Schüler entstanden. „Wenn man das Referen­dariat als Berufs­fin­dungs­phase ansieht, habe ich meinen Weg hier gefunden“, sagt Staudte.

Winter­semster 2014/2015

Bild von Florian Kolb
Hinter den Kulissen

Text: Dr. Justus von Daniels

Als Dr. Florian Kolb an einem Konfe­renz­tisch in der Medien­allee in München-Unter­föhring Platz nimmt, beginnt an diesem Montag­mittag auf Sat.1 gerade die Gerichtsshow „Richter Alexander Hold“. Was das mitein­ander zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht viel; gut, beide sind Juristen, aber gemeinsam ist ihnen, dass beide für das Unter­nehmen ProSie­benSat.1 tätig sind. Ansonsten könnten sie nicht unter­schied­licher sein. Während der Richter Hold vor dem fiktiven Fernseh­ge­richt klären muss, ob Mehmet seinen Chef geschlagen hat, ist Rechts­anwalt Kolb als Vice President im Bereich Legal Affairs für die recht­liche Seite des Fernseh­kon­zerns zuständig und kümmert sich um die Wachs­tums­märkte im Medien­ge­schäft. Nebenbei ist er auch Ausbil­dungs­leiter für die Referendare bei ProSie­benSat.1.

„Natürlich achten wir darauf, dass der Bewerber eine Affinität zu unseren Produkten hat“, sagt Kolb. Er meint damit aber nicht, ob ein Referendar gerne Gerichtsshows oder andere Fernseh­formate guckt, sondern ob er versteht, welche Geschäfts­felder in der Medien­branche relevant sind und wie sich diese entwi­ckeln. „Man sollte auf jeden Fall Interesse an Medien und dem Online-Bereich mitbringen, zum Beispiel, welche Platt­formen im Internet in der Medien­land­schaft wichtiger werden.“ Denn mittler­weile durch­dringt die digitale Technik fast alle Geschäfts­felder. Allein Lizenzin­halte werden immer häufiger auch für den digitalen Bereich einge­kauft.

In der Rechts­ab­teilung des privaten Medien­kon­zerns sind 35 Rechts­an­wälte tätig. Die Atmosphäre ist locker, hier duzt selbst der Referendar den Chef. Kolb selbst betreut mit seinem Team das Online­ge­schäft der Gruppe. Er berät, wenn der Konzern neue digitale Geschäfts­felder entwi­ckelt oder sich an anderen Firmen beteiligt. Dann setzt er Verträge auf, schätzt recht­liche Risiken ab und nimmt an den Verhand­lungen teil. Die Grenzen zwischen rein recht­licher Beratung und opera­tivem Geschäft verschwimmen hier. „Wir arbeiten sehr eng im Team zusammen, wenn wir neue Produkte entwi­ckeln oder zukaufen“, sagt Kolb. Zu seinem Job gehört daher auch viel Kommu­ni­ka­ti­ons­arbeit mit den einzelnen Teams der Rechts­ab­teilung, dem Management, externen Kanzleien und dem Verhand­lungs­partner. Jeder der 35 Anwälte ist stark auf ein Gebiet des Medien­rechts spezia­li­siert. Vom Einkauf von Fernseh­for­maten, über Urheber­rechts­fragen und das Daten­schutz­recht bis ins Handels- und Gesell­schafts­recht wird das gesamte Spektrum medien­recht­licher Frage­stel­lungen abgebildet.

„Ich bin immer wieder beein­druckt, wie zielstrebig die Referendare oder Berufs­ein­steiger oft schon sehr früh mit Praktika im Medien­be­reich Erfah­rungen gesammelt haben“, sagt Kolb. „Vorkennt­nisse sind natürlich immer wünschenswert, aber wir haben auch Referendare, die sich noch nicht so früh festgelegt haben, dafür aber ein starkes Interesse für Medien und technische Entwick­lungen mitbringen.“ Kolb spricht da auch aus eigener Erfahrung. Der 40-jährige hatte während seines Studiums noch keine feste Vorstellung, in welche Richtung es gehen sollte. Nach dem Studium war er für ein Jahr in Kapstadt, um dort einen LL.M. im inter­na­tio­nalen Seerecht zu machen. Danach folgte eine Promotion zum Thema Glückss­piel­re­gu­lierung. Das brachte ihn letztlich auf die Spur des Medien­rechts. Nebenbei arbeitete er in zwei inter­na­tio­nalen Kanzleien, um sich die Promotion zu finan­zieren. Als er hörte, dass bei ProSie­benSat.1 eine halbe Stelle frei war, bewarb er sich und wurde bald voll übernommen.

„Wir erleben oft, dass Kaltstarter, also Referendare, die noch nicht so viel Erfahrung haben, sich bei uns sehr schnell entwi­ckeln.“ Das liegt auch an der vollen Integrierung der Referendare in den Arbeit­salltag der Rechts­ab­teilung, fünf Tage die Woche. Sie werden schnell in die Abläufe einge­bunden. Lange Gutachten zu Rechts­fragen werden hier nicht verlangt. Wichtiger ist es, schnell beurteilen zu können, welche Fragen wichtig sind, und eigene Vorschläge selbst­be­wusst zu vertreten. Kolb wundert sich nur, dass gar nicht so viele Bewerber hinter die Kulissen eines Fernseh­senders schauen möchten. „Wir besetzen unsere Referen­dar­plätze regel­mäßig, aber wir haben weniger Bewerber, als man sich das vorstellen würde.“ Also: nicht jedes Casting beim Fernsehen endet vor der Kamera.

 

Bild von Robert Weinhold
Referendar Robert Weinhold: Auf der anderen Seite

Für Robert Weinhold ist es spannend, das Geschäftmal von der anderen Seite zu erleben. Denn er ist nicht nur Jurist in Ausbildung, sondern auch Unter­nehmer. Um sich sein Studium zu finan­zieren, hatte der 29-jährige in Göttingen mit einem Freund zusammen ein kleines Start-up gegründet und Webseiten designt. Das sprach sich schnell rum, und bald waren sie in der IT-Beratung tätig. Mittler­weile sind sie dabei, Apps zu entwi­ckeln. Bei ProSie­benSat.1 unter­stützt er nun gerade die Verhand­lungen mit einem IT-Start-up, an dem sich der Konzern betei­ligen will.

Für einen Rechts­re­fe­rendar hat er schon ziemlich viel Erfahrung mit dem Medien­ge­schäft. Für ihn war es daher auch gut, dass sich die Referendare bei ProSie­benSat.1 ihren Arbeits­schwer­punkt selbst wählen können. „Gleich in der ersten Woche habe ich mich den Kollegen im M&A-Bereich vorge­stellt und wurde sofort in eine Trans­ak­ti­ons­ver­handlung einge­bunden“, sagt Weinhold. Der Konzern hat eine eigene Venture-Sparte, über die er neue Geschäfts­felder erschließt, vor allem im Online­be­reich. Weinhold hilft nun bei der gesell­schafts­recht­lichen Abwicklung der Betei­ligung und bespricht mit dem Start-up die Vertrags­in­halte. Als Referendar freut er sich, dass er für das Unter­nehmen nach außen hin auftreten kann. „Es ist spannend, sicher­zu­stellen, dass beide Vertrags­partner dieselbe Vorstellung davon haben, was in den Verträgen drinsteht. Die Arbeit hier ist sehr stark von Kommu­ni­kation geprägt“, sagt er, „auf der einen Seite in der Koordi­nation innerhalb des Unter­nehmens, auf der anderen Seite in der Verhandlung mit Geschäfts­partnern.“ Und Weinhold weiß schließlich, wie es sich anfühlt, Gründer zu sein.

Aber er bekommt auch andere Aufträge von den Anwalts­kol­legen. Er hat gleich am Anfang ein kleines Gutachten zur Lizen­zierung von Fernseh­ma­terial erstellt oder geprüft, ob eine Sendung dem Jugend­schutz entspricht. „Man lernt sehr schnell, weil alles sofort eine praktische Bedeutung hat.“ Weinholds Interesse am Medien­recht hatte ebenfalls einen sehr prakti­schen Ursprung. Für sein eigenes Start-up musste er sich auf einmal um Fragen des Urheber- und Daten­schutz­rechts kümmern. Seitdem war er von dem Thema angefixt und hat auch seinen Schwer­punkt im ersten Staats­examen im Medien­recht belegt. Neben dem Referen­dariat, das er im Landge­richts­bezirk Kassel absol­viert, hat er als Hilfs­kraft an einem Forschungs­projekt zum Verhältnis von Daten­schutz und Techni­k­ent­wicklung an der Univer­sität Kassel gearbeitet. Für die Wahlstation ging es nun nach München, weil Nordhessen nicht gerade für Medien­un­ter­nehmen bekannt ist. „Der Vorteil am Referen­dariat in einem kleineren Gerichts­bezirk ist zweifellos, dass man in den Arbeits­gruppen fast Einzel­be­treuung hat.“ Spannend ist es dann woanders.

„Von einer Station hat man natürlich mehr, wenn man schon mit Vorkennt­nissen hinein geht“, sagt er. Denn so könne man besonders profi­tieren, auch weil man sich besser einbringen kann. Und ein großes Unter­nehmen bietet die Chance, sich in allen Bereichen des Medien­rechts auszu­pro­bieren. „Auf diese Weise kann man überprüfen, ob einem in der Praxis eher das Lizenz­recht, das Urheber­recht, der Daten­schutz oder eben die gesell­schafts­recht­liche Seite und das Geschäft mit neuen Medien liegen.“

Weinhold möchte nach dem Referen­dariat auf jeden Fall im Medien­recht arbeiten, gerne auch in der Struktur eines Konzerns. „Auch dafür ist es gut, schon mal in einem Unter­nehmen gewesen zu sein. Denn hier habe ich erst gelernt, welche Firmen es jenseits der großen Namen überhaupt gibt, die in dem Bereich tätig sind.“ Seine eigene Firma hat er während des Referen­da­riats ruhen lassen, aber nach den Prüfungen will er wieder einsteigen. Es kann ja sein, dass die eine oder andere App durch die Decke geht. Dann böte sich ein Medien­un­ter­nehmen vielleicht sogar als Vertrags­partner und nicht als Arbeit­geber an.

Winter­se­mester 2014/2015

Die kleinen Großen

Das Mandat ist ein voller Erfolg, gar kein Zweifel: Drei Gemeinden planen zusammen ein kommunales Vorhaben, kommen aber viele Jahre lang nicht auf einen Nenner. Als die Situation immer vertrackter wird, mandatieren die Gemeinden schließlich die auf Verwaltungs- und Verfassungsrecht spezialisierte Kanzlei Dombert Rechtsanwälte. Ein Partner und ein Associate der Sozietät klären alle offenen Fragen, vermitteln zwischen den Kommunen – und erreichen eine Einigung. Die Erleichterung ist groß, die Gemeinden laden zu einer gemeinsamen Sitzung aller Vertreter, die Lokalpresse ist vertreten. Auch die Anwälte sind geladen. Ohne sie hätte das Vorhaben nicht geklappt, nun soll ihnen ausdrücklich gedankt werden. Allein: Diesen Dank nimmt nur der Partner allein entgegen. Der Associate, dem der Partner in diesem Mandat die Federführung überlassen hat, ist im Urlaub – nur eine Autostunde von der Veranstaltung entfernt. „Da war ich enttäuscht“, sagt Seniorpartner Matthias Dombert rückblickend.

Kurz den Urlaub unterbrechen, um zum Klienten zu fahren und den gelungenen Abschluss des Falls zu feiern – arbeitsrechtlich ist das natürlich kein Muss. Der Antrieb dazu muss schon von innen kommen. Und genau nach solchenMitarbeitern fahndet Dombert: Juristen mit Engagement und unternehmerischem Denken. „Wir leben sehr stark davon, dass wir die Fälle an uns ziehen“, erklärt Dombert. „Wir denken und entscheiden für unsere Mandanten.“
Wie in einem Fall, in dem Dombert ein Jugendamt vertreten hat. Eine Mitarbeiterin des Amtes hatte eine Mutter vor deren Bekannten gewarnt, weil sie wusste, dass der Mann wegen sexuellem Missbrauchs von Kindern mehrfach vorbestraft war. Daraufhin wurde der Sachbearbeiterin vorgeworfen, sie habe gegen Persönlichkeitsrechte und Datenschutzvorschriften verstoßen. Den Fall überließ er Vera Grötz, die gerade die Anwaltsstation im Referendariat bei ihm absolvierte. Er kannte – und schätzte – die Arbeitsweise der 28-Jährigen, weil sie zuvor bereits als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kanzlei gearbeitet hatte. Aber anders als bei dieser Tätigkeit sollte sie nun im Rahmen der Ausbildung das Anwaltsdasein in all seinen Facetten kennenlernen. „Ich wollte Frau Grötz deutlichmachen, dass sich die Interessenwahrnehmung des Anwaltes in den seltensten Fällen ausschließlich nach juristischen Kriterien vollzieht“, erklärt Dombert. Dafür sei dieses Mandat sehr gut geeignet gewesen.

In der Praxis bedeutet das für Domberts Referendare: Eigenini­tiative zeigen und Verant­wortung übernehmen. „So ein Fall läuft nicht so ab, dass Frau Grötz die Akte bekommt, sich nach Hause zurück­zieht und nach einer Woche wieder­kommt, um das Votum abzuliefern“, erklärt Dombert. Die beiden waren mehrfach zusammen bei der Behörde und haben auch das Auftreten gegenüber der Daten­schutz­be­auf­tragten des Landes – die einen Bericht angefordert hatte – besprochen.

„Refe­ren­da­re­müssen bei uns keine Angst haben, im stillen Kämmerlein zu landen“, sagt Dombert. Im Gegenteil, man kämpfe sehr stark gegen die Vorstellung an, dass Anwalt­stä­tigkeit mit dem Abfassen von Vermerken gleich­ge­setzt wird oder einer monotonen 12-stündigen Beschäf­tigung am Schreib­tisch. Referendare sollen nach Ansicht des Verwal­tungs­rechtlers Standard­si­tua­tionen miter­leben und lernen, was es bedeutet, Anwalt zu sein. In der Referen­dar­aus­bildung sei das materielle Recht eigentlich nur Vehikel, glaubt Dombert. Über Grötz’ Arbeit sagt er deswegen: „Ihre vorrangige Aufgabe war es in dem Fall nicht, einen möglichst luziden Schriftsatz zu schreiben – sondern der Mandantin Sicherheit zu geben.“

Dombert, der Honorar­pro­fessor für Öffent­liches Recht an der Univer­sität Potsda­mun­dMit­glied des Gemein­samen Juris­ti­schen Prüfungs­amtes der Länder Berlin und Brandenburg ist, legt großen Wert darauf, Anwälte in der Praxis auszu­bilden. Dabei schleust er aber nicht unbedingt viele Stati­ons­re­fe­rendare durch. Dombert setzt früher an. Studenten beschäftigt er zum Teil schon nach dem 5. Semester. „Das ist eine Ausbildung neben der Ausbildung“, sagt er. Trotz aller Reform­be­mü­hungen der Landes­ge­setz­geber komme die Anwalts­aus­bildung nach wie vor zu kurz. Dombert kann so Talente frühzeitig identi­fi­zieren – und die angehenden Juristen haben wiederum die Gelegenheit, schon in der Ausbildung festzu­stellen, ob sie für das Anwalts­dasein in der Dombert­schen Form taugen.

Referen­darin Vera Grötz: Nicht nur das Juris­tische

Als Vera Grötz ihre Anwalts­station bei Dombert Rechts­an­wälte antrat, hatte sie bereits eine Vorstellung davon, was sie erwarten würde. Schließlich hatte sie zuvor schon als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin in der Kanzlei gearbeitet. Grötz war klar, dass ihr Ausbilder selbst­stän­diges und eigen­ver­ant­wort­liches Arbeiten schätzt – und auch, dass gerade das auf so manchen Referendar oder jungen Anwalt abschre­ckend wirkt. Viele andere topqua­li­fi­zierte Juristen heuern lieber in Großkanz­leien an oder suchen sich einen behag­lichen Posten in Justiz oder Verwaltung. Besonders auf dem Feld, mit dem sich Dombert Rechts­an­wälte befassen: Dem öffent­lichen Recht.

Für die 28-Jährige dagegen macht genau das, was Dombert erwartet, den Reiz des Anwalts­berufs aus: „Immer mit unter­schied­lichen Leuten zu tun zu haben, sich auf mehreren Ebenen gleich­zeitig bewegen und nicht nur auf der juris­ti­schen, das ist das Spannende am Job.“ Man versuche, Lösungen für die Mandanten zu finden und durch­zu­boxen, ihnen beizu­stehen und Sicherheit zu geben.

Besonders deutlich hat Grötz das bei einem Mandat erlebt, das sie während der Anwalts­station für Dombert bearbeitete. Dombert vertrat ein Jugendamt, das den Sohn einer Familie betreute. Der Junge war sozial auffällig geworden. Bei einem Hausbesuch einer Behör­den­mit­ar­bei­terin war neben Sohn und Mutter ein Mann anwesend, der ihr als guter Bekannter der Familie vorge­stellt wurde. Die Jugend­amts­mit­ar­bei­terin wusste, dass dieser schon mehrfach vorbe­straft war wegen sexuellem Missbrauchs von Kindern, was aller­dings schon länger zurücklag. Das Jugendamt rang sich dazu durch, die Mutter vor dem Mann zu warnen und offen zu legen, dass er vorbe­straft sei. Weil die Vorstrafen längst gelöscht waren, fühlte der Mann sich in seinen Rechten verletzt und ging mit Hilfe einer Medien­rechts­kanzlei gegen das Jugendamt vor.

Die zwei Mitar­bei­te­rinnen, die in den Vorgang invol­viert waren, waren stark verun­si­chert, ob sie sich richtig verhalten hatten, erinnert sich Grötz. Immerhin war mittler­weile auch die Daten­schutz­be­auf­tragte des Landes einge­schaltet. „Auch für mich war das eine spannende Frage. Immer wieder berichten schließlich die Medien über Jugen­dämter, die nicht handeln. Und hier hatten wir den entge­gen­ge­setzten Fall: Wir beschäf­tigen uns mit der Frage, ob das Amt zu weit gegangen ist.“

Die Jugend­amts­mit­ar­bei­te­rinnen wirkten dankbar, als sie und Dombert sich der Sache annahmen, erinnert sich Grötz. Die Juristin, diemitt­ler­weile beide Staats­examina in der Tasche hat, schätzt besonders, dass sie immer auch Dolmet­scherin ist. Es geht darum, eine gemeinsame Sprache mit den Mandanten zu finden: Wie vermittelt man die Rechtslage, wie erfasst man einen Sachverhalt, wenn der Mandant einem Fachvo­ka­bular aus seinem Beritt um die Ohren haut?

Dass sie im Anwalts­beruf richtig aufge­hoben ist, ist Grötz schon vor diesem Fall klar gewesen. Immer mal wieder hatte Dombert sie schon in der Vergan­genheit zu Mandanten mitge­nommen. Grötz hatte schon als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin gemerkt, wie sie sich weiter­ent­wi­ckeln konnte – und im Laufe der Zeit auch von den Mandanten anders wahrge­nommen wurde.

Der Jugendamt-Fall endete als Erfolg auf ganzer Linie: Die Datenschutzbeauftragte konnte überzeugt werden, dass kein Verstoß vorgelegen hatte und dass Datenschutzvorgaben künftig besser umgesetzt werden würden. Auch die Vorwürfe der gegnerischen Anwältin konnten entkräftet werden – ohne dass es zum Prozess kam. Das ist eine typische Situation bei Dombert: Rund 90 Prozent aller Fälle werden außergerichtlich gelöst, sein Schwerpunkt liegt auf der Beratung im Verfahrensund Genehmigungsmanagement. Zu den Mandanten zählen unter anderemprivate Unternehmen, die zumBeispiel Genehmigungen für Anlagen benötigen, daneben Kammern, Verbände, Landesregierungen oder Gemeinden.
Der Job der 16 Anwälte der Kanzlei spielt sich deswegen in ganz Deutschland ab, und nicht nur in der Villa in Potsdam, in der Dombert Rechtsanwälte sitzen. Dazu gehören stundenlange Fahrten in die Provinz. Auch Grötz musste bereit sein, früh aufzustehen und „übers Land zu fahren“, wie es ihr Ausbilder Matthias Dombert formuliert. Für ihren Einsatz hat sie aber auch viel zurückbekommen: Vor dermündlichen Examensprüfung übte sie in der Kanzlei Aktenvorträge bis zum Abwinken. Mit Erfolg: Nach dem ersten Staatsexamen absolvierte sie auch das zweite mit Prädikat.

Sommer­se­mester 2014

Der Blick in die Welt der großen Großen

Texte: Karin Mattusek

"Wir stehen im Wettbewerb“, der Satz fällt relativ schnell, wenn Rechtsanwalt Dr. Ole Jani über die Referendarausbildung bei CMS Hasche Sigle spricht, die er seit Beginn des Jahres 2014 für den Standort Berlin koordiniert. Auch Begriffe wie „Demographischer Wandel“ und „Bewerbermarkt“ lassen nicht lange auf sich warten. Wie jede Großkanzlei unternimmt auch CMS Hasche Sigle einiges, damit die Topkandidaten unter den deutschen Juraabsolventen sich für die Station an einem ihrer acht deutschen und drei ausländischen Standorte interessieren.

Wie auf den meisten Märkten, gilt aber auch hier: Die ausgefeilteste Marketingstrategie hilft kaum weiter, wenn das Produkt nicht stimmt. Auch das stellt Jani gleich zu Beginn klar: „Wir können Hochglanzbroschüren machen, so viel wir wollen, am Ende ist entscheidend, dass die Referendare zufrieden sind.“ Und so ist und bleibt die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda, die ja auch für den Referendar Fabian Klein ausschlaggebend war, unersetzlich. „Ich frage Bewerber immer: Wie kommen Sie auf uns? Oft, sehr oft höre ich die Antwort, dass ein Freund oder eine Freundin auch schon bei uns war – und dass es ihnen gefallen hat“, erzählt Jani.

Berliner Referendare wie Fabian Klein absolvieren üblicherweise ihre Anwaltsstation am lokalen CMS Standort. Kandidaten aus den anderen Bundesländern nutzen in der Regel die Wahlstation für die Ausbildung in Berlin. Der Standort in der attraktiven Hauptstadt ist ein nicht ganz unwichtiges Plus im Kampf um die besten Köpfe. Wirkliche Besetzungsprobleme scheint es aber nicht zu geben. Wenn man auf die Zahlen blickt, die Jani nennt, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Pro Woche erreichen ihn im Durchschnitt 20 bis 25 Bewerbungen, je nach Jahreszeit, und für dieses Jahr sind die Plätze mehr oder weniger ausgebucht. Jeder Bewerber wird zu zwei Gesprächen eingeladen, die zwischen 30 und 45 Minuten dauern – „je nachdem, was man sich zu erzählen hat“, so Jani.

Prädikatsexamen ist eine Voraussetzung für Bewerber, eine Promotion eher nicht. Die Note ist nur ein Kriterium, es gibt auch Ausnahmen von der Regel. Man muss sich auch noch nicht mit Haut und Haaren dem Anwaltsberuf verschrieben haben. Wer nur einfach einmal die Arbeit in einer Großkanzlei kennenlernen will, ist „gern gesehen“, so Ole Jani, denn schließlich wolle man Talente von diesem Beruf überzeugen. Und so kommen unterschiedliche Bewerber. Manche – wie Fabian Klein – sind fachlich noch nicht festgelegt. Ihnen wird dort ein Platz angeboten, wo zum Zeitpunkt der Station Bedarf besteht. CMS Hasche Sigle organisiert sich in rund 20 Fachbereichen, die nach Industrien oder Rechtsgebieten geordnet sind, die inhaltliche Auswahl ist für die Bewerber daher groß. Der Kandidat, der bereits im Referendariat ein Steuer- oder Arbeitsrechtsspezialist ist, verbringt seine Station natürlich bei den Anwälten, die darauf spezialisiert sind.

„Wer eine Promotion im Gesellschaftrecht mitbringt und Aktien- und GmbH-Recht rauf und runter beherrscht, den wird man natürlich etwas anders einsetzen können“, erläutert Jani. Mandantenkontakt gebe es aber für Referendare eher noch nicht. Eines gelte hingegen gleichermaßen für alle: „Abgesehen davon, dass es gute Juristen sein müssen, erwarten wir, dass die Referendare mit Engagement mitarbeiten.“ Geboten wird dafür neben erstklassigen Arbeitsbedingungen auch eine – wie Fabian Klein es sagt – „attraktive" Vergütung. Genaue Zahlen will die Sozietät nicht nennen, man orientiere sich aber an dem Betrag, den ein Referendar am Kammergericht mit einer Nebentätigkeit hinzuverdienen dürfe, ohne dass er etwas an das Land abführen müsse. „Hier sind die Bedingungen im Grunde bei allen Großkanzleien auf dem Berliner Markt gleich“, sagt Jani.

„Gute Referendare haben realistische Berufsperspektiven bei CMS Hasche Sigle“, so Jani. Die Referendarausbildung sei ein wichtiges und sehr bindendes Rekrutierungsinstrument, denn Kandidaten aus diesem Pool werden später sehr häufig Associates.

Referendar Fabian Klein: Mal an der Front sein beim Amtsge­richt

Fabian Klein stützte die Entscheidung, wo er seine Anwaltsstation verbringen will, auf eine solide Basis: einen freundschaftlichen Rat. „Eine französische Freundin von mir war selbst bei CMS, und sie hat derart begeistert davon berichtet, dass mich das überzeugt hat, die Station hier zu machen“, erzählt der 27-jährige Berliner Referendar. Dass der Rat aus französischem Munde kam, spielte dabei ebenfalls eine Rolle. Fabian Klein hat eine frankophile Ader. Zwei Jahre verbrachte er an der Université Panthéon-Assas (Paris 2), er erwarb die Licence und die Maîtrise en droit, die klassischen juristischen Abschlüsse des Nachbarlandes. Das Renommee des französischen Zweiges des Kanzleienverbundes, CMS Francis Lefebvre, habe daher ebenfalls eine Rolle gespielt. So entschied er sich dafür, die Herbst- und Wintermonate in der Lennéstraße 7 in Berlin zu verbringen, im Büro von CMS Hasche Sigle.

Von Oktober bis Januar gehörte er zum Fachbereich Real Estate, sein Ausbilder war Partner Andreas Roquette. Fabian Klein arbeitete vor allem im privaten Baurecht. Das Rechtsgebiet war für ihn nicht entscheidend, er war in dieser Hinsicht nicht festgelegt und hätte sich auch in einem anderen Bereich ausbilden lassen. Ihmkames vor allemdarauf an, die Arbeit in einer Kanzlei kennenzulernen, und er hat sich ganz bewusst für eine Großkanzlei entschieden. Die Aufgaben in der Station beschreibt Fabian Klein als sehr vielfältig: Neben examensrelevanten Klassikern wie BGB, VOB und ZPO war er auch mit internationalen Themen beschäftigt, wie sie bei Großkanzleien eben nicht selten sind: ZumBeispiel Recherchen, die das Common Law berühren, oder internationale Vertragsmuster.

Auch von einem forensischem Einsatz berichtet er. In einer „kleineren Sache“ trat er vor dem Amtsgericht Charlottenburg auf. Die Erfahrung, „mal an der Front zu sein“, hat er in bester und lebhafter Erinnerung. Denn während der Verhandlung wies die Richterin die Gegenpartei immer wieder darauf hin, wie die Sache wohl zu sehen sei: Nämlich so, wie im CMSSchriftsatz ausführlich und überzeugend beschrieben, so schildert Fabian Klein die Szene: „Da lehnt man sich natürlich entspannt zurück“.

Die Station hielt so manchen Aha-Effekt bereit, etwa wenn der Referendar sah, wie elegant ein Textbaustein, den er recherchiert hatte, später von seinem Ausbilder in einen Schriftsatz eingepflegt wurde. „Da dachte ich mir: Schau an, so macht man das also mit 20 Jahren Erfahrung.“ Er habe sich schnell als Teil des Teams empfunden und sei auch von den Associates gut integriert worden. Das Atmosphärische spiele eben eine wichtige Rolle, ebenso dieWertschätzung der Mitarbeit der Referendare. „Es ist nie passiert, dass ich etwas abgegeben und dann nie wieder davon gehört hätte.“

Fabian Klein hat aber auch, wie er es bezeichnet, so etwas wie „Privatausbildung“ genossen. Beeindruckt erinnert er sich an ein Telefonat mit einem Anwalt eines anderen Standortes der Kanzlei, der sich an einem Freitag eine Stunde dafür Zeit nahm, mit ihm eine Sache durchzusprechen. Zwar würden die Referendare durchaus gefordert, Arbeitszeiten wie sie für die Anwälte in Sozietäten dieser Größenordnung in der Regel üblich sind, habe er nicht erlebt. „Immer wenn mich mal ein Anwalt nach 19 Uhr auf dem Flur angetroffen hat, wurde ich gleich gefragt, was ich denn hier noch mache“, berichtet der junge Jurist.

Der Einsatz wird adäquat bezahlt, so jedenfalls sieht es Fabian Klein: „Die Vergütung ist marktgerecht. Es gibt aber schon auch Großkanzleien, die weniger bezahlen.“ Ausbildung bietet die Kanzlei den jungen Talenten auch noch in anderer Hinsicht: Bei CMS Hasche Sigle gibt es Repetitoriumskurse für die Referendare, organisiert von einem privaten Anbieter. Dafür werden die Berliner Referendare für ein paar Tage nach Hamburg verschifft, wo sie die Kurse gemeinsam mit ihren dortigen Kollegen besuchen.

Das Resümee ist besonders im Vergleich mit den Stationen, die er bisher erlebt hatte, sehr positiv, sagt Fabian Klein: „Man war hier einfach viel mehr eingebunden in die tägliche Arbeit, man fühlte sich gebraucht und nützlich. Das war nicht nur l’art pour l’art.“ Kein Wunder, dass Fabian Klein spätestens seit dieser Station in einem Punkt absolut überzeugt ist: „Für mich steht schon fest, dass ich Anwalt werde.“

Sommer­se­mester 2014

Bild von Wolfgang Kaleck
Der Schreck der Unter­nehmen

Texte: Katja Wilke, Berlin

Am Anfang seines Berufs­lebens stand für Wolfgang Kaleck ein Traum, der viele Anwäl­tinnen und Anwälte umtreibt: Menschen in schwie­rigen Situa­tionen zu helfen. Bei vielen ist das hehre Ziel im Berufs­alltag schnell vergessen. Kaleck dagegen setzte es um: Seit bald 15 Jahren verfolgt er Menschen­rechts­ver­let­zungen in aller Welt. „Das ist sehr wichtig – gerade für solche Menschen, die nicht auf Rosen gebettet sind in ihrem Leben“, sagt Kaleck. „Außerdem bin ich schon immer gerne gereist und habe mich für andere Regionen inter­es­siert.“ Ende der 1990er-Jahre hatte Kaleck gegen ehemalige hochrangige Vertreter der argen­ti­ni­schen Militär­junta in vierzig Fällen Anzeige bei der Staats­an­walt­schaft Nürnberg/Fürth mit dem Mandat von deutschen Dikta­tu­ropfern und deren Angehö­rigen erstattet – ein bis dato einma­liger Schritt. Die Verfahren führten in Deutschland zu Haftbe­fehlen und Auslie­fe­rungs­er­suchen und dann in Argen­tinien zu Haftstrafen. Für den Anwalt, der bis dahin haupt­sächlich auf deutscher und europäi­scher Ebene tätig war, bedeutete das einen riesigen Erfolg. Ein Ansporn, sich weiter inter­na­tional zu engagieren. 2007 gründete der Straf­ver­tei­diger das European Center for Consti­tu­tional and Human Rights (ECCHR) – eine gemein­nützige juris­tische Menschen­rechts­or­ga­ni­sation, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Verfahren gegen staat­liche und nicht­staat­liche Akteure wegen Völker­straf­taten voran­zu­treiben. Zuvor hatte Kaleck seine Arbeit von seiner Anfang der 1990er-Jahre mitmeh­reren Partnern gegrün­deten Berliner Kanzlei aus voran­ge­trieben. Kaleck bewegt sich ständig in juris­ti­schem Neuland – und macht durch spekta­kuläre Aktionen auf sich und sein Anliegen aufmerksam. So erstattete er vor einigen Jahren wegen Kriegs­ver­brechen und schweren Menschen­rechts­ver­let­zungen im Gefan­ge­nen­lager von Abu Ghraib Anzeige gegen den damaligen ameri­ka­ni­schen Vertei­di­gungs­mi­nister Donald Rumsfeld. Oft schaut er Unter­nehmen auf die Finger, die imgroßen Stil in Entwick­lungs­ländern produ­zieren lassen. Aktuell durch­leuchten er und sein Team unter anderem den deutschen Textil­händler „Kik“, der nach Kalecks Auffassung in Entwick­lungs­ländern zu menschenun­wür­digen Zuständen produ­zieren lässt. Mit schnellen Erfolgen kann er nie rechnen. „An einzelnen Fällen sind wir schon mal über ein Jahr dran, bevor wir überhaupt irgen­detwas nach außen Wahrnehm­bares produ­zieren.“ Wer mit dem 53-Jährigen arbeiten will, muss diese Leiden­schaft für unerforschtes Terrain teilen. Auch die Referendare, die er gerne einsetzt. Diesen Typ Jurist zu finden, sei nicht immer leicht, sagt Kaleck. Es käme vor, dass sich Kandi­daten im Bewer­bungs­prozess als Dynamiker präsen­tierten, ihre Arbeit dann aber eher der eines Verwal­tungs­an­ge­stellten ähnelten. „Wenn ich zum Beispiel um eine Argumen­tation bitte, die helfen könnte, einen Anspruch durch­zu­setzen, und der Referendar sagt mir nach längerer Prüfung, dass das nach herrschender Meinung nicht gehe – dann fehlt mir die Kreati­vität.“ Das, was man im Kampf um Menschen­rechte leisten­müsse, sei genuin anwalt­liches Denken. „Man muss den Mut haben, sich recht­licher Argumente zu bedienen, die den Reali­tätstest noch nicht erfolg­reich bestanden haben.“ Bei Christian Schliemann wusste Kaleck, dass er das kann. Der Referendar hatte bereits im ECCHR gejobbt, bevor er sich für seine Anwalts­station bei Kaleck bewarb. Kaleck hatte ihn dabei als engagierten Mitar­beiter kennen­ge­lernt. „Da kann man von Anfang an ganz anders vertrauen“, sagt er. Der Ausbilder setzte Schliemann auf den „Kik“-Fall an, um wichtige Recherchen zur Fakten- und Rechtslage zu betreiben. Das Ergebnis ist noch ungewiss. Kaleck: „Das muss am Ende zusam­men­ge­führt werden, und dann können wir entscheiden, ob daraus eine Klage wird.“ Die „Kik“-Recherche absol­viert Schliemann zum größten Teil mit Telefon und Internet vom Schreib­tisch aus – eine Arbeit, die mühselig und anstrengend sein kann. Kaleck honoriert den Einsatz seines Referendars: Vor Kurzem nahm er ihn mit zu einer Konferenz in England. Mögli­cher­weise wird auch die Arbeit am „Kik“-Fall am Ende vergebens gewesen sein – wie in zahlreichen anderen Fällen. Nieder­lagen sind im Kampf gegen Menschen­rechts­ver­let­zungen – einem Rechts­gebiet, in das immer auch starke politische und wirtschaft­liche Inter­essen hinein­wirken – an der Tages­ordnung. Für Kaleck ist das oft genug frustrierend, und er ist ehrlich mit sich selbst: „Ich weiß nicht, ob ich das bis zum Ende aller Tage mache, ob die Motivation bis in alle Ewigkeit reicht.“ Dieser Punkt sei aller­dings noch lange nicht erreicht.

Bild von Christian Schliemann
Referendar Christian Schliemann: Nicht einfach nur ein Job

Die Erfahrung war ernüch­ternd: Nach drei Monaten Praktikum in einer Großkanzlei stand für Christian Schliemann fest, dass er so nicht arbeiten kann und möchte. „Entscheidend ist dort vorrangig, ob ein Mandant zahlungs­kräftig ist. Ob man sich als Anwalt mit dem Fall identi­fi­ziert, ist völlig egal“, sagt Schliemann. „Wirk­liche Motivation kann man nur dann aufbringen, wenn die Fälle zumindest in die Nähe dessen rücken, womit man sich identi­fi­zieren kann.“ Für den 32-Jährigen lag es deswegen nahe, sich für die Anwalts­station im Referen­dariat bei Wolfgang Kaleck zu bewerben. Menschen­rechte stehen seit Jahren im Fokus des Prädi­kats­ju­risten, der vor dem Referen­dariat als wissen­schaft­licher Mitar­beiter an der Freien Univer­sität Berlin gearbeitet hat. „Kollektive Rechte von Minder­heiten“ lautet das Thema seiner einge­reichten Promo­ti­ons­arbeit. Und vor zwei Jahren hatte er bereits schon einmal im ECCHR gejobbt, der juris­ti­schen Menschen­rechts­or­ga­ni­sation, die sein Ausbilder Kaleck vor rund fünf Jahren gegründet hat. Für Kaleck ist Schliemann ein Glücksfall: Sein Referendar ist in der Lage, ausge­tretene juris­tische Pfade zu verlassen und eigen­ständige Lösungen zu erarbeiten – im Völker­recht oftmals eine unumgäng­liche Vorge­hens­weise. Schliemann sieht das pragma­tisch: „Man wird schon zwangs­läufig kreativ, weil man weiß, wie viel für die betrof­fenen Menschen von der eigenen Arbeit abhängt.“ Es gehe eben nicht darum, Konzerne bei irgend­welchen Trans­ak­tionen zu beraten, sondern um mensch­liche Existenzen. Etwa, wenn es um die Arbeits­be­din­gungen für Textil­ar­beiter in Entwick­lungs­länder geht. Schliemann prüft in seiner Anwalts­station ganz konkret, ob der deutsche Textil­händler „Kik“ für einen Fabrik­brand in Pakistan zur Verant­wortung zu ziehen ist. Wegen mangel­hafter Sicher­heits­vor­keh­rungen kamen dabei in Karatschi 2012 mehr als 200 Menschen ums Leben. Zwar produ­zieren zahlreiche Textil­un­ter­nehmen heutzutage in Fernost, doch regel­mäßig arbeiten die Fabriken für mehrere Unter­nehmen, so dass klare Verant­wort­lich­keiten nur schwer nachzu­weisen sind. Im Fall dieses Fabrik­brandes sei die Faktenlage dagegen eindeu­tiger, so Schliemann: „Kik“ sei hier der eindeutig größte Auftrag­geber gewesen, es hätten intensive Bezie­hungen bestanden. „Insofern ist der Fall rechtlich gut geeignet. Je mehr Betei­ligte, umso schwie­riger wird es.“ Doch selbst unter diesen Voraus­set­zungen ist es alles andere als trivial, an Beweise zu gelangen – wie zum Beispiel die Produk­ti­ons­ver­träge oder sonstige Abmachungen zwischen Produzent und Unter­nehmen. Schliemann wünscht sich juris­tische Wege, um Unter­nehmen in solchen Fragen auskunfts­pflichtig zu machen – wie es zum Beispiel das bei Unter­nehmen gefürchtete Discovery-Verfahren in den USA macht. „So etwas halte ich für nötig, wenn die Gewichtung sehr ungleich ist: In der Regel stehen einfache Arbeiter einfluss­reichen Unter­nehmen gegenüber.“ Schliemann soll neben der Fakten- auch die Rechtslage klären, um die Chancen einer möglichen Klage auszu­loten. Welche Gerichte für einen Prozess in Frage kommen, welche Rechts­ord­nungen einschlägig sind, gegen wen man überhaupt vorgehen kann, wie hoch mögliche Entschä­di­gungen ausfallen – all das lernt man im Zweifel nicht im Studium. Die Verbindung von Lobby­arbeit mit anwalt­lichem  Arbeiten – für Schliemann eine perfekte Kombi­nation, die er bei anderen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen nicht so einfach zu finden glaubt. Das „streitige Element“ reizt ihn, die Ausein­an­der­set­zungmit scheinbar übermäch­tigen Gegnern. „Für mich ist auch durch die Arbeit hier klar geworden, dass ich Anwalt werden möchte“, sagt Schliemann. Dass er dabei auf der Seite seiner heutigen Gegner – zum Beispiel als Wirtschafts­anwalt – mögli­cher­weise später viel mehr Honorar einstreichen könnte, inter­es­siert Schliemann augen­scheinlich nicht. Er will sich nicht verbiegen. An seiner jetzigen Station ärgert Schliemann nur eins: Dass er den „Kik“-Fall voraus­sichtlich nicht bis zur Entschei­dungs­reife bringen kann. Denn die nötigen umfang­reichen Vorar­beiten wird er im Laufe seiner Station nicht vollständig stemmen können. Ein anderer Mitar­beiter wird die Arbeit fortsetzen. Am Ende steht dann eine Anzeige – oder aber der Fall wird zu den Akten gelegt. Schliemann ist aber klar: Mit der Gefahr, dass viel Arbeit vergebens war, muss man leben, wenn man sich in juris­ti­sches Neuland vorwagt.

Winter­se­mester 2013/2014

Bild von Martin Jaschinski
Fordern und Fördern: Kalter Sprung und warme Dusche

Texte: Nora Zunker, Berlin

Berlin „Prenzlberg“ ist eines der Szeneviertel der Hauptstadt und steht nicht nur bei Berlinern symbolisch für einen Treffpunkt von Kunst und Lebens-Kultur. Allein auf dem Pfefferberg, einem ehemaligen Brauereiareal, finden sich dicht an dicht Galerien, Ateliers, Kunstwerkstätten, ein Architekturforum – und die Kanzlei JBB Rechtsanwälte. Das ist kein Widerspruch, ja noch nicht einmal Zufall: Rechtsanwalt Dr. Martin Jaschinski, einer der Gründungspartner der Partnerschaft Jaschinski Biere Brexl, legt großen Wert auf das kreative Umfeld, sowohl in unmittelbarer Kanzleinähe als auch in den Kanzleiräumen selbst. Denn neben einem hohen informationstechnischen Interesse ist es vor allem die Kreativität, die die Anwälte mit ihren Mandanten verbindet. Die Kanzlei ist spezialisiert auf die Bereiche Urheber- und Medienrecht, Marken- und Wettbewerbsrecht sowie IT-, Software- und Datenschutzrecht. Diese Tätigkeitsfelder ziehen gleichermaßen inländische und internationale Mandanten an. Gefordert ist die gesamte Bandbreite: Von der Vertragsgestaltung bis hin zur Vertretung vor Gerichten. Für Dr. Martin Jaschinski liegt der Reiz der forensischen Tätigkeit vor allem in der psychologischen Herausforderung, durch eine gute Strategie die Richter – bei allen ihren Unterschieden in Motivation, Erfahrung und Qualität – bestmöglich zu erreichen. Nicht selten handelt es sich nämlich nicht nur um einen Kampf mit der Gegenseite, sondern auch mit dem Gericht. Diese Erfahrung machte Referendar Oliver Schmidt bereits in den ersten Wochen seiner Stationszeit: Er wurde von seinem Ausbilder mit der Terminsvertretung betraut. Schmidt vertrat eine Kommunikationsplattform, welche aufgrund einer – von der prominenten Gegenseite unerwünschten – bebilderten Berichterstattung über einen Urlaub verklagt worden war. Eine typische Kollision von öffentlichem Interesse und dem Schutz der Privatsphäre. Für Schmidt war dieser frühe Termin beim Amtsgericht eine neue Erfahrung. Zwar hatte er zuvor schon vier Monate bei einer Zivilkammer für gewerblichen Rechtsschutz sowie Urheber- und Medienrecht verbracht, aber gerade der Unterschied zur richterlichen Vorgehensweise stellte die Herausforderung dar: „Man hat in der Ausbildung bisher immer gelernt, objektiv auf die Dinge zu schauen – jetzt war es das Ziel, den eigenen Mandanten bestmöglich zu vertreten.“ Rückblickend ist Schmidt froh, „ins kalte Wasser geworfen“ worden zu sein. So konnte er Verantwortung übernehmen, was zeigt, dass ihn seine Ausbilder ernst nehmen. Ein Gefühl, dass Jaschinski selbst bei seiner Anwaltsstation im Referendariat gefehlt hat: „Mir wurden damals in der Großkanzlei die Fälle auf den Tisch gelegt, über die Ergebnisse wurde nie gesprochen.“ Daher legt er heute besonderen Wert darauf, dass die Referendare vielseitig in den Kanzleialltag mit einbezogen werden. „Die Referendare haben zwar einen Mentor, können aber grundsätzlich von jedemAnwalt Aufträge und Fälle übergeben bekommen. Das richtet sich ganz nach Interessenschwerpunkt und Engagement des Referendars.“ Die Ergebnisse werden dann mit dem zuständigen Anwalt besprochen. Die Referendare haben jedoch auch die Möglichkeit, ihre Ergebnisse in der täglichen Mittagsrunde einzubringen, wo sich alle Anwälte Neuigkeiten aus ihren Fällen berichten. Dabei geht es zum Teil nicht nur um juristische, sondern auch um wirtschaftliche Frage- und Weichenstellungen. Denn die Anwälte interessieren sich für die gesamte Branche und nicht nur für die juristischen Aspekte. Daher reizen Jaschinski vor allem Mandate, bei denen er ein Projekt von Anfang an beratend begleitet: „Nur im Nachhinein zu prüfen, ob alles rechtmäßig ist, ist manchmal langweilig. Der Spaß bei der Arbeit entsteht, wenn die Mandanten mit Ideen herkommen und wir gemeinsam Umsetzungsmöglichkeiten entwickeln.“ Hierbei spielen juristisches und unternehmerisches Denken eine Rolle, Mandanten haben gerade in der Werbebranche ein unterschiedliches Risikobewusstsein: „Manche Mandanten wägen genau ab und sehen es im Einzelfall auch als lohnend an, für eine wirklich gute Werbung auch eine Abmahnung mit einzukalkulieren.“ Technisches Verständnis und Spaß an der Materie sind für die Arbeit in der Kanzlei offenkundig ebenso wichtig wie die Freude an juristischen Details. Diesen Anforderungen wird Oliver Schmidt durch seine vorherigen Stationen und sein Masterstudium gerecht, was seiner Initiativbewerbung bei der Kanzlei JBB zum Erfolg verhalf. Denn Jaschinski hält die Referendarzeit für zu kurz, um sich ohne Vorwissen in alle Spezialgebiete der Kanzlei einarbeiten zu können. Damit die Ausbildung für beiden Seiten gewinnbringend ist, landet daher nicht jede Frage bei Referendaren. Der Anwalt legt aber Wert darauf, dass die Referendare die Möglichkeit haben, auch anspruchsvollere Aufgaben selbständig zu bearbeiten – auch wenn der eine oder andere versucht, über das Ziel hinauszuschießen: „Die Referendare denken, sie müssten so schnell arbeiten wie Anwälte, das muss man ihnen erst austreiben.“

Bild von Oliver Schmidt
Referendar Oliver Schmidt: Die Wirklichkeit als Examens­vor­be­reitung

„In der Internet- und Marke­ting­branche ist die gesell­schaft­liche Entwicklung schneller, als Recht und Politik es sind – da Schritt halten zu können, macht diesen Bereich juris­tisch spannend“, fasst Oliver Schmidt seine Begeis­terung für das IT- und Medien­recht zusammen. Dass ihn die Branche nicht mehr loslässt, kann der 29-jährige bereits zu genüge mit seinem Lebenslauf belegen: Im Studium wählte Schmidt den medien­recht­lichen Schwer­punkt, die Verwal­tungs­station absol­vierte er bei der Berliner Behörde für Daten­schutz und Infor­ma­ti­ons­freiheit, die Zivil­station in der Kammer für Urheber-, Medien­recht und gewerb­lichen Rechts­schutz, das in der Branche notwendige Englisch festigte er mit einem Master in Global Business Law in Melbourne. Eine fixe Vorstellung von der Zukunft hat Schmidt jedoch noch nicht, ermöchte sich „möglichst viele Türen offen halten“. Die Referen­da­ri­ats­station in der Kanzlei JBB Rechts­an­wälte könnte ihm einen weiteren möglichen Weg bereiten, immerhin sind die Partner der Kanzlei bei der Auswahl hrer Referendare stets auf der Suche nach poten­ti­ellen Mitar­beitern. Nach den ersten Monaten in der Kanzlei hat Schmidt einen durchaus positiven Eindruck von der Anwalts­station, vor allem der „Workflow“ beein­druckt ihn: „Die Anwälte haben Spaß bei der Arbeit und sind darüber hinaus auch außerhalb der Kanzlei in der Branche tätig.“ Damit dürfte Ausbilder Jaschinski eines seiner Haupt­an­liegen gelungen sein: „Den Spirit weiter­zu­geben.“ Auch das Aufga­benfeld unter­scheidet die Arbeit in der Kanzlei von den anderen Stationen. Neben einer Termin­ver­tretung bei Gericht oder der Erstellung von Daten­schutz­ver­ein­ba­rungen wurde Schmidt mit der Vorbe­reitung einer Begrü­ßungsrede eines Vorstands­vor­sit­zenden für eine Fachtagung betraut. Für Schmidt lag die Heraus­for­derung vor allem darin, seine rechts­wis­sen­schaft­lichen Ausar­bei­tungen für Nicht-Juristen verständlich zu formu­lieren: „Man muss immer wieder aufpassen, nicht in den Juris­ten­jargon aus dem Studium abzurut­schen.“ Gleich­zeitig fühlt sich der Referendar gut auf das zweite Staats­examen vorbe­reitet: Der Aufbau von Klage­schrift und Klage­er­wi­derung, überzeu­gende Begrün­dungen und das Präzi­sieren von Sachver­halten müssen in der Anwalts­klausur beherrscht werden. „Die Akten hier sind weitaus komplexer als die Materialien im Examen. Man lernt, sich schnell einen Überblick zu verschaffen und auf das Wesent­liche zu konzen­trieren – und darauf kommt es in erster Linie an, die Klausuren werden schließlich auch von Praktikern gestellt“, bestätigt Jaschinski. Thema­tisch sind die Fälle der Kanzlei durch die hohe Spezia­li­sierung kaum examens­re­levant, doch das stört den Referendar nicht. Für ihn ist das Inter­net­recht gerade dadurch inter­essant, dass es noch nicht durch die Recht­spre­chung gesättigt ist und daher noch drastische Umbrüche möglich sind. Er sieht eine Aufgabe der Juristen auch darin, Bewusstsein für den richtigen Umgang mit Daten zu schaffen und der schnell­le­bigen gesell­schaft­lichen Entwicklung einen recht­lichen Rahmen zu geben. Um die Möglich­keiten innerhalb der Kanzlei voll auszu­nutzen, möchte der angehende Volljurist als nächstes einen genaueren Blick auf Mandate in den Bereichen Marken- und Softwa­re­recht werfen. Und noch etwas nimmt Schmidt aus dem Kanzlei­alltag mit: „Aus wirtschaft­licher Sicht sind auch die Kanzlei­ab­läufe inter­essant, gerade falls man später doch selbst eine Kanzlei unter­halten will.“ Der Referendar versteht es, möglichst viel aus der Anwalts­station mitzu­nehmen.

 

Winter­se­mester 2013/2014

Bild von Moritz Heusinger
Start­helfer aus Überzeugung

Text: Katja Wilke

Rund drei Jahre hing Moritz Heusinger schon als Vertei­diger in dem Straf­ver­fahren. Immer wieder machten sich der Rechts­anwalt und seine Kollegen von der Kanzlei HDMW Heusinger Danne Müller Reimer von Berlin auf den Weg nach Münster, wo ihre Mandanten wegen Steuer­hin­ter­ziehung und Beihilfe zur Steuer­hin­ter­ziehung angeklagt waren. Ein komplexer Prozess um Umsatz­steu­er­betrug – der schließlich mit einem Erfolg endete: Die Verfahren gegen die Angeklagten wurden einge­stellt. Heusinger erinnert sich an eine anstren­gende Zeit: „Der Prozess hat geschlaucht. Ich hatte Mitleid mit den Mandanten, das waren nette, anständige Menschen aus bürger­lichen, normalen Verhält­nissen. Als Verkäufer hatten sie ihrem Chef vertraut und gar kein Schuld­be­wusstsein bei dem, was sie taten.“ Die Einstellung der Verfahren war auch  deshalb wichtig, weil damit die Chancen stiegen, existenz­ver­nichtend hohe Forde­rungen des Finanzamts abzuwehren. Heusinger übertrug diese Aufgabe Thomas Flor, der kurz zuvor seine Anwalts­station bei ihm begonnen hatte. Der Referendar verfasste einen Einspruch  – in einer Qualität, die Heusinger noch heute begeistert. „Er hat darin die Rechtslage rechtlich und dogma­tisch exakt dargelegt“, sagt der Anwalt. Der Einspruch hatte Erfolg. Nach langen Jahren des Zitterns war das für die Mandanten eine große Erleich­terung. Heusinger und die drei weiteren Partner von HDMW bilden gern und regel­mäßig Referendare aus. Alle vier inves­tieren viel. So müsse man etwa immer ansprechbar sein für den Nachwuchs – auch im eigenen Interesse. Denn wenn die Kommu­ni­kation nicht funktio­niere, komme es vor, dass sich Referendare an – für Praktiker – einfachen Problemen festbissen. Heusinger achtet darauf, dass die Referendare nicht nur über Schrift­sätzen brüten, sondern auch miter­leben, wie Anwälte im Alltag arbeiten. „Es gibt so viel, was in der Uni nicht gelehrt wird. Etwa, wo Haftungs­fallen liegen, wie man ein Diktier­gerät bedient oder wie wichtig die kaufmän­nische Seite ist – wie man zum Beispiel ein angemes­senes Honorar kalku­liert.“, sagt Heusinger. Ein anderer wichtiger Punkt: die Etikette. Das Verhalten gegenüber allen Mitar­beitern muss stimmen, auch gegenüber den Sekre­tä­rinnen. Referendar Flor sorgte im Vorzimmer ganz am Anfang für Irrita­tionen, weil er sich beim Verlassen der Kanzlei nicht verab­schiedete. Heusinger gab ihm daraufhin dezent ein paar Hinweise, welches Verhalten bei den Mitar­bei­te­rinnen gut ankommt. „Das hilft später auch in anderen Kanzleien beim profes­sio­nellen Auftreten“, sagt er. Heusinger hat jahre­lange Erfahrung in der Juris­ten­aus­bildung: Lange Zeit hat der Anwalt als Repetitor Studenten auf das erste Staats­examen vorbe­reitet und wurde später zum neben­amt­lichen Prüfer des Gemein­samen Justiz­prü­fungs­amtes der Länder Berlin und Brandenburg bestellt. Nun prüft er regel­mäßig angehende Juristen im ersten und zweiten juris­ti­schen Staats­examen. Für ihre Mühe bekommen Heusinger und seine Kollegen viel zurück. Zwar klingen die Formu­lie­rungen in Schrift­sätzen der Anwalts-Azubis für Praktiker oft hölzern undmüssen noch geschliffen werden. Aber inhaltlich ist das, was Referendare leisten, sehr häufig auf hohem Niveau. „Zu diesem Zeitpunkt der Ausbildung sind Juristen auf einem Wissens­level, das sie später nie wieder erreichen werden“, schwärmt Heusinger. Wenn er Vertrauen in einen Stati­ons­re­fe­rendar oder eine  Referen­darin hat, lässt er ihmoder ihr viel Spielraum. Flor zumBei­spiel, schickte er allein in ein Mandan­ten­ge­spräch.  Ein Cafébe­sitzer lag im Clinch mit der Gema. Flor entschied, wie weiter vorzu­gehen war. „Der Mandant wusste natürlich, dass er von einem Referendar beraten wurde, aber er hat keinen Unter­schied zu einer anwalt­lichen  Beratung gemerkt, wie er im Nachhinein gesagt hat“, sagt Heusinger. Ihm ist wichtig, dass Referendare  Verant­wortung übernehmen. Enttäu­schungen hat es aber natürlich auch schon gegeben, das streitet Heusinger nicht ab. Zum Beispiel Examens­kan­di­daten, die sich drei Monate krank melden. Oder solche Bewerber, mit denen einfach die Kommu­ni­kation nicht funktio­niert. In der Regel können Heusinger und seine Kollegen so etwas  aber schon im Vorfeld erfolg­reich vermeiden: „Wir sitzen dem Referendar in Vorstel­lungs­ge­sprächen oft zu dritt gegenüber“, sagt Heusinger. „Das zahlt sich aus. Ganz überwiegend sind wir sehr zufrieden.“ Wie mit Flor. Übernehmen kann die Kanzlei ihn zwar nicht – aber siemacht sich bei einer anderen Kanzlei für ihn stark.

Bild von Thomas Flor
Rechts­re­fe­rendar Thomas Flor: Nur keine schmutzige Wäsche

Umsatz­steu­er­ka­rus­selle kannte Thomas Flor bis zum Antritt seiner Anwalts­station bei der Kanzlei HDMW eigentlich nur aus der Wirtschafts­presse. Derartige krimi­nelle Geschäfte also, bei denen Unter­nehmen aus verschie­denen EU-Ländern zusam­men­ar­beiten, um den Staat zu prellen: Ein Unter­nehmen führt die von seinemKunden bezahlte Umsatz­steuer nicht an das Finanzamt ab, der Kunde­macht aber die Vorsteuer geltend und bekommt sie vom Finanzamt ausge­zahlt. Bei HDMW bekam Flor gleich zu Beginn einen solchen komplexen Fall auf den Tisch. Sein Ausbilder, der Berliner Anwalt Moritz Heusinger, der die Mandanten im voran­ge­gan­genen straf­recht­lichen Prozess verteidigt hatte, führte ihn in die – umfang­reiche – Vorge­schichte des Falles ein. Obwohl die Straf­ver­fahren einge­stellt worden waren, meldete sich jetzt das Finanzamt. Es verlangte von den Mandanten Nachzah­lungen in Höhe einer sechs­stel­ligen Summe. Flors Auftrag war klar: den steuer­recht­lichen Haftungs­be­scheid abschmettern. Der 32-Jährige wühlte sich durch die Akte und verfasste einen Einspruch gegen den Bescheid. Wenige Monate später, gegen Ende seiner Station bei HDMW, erlebte Flor einen Glücks­moment: Dem Einspruch wurde statt­ge­geben, das von ihm verfasste Schreiben war ein Erfolg auf ganzer Linie. Für den Referendar eine schöne Bestä­tigung: „Zu erkennen, dass man die Fähigkeit hat, in der Praxis tatsächlich zu helfen, ist ein gutes Gefühl.“ Flor, dessen schrift­liches Zweites Examen kurz bevor­steht, fühlte sich bei HDMW während seiner gesamten Station gut unter­stützt. Nicht nur von Heusinger, auch von dessen Kollegen wurden ihm regel­mäßig Fälle übertragen. Flor bekam Gelegenheit, Schrift­sätze wie Berufungs­be­grün­dungen oder Klage­er­wi­de­rungen zu schreiben sowie  Gutachten, die entweder direkt für die Mandanten bestimmt waren oder den Anwälten zur Vorbe­reitung des Falles dienten. „Jeder Einzelne der Anwälte war immer ansprechbar, wenn es Fragen gab“, sagt Flor. Für die Zeit seiner Anwesenheit hatte er ein eigenes Büro in der zentral in Berlin-Mitte gelegenen Kanzlei. Die Station bei HDMW hat  Flor in dem Willen bestärkt, nach dem Examen in einer mittel­stän­di­schen Kanzlei zu arbeiten. Zuvor hatte der angehende Anwalt nur Praktika in Einzel­kanz­leien absol­viert. Das war zwar auch lehrreich, doch häufig fielen für ihn nicht ausrei­chend inter­essante Fälle an und es gab Leerlauf. Flor suchte deswegen gezielt nach einer mittel­stän­di­schen Kanzlei. Er durch­forstete Anwalts­such­dienste und prüfte die Kanzleien im Hinblick auf Größe und Breite des Beratungs­an­ge­botes. „Ich wollte wirklich Arbeit haben“, sagt er. Und er schätzt den ständigen Austausch  mit den Kollegen. „Es war anregend zu sehen, wie Fälle inhaltlich unter­ein­ander besprochen werden. Das hebt die Qualität der Arbeit.“ Denn auch nach Ende der Ausbildung muss man sein Wissen ständig auffri­schen –  das wurde Flor nicht zuletzt bei der Lektüre der Schrift­sätze einiger gegne­ri­scher Kanzleien deutlich. So mancher  etablierte Anwalt schien sich da auf betagten Rechts­kennt­nissen auszu­ruhen. „Das rückt die Perspektive gerade, wenn man das Gefühl hat, wenig zu wissen“, sagt Flor. Lehrreich waren für Flor auch Fälle, auf die weder Univer­sität noch Referen­dar­ar­beits­ge­mein­schaft vorbe­reiten. Etwa, wenn der Mandant versucht, seinen Anwalt zu  instru­men­ta­li­sieren. Flor arbeitete an einem Fall um eine Immobi­li­en­strei­tigkeit mit. Der Mandant, Käufer einer Wohnung, wollte den Verkäufer wegen einer angeblich falschen Wohnraum­größe verklagen. In dem Fall passte  einiges nicht zusammen: Der Mandant konnte sich dieWohnung eigentlich gar nicht leisten. In der Kanzlei wuchs die Vermutung, dass Mandant und Verkäufer im Kaufvertrag die falsche Größe angegeben hatten, um an einen höheren Kredit zu kommen. Schließlich stellte sich auch noch heraus, dass der Verkäufer bereits wegen ähnlicher Rochaden  mit inter­na­tio­nalem Haftbefehl gesucht wurde. Flors Glauben an den Beruf hat das nicht erschüttert: „So etwas kommt vor. Die große Zahl der Mandanten ist glück­li­cher­weise ehrlich.“ Bei HDMW gefiel Flor die breite Palette an Fällen – die daraus resul­tiert, dass die Kanzlei vorwiegend mittel­stän­dische Mandanten hat und denen eine Rundum­be­treuung bietet. Er mag sich zumjet­zigen Zeitpunkt noch nicht auf einen bestimmten Tätig­keits­schwer­punkt festlegen. Nur eines ist schon jetzt sicher: Famili­en­recht wird es nicht. „Anderer Leute schmutzige Wäsche waschen“, sagt er lächelnd, „das ist nicht so meins.“

Sommer­se­mester 2013

Rechts­an­wältin Dr. Nadine Herrmann, Allen & Overy LLP

Texte: Alice Blezinger

Von hier oben aus hat sie alles im Blick: Im siebten Stock, hoch über der Elbe und dem Hamburger Hafen brütet Rechts­an­wältin Dr. Nadine Herrmann über Fragen zum Marken-, Urhebe­roder Daten­schutz­recht. Die Büros heißen Backbord und Steuerbord, Sylt oder Föhr, Hafen­rund­fahrts-Fähren tröten und – wie könnte es in Hamburg anders sein – der Regen pladdert an die großen Glasfenster. Doch trotz so viel Hamburg-Flair – bei ihrer Arbeit geht es inter­na­tional zu:Herrmanns Mandanten sind oft ameri­ka­nische oder europäische Firmen. Sicheres Englisch ist daher für die Arbeit essen­tiell. „Viele E-Mails gehen an Abtei­lungs­leiter großer englisch­spra­chiger Unter­nehmen.“, sagt Herrmann aus der Sozietät Allen & Overy. „Die erwarten nicht nur, dass inhaltlich alles stimmt – auch sprachlich muss die Arbeit überzeugen!“ Für Herrmann kein Problem. Die 34-jährige konnte ihr Englisch während eines LL.M-Studiums in Sydney und im Londoner Büro der Kanzlei polieren – auch in England ist sie als Solicitor zugelassen. Doch sie weiß, dass es jungen Anwälten und Referen­daren anfangs schwer fällt, in einer fremden Sprache die richtigen Worte zu finden. Selbst wer schon einmal länger im Ausland war, muss lernen sich juris­tisch genau auszu­drücken und in einer E-Mail an den Mandanten den richtigen Ton zu treffen. Korre­spondenz auf Englisch führen – eins der vielen Dinge, die Referendare wie Miriam Häfele in ihrer Station bei Nadine Herrmann lernen. 

 Bei der Referen­dar­aus­bildung ist Herrmann besonders wichtig, dass die Türen immer offen stehen. Dass wortlos eine Akte auf den Schreib­tisch liegt mit dem Zettel „Bitte Klage­schrift entwerfen“ – so etwas kommt hier nicht vor. Arbeits­auf­träge sollen die Anwälte persönlich mit den Referen­daren besprechen. „Refe­rendare sollen in der Station möglichst viele verschiedene Aufgaben übernehmen.“, findet Ausbil­derin Herrmann: Klage­schriften, Anträge im einst­wei­ligen Rechts­schutz, E-Mails an Mandanten und Kurzgut­achten, die so genannten „Memos“ stehen in der Anwalts­station auf dem Programm. Dennoch eignet sich nicht alles in einer Großkanzlei für Referendare: „Bei der Vertrags­ge­staltung tun sich viele Referendare noch schwer“, beobachtet Herrmann, die für ihre Mandanten etwa Verträge für den Kauf von Softwa­re­li­zenzen entwirft. Meist fehlt es schlicht an Erfahrung. Denn ohne den Markt­standard für Klauseln in der jewei­ligen Branche zu kennen, ist es schwer, sich ein Urteil zu bilden. „Auch bei den Formu­lie­rungen hapert es oft“, sagt Herrmann. Solche Kennt­nisse erwartet sie aller­dings auch nicht von ihren Referen­daren – Verträge verfassen hat schließlich kaum einer in der Ausbildung gelernt. Selten einge­bunden werden Referendare auch in große Unter­neh­mens­käufe. Die Telefonate ziehen sich oft bis in die späten Abend­stunden – wegen der Zeitver­schiebung etwa mit den USA. Spezi­al­wissen in bestimmten Rechts­ge­bieten erwartet Dr. Herrmann nicht von ihren Referen­daren. Auch die Referen­darin Häfele hatte vor ihrer Station keine Erfah­rungen im IT Recht „Gut gerüstet für die Großkanzlei ist, wer struk­tu­riert arbeitet,die Grund­lagen sicher beherrscht und auch auf neue Fälle anwenden kann.“ Denn die Basics sind auch bei großen Fällen immer wieder wichtig – wenn einem US-Mandanten der Unter­schied zwischen leichter und grober Fahrläs­sigkeit in der Recht­spre­chung erklärt werden muss. Gefragt sind Flexi­bi­lität und Leistungs­be­reit­schaft.

 „Wenn ich morgens ins Büro gehe, weiß ich nie genau, was mich erwartet“, beschreibt Herrmann ihre Arbeit. Nicht selten wird überra­schend eine große Telefon­kon­ferenz anberaumt oder ein Mandant hat eine dringende recht­liche Frage – ausge­rechnet wenn man sich auf einen planmä­ßigen Arbeitstag einge­stellt hatte. Wer bei dieser Vorstellung entsetzt aufstöhnt, ist bei Allen & Overy fehl am Platz. „Wir suchen Juristen, die Heraus­for­de­rungen mögen“, so Herrmann. Und wenn es bei der Arbeit ins Detail geht, dann ist vor allem Geduld und Genau­igkeit gefordert. „Viele Referendare sind überrascht wie hoch der Anspruch ist, eine recht­liche Frage bis ins letzte Detail auszu­leuchten“, berichtet Herrmann. Da reicht es nicht, nur in einem Kommentar nachzu­schlagen – ganz klar: Wer in der Großkanzlei arbeiten will, braucht das Zeug zum Tiefbohrer.

Referen­darin Miriam Häfele: BGB zählt auch bei den Großen

Den Überblick behalten – gar nicht so einfach bei manchen Fällen, an denen Miriam Häfele während ihrer Anwaltsstation bei Allen & Overy mitgearbeitet hat. Beim Streit um einen wichtigen Domain-Namen konnte die Referendarin sehen, wie ein umfangreicher Fall in seine verschiedenen rechtlichen Bestandteile zerlegt, auf mehrere Anwälte aufgeteilt – und später die Ergebnisse wieder in einen Schriftsatz zusammengefügt wurden. Im speziellen Schiedsverfahren der World Intellectual Property Organization (WIPO) stritten die Parteien um die Berechtigung, eine Internet-Domain zu nutzen. „Es gab hunderte Dokumente in mehreren Sprachen und
Rechtsprobleme auf dem sehr speziellen Gebiet desWIPO-Domainrechts“, erinnert sich Häfele. „Da muss man schon strukturiert arbeiten, um den Durchblick zu behalten.“ Und neue Aufgaben als Herausforderung ansehen: Denn mit Domainund Schiedsverfahrensrecht hatte Häfele zuvor noch nicht viel zu tun. Sich in unbekannte Rechtsgebiete einarbeiten – das musste sie während ihrer Station im Team IT-Recht nicht nur einmal. Wenn das Vorwissen aus Studium oder Praktika nicht mehr weiter reichte, hieß es: Bibliotheksrecherche oder Fragen, Fragen, Fragen.

 Besonders ihr „Buddy“ hat ihr in diesen Situa­tionen viel geholfen. „Buddy“, das ist ein Anwalt aus dem jewei­ligen Fachge­bietsteam des Referendars – ein Ansprech­partner fürs Fachliche aber auch für Fragen jenseits der Juris­terei, etwa zur Akten­ablage oder Biblio­theks­be­nutzung. Trotz der komplexen Fälle und der hohen Spezia­li­sierung sind ihr aber immer wieder auch „alte Bekannte“ aus Studium und Referen­dariat begegnet: Vertrags­aus­legung, Bürgschaften oder Schadenser­satz­an­sprüche – die BGB-Grund­lagen hat Häfele auch bei Allen & Overy immer wieder gebraucht. Das Vorurteil, bei einer Großkanzlei lerne man nichts Examens­re­le­vantes kann sie deshalb nicht bestä­tigen: „Den Palandt habe ich oft aufge­schlagen“, erinnert sie sich. Schon vor dem Referen­dariat hat sie in einer kleineren Kanzlei gearbeitet – die Arbeits­weise einer Anwältin war für sie daher nichts Neues. Doch Häfele war neugierig: „Weil ich kleinere Kanzleien schon kannte, wollte ich wissen wie sich die Arbeit in einer Großkanzlei davon unter­scheidet.“ Und wurde überrascht: „In einer Großkanzlei funktio­niert einfach alles!“, sagt Häfele. Und die Anwälte können sich bei so viel Unter­stützung ganz der eigent­lichen juris­ti­schen Arbeit widmen.

 Für Referendare gibt es ein eigenes Programm mit einer Mitar­bei­terin aus der Perso­nal­ab­teilung und zum Beispiel einem gemein­samen Referen­dar­früh­stück zum Austausch. Neben kompletten Schrift­sat­zent­würfen, Memos zu einzelnen Rechts­fragen und Mandan­ten­schreiben, konnte Häfele auch an Telefon­kon­fe­renzen oder persön­lichen Mandan­ten­ge­sprächen teilnehmen. „Das hilft auch später bei der Fallbe­ar­beitung“, erinnert sie sich. „Erst durch die Gespräche bekommt man einen umfas­senden Eindruck von dem Fall und den Wünschen des Mandanten.“ Manchmal war sie aber auch froh, einfach zuschauen, oder besser zuhören zu dürfen. Bei großen inter­na­tio­nalen Mandaten kann auch ein Gespräch mit dem eigenen Mandanten eine große Heraus­for­derung sein: Wenn etwa in einer Telefon­kon­fe­renzen auf Englisch noch weitere Anwälte oder Berater des Mandanten zugeschaltet sind, die man womöglich noch nie gesehen hat. Dann ist man erst einmal damit beschäftigt, die Stimmen ausein­ander zu halten.

 Das inter­na­tionale Umfeld, der Kontakt mit Mandanten aus der ganzen Welt hat der Referen­darin besonders gut gefallen. Obwohl auch sie anfangs noch mit den richtigen Formu­lie­rungen in ihren E-Mails gehadert hat. Alles eine Übungs­sache wie sich heraus­stellte: Ein paar E-Mails und Nachfragen bei ihrer Ausbil­derin später hatte sie den Dreh raus. Insgesamt ist Häfele überzeugt: Auch wenn man als Referen­darin nicht so häufig selbst­mitMan­danten spricht und weniger Erfahrung vor Gericht sammeln kann – die profes­sio­nelle Organi­sation und der inter­na­tionale Bezug machen die Arbeit spannend. Nach dem Referen­dariat hat sie ihre Doktor­arbeit begonnen und arbeitet weiterhin als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin bei Allen & Overy – oft zusammen mit ihrem ehema­ligen „Buddy“ aus dem Referen­dar­pro­gramm.

Winter­se­mester 2011/2012

Bild von Oliver Korte
In der Sprache des Handels

Text: Dr. Justus von Daniels

Wer in Hamburg schon mal durch die Hafenanlagen von Wilhelmsburg oder Steinwerder gefahren ist, die unendlichen Kolonnen von LKWimHafen gesehen hat oder die Lagerhallen von Großhändlern, deren Namen man nicht kennt, der weiß: das wirtschaftliche Herz der Hansestadt schlägt nach wie vor im Handel.
    Oliver Korte, Partner der Rechtsanwaltskanzlei SKW Schwarz, sitzt zwar in der Nähe der eleganten Binnenalster in Hamburgs Mitte, aber er ist mittendrin in den Abläufen des Warenumschlags. Handels- und Gesellschaftsrecht, da denken viele an Unternehmenskäufe, Zusammen- schlüsse, Großkanzleien. Aber nicht in erster Linie an den Kaufmann aus dem Handelsgesetzbuch. Bei dem 40-jährigen Korte, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht, ist es genau umgekehrt. Er ist Spezialist für Handels- und Vertriebsrecht in einer Kanzlei, die zu den großen  Wirtschaftsrechtskanzleien in Deutschland gehört, die aber keine Großkanzlei ist. Seine Mandanten sind der deutsche Großhändler oder der Handelsvertreter; die Vertragspartner seiner Mandanten sind der Produzent in Übersee oder der Zulieferer in Finnland. Korte sorgt dafür, dass Waren vertragsgemäß ihren Weg von A nach B nehmen, oder auch mal zurück, etwa wenn sie mangelhaft sind. „Im Groß- und Außenhandel kennt man unseren Namen“, sagt der Kanzleipartner. SKW Schwarz ist das Ergebnis eines Kanzleizusammenschlusses. An fünf Standorten deckt die Kanzlei mit unterschiedlichen Schwerpunkten das Wirtschaftsrecht ab und hat mehr als 100 Anwälte. In Hamburg ist die Kanzlei, die bis vor drei Jahren noch Schlutius hieß, fest etabliert. Die Mandanten kommen seit 50 Jahren aus dem satten Stamm des Mittelstandes im Handel. Erfahrung, die sich auszahlt: „Gegner, die mit dem Vertriebsrecht nicht ganz so vertraut sind, sind meist leichte Beute. Denn vieles von dem, was rechtlich gilt, steht nicht im Gesetz. In unserem Bereich läuft viel über geübte Handelspraxis.“
  Auch wenn er gelegentlich zum Schiedsgericht der Handelskammer oder zum Landgericht geht, ist Korte doch eher Berater. Er gestaltet Rahmenverträge, um die Lieferketten rechtlich abzusichern. „Mein Gebiet ist im Grunde das Kaufrecht des BGB, ergänzt durch das UN-Kaufrecht.“ Zunehmend kommen auch M&A-Tätigkeiten dazu: „Viele Unternehmensgründer übergeben gerade ihre Betriebe. Da wird es neue Zusammenschlüsse geben.“ In der Regel aber bewegt sich der Vertriebsrechtler in der Spannung zwischen demklassischsten aller Privatrechtsgebiete und der internationalen Perspektive. So erleben es auch die Referendare wie Elina Berchtein. Korte betraute sie mit einem umfangreichen UN-Kaufrechtsfall, bei dem eine deutsche Herstellerin gegen einen spanischen Zulieferer vorgehen wollte, der der Herstellerin Mängel vorwarf und den Vertrag kündigen wollte. Korte ist von der Leistung seiner Referendarin nachhaltig beeindruckt: „Sie hat sich in kürzester Zeit ins UN-Kaufrecht eingearbeitet und ein umfangreiches Gutachten entworfen, das später die entscheidende Grundlage für unsere Klageschrift wurde.“
   Viele Mandanten des Hamburger Büros von SKW Schwarz haben in der Regel keine eigene Rechtsabteilung. Wenn es um komplexe Handelsverträge geht, muss man daher in der Lage sein, dem Mandanten die Verfahren verständlich zu machen. Kortes Referendarin übernahm auch die Korrespondenz mit Mandant und Gegenseite. „Das war wirklich außergewöhnlich“, sagt Korte. „Denn sie konnte das Juristische ins Verständliche übersetzen. Die Korrespondenz ist ja ein wesentlicher Teil unserer Tätigkeit, aber das lernt man im Referendariat eigentlich gar nicht.“ Zwar wird von Ausbildern immer wieder versichert, dass man Referendare umfänglich in einen Fall einbeziehen würde, aber in der Regel reicht es – auch aus Gründen der Stationslänge – meist nur zu punktuellen Gutachten oder Schriftsätzen. Korte hat das Potenzial seiner Referendarin erkannt und sie kontinuierlich in den Fall eingebunden. Offenbar mit Erfolg. „Wir wollen natürlich auch Referendare übernehmen“, sagt Korte. Aber er gibt zu, dass das dann doch nur selten der Fall ist. Immerhin ist ein ehemaliger Referendar der Kanzlei gerade Partner geworden.

Bild von Elina Berchtein
Das Spiel der Argumente - Rechts­re­fe­ren­darin Elina Berchtein

Wie findet man eigentlich heraus, welches Rechtsgebiet zu einem passt? Das Strafrecht ist für viele faszinierend, aber mit Gesellschaftsrecht verdient man doch deutlich mehr Geld. Im Familienrecht kann man zwischenmenschliche Tragödien verhindern und mit Verwaltungsrecht politisch gestalten. Wählt man das, was einen thematisch packt – oder was zählt? Elina Berchtein hat erst im Referendariat festgestellt, was sie wirklich interessiert – und sie war darüber durchaus überrascht. Wie viele fand die 28-jährige während ihres Studiums an der Universität Kiel das gut, was sie am besten konnte. Staats- und Verwaltungsrecht fielen ihr leicht und machten ihr daher Spaß. Aber ein konkreter Berufswunsch? Erstmal das Studium durchziehen, und schnell ins Referendariat.
   Berchtein bewarb sich nach der Verwaltungsstation im Innenministerium von Schleswig-Holstein für ihre Anwaltsstation bei einem anderen großen Arbeitgeber, bei Shell in Hamburg. Weil sie prüfen wollte, ob sie sich auch vorstellen kann, in der freienWirtschaft zu arbeiten. Sie findet das Wirtschaftsrecht schon spannend, aber von der Arbeit bei den Syndikusanwälten war sie nicht gerade begeistert. „Ein Unternehmen interessiert sich nur für ein juristisches Ergebnis. Dort will man wissen, ob etwas rechtlich möglich ist oder nicht. Niemand interessiert sich aber für den Weg dorthin, für die juristische Begründung“, sagt Berchtein. Eine Art Selbsterkenntnis: Sie stellte fest, dass sie dort arbeiten möchte, wo es auch um das Nachvollziehen einer guten Argumentation geht. Da mag der Arbeitgeber aufgrund seiner Größe interessant sein, aber die Arbeit selbst war es nicht. Wahrscheinlich weiß die Referendarin nicht, was ihren späteren Ausbilder bei der Rechtsanwaltskanzlei SKW Schwarz, Oliver Korte, besonders begeistert hat. Er schätzte nicht allein ihr juristisches Können, sondern auch die Fähigkeit, der Gegenseite und der eigenen Mandantin die juristischen Argumente verständlich zu vermitteln. „Sie hat schnell das richtige Fingerspitzengefühl für den Adressaten entwickelt“, sagt Korte. „Das können nicht viele Referendare.“
    Der Anwalt hat immer zwei Argumentationsebenen: Ermuss juristisch sauber begründen können, um fachlich zu überzeugen. Und er muss dem Mandanten erklären können, welche juristischen Schritte er mit welchem Ziel verfolgt. Elina Berchtein hat sich in einen UN-Kaufrechtsfall richtig reingehängt. Als sie die Ansprüche der Mandantin gegen den spanischen Zulieferer prüfen sollte, hatte sie noch keine Ahnung vom UN-Kaufrecht. Aber es hat ihr auf Anhieb Spaß gemacht. Sie hat sich in die Rechtsprechung eingelesen, Rahmenverträge und Klagealternativen geprüft. Immer wieder berät sie sich mit ihrem Ausbilder. Es werden Entwürfe formuliert und verbessert, bis zum Schluss ein 14-seitiges Gutachten steht.
   Fast größer war für sie noch die Herausforderung, die Erwiderungsschreiben an die Gegenseite in Spanien vorzubereiten: Dafür sollte sie ihre Argumente auf Englisch darlegen. Das hat sie so gut gemacht, dass Korte sie beauftragt hat, die Schreiben gleich selbst aufzusetzen. Einen Fall zu durchdringen, einen Lösungsweg zu finden, eine Haltung einzunehmen und die Begründung auch so aufzuschreiben, dass sie verständlich ist: Das interessiert Elina Berchtein am Recht. Dass sie dies nun im Handels- und Vertriebsrecht machen möchte, ist fast Zufall. „Ich habe das Gebiet überraschend gut gefunden. Ich komme mit den Ideen im Kaufrecht und den Argumenten einfach gut zurecht“, sagt sie. Ihre Begeisterung für die Spezialisierung von SKWSchwarz in Hamburg hängt aber auch mit der Arbeitsatmosphäre dort zusammen. „Es ist sehr persönlich hier und die Arbeitszeiten sind gut geregelt. Die Anwälte haben ein Privatleben“, sagt Berchtein. „Das ist auchmir sehr wichtig. Ein Leben außerhalb von Jura muss möglich sein.“ Berchtein hat für sich ein Rechtsgebiet gefunden, das sie bis vor kurzem nur von der theoretischen Seite kannte. Herausgefunden hat sie vor allem, wie und wo sie am liebsten arbeitet. Und ihr Interesse für das Verwaltungsrecht? Das ist nicht geschwunden. „Es kann schon sein, dass ich noch mal in eine Behörde gehe.“ Zunächst hat sie sich aber für das Spiel der Argumente in der Rolle einer Anwältin entschieden.

Sommer­se­mester 2013

Bild von Tahir Basheer
Den Sachverhalt zum Leben erwecken

Texte: Jördis Harbeck

Pink Floyd, Andrew Lloyd Webber, Robbie Williams – die offizielle Mandantenliste der Londoner Anwaltssozietät Sheridans Solicitors liest sich wie das Who-is-Who der Entertainmentbranche. So erstaunt es wenig, dass das Büro zwar in Camden, einem der populärsten Stadtteile Londons, jedoch diskret und zurückgezogen in einer beschaulichen, von Bäumen gesäumten Seitenstraße liegt. Bereits seit mehr als 50 Jahren gibt es die Anwaltsfirma, die ursprünglich neben dem Recht der klassischen Medien auch im Bereich Menschenrechte tätig war.
Heute allerdings ist Sheridans auf medienrechtliche Beratung in allen Bereichen der Unterhaltungsbranche spezialisiert, von Film und Theater über Mode und Sport bis hin zu (Online-) Spielen und Handel. „Eng orientiert an den Bedürfnissen des Marktes verlagert sich der Tätigkeitsschwerpunkt unseres Büros aufgrund der schnellen technischen Entwicklung immer stärker auf den Bereich der digitalenMedien und insbesondere Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Internet“, erzählt Tahir Basheer (38), Spezialist für den Bereich der interaktiven Medien. „Um optimal beraten zu können, müssen wir stets auf dem aktuellen Stand der Technik sein. Technisches Verständnis und die Bereitschaft, sich mit immer neuen Dingen auseinanderzusetzen, sind neben dem juristischen Knowhow daher wichtige Voraussetzung in unserem Geschäft.“
Wichtig ist aber auch noch etwas anderes: „Uns allen gemeinsam ist die Leidenschaft für die Sache, die auch privat gelebt wird. Optimalerweise berät daher der Freizeitsportler einen Fußballclub der Premier League bei einer Sponsorenvereinbarung und der Modeinteressierte ein Modelabel bei der Gründung eines Onlineshops.“ Der Partner berät mit seinem Team, das inzwischen zur Topliga der Anwaltsbranche gehört, Mandanten aus aller Welt, vor allem aus Russland, dem Nahen Osten oder Asien, zu den Rechtsfragen der neuen interaktiven Technologien. „Trotz allem sind wir aber eine britische Kanzlei mit Rechtsanwälten, die im englischen Recht zuhause sind. Andere Jurisdiktionen decken wir über befreundete Kanzleien in den jeweiligen Ländern ab. So kam auch Frank zu uns. Er wurde uns von einer deutschen Sozietät empfohlen, mit der wir gerade ein gemeinsames Projekt im Bereich Onlinespiele beendet hatten. In diesem hatte auch Frank mitgearbeitet. Für uns war das ein Experiment, da wir noch nie einen deutschen Juristen zur Ausbildung hatten. Nach einem Telefoninterview und Rücksprache mit seinemdortigen Ausbilder, haben wir uns aber gern daraufeingelassen“, berichtet Tahir Basheer. Und bereut hat er die Entscheidung keine Sekunde. Ganz im Gegenteil: Frank Falker punktetemit großem Engagement und überdurchschnittlichem technischen Verständnis. Der Ausbilder freut sich: „Sein Detailwissen war manchmal sogar weitreichender als meines.“ Auch in das Teamfügte er sich nahtlos ein. Mandate aus demBereich des Medienrechts spielen sich zumeist auf einer internationalen Bühne ab. Oft finden sich Rechtsgrundlagen im Europarecht, seltener dreht es sich ausschließlich um nationales Recht. Aus diesem Grunde war es auch sekundär, dass Frank Falker eigentlich deutscher Jurist ist – für seine Kollegen war er in erster Linie einer von ihnen,mit demman sich gut austauschen konnte. Auch kulturelle Unterschiede bemerkte Tahir Basheer nicht. „Jeder Jurist hat seine eigene Arbeitsweise – einige arbeiten sehr strukturiert, andere brauchen etwas mehr kreativen Freiraum, um effektiv zu sein. Für mich hat das nicht unbedingt etwas mit der Herkunft oder dem Ausbildungssystem zu tun.“
Der Anwalt betrachtet die deutsche Ausbildung seines Referendars vielmehr als zusätzlichen Bonus: „Frank brachte gerade in Fällen mit europäischem Einschlag neue Aspekte und Perspektiven ins Spiel, das hat uns häufig geholfen. In einem Fall spielte ein Mandant mit dem Gedanken, ein Unternehmen in Deutschland zu gründen. Dank Frank konnten wir ihm vorab schon einmal einen Überblick über die verschiedenen Gesellschaftsformen des deutschen Rechts und deren Gründungsvoraussetzungen geben. Der Mandant konnte danach bequem entscheiden, ob er dies weiterverfolgen und eine deutsche Kanzlei mit der Sache betrauen wollte. Diese Form von Orientierungshilfe hat mir gut gefallen.“ Nach der positiven Erfahrung mit Frank Falker kann sich Tahir Basheer gut vorstellen, noch einmal einen Referendar aufzunehmen – „wenn dieser mindestens genauso passioniert ist.“

Bild von Frank Falker
Referendar Frank Falker - Alles hängt mit allem zusammen

DigitalMedia, E-Commerce, Online Gaming, Software Publishing – wenn Frank Falker von seiner Anwaltsstation in London erzählt, merkt man schnell: Er weiß genau, wovon er spricht. Und es macht ihm Spaß. „Schon lange vor dem Beginn des Studiums habe ich meine Leidenschaft für das Internet und die immer neuen technischen Raffinessen entdeckt. Da ich mich aber auch für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiere, erschien mir das Jurastudium eine gute Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden“, erklärt Frank Falker (28) seinen Werdegang und seine Augen leuchten. „Die Technik entwickelt sich so viel schneller als das Recht – man muss sich stets auf dem Laufenden halten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Dazu sind meist gleich mehrere Rechtsordnungen beteiligt, beispielsweise wenn es um globale Lizenzen geht. Diese Herausforderung reizt mich.“
Während des Studiums hat er noch ganz klassisch einen wirtschaftsrechtlichen Schwerpunkt belegt: „Gesellschaftsrecht, Kartell- undWettbewerbsrecht erschienen mir eine gute Wahl. Gerade weil sich die Technologie so rasch wandelt, ist es wichtig, eine solide Basis zu haben, um den besonderen Situationen der Onlinewelt begegnen zu können.Denn auchwenn die Probleme neu seinmögen – gelöst werdenmüssen sie vor allem mit dem Handwerkszeug, das uns die Rechtswissenschaft an die Hand gibt.“ Vorbereitet durch einen Master im Recht der Informationstechnologie und des geistigen Eigentums – gemeinsam angeboten von der Universität Hannover und mehreren europäischen Partneruniversitäten (darunter die Londoner Queen Mary University) – richtete Frank Falker sein gesamtes Referendariat auf diesen Interessenschwerpunkt aus. Seine Anwltsstation bei der Frankfurter Kanzlei Schulte Riesenkampff ermöglichte ihm schließlich den Weg nach London – man empfahl ihn kurzerhand an die dortige Partnerkanzlei. „Ich wollte unbedingt noch einmal nach England gehen. Einerseits um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, aber auch, weil die Entwicklung im Bereich der digitalen Medien dort weiter fortgeschritten ist als irgendwo sonst in Europa und sogar mit den USA mithält. Im Jahr 2010 wurden etwa 8,3 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts aus der sogenannten Digital Economy erwirtschaftet. Damit führen die Briten die Weltspitze an.“ Da in Rheinland-Pfalz, wo Frank Falker Referendar ist, die Examensklausuren, anders als in den meisten anderen Bundesländern, nicht am Ende der Anwaltsstation liegen, sondern mittendrin, konnte er die Station teilen und bereits direkt nach den Klausuren nach London wechseln.
Bei Sheridans gewöhnte Frank Falker sich schnell ein. Gemeinsam mit den britischen Kollegen teilte er ein Großraumbüro. „Das fand ich toll. Wenn jemand ein kniffeliges Problem hatte, warf er es in den Raum und sofort entbrannte eine heiße Diskussion“, erzählt Frank Falker. Auch er konnte mithalten. Vor allem wegen seines hervorragenden Verständnisses für die Materie, aber auch weil er deutscher Jurist ist. „Viele Mandate haben letztlich einen Bezug zum deutschen Recht, da sie häufig auf europäischem Gemeinschaftsrecht fußen. Wir hatten zum Beispiel einen Fall, in dem es um die Verletzung eines europäischen Markenrechts ging. Unsere Aufgabe war es, dem Mandanten aufzuzeigen, wie er in den einzelnen Mitgliedsstaaten dagegen vorgehen kann und welcher Weg möglicherweise der für ihn günstigste ist.“ Zu einem tatsächlichen Schlichtungs- oder Gerichtsverfahren kam es während der drei Monate jedoch nicht. Auf dem Ausbildungsplan stand daher vor allem Vertragsarbeit. Da die von den englischen Juristen ausgearbeiteten Verträge üblicherweise jedoch auch demenglischen Recht unterstehen, waren die Einsatzmöglichkeiten für den deutschen Referendar naturgemäß ein wenig limitiert.
„Vor allem habe ich an den umfassenden Vorarbeiten mitgewirkt, habe bei komplizierten Strukturen den Vertragsgegenstand ausgearbeitet, sehr viel recherchiert, Ergebnisse aufbereitet und auch mal Dokumente übersetzt“, erzählt Frank Falker. Der Lerneffekt ist allerdings nicht zu unterschätzen: Auf kaum eine andere Weise lernt man effektiver, mit dem fremden Recht umzugehen und verbessert gleichzeitig, quasi automatisch, seine sprachlichen Fertigkeiten. In seiner Wahlstation möchte Frank Falker bei Heuking Kühn Lüer Wojtek nun noch ein wenig Großkanzleiluft schnuppern – natürlich in der Praxisgruppe „IP, Media & Technology“.

Winter­se­mester 2012/2013

Der Anwalt für den fernen Osten

Texte: Dr. Justus von Daniels

Rechts­anwalt Stefan Schmierer (35) musste erst in den Westen fahren, um Hong Kong, seine Wahlheimat, für sich zu entdecken. Als er nach seinem Studium einen LL.M. in der ameri­ka­ni­schen Stadt India­na­polis (Indiana) absol­vierte, kam er dort mit chine­si­schen Studenten in Kontakt. „Die haben eine ähnliche Menta­lität wie ich“, sagt der Schwabe, „Sie sind am Anfang verhalten und Freund­schaften entwi­ckeln sich langsam. Ich kam mit denen besser klar als mit den ameri­ka­ni­schen Studenten“, erinnert sich Schmierer. Die Freund­schaften zwischen dem gebür­tigen Stutt­garter und seinen chine­si­schen Kommi­li­tonen entstanden am gemein­samen Küchen­tisch: „Ich gab ihnen Nachhilfe und sie haben für mich gekocht.“ Die Neugier auf China war geweckt und schon verbrachte er im Jahr 2008 - nicht nur wegen der Olympi­schen Spiele – seine Wahlstation bei der inter­na­tional tätigen Rechts­be­ra­tungs­ge­sell­schaft Rödl und Partner in Peking. Zurück in Stuttgart begann er, am dortigen Standort der Kanzlei zu arbeiten, aber es hielt ihn nicht lange in seiner Heimat. Er hatte beschlossen, dass das bessere Schwaben im fernen Osten liegt. 2009 zog Schmierer nach Hong Kong, um dort als deutscher Rechts­anwalt deutsche mittel­stän­dische Unter­nehmen zu vertreten.

Gerade hat Schmierer mit seinem Referendar Jingzhong Shang zusammen einen Arbeits­vertrag für den Geschäfts­führer eines deutschen Unter­nehmens in China aufge­setzt. Der Geschäfts­führer arbeitet in China, soll aber sein Geld in Deutschland bekommen. Das Unter­nehmen will damit Steuern sparen. „Das ist eine unserer Routi­ne­auf­gaben, bei denen unser Referendar die Struktur der Doppel­be­steue­rungs­ab­kommen kennen lernt und versteht, wie man unter den jewei­ligen Rechts­ord­nungen die beste Lösung für den Mandanten heraus­sucht“, sagt Schmierer. In diesem Fall wurde ein Arbeits­vertrag nach chine­si­schem Recht geschlossen.

Schmierer arbeitet für die Kanzlei Lorenz und Partners. Sie betreut in der Regel deutsche Mandanten, die in Asien tätig sind. „Zu uns kommen viele Mittel­ständler, die ihre Waren in Asien mittler­weile selbst einkaufen oder produ­zieren wollen“, sagt Schmierer. Sie gründen daher eine Tochter­ge­sell­schaft, die für sie mehrere Vorteile hat. Hong Kong ist nach wie vor ein Steuer­pa­radies und eignet sich daher gut als Standort in Asien. Die Gründung einer Tochter­ge­sell­schaft in Hong Kong hat zudem den Vorteil, dass die Mutter­ge­sell­schaft aus der Haftung genommen werden kann. „Wenn wir hier eine Gesell­schaft gründen, gibt es ein ganzes Bündel an Aufgaben für uns“, sagt Schmierer. „Hier kann ein Referendar direkt miter­leben, wie eine Gesell­schafts­gründung im Ausland funktio­niert. Haupt­sächlich wenden wir deutsches Recht und inter­na­tio­nales Steuer­recht an. Im Arbeits­recht werden Verträge zwar auch nach lokalem Recht aufge­setzt, aber da konnte ich mich mittler­weile einar­beiten“, sagt Schmierer. Als Hong Kong- Insider übernimmt Schmierer auch andere Aufgaben der Firmen­gründung: Er hilft bei der Suche von ortsan­säs­sigen Mitar­beitern oder nach Stand­orten – und er betreut deutsche Mitar­beiter, gelegentlich sogar bei der Aufsetzung von Heirats­ver­trägen.

Schmierer genießt den Blick aus dem 10. Stock im Central District Hong Kongs, mitten in der spekta­ku­lären Kulisse der Metropole. Seine Kanzlei ist nicht wie viele andere aufgrund der hohen Mietkosten in die Außen­be­zirke gezogen. Dafür nimmt die Kanzlei in Kauf, dass sich die Mitar­beiter und der Referendar auf 60 Quadrat­metern drängen und sich das Büro noch mit einer assozi­ierten Steuer­be­ra­tungs­ge­sell­schaft teilen.

Hier in der kleinen Asien­nische ist der Rechts­anwalt fast schon als Unter­nehmer gefragt; das gefällt Schmierer an seinem Job. Er frisst sich nicht durch Akten­berge, die ihm vom Gericht zugestellt werden, sondern er ist Location Manager, der dafür Sorge trägt, dass die deutschen Vertre­tungen in Asien auf sicheren Füßen stehen. In Hong Kong dürfte er auch gar nicht vor Gericht, denn eine Lizenz für eine Prozess­ver­tretung hat die Kanzlei nicht. In Hong Kong firmiert die Kanzlei lediglich als Foreign Regis­tered Law Firm.

Für Referendare bietet diese Kanzlei damit eine der wenigen Möglich­keiten, in Asien Erfah­rungen in der anwalt­lichen Beratung zu sammeln. Allein in Hong Kong ist Lorenz und Partners die einzige Kanzlei, die Firmen direkt vertritt. Die meisten inter­na­tio­nalen Kanzleien sind dort eher auf dem M&A-Markt tätig, während sich die Kanzlei Lorenz und Partner als Asien-Boutique auf das Beratungs­segment der Nieder­lassung deutscher Mittel­ständler spezia­li­siert hat. Neben dem Standort Hong Kong, an dem 15 Mitar­beiter beschäftigt sind, hat die Kanzlei in Bangkok ihre Zentrale mit 60 Mitar­beitern und eine weitere Außen­stelle in Vietnam. Chine­sisch spricht der deutsche Anwalt übrigens nicht. „Kanto­ne­sisch zu lernen, habe ich bisher nicht geschafft“, gibt der china­be­geis­terte Schmierer zu. Wenn doch einmal lokales Recht eine Rolle spielt, hat Hong Kong den Vorteil, dass Englisch Landes­s­prache ist und dass die Gesetze auch auf Englisch verfügbar sind. Derzeit passt es gut, dass der Referendar Shang gebür­tiger Chinese ist. Er kann für die Gründung einer Tochter­ge­sell­schaft eines Energie­ver­sorgers auf Chine­sisch recher­chieren. Voraus­setzung für einen Platz als Referendar in Hong Kong sind chine­sische Sprach­kennt­nisse aber nicht, sagt Schmierer. Mehr zählt, dass Referendare Interesse und Vorkennt­nisse an den Bereichen mitbringen, die hier wichtig sind. „Interesse im Steuer­recht ist nützlich, aber ich weiß auch, dass es spätestens beim Außen­steu­er­gesetz bei deutschen Referen­daren aufhört.“ In Hong Kong wohnen und deutsches Recht anwenden – was für viele Referendare eine schöne Abwechslung ist, ist für Schmierer das ideale Lebens­modell. Zurück nach Deutschland zieht es ihn vorerst nicht. „Ich würde am liebsten erst zurück­gehen, wenn ich 60 bin.“

Das Beste aus vielen Welten

Rechts­re­fe­rendar Jingzhong Shang aus München

Es war nicht gerade einfach, als Jingzhong Shang 2004 mit dem Jurastudium in München anfing. Ein Jahr zuvor war er über ein Studi­enan­wer­be­pro­gramm nach Deutschland gekommen. Shang hatte in China begonnen, Jura zu studieren und erfahren, dass Deutschland auch Studi­en­plätze an Chinesen vergibt. Seine Bewerbung hatte Erfolg und als Teil des Anwer­be­pro­gramms absol­vierte er zunächst einen einjäh­rigen Inten­sivsprachkurs  in München. Nun saß ein Chinese, der mit den Perspek­tiven deutscher Bildung gelockt worden war, in einem deutschen Wohnheim, und für ihn, der „nicht besonders kontakt- aktiv ist“, wie er sich selbst beschreibt, war es schwierig, alles selbst organi­sieren zu müssen. „In Deutschland ist der Abstand zwischen den Menschen viel größer als in China“, sagt Shang. Dann kamen die ersten Juravor­le­sungen. Für ihn waren sie anfangs eine Tortur; die juris­tische Begriff­lichkeit hatte nichts mit seinem Deutschkurs zu tun. Bis zum dritten Semester kämpfte er mit dem Paragra­fen­deutsch. Aber er war zäh, und nach neun Semestern hatte er sein Erstes Staats­examen bestanden.

„Die Stadt ist wirklich sehr beein­dru­ckend“. Die Stadt, über die der 30-jährige Shang in fließendem Deutsch erzählt, ist nicht München, sondern Hong Kong. Für ihn, den Referendar aus der Mitte Chinas, ist es das erste Mal, dass er in Hong Kong ist. „Es war Zufall, das ich von dem Referen­da­ri­ats­platz hörte.“ Er hatte einen Aushang der Kanzlei Lorenz und Partner gesehen und sich daraufhin für seine Wahlstation beworben. Es war vor allem Neugier auf die Metropole. „Ich komme aus einer mittel­großen Stadt in der Mitte Chinas“, sagt er. „Von dort ist Hong Kong sehr weit entfernt.“ Diese mittel­große Stadt hat „nur“ sieben Millionen Einwohner und es brauchte München, um nach Hong Kong zu gelangen.

Jetzt sitzt er in einem Bürohaus im Central District und befasst sich dort haupt­sächlich mit deutschem Steuer- und Arbeits­recht, was ihn zu Anfang schon überrascht hat. Seine Kennt­nisse aus dem Wahlfach Steuer­recht zahlen sich hier aus. „Ich mache am liebsten Einkom­mens­steu­er­recht“, sagt Shang, und da kam es ihm sehr gelegen, dass sein erster großer Auftrag darin bestand, an dem Arbeits­vertrag für einen Geschäfts­führer in China mitzu­ar­beiten. Für Shang war es eine Freude, zwischen deutschem und chine­si­schem Recht sowie dem Recht Hong Kongs zu prüfen, was für den Mandanten steuerlich am günstigsten ist. Er hat zwar nur Grund­kennt­nisse im chine­si­schen Recht und auch das Recht Hong Kongs kannte er bis jetzt nicht, aber schwer fiel ihm die Einar­beitung nicht.

Auch bei anderen Tätig­keiten jongliert er zwischen den Welten, wobei auch er, der von Haus aus Hochchi­ne­sisch spricht, in Hong Kong die Korre­spondenz meist auf Englisch führt: „Hier wird Kanto­ne­sisch gesprochen. Viele können zwar auch Hochchi­ne­sisch, aber im Geschäfts­verkehr wird in der Regel Englisch verwendet.“ Weil Shang Menta­lität und Kultur kennt, kann er gut vermitteln. Shangs Ausbilder Stefan Schmierer hatte ihn mit der Aufgabe betraut, bei einer Firmen­gründung mitzu­helfen. Nachdem Shang mit dem Verwal­tungsbüro des Handels­re­gisters telefo­niert sowie mit dem Finanzamt gesprochen hatte, war er überrascht, wie schnell in Hong Kong eine Firma gegründet werden kann: „Die Gründung war nach fünf Tagen vollzogen“, berichtet Shang. Im Büro der Kanzlei Lorenz und Partner ist er voll einge­spannt. Da sein Ausbilder Stefan Schmierer der einzige deutsche Anwalt in dem Büro ist, arbeitet Shang eng mit ihm zusammen und erfährt durch die Begleitung der Arbeit von Schmierer, wie sich deutsche Firmen in Asien etablieren und mit welchen Konflikten sie dort konfron­tiert werden.

Schmierer sagt, dass es kaum vorkommt, dass ein Referendar chine­sisch spricht. Die meisten Referendare, die in den Büros der Kanzlei Lorenz und Partner ihre Station absol­vieren, haben vor allem Interesse an Asien. In seinem Fall seien es häufig Bewerber, die sich für China begeistern und den Kontakt über das Konsulat in Hong Kong aufnehmen. Shang, der jeden Tag bis 19 Uhr im Büro sitzt, ist voll in das Leben der Metropole integriert. Er wohnt wie so viele am Stadtrand Hong Kongs, auf 10 Quadrat­metern, und fährt von dort täglich im Tross des Arbeits­heeres in die Stadt rein. Hong Kong ist ein teures Pflaster, da ist es gut, wenn man Kontakte hat: „Ich hatte Glück, dass ich einen Freund habe, bei dem ich günstig wohnen kann“, sagt Shang. Das Referen­dars­gehalt reicht für die Metropole bei weitem nicht aus. Man muss für eine derartig außer­ge­wöhn­liche Station auf jeden Fall eine Portion Eigenini­tiative mitbringen.

Als Shang nach Deutschland kam, entschied er sich bewusst für eine Arbeit im deutschen Rechts­system. Denn in seinem Fall hatte die Wahl, wo er studiert, eine größere Bedeutung, als die Wahl, was er studiert. In seinem Heimatland China gibt es für ihn, der bald eine deutsche Rechts­an­walts­zu­lassung haben wird, kaum beruf­liche Perspek­tiven. Daher war Shang noch vor dem Antritt seiner Wahlstation überzeugt, in Deutschland zu arbeiten. Das Steuer­recht hatte es ihm angetan, auch wenn er darauf nicht unbedingt fixiert war. Als er dann nach Hong Kong kam, war er überrascht, dass die Stadt seine beruf­lichen Inter­essen und seine Lebens­vor­stel­lungen optimal verbindet. In der deutschen Kanzlei hat er viel mit deutschem Steuer­recht zu tun, während er sich in der Stadt zu Hause fühlt. „Beruflich und privat gefällt es mir hier am besten“, sagt er. Hong Kong verbindet das Gute seiner Heimat mit den Vorteilen der westlichen Welt: „Das Essen ist hier besser als in China, es gibt mehr Freiheit, insgesamt fühlt es sich westlich an, was ich wichtig finde. Anderer­seits sind die Menschen hier nicht so ernst wie in Deutschland.“ Shang sieht für sich in Deutschland vielleicht sogar größere beruf­liche Chancen, aber „hier gefällt mir die Mischung aus chine­si­scher Tradition und Moderne.“ Man muss also nicht unbedingt Schwabe sein, um Hong Kong für sich zu entdecken.

Die unter­neh­me­rische Anwalts­seite von der Pike auf lernen

Texte: Alice Blezinger

 Die Büroge­mein­schaft der Rechts­an­wälte Ina Thimm, Christian Chris­tiani und Lydia Schwarz istmitten im reprä­sen­ta­tiven Berliner Regie­rungs­viertel gelegen. Obwohl das große Kanzlei­schild zum Eintreten einlädt setzt Rechts­an­wältin Ina Thimm­nicht auf Laufkund­schaft – die Mandan­tenak­quise nimmt sie lieber selbst in die Hand. „Eine eigene Kanzlei ist nichts für jeden“, meint Thimm, die selbst aller­dings rundum zufrieden ist. „Man muss eben ein Unter­neh­mertyp sein“,meint sie „denn auf poten­tielle Mandanten trifftman eigentlich überall“ – selbst auf  Bahnfahrten hat Thimm schon zukünftige Kunden kennen gelernt. IhreMan­danten berät die Fachan­wältin für  Arbeits­recht und ausge­bil­de­teWirt­schafts­me­dia­torin überwiegend imArbeits­recht aber auch imArzt­haf­tungs-, Vertrags- und Erbrecht. Bei der Auswahl ihrer Mandanten betreibt Thimm kein Schwarz-Weiß- Denken – sie vertritt sowohl Arbeit­nehmer als auch Arbeit­geber.

 Als Media­torin tritt Rechts­an­wältin Thimm dagegen nur selten auf, genutzt hat ihr die Ausbildung dennoch viel: „In vielen Fällen benutze ich Ansätze aus der Mediation im Umgang mit Mandanten und der Gegen­seite“, so Thimm. Besonders in ihrem Kerngebiet, dem Arbeits­recht, profi­tiert sie von ihren Vermitt­lungs­fä­hig­keiten: „Arbeits­recht ist ein sehr emotio­nales Rechts­gebiet“, sagt Thimm. „Da schreibe ich oft nicht einfach einen Schriftsatz, sondern rufe auch einfach mal an, um mit der Gegen­seite zu reden.“ Schließlich sollten die Parteien einander auch nach der Ausein­an­der­setzung noch ins Gesicht schauen können. „Was nützt es, die Kündigung abzuwenden, wenn der Mandant nach dem Verfahren gar nicht an den Arbeits­platz zurück möchte?“, sagt Thimm.

 Die Kanzlei läuft gut. Das vergangene Jahr war das umsatzstärkste Jahr bisher – und das trotz Schwangerschaft und  Geburt ihres kleinen Atticus. In der Ecke des Arbeitszimmers, nicht weit von Thimms Schreibtisch, steht sein kleines Kinderbett. Weil Atticus heute aber so ganz und gar nicht müde ist, robbt er auf dem Schreibtisch hin und her – ausnahmsweise, denn der ist eigentlich Thimms Revier. Dass sie irgendwann eine Familie gründen wollte, war für
Rechtsanwältin Thimm schon lange klar und ein weiterer Punkt, der für eine eigene Kanzlei sprach. „Als Selbständige bin ich viel flexibler und kann auch mal für ein paar Tage von zu Hause aus arbeiten, wenn ich keine Termine habe“, so Thimm. Zusätzlich zu den Kanzleiräumen in Berlin arbeitet Thimm auch regelmäßig von ihrem zweiten Büro in Salzgitter aus. In ihrem Heimatort hat sie viele Mandanten – und die Eltern können bei der Kinderbetreuung einspringen. Trotz Flexibilität bleibt ihr Arbeitspensumjedoch hoch: „Als Rechtsanwalt istman Dienstleister und die Mandanten erwarten daher, dassman für sie ansprechbar ist“, sagt Thimm. Mal eben ein halbes Jahr in Elternzeit zu gehen und sich komplett von der Arbeit zu verabschieden, kamfür sie deshalb nicht in Frage. Das Berufs- und Familienleben muss dann gut organisiert sein.

 Ihren Freiheiten als selbständige Anwältin gingen außerdem harte und vor allem arbeitsame Jahre voraus. Vor ihrem Schritt in die Selbstän­digkeit hat sie als Referentin im Bundestag und Mitar­bei­terin verschie­dener Kanzleien gearbeitet – und nebenbei die Kanzlei aufgebaut. „Fürmich war es sehr hilfreich, vor der Gründung­meiner eigenen Kanzlei einige Zeit als Angestellte zu arbeiten“, sagt Thimm. So kann man etwas Berufs­er­fahrung sammeln, ohne gleich für alle Bereiche selbst verant­wortlich zu sein. Viele junge Anwälte unter­schätzten auch die  unter­neh­me­rische Seite an der Selbstän­digkeit: Mandate kommen nicht von alleine. Thimm hält regel­mäßig Vorträge zu arbeits­recht­lichen Themen vor Perso­nalern und Führungs­kräften in Unter­nehmen – und nicht selten werden daraus Mandate.

 Referendare und auch Prakti­kanten hatte Rechts­an­wältin Thimm schon öfter, Referendar Sebas­tianHofer ist seit Oktober 2011 mit dabei. Am wichtigsten ist ihr, dass ein junger Jurist mit Leiden­schaft bei der Sache ist und Lust  hat, sich in Themen rein zu denken. Viel Wert legt sie außerdem auf eine gewisse „Dienst­leis­tungs­men­ta­lität“ – „ohne die geht heutzutage gar nichts mehr!“, sagt Thimm. Dazu gehöre, dem Mandanten zuzuhören, regel­mäßig über den Stand des Verfahrens zu berichten und insbe­sondere auch kompli­zierte Probleme verständlich darzu­stellen. „Die Fremd­wörter spare ichmir dann für den Schriftsatz auf“, so Thimm. Hier ist Thimm besonders zufrieden mit Hofer: „Er hat ein sehr gutes Gespür für den Umgang mit Mandanten und kann aufmerksam zuhören.“

 

Referendar Sebastian Hofer: Finger­spit­zen­gefühl und Erfahrung – was die Praxis lehrt

Den Anwalts­beruf kannte Hofer vor seiner Station bei Rechts­an­wältin Thimm noch nicht wirklich aus der Praxis. „Ich hatte im Studi­umein kurzes Prakti­kumin einer Kanzlei gemacht“, so Hofer, „aber als Referendar kann man viel selbstän­diger arbeiten und mehr Verant­wortung übernehmen“. Auf ein bestimmtes Rechts­gebiet war er nicht festgelegt. Er wollte die Anwalts­station nutzen, um Einblicke in möglichst viele verschiedene Rechts­ge­biete zu bekommen. Da trifft es sich gut, dass er nicht nur für Thimm, sondern auch für deren Kollegen Christian Chris­tiani und Lydia Schwarz Fälle bearbeiten kann. An der Station in einer kleineren Kanzlei gefällt ihm die selbständige Arbeits­weise und, dassman auch als Referendar schon nahe am Geschehen ist: Einige Fälle hat er bereits von vorne bis hinten betreut und war direkter Ansprech­partner für die Mandanten. Gerade vor den ersten Gerichts­ter­minen war Hofer nervös: „Das war das erste Mal, dass ich selbständig mit meinem Jura- Wissen in der Praxis etwas bewirken konnte.“ Die Erfahrung aus der Staats­an­walts­station war dabei gut fürs Selbst­be­wusstsein – immerhin war es nicht der aller­erste Auftritt vor Gericht. Und er war gut vorbe­reitet.

 Schon die Klage­schrift hatte Hofer verfasst und hatte die juris­ti­schen Probleme deshalb gut vor Augen: Der Mandant, ein leitender Angestellter, war mit seinem Arbeit­geber anein­an­der­ge­raten. Im Zuge der Ausein­ander-setzung habe er, so die Behauptung, zu seinem Chef gesagt, dass er diese Führungs­auf­gaben nicht mehr wahrnehmen wolle. Nun musste der Richter klären, ob ein solcher Verzicht überhaupt mündlich wirksam ist. „Ich war viel zu früh bei Gericht, weil ich so nervös war“, erinnert sich Hofer an die Gütever­handlung. „Dann ging alles ganz schnell vorbei und ich war überrascht, dass die  Verhandlung so kurz war.“ Nach demTermin hat Hofer auch den Anruf beim Mandanten übernommen. „Das ist manchmal ein schwie­riger Spagat“, findet er. „Auf der einen Seite ist man persön­licher Ansprech­partner, auf der anderen Seite aber auch juris­ti­scher Beistand“. Viele Mandanten sind extrem emotional, wollen etwa unter keinen Umständen zurück an ihren Arbeits­platz und am liebsten sofort kündigen. „Menschlich kann ich die Aufregung oft gut nachvoll­ziehen“, sagt Hofer, „trotzdem muss ich ihnen dann als Anwalt manchmal etwas anderes raten und sollte die Emotionen nicht zu sehr in den anwalt­lichen Schriftsatz einfließen lassen.“ Auch in die juris­tische Arbeit hat er sich schnell reinge­funden und das, obwohl manche Fälle alles andere als gewöhnlich waren: So hat er etwa im Fall eines engli­schen Mandanten, der in Deutschland lebt, aber viel Vermögen und Immobilien in Südafrika hat, ein Testament mit entworfen und ins Englische übersetzt. Hier galt es zu recher­chieren, ob und wann Common Law oder deutsches Recht anwendbar ist und wie sich dies im Erbfall auf den Pflichtteil auswirkt.

 „Gerade in kleineren Kanzleien bearbeitet man manchmal sehr außer­ge­wöhn­liche Fälle aus den verschie­densten Rechts­ge­bieten“, so  Thimm. „Man muss daher flexibel bleiben und bereit sein, sich immer wieder auf etwas Neues einzu­stellen“. Für den Referendar Hofer war Inter­na­tio­nales Privat­recht komplettes Neuland – aber den Umgang mit unbekannten  Rechts­ge­bieten lernt man schließlich im Referen­dariat. Nachfragen muss er bei Ausbil­derin Thimm eher bei ganz prakti­schen Fragen: Wie ausführlich muss die Klage­schrift werden, welche Aspekte sollte man besser erwähnen,  welche besser weglassen – all das erfordert viel Finger­spit­zen­gefühl und Erfahrung. „Solche Dinge kann man als Berufs­an­fänger nicht wissen“, findet Thimm, die selbst auch erst einmal die Kniffs und Tricks der Anwalt­spraxis lernen musste. „Ich habe zum Beispiel eine Weile gebraucht, bis ich mich getraut habe, mit meinen Mandanten über Geld zu reden.“, sagt Thimm.

 Mittler­weile spricht sie dieses Thema meist offen an, schließlich ist keiner Seite damit gedient, wenn der Mandant beim Lesen der Rechnung einen Schock bekommt. Im Vergleich zu seinen bishe­rigen Stationen gefällt Hofer, dass es in der Kanzlei so schön unbüro­kra­tisch zugeht: „Es gibt hier keine langen Dienstwege“. Außerdem schätzt er die familiäre Atmosphäre: „Vor der Station war mein Bild vom Anwalts­beruf sehr geprägt von dem typischen Image einer anonymen Großkanzlei mit einem hohen Einstiegs­gehalt und einer 80-Stunden-Woche ohne Mandan­ten­kontakt“, so Hofer – das hat sich durch die Station bei Anwältin Thimm geändert.

Sommer­se­mester 2011

Rechts­anwalt Prof. Dr. Christian Winterhoff: Verfas­sungs­recht mit Leiden­schaft und Reali­tätssinn

Texte: Alice Blezinger 

Wenn man aus dem Fenster quer über den Innenhof schaut, siehtman sie schon: die neuen Büroräume der Kanzlei Graf von Westphalen. „Wir platzen hier in Hamburg aus allen Nähten“, sagt Partner und Rechts­anwalt Prof. Dr. Christian Winterhoff. Besonders im Öffent­lichen Recht ist die Kanzlei in den letzten Jahren gewachsen – mit sieben Partnern allein in Hamburg. „Im Öffent­lichen Recht machen wir hier fast alles von Abfall­recht bis Zollrecht“, so Winterhoff, der sich überwiegend mit Fragen aus dem Verfas­sungs­recht und der verwal­tungs­ge­richt­lichen Prozess­führung beschäftigt.

 Mittler­weile ist er ein Vollblut­anwalt, doch die Berufswahl stand für ihn lange Zeit alles andere als fest. Er arbeitete an der Univer­sität, promo­vierte und setzte noch die Habili­tation obendrauf. „Nebenbei und zunächst in Teilzeit begann ich im Jahr 2003 in der Kanzlei als Rechts­anwalt zu arbeiten“, so Winterhoff, der das Anwalts­leben mittler­weile nicht mehr missen möchte. Besonders reizvoll für ihn am Anwalts­beruf: Der Umgang mit Mandanten – je nach Fall trifft er auf Menschen ganz unter­schied­lichen Alters und Herkunft, die ihn immer wieder heraus­fordern. Und dann die Highlights: „Eine mündliche Verhandlung vor dem Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt fühlt sich an wie ein drittes Examen“, so Winterhoff.

 Auch wenn er als Anwalt schon lange am juris­ti­schen Hochreck turnt – das Verständnis für die Schwie­rig­keiten der Studenten hat sich Winterhoff durch seine Tätigkeit an der Univer­sität bewahrt. Der außer­plan­mäßige Professor hält an der Univer­sität Göttingen Vorle­sungen im öffent­lichen Wirtschafts­recht und prüft Studenten im Schwer­punkt­be­reich und im Examen. Der Kontakt zu den Studenten hilft ihm auch in der Zusam­men­arbeit mit Referen­daren. „Sobald die Ausbildung nur ein paar Jahre zurück liegt, fällt es sonst unglaublich schwer einzu­schätzen, was man von seinem Referendar an Fachkenntnis erwarten darf“, sagt Winterhoff.

 Die Ansprüche der Kanzlei Graf von Westphalen an Referendare sind hoch: „Refe­rendare sollten im Wesent­lichen dieselben Quali­fi­ka­tionen mitbringen, die wir auch von unseren Anwälten erwarten“, so Winterhoff. Der ideale Bewerber sollte also ein Prädi­katsexamen haben oder durch andere Leistungen wie etwa LL.M oder Promotion zeigen, dass in ihm ein überdurch­schnittlich guter Jurist steckt. Viele Referendare (und spätere Anwälte) haben Winterhoff und seine Kollegen schon auf Absol­ven­ten­messen kennen gelernt – so auch die Referen­darin Anna Bodemann. Auf einer Veran­staltung der Bucerius Law School in Hamburg kamen sie ins Gespräch, und es war schnell klar – das passt. Denn das Verfas­sungs­recht ist auch Bodemanns Stecken­pferd: Schon im Studium lag auf dem Gebiet ihr Inter­es­sen­schwer­punkt, später hat sie Verfas­sungs­recht als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin an der Uni unter­richtet. Doch nicht jeder Referen­darmuss sich schon vor seiner Anwalts­station so stark auf ein Rechts­gebiet spezia­li­siert haben. „Viele Referen­da­remöchten sich bewusst auspro­bieren und müssen ihren Schwer­punkt­be­reich noch finden“, soWin­terhoff, „das ist für uns auch völlig in Ordnung.“ Doch auch wer – wie Referen­darin Bodemann – mit klaren Vorlieben für ein bestimmtes Rechts­gebiet in die Kanzlei kommt, bekommt vielseitige Einblicke. Denn ein Referendar ist fast immer mehreren Partnern zugeordnet – bei einem Verhältnis von Partnern zu angestellten Anwälten von etwa eins zu eins haben Partner auch tatsächlich noch Luft, sich um die Referen­dar­aus­bildung zu  kümmern.

 Nicht nur fachlich können die Referendare viel lernen – einige kommen auch mit falschen Vorstel­lungen über den Anwalts­beruf in die Station. „Manche denken,manmüsse sichmög­lichst schnell durch die Akten hetzen“, so Winterhoff. In der Station will er vermitteln, wie wichtig es ist, sich Zeit für hochkom­plexe Rechts­fragen zu nehmen. „Sehen Sie sich diese Frage genau an – wie lange das dauert, ist nicht ihr Problem“, ermuntert er seine Schütz­linge. Winterhoff will weiter­geben, worauf er stolz ist: auf wissen­schaft­lichem Niveau arbeiten – und doch durch und durch anwaltlich zu denken. Am wichtigsten ist aber eine Portion Neugier und ein gesunder Reali­tätssinn, findet Winterhoff. Um die Boden­haftung nicht zu verlieren, empfiehlt er seinen Referen­daren, eine juris­tische Frage bis  zum Ende zu durch­denken und sich klar zu machen, welche Konse­quenzen sich aus einer bestimmten  Rechts­auf­fassung ergeben – sonst komme es schnell zu einer juris­ti­schen Bruch­landung.

Referen­darin Anna Bodemann: Der Anwalt muss mehr als Jura können

Die Anwalts­station bei Graf von Westphalen hat sich die Referen­darin Anna Bodemann ganz bewusst ausge­sucht: Erfahrene Verfas­sungs­rechtler wie Prof. Dr. Christian Winterhoff, die als Anwalt arbeiten, gibt es in Deutschland  schließlich nur wenige. Denn juris­tische Gutachten werden im Verfas­sungs­recht häufig nicht von Anwälten, sondern von Profes­soren verfasst. Die Station bietet Bodemann nun beides: Einblicke in die Anwalt­spraxis und wissen­schaft­lichen Anspruch – der war ihr wichtig, schließlich hat sie nach dem ersten Examen zunächst an der Hochschule gearbeitet und schreibt an ihrer Disser­tation. Ihr bisher spannendster Fall in der Anwalt­station: Eine Kommu­nal­ver­fas­sungs­be­schwerde für eine Gemeinde in Sachsen-Anhalt. Dort wurden viele kleine Gemeinden aufgelöst und in größere Gemeinden einge­gliedert.

 Die Bürger der kleineren einge­glie­derten Gemeinden wehren sich dagegen, dass sie nach der Einglie­derung von dem Bürger­meister der aufneh­menden großen Gemeinde reprä­sen­tiert werden, ohne, dass sie ihn gewählt haben. Ein Ausweg wären Neuwahlen, doch hiergegen wenden sich die betrof­fenen Bürger­meister – sie berufen sich auf ihr Grund­recht auf Berufs­freiheit. Demokra­tie­prinzip gegen Berufs­freiheit – im Prinzip eine klassische Grund­rechts­prüfung mit Fragen zum Schutz­be­reich, zu Schranken und der Verhält­nis­mä­ßigkeit. „Hier konnte ich auf Grund­lagen aus dem Studium und meiner Zeit als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin an der Hochschule zurück­greifen“, so Bodemann. Doch schon allein der Umfang des Falles ist für eine Referen­darin außer­ge­wöhnlich: Die Kommu­nal­ver­fas­sungs­be­schwerde hat mehr als 100 Seiten, und auch in das spezielle Kommunal- und ins Beamten­recht musste sie sich zunächst einlesen. Für Bodemann­macht das die Aufgabe erst spannend: „Der größte Reiz der Arbeit, aber auch eine Heraus­for­derung, besteht für mich darin, das Spezielle immer wieder auf bekannte Struk­turen zurück zu führen.“ Gerade weil viele Fälle im Verfas­sungs­recht so umfang­reich sind, versucht Winterhoff seine Referendare nachMög­lichkeit in mehrere Fälle einzu­binden. „Denn nur so können sie in der kurzen Zeit verschiedene Einblicke bekommen“. Während ihrer Station bei Graf von Westphalen konnte Bodemann Klage­schriften entwerfen und Kurzgut­achten verfassen – auch ein Mandan­ten­ge­spräch hat sich am Schluss der Station noch ergeben.

 Bei so umfang­reichen Fällen wie Verfas­sungs­be­schwerden gibt es aller­dings nicht unbedingt regel­mäßig Mandan­ten­kontakt. „Es ist dann Glückssache, in welcher Phase des Falles ein Referendar einsteigt“, so Winterhoff. Meistens sind zu Beginn des Mandats einige Treffen nötig, um den relevanten Sachverhalt zu ermitteln. Mindestens genauso wichtig wie der Kontakt mit den Mandanten war Bodemann der Austauschmit den Anwäl­tinnen und Anwälten. Von ihnen erhält Bodemann oft Rückmeldung auf ihre Arbeit. Natürlich ist auch mal Kritik dabei, doch im Gegenzug wird gute Arbeit auch bemerkt: „Es ist schön, in der Praxis als kompe­tente Gesprächs­part­nerin wahrge­nommen zu werden“, so Bodemann. Eine weitere Gelegenheit, die Anwaltswelt besser kennen zu lernen, waren die Kollo­quien der Kanzlei – vom Vollstre­ckungs­recht bis hin zum Auftreten vor Gericht. Auch abseits der reinen Juris­terei hat Bodemann in der Station viel gelernt: „Gerade was die Arbeits­or­ga­ni­sation angeht, ist man als Referendar noch sehr unerfahren“. Was braucht wie lange und welche Faktoren – etwa gesetz­liche Fristen oder die Zeit für Kommu­ni­kation mit den  Mandanten – sind bei meiner Zeitplanung noch zu beachten? All das muss man erst heraus­finden. „Man lernt, nicht vom Akten­umfang auf die Komple­xität der Materie oder die Bearbei­tungs­dauer zu schließen“, so Bodemann.

 „Gewöh­nungs­be­dürftig ist am Anfang auch, dass man ständig gedanklich zwischen den verschie­denen Themen der Mandate hin und her springen muss“, meint Bodemann. Eine unerläss­liche Fähigkeit als Anwalt – und ein großer Unter­schied zu Studium und theore­ti­scher Referen­dar­aus­bildung, wo man sich oft wochenlang exklusiv einem Rechts­gebiet widmen kann. Für Bodemann jeden­falls war die Arbeit bei Graf von Westphalen ein Glücks­griff: In der Station konnte sie die wissen­schaft­liche Arbeit im Verfas­sungs­recht mit Einblicken in den Anwalts­beruf kombi­nieren. Ob sie später als Anwältin arbeiten will, kann Bodemann noch nicht sagen. „Das Referen­dariat ist für mich eine Findungs­phase“. Vorstellen kann sie es sich nach dieser Station schon.

Sommer­se­mester 2012

Rechts­anwalt Cord Hendrik Schröder: Eigen­ständig Denken

Texte: Katja Wilke

Der Anblick der Fotos in der Strafakte setzte selbst ihm als erfah­renem Straf­ver­tei­diger zu. Ein kleines Kind mit einer Kopfver­letzung, übersät mit Hämatomen, sah Cord Hendrik Schröder da auf den Bildern. Die drogen­ab­hängige Mutter hatte zugelassen, dass ihr Freund den zweijäh­rigen Jungen immer wieder misshan­delte. Bis die Großmutter den Kleinen nach einem besonders heftigen Angriff endlich in die Notauf­nahme brachte. Schröder übernahm die Vertei­digung der Mutter. „Manchmal gerät man in diesem Beruf an Fälle, die das eigene Weltbild erschüttern“, sagt der Anwalt aus der Kanzlei Komischke & Kollegen in Jena nachdenklich. „Was aber nichts daran ändert, dass wir in einem Rechts­staat leben und jedem Angeklagten ein Vertei­diger zusteht.“ Negative Emotionen muss er ausblenden. Schröder kann das nach zehn Jahren im Beruf. Trotzdem ist es ihm wichtig, sich in belas­tenden Situa­tionen mit anderen Menschen auszut­au­schen.

Nach dem Prozess gegen die junge Mutter etwa blieb der 48-Jährige noch länger im Gericht, um sich mit Franziska Böttcher zu besprechen. Die Referen­darin absol­viert bei ihm ihre Anwalts­station. Für beide standen nach dem Urteilss­pruch – die Mandantin wurde zu zwei Jahren Freiheits­s­trafe auf Bewährung verur­teilt – noch viele Fragen im Raum:War die verhängte Strafe angemessen? Und vor allem: War sie sinnvoll? Das Kind lebt mittler­weile in einer Pflege­fa­milie, die Frau hat einen Drogen­entzug gemacht und bereut alles bitterlich. Sowohl Schröder als auch Böttcher erschien die Strafe deshalb unpassend. „In diesem Fall hätten wir uns mehr Flexi­bi­lität gewünscht“, fasst Schröder zusammen. „Leider bietet das Erwach­se­nen­straf­recht nur eine geringe Bandbreite an Sanktionen.“ Schröder, der ursprünglich aus Diepholz in Nieder­sachsen stammt, fordert seine Referendare gerne zu eigen­stän­digem Denken heraus. „Gute Kandi­daten haben frische Ideen und bringen einen von einge­fah­renen Bahnen ab“, so Schröder.

Zu Beginn der Anwalt­station sind viele Referendare noch sehr in den Denkmustern aus Univer­sität oder Justiz verhaftet. Schröder gibt ihnen gleich von Anfang an Akten zur Bearbeitung mit nach Hause – mit den Worten: „Lassen Sie sich etwas einfallen, wie man dem Mandanten auf legale und legitime Art helfen kann.“ Das wirkt. Gewöhnlich kann er Woche für Woche mitver­folgen, wie sich seine Schütz­linge allmählich von gelernten Mustern emanzi­pieren, die Rolle des Staats­an­walts abstreifen und sich in der des Vertei­digers wieder finden. „Irgendwann werden sie kreativ“, sagt Schröder. „Und dann fängt der Austausch an, Spaß zumachen.“ Ganz klar: Es menschelt in Schröders Arbeits­leben. Die Kanzlei Komischke & Kollegen ist das, was manche gerne als Feld-Wald-Wiesen-Kanzlei verspotten. Doch das profes­sionell: Sechs Anwälte sind in der Kanzlei tätig, jeder hat eigene Spezi­al­ge­biete. Vom Arbeits- über Erb-, Familien- oder Mietrecht bis hin zum Verkehrs­recht – im Angebot sind die Rechts­ge­biete, die in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern wie Jena von Gewer­be­trei­benden und Privaten gebraucht werden. Deswegen eben auch Straf­recht.

Auf der Straße treffen Schröder und seine Kollegen immer wieder mal auf Mandanten. Schröder schätzt das. „Wir sind hier gerne provin­ziell“, koket­tiert der Straf­rechts­ex­perte. Auch die Referendare, die sich bei der 2002 gegrün­deten Kanzlei bewerben, machen sich in der Regel keine falschen Vorstel­lungen. Sie sind eher boden­ständig und heimat­ver­bunden und träumen nicht von Mandaten, die es in die Tages­schau schaffen. Schröder und seine Kollegen legen Wert darauf, dass ihre Referendare engagiert und inter­es­siert sind; die Noten stehen weniger im Vorder­grund. Natürlich entpuppen sich Kandi­daten so auch mal als Enttäu­schung. Doch das nehmen die Jenaer Anwälte in Kauf – denn die positiven Erfah­rungen mit den Referen­daren überwiegen. Schröder lässt seine Referendare regel­mäßig in die Arbeit seiner Kollegen, den „Zivi­listen“, wie er sie nennt, hinein­schnuppern. Das sichert ihnen eine breitere Ausbildung. Und gönnt ihnen eine Pause, von den teilweise aufwüh­lenden Fällen im Straf­recht.“

Referen­darin Franziska Böttcher: Zwischen Nähe und Distanz

Hat so eine Frau es verdient, dass man für sie kämpft? Kann man so eine wirklich vertei­digen? Eine Mutter, die es zugelassen hat, dass ihr Kind von ihrem Freund malträ­tiert wurde – bis der kleine Junge schließlich schwer verletzt in der Notauf­nahme landete? Innerlich sträubte sich alles in Franziska Böttcher.

Ihr Ausbilder, der Straf­ver­tei­diger Cord Hendrik Schröder, hatte die 25-Jährige Referen­darin in die Bearbeitung des Falls mit einbe­zogen und ließ sie bei Beratungen mit der Mandantin dabei sein. Doch Böttchers erster Eindruck trog: Schnell bekam ihr Bild von der grausamen, asozialen Mutter Risse. Die Referen­darin lernte die Frau näher kennen, merkte, dass diese zwar völlig vom Weg abgekommen war – aber eigentlich intel­ligent und keines­falls gefühlskalt. Der Mutter tat alles sehr leid und nach der Trennung von ihrem gewalt­tä­tigen Freund war sie dabei, ihr inneres Gleich­ge­wicht wieder zu finden. Für Böttcher ein Wechselbad der Gefühle: „Einer­seits hatte ich Mitleid, anderer­seits wurde uns im Prozess immer wieder vor Augen geführt, was sie getan hatte“, sagt die angehende Vollju­ristin rückbli­ckend. „Ich war hin- und herge­rissen.“ Einen Menschen engagiert vertei­digen, dessen Taten man nicht versteht und ablehnt – das hatte Böttcher bislang weder in der Univer­sität noch im Referen­dariat gelernt. Sie inter­es­sierte sich schon immer stark für das Straf­recht, wusste aber nie wirklich, ob es ihr in der Praxis liegt. Der Fall war nun die Nagel­probe.„Für mich war wichtig zu sehen, ob ich die nötige profes­sio­nelle Distanz wahren kann“, so Böttcher. Die Gesprä­chemit Schröder halfen ihr. Nach und nach nahm sie immer stärker die Vertei­di­ger­rolle ein und verab­schiedete sich von ihrer anfäng­lichen Skepsis. „Auch wenn die Ankla­ge­schrift noch so schlimm ist – vor einem steht immer noch ein Mensch“, sagt sie heute.

Für Böttcher war der Fall ein Stück weit auch deswegen besonders aufwühlend, weil sie selbst ein Baby erwartet. In Kürze geht sie in den Mutter­schutz. Nach einem Jahr Pause will sie die Anwalts­station bei Schröder in der Kanzlei Komischke & Kollegen in Jena zu Ende bringen. Ob sie nach dem zweiten Staats­examen tatsächlich als Vertei­di­gerin arbeiten wird, mag sie jetzt noch nicht sagen. Das „lebensnahe“ Straf­recht übt eine große Faszi­nation auf sie aus – so viel steht fest. Bis zur Babypause saugt Böttcher noch begierig die Do’s und Don’ts aus der Straf­ver­tei­diger-Praxis auf. Die Balance zwischen Nähe und Distanz ist dabei immer wieder ein großes Thema. „Man kommt den Angeklagten oftmals näher als sonst ein Mensch“, hat Böttcher erlebt. Viele öffnen sich sehr weit. Schröder schärft ihr ein, nicht zu viel Nähe zuzulassen. Und klare Stopp­schilder aufzu­stellen, wenn sie spürt, dass die Mandanten freund­schaft­liche Bande knüpfen und ihr beispiels­weise das „Du“ anbieten wollen. Eine wichtige Lektion: Besonders Inhaf­tierte versuchen mitunter, ihre Vertei­diger zu korrum­pieren. Sie schicken ihnen nette Briefe, schmei­cheln, und stellen plötzlich irgendwann Forde­rungen. Wie etwa die Weiter­leitung von persön­lichen Briefen – um die Poststelle der Justiz­voll­zugs­an­stalt zu umgehen. Keine Situation, mit der man als Student an der Univer­sität konfron­tiert wird. Genau so wenig wie mit der Frage, ob man es seinem Mandanten eigentlich sagen darf, wenn sich aus der Akte ergibt, dass mögli­cher­weise ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wird. Oder wann bei hohen Honoraren die Alarm­glocken klingeln müssen wegen der Gefahr der Geldwäsche. „Unglaublich, auf was man alles achten muss“, sagt Böttcher. „Ein kleiner Fehler, und man macht sich gegenüber dem Mandanten erpressbar.“ Die persön­liche Atmosphäre in der Kanzlei und der intensive Austausch mit ihrem Ausbilder bringen Böttcher viel. Weggehen aus Jena, um vielleicht in einer Großstadt Karriere zu machen, käme ihr nicht in den Sinn. Freund, Familie und Freunde zu verlassen wäre selbst dann nicht in Frage gekommen,wenn sie kein Kind erwarten würde. Böttcher: „Ich bin ein famili­en­ver­bun­dener Mensch.“

Sommer­se­mester 2011

Rechts­anwalt Glenn Fox und David Detjen

Texte: Dr. Justus von Daniels

Im New Yorker Büro der ameri­ka­ni­schen Kanzlei Alston & Bird kursiert das Gerücht unter jungen Anwälten, dass man früher mindestens 70 deutsche Wörter können musste, um einge­stellt zu werden: so spezia­li­siert war man auf deutsche Mandanten. Glenn Fox (45), Partner und einer von 800 Anwälten der Kanzlei, hätte unter diesen Voraus­set­zungen nie im New Yorker Büro anfangen können. Allein das Wort „Refe­rendar“ geht dem Attorney at law flüssig über die Lippen. Denn hier kennt man das seltsame deutsche Ausbil­dungs­ver­fahren, das sich so schlecht übersetzen lässt. Seit rund 30 Jahren werden deutsche Referendare betreut. Fox’ Kollege David Detjen ist zwar, anders als sein Name vermuten lässt, kein Deutscher, aber im Gegensatz zu Fox spricht er fließend deutsch. Beide kümmern sich gemeinsam um ein spezi­elles Ausbil­dungs­pro­gramm. „Wir wollen Referen­daren ein Gefühl für die ameri­ka­nische Rechts­men­ta­lität vermitteln“, sagt Detjen (62), ebenfalls Partner und Leiter des German Practice Teams der Kanzlei.

Viele deutsche Mittel­ständler und inter­na­tional ausge­richtete deutsche Kanzleien kennen den Namen „Walter, Conston, New York“ noch gut. Die New Yorker Kanzlei, von zwei jüdischen Emigranten 1955 gegründet, war ein fester Bestandteil im deutsch-ameri­ka­ni­schen Wirtschafts­verkehr, da sie fast ausschließlich auf deutsche Mandanten spezia­li­siert war. Sie war der recht­liche Hafen für deutsche Unter­nehmen, die ihr Geschäft in die USA ausdehnen wollten, und beriet beim Gang auf den ameri­ka­ni­schen Markt. Auch heute noch, zehn Jahre nach der Übernahme durch Alston & Bird, ist der „German Mittel­stand“ Detjens häufigster Mandant. Die enge Verbindung zu Deutschland hat auch zu dem spezi­ellen Referen­dar­pro­gramm geführt: Es soll in der kurzen Stati­onszeit unter­schied­liche Einblicke in die ameri­ka­nische Recht­spraxis geben. Detjen erklärt den Referen­daren, dass es wichtig ist, im inter­na­tio­nalen Wirtschafts­recht die Rechts­men­ta­lität eines Landes kennen zu lernen. Ihm selbst hilft bei seiner Arbeit die Kenntnis über das deutsche System sehr. Er verstehe die „Gedan­kenwelt des deutschen Kaufmanns“. „Ich weiß vorher, welche recht­lichen Erwar­tungen deutsche Firmen haben und welche Fehler sie machen.“ Dieses Wissen über die ameri­ka­nische Rechtswelt zu trans­por­tieren, ist der Anspruch der Ausbil­dungs­station.

Anders als Kanzleien, die Referendare gegen gute Bezahlung voll einbinden, werden die Referendare in den drei Monaten durch ein Mini-Referen­dariat geschickt: Jeder der Referendare arbeitet unter der Führung von zwei Mentoren. Sie lernen unter­schied­liche Fachge­biete kennen, übersetzen Schrift­sätze, lesen Entwürfe von Verträgen und blicken einem New Yorker Richter eine Woche lang über die Schulter. Die Arbeiten sind nicht sehr tiefgehend, aber es steht auch der Überblick im Mittel­punkt. „Wir bezahlen symbo­lisch einen Dollar pro Stunde. Es wäre für uns nicht effizient, die Referendare an Verfahren vollständig zu betei­ligen.“ So wurden wöchent­liche Fortbil­dungen und das Mento­ren­pro­gramm entwi­ckelt, die speziell auf die deutschen Auszu­bil­denden zugeschnitten sind. Aber bietet eine ameri­ka­nische Großkanzlei diese Betreuung ganz ohne Hinter­ge­danken an? In den USA gibt es immer einen trade-off. Detjen gibt gerne zu, „dass wir uns auch davon versprechen, dass die Referendare als Anwälte später an uns denken, wenn eine ameri­ka­nische Kanzlei einge­schaltet werden soll.“ Alston & Bird hat kein eigenes Büro in Deutschland, sondern verfolgt die Strategie der „best friends“: Sie koope­riert mit deutschen Kanzleien. Die Ameri­kaner wollen den vermit­telnden Kanzleien nicht ins Gehege kommen. Beide Seiten sollen also davon profi­tieren. Und Detjen rät auch dezidiert davon ab, die Ausbil­dungs­station als Sprung­brett in die Anwaltswelt der USA zu begreifen. Einem deutschen Juristen würde immer „the Finger­spit­zen­gefühl“ für das ameri­ka­nische Recht abgehen. Umgekehrt ist es schließlich ähnlich.

Referendar Martin Moeser: Infor­melle Arbeit­sat­mo­sphäre

Freitag­morgen kurz vor acht: Aus den Zügen und U-Bahnen an der Grand Central Station schiebt sich eine unend­liche Menge von New Yorkern über die Treppen­na­delöhre raus ins Freie. Dort an der 42. Straße schwärmen sie zackig, die Frauen hochhackig in alle Richtungen aus, rein in die aufra­genden, gläsernen Bienen­waben. Unter ihnen laufen auch vereinzelt deutsche Referendare. Sie sind schon auf der Straße erkennbar, vielleicht liegt es an der Art, wie sie ihre Umhän­ge­ta­schen tragen oder an ihrer Kleidung.

Jeden­falls sammeln sich in der Eingangs­halle der Park Avenue 90 tatsächlich dieje­nigen, die man schon auf der Straße als Referendare erkannte. Sie fahren gleich zu dem Referen­dar­früh­stück der Kanzlei Alston & Bird hoch in den 15. Stock. Einer von ihnen ist Martin Moeser, Rechts­re­fe­rendar aus Frankfurt am Main, der dort für drei Monate seine Anwalts­station absol­viert. Glenn Fox, Partner bei Alston & Bird, hat seinen Becher mit dem unver­meidbar wässrigen Kaffee neben seinem Laptop platziert und gibt den deutschen Asses­sor­an­wärtern nun eine einstündige Einführung in das ameri­ka­nische Steuer­recht. Jeden Freitag­morgen hält er im Wechsel mit anderen Kollegen einen Vortrag über ein Rechts­gebiet für alle inter­es­sierten Juristen aus Deutschland, die in New York ihre Station machen. So viel Einsatz für deutsche Referendare ist selten im Ausland. Martin Moeser hatte schon zu Beginn des Referen­da­riats davon gehört.

Natürlich werden die Stati­ons­re­fe­rendare nicht direkt in die großen Fälle einge­bunden. Drei Monate sind einfach zu kurz, um in komplexe Verfahren einzu­steigen, zumal in einem fremden Rechts­system. Das hat Moeser, 30 Jahre, auch nicht erwartet: „Man bekommt einen Einblick ins ameri­ka­nische Recht und erfährt, wie Kanzleien hier organi­siert sind.“ Bezeichnend ist für Moeser, wie wenig innerhalb des Büros auf Hierarchie und Status Wert gelegt wird. „Die Büros sind alle ziemlich klein, viele Anwälte kommen in legerer Kleidung, wenn sie keine Termine haben. Die Türen stehen im wahrsten Sinn des Wortes offen und die meisten Anwälte sind sehr zugänglich.“ Es kommt schon mal vor, dass sich die Referendare auch eine Aufgabe suchen müssen. „Die offene Tür senkt die Hemmschwelle, Anwälte anzusprechen, um sich kleinere Aufträge zu besorgen.“ Zwei Mentoren kümmern sich jeweils um einen Referendar. Der Ablauf ist ziemlich einge­spielt. Jede Woche verteilen die Mentoren neue Aufgaben. Die Referendare sollen verschiedene Facetten des ameri­ka­ni­schen Wirtschafts­rechts kennen lernen. Martin Moeser hat bisher inter­na­tionale Vertrag­sent­würfe gelesen, Gerichtspro­to­kolle zusam­men­ge­fasst und Schrift­sätze für deutsche Mandanten übersetzt – Wirtschafts­recht querbeet. Für eine Woche wird er noch auf Vermittlung der Kanzlei einen Richter in New York begleiten. Das Besondere an der Arbeit ist der Bezug zu Deutschland. „Viele Mandanten sind deutsche Unter­nehmen“, sagt Moeser, „dadurch erfährt man mal von der anderen Seite, wie inter­na­tionale Mandate mit Deutschen ablaufen.“ Dass der Arbeitstag für den Referendar pünktlich um 17 Uhr endet, kommt Moeser sehr gelegen. Denn wer sich auf eine Station in New York bewirbt, will auch die Stadt einsaugen. Ihn hat sie schnell in den Bann gezogen. Die „Konzerte auf Weltklas­se­niveau“, die krassen Gegen­sätze, das Tempo, ja auch die hohen Mietpreise. Obwohl er in einem Wohnheim wohnt, verschlingt allein die Miete mehr als ein komplettes Referen­dars­gehalt.

Die Auslands­station, so Moeser, habe er in erster Linie gewählt, um sein Englisch zu verbessern, dann kam die Stadt, dann die Kanzlei. Es wird wohl mehr als nur die sprach­liche Verbes­serung sein, die Moeser als Erfahrung mit zurück nach Frankfurt nimmt. Allein die infor­melle Arbeit­sat­mo­sphäre würde er gerne gleich mit nach Deutschland impor­tieren. Vielleicht in eine kleinere Kanzlei für Wirtschafts­recht. Vielleicht mit Bezug zu den USA.

Sommer­se­mester 2011