Stationsreportagen

Thomas Stöckl absolviert einen Teil seines Referendariats im Flüchtlingscamp Moría auf Lesbos. Dort engagiert er sich im Pro-Bono-Projekt „European Lawyers in Lesvos“. Im Interview gibt er einen Einblick.

Ein Referendariat im Flüchtlingslager in Moría stelle ich mir als große berufliche und persönliche Herausforderung vor. Was beschäftigt Sie gerade?

Im Camp ist eine Frau, die im achten Mo nat schwanger ist. Dort ist zwar eine medizinische Versorgung gewährleistet, aber die reicht nicht aus. Die Frau muss für eine bessere Versorgung dringend nach Athen. Dazu muss sie erst registriert werden. Die Anwälte des Projekts versuchen, diesen Prozess zu beschleunigen, aber es geht nicht voran. Das Papier, auf das die notwendige Bescheinigung gedruckt werden muss, ist nicht vorhanden.

Wie gehen Sie mit Konfliktsituationen wie dieser um?

Man muss immer wieder erfahren, dass die eigenen Möglichkeiten begrenzt sind. Zumal ich in meiner Rolle als Referendar ohne Anwaltszulassung die Mandanten nicht berate, sondern beispielsweise an der Vorbereitung der Asylbewerber-Interviews beteiligt bin. Trotz vieler negativer Erfahrungen muss ich sagen, dass mich aber auch der Mut vieler Menschen stark geprägt hat.

Wie werden die Mandanten auf das entscheidende Gespräch vorbereitet?

Etwa vier bis sechs Anwälte sind von Mon tag bis Samstag in einem Drei-Raum-Container im Flüchtlingslager vor Ort. Dort beraten die Freiwilligen die Flüchtlinge. Zunächst verdeutlichen wir ihnen, wie wichtig dieses Interview ist – viele wissen nicht, dass es fast allein über ihre Zukunft entscheidet. Wir klären sie über den EU-Türkei-Deal und die Folgen auf, nämlich, dass die Türkei als sicherer Drittstaat angesehen wird: Viele der Mandanten haben in der Türkei negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht.

Wie sehen solche Gespräche mit den Flüchtlingen aus?

Die Anwälte gehen das Schicksal der Betroffenen mit ihnen Schritt für Schritt durch, sprechen über ihre Motive für die Flucht. Die Menschen müssen klar vortragen können, was ihnen zu welchem Zeitpunkt wo widerfahren ist. Außerdem klären die Juristen sie beispielsweise über den Flüchtlingsstatus auf. Manche kommen aber auch mit allgemeinen Fragen zum Anerkennungsprozess oder über die Familienzusammenführung zu uns. Seit dem Start des Projekts im Juli 2016 bis Februar diesen Jahres haben 45 Freiwillige knapp 800 Menschen beraten.

Was haben Sie gelernt?

Dass man einen langen Atem und viel Durchhaltevermögen braucht! Ich habe auch viel über das Asylrecht hinzugelernt, da es sehr stark europäisiert ist und über nationale Grenzen hinausgeht. Es bestärkt einen, sich mit Anwälten aus ganz Europa auszutauschen. Da wir in einem internationalen Team arbeiten, konnte ich auch mein Englisch verbessern.

Sie haben zuvor Station gemacht in einer Kanzlei für Asyl- und Ausländerrecht. Bietet Ihnen Ihre Referendariatsstationauf Lesbos Vorteile?

Auf jeden Fall: Man kann den Menschen hier schnell und direkt helfen, seine Kennt nisse unmittelbar einsetzen. Die Anwälte sind dort, wo Rechtsrat mit am meisten gebraucht wird. Und Lesbos ist natürlich eine schöne Insel, Mytilini ist sehr pittoresk.

Sehen Sie auch Nachteile?

Für die alltägliche Praxis wäre eine Station in einer Kanzlei vielleicht relevanter. Und man muss hier mit viel Frustration umgehen, weil grundlegende Rechte nicht gewährleistet werden. Das Niveau, von dem aus man agiert, ist ein anderes als in Deutschland. Aber dafür vermittelt einem die Tätigkeit hier noch viel mehr als Sinnhaftigkeit. Ich empfinde sie als eine Notwendigkeit.

Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich möchte im Asyl- und Ausländerrecht bleiben und könnte mir die Arbeit als Anwalt in diesem Feld gut vorstellen. Ich fühle mich bestärkt darin, mich später in diesem Rechtsbereich einzusetzen.

Würden Sie sich nochmal für ein Referendariat auf Lesbos entscheiden?

Ganz klares Ja.


Das Gespräch führte Julia Amberger, Berlin.

Spaß am juristischen Denken

Texte: Katja Gersemann, Berlin


Ausbilder Dr. Alexander Wolff, LL.M.Eur.

Beste aktuelle Rechtskenntnisse und frische Ideen – das sei die Rendite für Sozietäten, die sich die Mühe machten, Nachwuchsjuristen einzubinden. Davon ist Alexander Wolff überzeugt. „Kanzleien, die keine Referendare ausbilden und nicht den Austausch mit den jungen Kollegen pflegen, vergreisen mit der Zeit“, sagt der Arbeitsrechtsexperte aus dem Berliner Büro der Großkanzlei Baker & McKenzie. „Referendare haben in Kanzleien gute Möglichkeiten, was der gründlichen deutschen Juristenausbildung zu verdanken ist.“ Im internationalen Vergleich müssten sich deutsche Nachwuchsjuristen keinesfalls verstecken – auch wenn sie deutlich älter seien als Berufseinsteiger aus anderen Ländern.

Auch in Jenny Heinrichs Bewerbungsunterlagen stimmten die Rahmendaten: Ein „vollbefriedigend“ im ersten Staatsexamen, ein erkennbares Interesse an Wolffs Fachgebiet und fundierte Englischkenntnisse durch ein Auslandsjahr in England. „Englischkenntnisse sind heute viel wichtiger als vor zehn Jahren – und sie werden immer wichtiger“, sagt Wolff, der in Passau und Lausanne studiert und in Rostock promoviert hat. „60 bis 70 Prozent unserer Korrespondenz läuft mittlerweile auf Englisch.“ Deshalb findet es der Arbeitsrechtler auch richtig, dass seine Referendarin im Anschluss an das zweite Staatsexamen im Mai 2017 ein LL.M.-Studium im Ausland absolvieren will. Überhaupt: Andere Rechtsordnungen zu kennen, sei für Arbeitsrechtler genauso hilfreich wie für Experten anderer Rechtsgebiete auch. Wenn man in der Lage sei zu vergleichen, ließen sich ausländischen Mandanten leichter die Eigenheiten des deutschen Rechts vermitteln.Wolff, der 2001 aus Freiburg nach Berlin zu Baker & McKenzie kam, legt Wert darauf, seine Referendare von Anfang an in laufende Mandate mit einzubinden. Bei Heinrich fiel ihm schnell auf, dass sie solide arbeite. „Sie recherchiert gründlich und das ist keineswegs selbstverständlich“ sagt Wolff. „Es gibt auch Referendare, die Google-Ergebnisse präsentieren.“ Heinrich habe Spaß am juristischen Denken. Die Kombination – eigenständiges Denken und Recherchestärke – sei genau das, was man für die Bearbeitung abseits von Standardfällen benötige.

Wolff denkt dabei besonders an einen Fall, der die beidenschon seit Heinrichs Start bei Baker & McKenzie beschäftigt: Ein amerikanisches Unternehmen wurde von seinen Betriebsräten in mehreren europäischen Niederlassungen mit den Plänen konfrontiert, einen Europäischen Betriebsrat zu gründen. „Bei US-Unternehmen stoßen solche Forderungen im ersten Moment natürlich auf völliges Unverständnis“, sagt Wolff. Juristisch stellten sich unendlich viele spannende Fragen. Sechs Monate hatte das Unternehmen Zeit, auf den Vorstoß der Betriebsräte zu reagieren. Aus Sicht der Arbeitnehmervertretung hatte das Unternehmen nicht genügend getan, um dem Begehren nachzukommen. Heinrich prüft nun vor dem anstehenden Gerichtstermin, wie zum Beispiel relevante unbestimmte Rechtsbegriffe ausgelegt werden. „Zum Teil gibt es hier einfach weder Literatur noch Rechtsprechung“, gibt Wolff zu bedenken. „Da ist es wichtig, dass damit jemand befasst ist, dem Jura wirklich Spaß macht.“ Bei Heinrich sei dies offensichtlich: Sie diskutiere gerne und sei in der Lage, ihre Meinung zu vertreten.

In einem anderen aktuellen gemeinsamen Fall geht es um das Schicksal von Betriebsvereinbarungen nach einem Betriebsübergang. „Das ist juristisches Hochreck, es gibt viel – und zum Teil widersprüchliche – Rechtsprechung, und in zahlreichen Bereichen herrscht Rechtsunsicherheit“, so Wolff. DerBetriebsrat des abgebenden Unternehmens wolle, dass so viele vorteilhafte Regelungen für Arbeitnehmer wie möglich übernommen werden, das übernehmende Unternehmen ist daran weniger interessiert. Heinrich hatte die Aufgabe, eine große Anzahl von Betriebsvereinbarungen zu prüfen und glich die jeweiligen Regelungen bei Käufer und Verkäufer genau ab. Eine Arbeit, die sie gut zwei Wochen in Anspruch genommen hat. Wolff: „Betriebsvereinbarungen und viele andere sehr praxisrelevante Sachen bekommen angehende Juristen im Studium nicht zu Gesicht. Für die Ausbildung ist es aber super, so etwas gesehen zu haben.“ Dem  Anwalt ist es wichtig, Referendaren Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. „Wir können sehr gut ausgebildete junge Juristen während ihrer Ausbildung einsetzen – da fühlen wir uns verpflichtet, auch etwas zurückzugeben.“

Zielstrebig, ohne abzuheben

Referendarin Jenny Heinrich

Im Grunde hat Jenny Heinrich schon bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz für ihre Anwaltsstation einige Fähigkeiten gezeigt, die gute Juristen haben müssen: Zielstrebigkeit und strukturiertes Vorgehen. Auf einer Karriere-Plattform stellte sie ihre Daten und ein Motivationsschreiben ein – und ließ die Arbeitgeber zu sich kommen, statt einen Stoß von Bewerbungenzu verschicken. Als erstes meldete sich Baker & McKenzie. Kurz darauf war ein Bewerbungsgespräch mit zwei Partnern – darunter Alexander Wolff – eingefädelt, und im Juni vergangenen Jahres stand bereits fest, wo Heinrich ab April 2016 für neun Monate arbeiten würde: In der Berliner Dependance der Sozietät, mit Wolff als Ausbilder.

Für Heinrich, die auf der beschaulichen Nordseeinsel Wangerooge aufgewachsen ist, in Berlin studiert hat und dort auch ihr Referendariat absolviert, war das auch im Rückblick die richtige Entscheidung: „Ich war positiv überrascht, dass ich vom ersten Tag an mit meinem Ausbilder auf Augenhöhe zusammenarbeiten durfte und in aktuelle Mandate eingebunden wurde“, sagt die 27-Jährige. „Ich werde hier nicht mit sachfremden Recherchen beschäftigt, es gibt keine Trockenübungen.“ Wolff gibt ihr das Gefühl, dass er ihre Ansichten mit in seine Überlegungen einbezieht. Heinrich: „Das ist für eine Anfängerin total motivierend.“ Die Referendarin arbeitet an internationalen Mandaten mit – was immer dann besonders spannend ist, wenn sich kulturelle Unterschiede offenbaren. Wie in dem Fall, den sie  gemeinsam mit Wolff schildert: Ein amerikanischer Mandant musste mit den europäischen Gepflogenheiten im Arbeitsrecht vertraut gemacht werden.

Heinrich war in diesem Mandat von Anfang an in die Prüfung wichtiger Details eingebunden. „Erst recherchiert man in Datenbanken und Kommentaren. Wenn da nichts zu finden ist, zahlt sich das gründliche deutsche Studium aus, denn dann kommt man zu den allgemeinen Auslegungsgrundsätzen“, sagt Heinrich lächelnd. Bei dem zweiten großen Fall auf ihrem Schreibtisch, bei dem Betriebsvereinbarungen abzugleichen waren, musste eine zufriedenstellende Lösung für alle Beteiligten gefunden werden. „Eine Detailarbeit und sehr interessant“, sagt die angehende Volljuristin. Dass bei einer Vielzahl internationaler Beteiligter solide Englischkenntnisse nötig sind, versteht sich von selbst. Heinrich studierte ein Semester in England. Im Vergleich zur Juristenausbildung in Großbritannien schneidet Deutschland ihrer Meinung nach deutlich besser ab. „Unbekannte Probleme zu lösen – da bekommen wir das deutlich bessere Rüstzeug an die Hand“, ist sie überzeugt.

Im Mai kommenden Jahres hat Heinrich planmäßig ihr zweites Staatsexamen in der Tasche – und will sich dann erst einmal von Deutschland verabschieden, um ein LL.M.-Studium zu absolvieren. Wo sie anschließend arbeiten wird, steht noch nicht fest. Eine Großkanzlei muss es nicht sein – auch wenn ihr die Arbeit jetzt gut gefällt. „Ich will mich erst einmal umschauen“, sagt Heinrich. In der Wahlstation wird sie eine mittelständische Kanzlei ausprobieren. Fest steht: Egal wie das zweite Staatsexamen ausgeht, mit ihren Stationen wird sie für Anwaltskanzleien eine attraktive Mitarbeiterin sein. Heinrich schätzt es sehr, dass Baker & McKenzie ihr allen Raum lässt, den sie für ihr Referendariat braucht – also etwa für Arbeitsgemeinschaften oder den Klausurenkurs. Auch der Repetitor ist ein fixer Termin, der grundsätzlich keiner Projektarbeit zum Opfer fällt. Ihr Ausbilder hat Verständnis für den Druck, unter dem viele Referendare stehen. Da müsse jeder seinen Weg finden, um damit fertig zu werden. Doch man müsse, so Wolff, als Ausbilder nicht auch noch zusätzlich Druck ausüben.

Bei Heinrich scheint in dieser Hinsicht keine Gefahr zu bestehen, im Gegenteil: Sie wirkt zuversichtlich und ist ganz offensichtlich auch zufrieden mit ihrem Schwerpunkt: „Im Arbeitsrecht hat man mit Menschen zu tun“, sagt Heinrich. „Man kann auch Nichtjuristen erklären, was man beruflich macht, weil jeder etwas über das Rechtsgebiet weiß.“ Eine Arbeit also auf hohem Niveau – ohne Gefahr, abzuheben. //

Fronteinsatz im Gemischtwarenladen

Texte: Martin Dommer, Köln

Referendar Dr. Sven-Hendrik Schulze

„Was mich positiv überrascht hat, war, wie man als Referendar wahrgenommen wird“, sagt Dr. Sven-Hendrik Schulze rückblickend über seine dualen Referendarstation(en). „Man wird ernstgenommen und in die tägliche Arbeit einbezogen – in Diskussionen ebenso wie bei Verabredungen zum Mittag essen.“ Absolviert hat er beide Stationen bei Redeker Sellner Dahs; jeweils für drei Monate, einmal am Standort Bonn, später im Brüsseler Büro. Schulze, der sein Refer endariat am OLG Koblenz absolvierte, hat seinen „Fokus“ im Studium, bei seiner Doktorarbeit und im Referendariat klar auf das Öffentliche Recht gelegt: „Ich mag die Struktur und, dass man immer weiß, an welcher Stelle man die Argumente bringen muss; ein Grobrast er hat .“ Sein Doktorvater gab ihm den entscheidenden Impuls, sich bei Redeker zu bewerben: „Er war früher selbst auch als freier Mitarbeiter für die Sozietät tätig.“ Redeker ist historisch vor allem aus dem öffentlichen Recht gewachsen. Heute bietet die Kanzlei „full service“ in nahezu allen wichtigen Rechtsgebieten.

Dabei wird viel Wert auf wissenschaftliches Arbeiten gelegt. Er habe es als sehr angenehm empfunden, „dass die Kanzlei ihre Mitarbeiter aufgrund dieser Ausrichtung aktiv und individuell fördert, wenn man wissenschaftlich arbeiten will“, sagt der 29-Jährige. Dies, so vermutet er, m ache auch aus Sicht vieler Studenten und Referendare, die eine Promotion anstrebten, den Reiz aus, sich um eine Stage bei Redeker zu bewerben: „Denn neben einer 0,5-Stelle als Anwalt kann man dann berufsbegleitend vielleicht noch seine Dissertation schreiben.“

Viele große Kanzleien, so sein Eindruck, böten berufsbegleitende Promotionen zwar an, längst nicht alle aber wirkten unterstützend daran mit. In Bonn arbeitete Schulze im Dezernat von Stefan Tysper, der in seinem „mittelgroßen Gemischtwarenladen“ private Mandanten, aber auch die öffentliche Hand im öffentlichen Bau- und im kommunalen Abgabenrecht berät. Der „Durchsatz“ sei hoch, erläutert der Rechtsanwalt: „Pro Tag laufen etwa 60 bis 80 Akten durch meine Hände.“ Für Referendare sei dies interessant, „weil sie so ganz viele kleine und mittlere Fälle bearbeiten können”. In der Regel könnten die Mandate dabei in 2–5 Monaten zum Abschluss gebracht werden. Gerichtsbesuche, Akteneinsichten bei Behörden, Arbeit an laufenden Mandaten in allen möglichen Konstellationen; aber auch formelle Schreiben, interne Vermerke oder das Formulieren von Anträgen auf einstweiligen Rechtsschutz oder Klageentwürfen: „Der Referendar ist mein positiver Schatten“, sagt Stefan Tysper. Seit vielen Jahren leitet er Fortgeschrittenen- AGs am LG Bonn und OLG Köln, um den Nachwuchs fit für Examen und Berufseinstieg zu machen. „Ich ermuntere die Referendare bei Redeker immer, sich an den Besprechungen zu beteiligen; gehe mit ihnen direkt an die Front, damit sie von Beginn an mitbekommen, wie so ein Anwaltsleben läuft.“ Wie setze ich arbeitsökonomisch die Prioritäten richtig?

Eine Frage, mit der jeder Anwalt im laufenden Tagesgeschäft ständig konfrontiert ist; für Sven-Hendrik Schulze war sie ein fester Bestandteil der Ausbildung in Bonn. Allein die Zahl der Mandantengespräche, an denen er in dieser Zeit habe teilnehmen können, habe „locker im zweistelligen Bereich“ gelegen. Aufgrund seines Studienschwerpunktes im Europa- und Völkerrecht und weil er die Kollegen in Bonn mit guten Leistungen beim „training on the job“ überzeugte, vermittelte sein Ausbilder ihm die Möglichkeit einer Wahlstation im Brüsseler Büro. Dort vertritt die Kanzlei überwiegend deutsche Mandanten, die vor EU-Institutionen auftreten. Mit sechs Berufsträgern Anwaltsstation gern vor Ort, unterscheide sich der Arbeitsablauf dort deutlich von dem in Bonn, wo er klar einem Ausbilder zugearbeitet habe, berichtet Sven-Hendrik Schulze. In der EU-Hauptstadt arbeitete man „mittelbar für den ausbildenden Partner, aber auch für die übrigen Anwälte, sodass man mit unterschiedlichen Leuten auch verschiedene Stile kennenlernt“. In der Regel seien es großvolumige Mandate, die über Jahre liefen, wie die Rettung von Banken, Beihilfeverfahren oder Kartellrechtsstreitigkeiten. Oft seien Vermerke oder Kurzgutachten, „Memos“, für die Rechtsanwälte zu erarbeiten, die mittelbar für den Verkehr mit Mandanten, europäischen Institutionen oder Gerichten genutzt würden. „Das ist schon spannend, wenn man sieht, was dabei später herauskommt“, sagt Schulze, „und man hat selber in irgendeiner Form – sei es auch nur im Kleinen – daran mitgewirkt.“

Europa zum Anfassen

Ausbilder Rechtsanwalt Dr. Andreas Rosenfeld

„Durch die duale Station mit zwei Ausbildern lernen wir die Referendare viel besser kennen, als wenn sie nur in einer Station bei uns sind – aus verschiedenen Blickrichtungen und in Büros mit unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten“, erklärt Dr. Andreas Rosenfeld. Der 47-Jährige ist Partner bei Redeker Sellner Dahs und Spezialist für Kartell-, Beihilfen- und Europarecht. Er war maßgeblich am Aufbau des 2003/2004 gegründeten Büros der Kanzlei in der EU-Hauptstadt beteiligt. Das dortige Team besteht zurzeit aus sechs Berufsträgern, meist unterstützt durch ein oder zwei Referendare. Es berät vorwiegend deutsche Mandanten in großen Regulierungsverfahren, zu Fragen des EU-Binnenmarktrechts, im Beihilfen- und Kartellrecht sowie im WTO-Recht. Zudem übernimmt es Vertretungen vor der EU-Kommission und vor den Unionsgerichten in Luxemburg sowie auch vor deutschen Gerichten. „Wir haben keine sehr starke Spezialisierung, sondern eher ein breites Portfolio, was von den Referendaren in der Regel auch sehr geschätzt wird“, erläutert Andreas Rosenfeld. Für die Nachwuchskräfte biete die Ausbildung an zwei Standorten den Reiz, ein „kompletteres Bild einer Kanzlei zu bekommen, die natürlich ganz unterschiedliche Facetten hat, gerade in der Kombinationdes deutschen mit dem internationalen Geschäft.“

Traditionell vertrete die Kanzlei in vielen Auseinandersetzungen auch auf europäischer Ebene die öffentliche Hand, „sodass wir hier viele auch rechtspolitisch spannende Themen bearbeiten.“ So etwa die Rettung von Landesbanken oder Regionalflughäfen im Auftrag der öffentlichen Hand. Als weitereBeispiele mögen die OMC-Verfahren (Staatsanleihen-Käufe) der Europäischen Zentralbank (EZB) oder das Verfahren um die Waldschlösschen-Brücke in Dresden herhalten. Auch am bislang größten deutschen Kartellschadensersatzprozess zwischen einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahn und diversen Spediteuren gegen namhafte Luftfrachtanbieter (unter anderem Lufthansa, Quantas, Airfrance/KLM) wegen des Vorwurfs unrechtmäßiger Preisabsprachen sind Rosenfeld und seine Kollegen beteiligt. Für die Ausbildung sei vor allem die Anbindung an die europäischen Institutionen wertvoll. „Es gibt die Chance, jenseits der deutschen Referendarpraxis zu lernen, wie Brüssel, das Geschäftsleben im Ausland sowie die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den einzelnen Institutionen funktioniert“, sagt der Praktiker. Hinzu komme die Korrespondenz mit der europäischen Kommission und anderen Institutionen, schließlich die Nähe zu Luxemburg, wo die Kanzlei regelmäßig Prozessführungen übernehme.

Für die Referendare gilt es einzelne Rechtsfragen zu untersuchen und in Vermerke zu fassen, etwa die Entscheidungspraxis zu bestimmten Themen. „Konkret bitten wir sie darum, Schriftsätze vorzubereiten, wenn wir in Deutschland oder Luxemburg zu Gericht müssen oder lassen sie etwa Beschwerden an die Kommission entwerfen“, erläutert Andreas Rosenfeld. Zudem würden sie von den betreuenden Rechtsanwälten animiert, oft an den vielen für Brüssel typischen Veranstaltungen teilzunehmen. Nach Ratstreffen etwa gibt es häufig Termine mit hohen Beamten der deutschen Botschaft oder einer Partei, die über die Ergebnisse ihrer Sitzungen referieren. Das sei ein bewusst gesetzter Teil der „Brüsseler Erfahrung“. Rosenfeld: „Viele der Diskussionen werden interdisziplinär geführt mit politischem oder wirtschaftlichem Bezug, nicht rein rechtlich.“ Stichwort Brexit? „Das wird spannend“, urteilt der EU-Rechtler.
Man habe die Referendare gerade erst gebeten, „eine Stoffsammlung zu den möglichen Szenarien zu erstellen, um daraus am Ende ein Positionspapier zu entwickeln, was sich rechtlich zum gegenwärtigen Zeitpunkt eigentlich zum Brexit sagen lässt.“ Anders als bei manch anderer Kanzlei ist die Fluktuation bei Redeker nach eigener Aussage vergleichsweise gering: Im Schnitt sind es drei bis vier Neuanstellungen pro Jahr.

Gleichwohl werden an sechs Standorten, wo insgesamt rund 100 Berufsträger tätig sind (42 davon Partner), mehr als 30 Referendare pro Jahr ausgebildet. Neben guten Noten sind vor allem (auch geistige) Mobilität und Fremdsprachenkenntnisse erwünscht. „Leute, die über den Tellerrand schauen, eine gewisse Flexibilität und Einsatzfreude zeigen, etwa durch ein Auslandsstudium, Engagement am Lehrstuhl oder interessante Projekte“, erklärt der Redeker-Partner, „solche Leute, die nehmen wir gerne, weil es genau das ist, was wir hier brauchen.“

Strukturbegeistert

Ausbilder Rechtsanwalt Dr. Tobias Nießen

Dass er einmal Rechtsanwalt werden würde, daran bestand für Dr. Tobias Nießen nie wirklich ein Zweifel. „Es stand schon in unserer Abi-Zeitung“, erzählt der 39-Jährige, heute Partner von Flick Gocke Schaumburg (FGS) mit Schwerpunkt Arbeits- und Gesellschaftsrecht in Bonn. Durch seinen als Rechtsanwalt und Notar am Niederrhein tätigen Vater, sei er „von Hause aus geprägt“ und hatte Gelegenheit, sich den „Beruf seit frühester Kindheit anzuschauen“. Studiert hat Nießen in Bonn, Lausanne, Genf und Nimwegen. „Dort gab es einen internationalen Studiengang und ich wollte noch etwas Englischsprachiges vor dem,Freischuss‘machen“, erzählt er. Nach Bonn zog ihn seine heutige Ehefrau. Über Eigenrecherche, Kanzleirankings und Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis kam er zu FGS. Der Schwerpunkt der 1972 in Bonn gegründeten Partnerschaft von Rechtsanwälten, Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern liegt im Steuer- und Wirtschaftsrecht. Heute sind an sechs Standorten in Deutschland und in Repräsentanzen in Wien und Zürich insgesamt 104 Partner (davon 52 Equity- Partner) sowie rund 250 Mitarbeiter für Recht, Steuern und Wirtschaftsprüfung tätig. Die Kanzlei, die laut ihrer Website einen Schwerpunkt auf „steuerzentrierte Rechtsberatung“ für Unternehmen legt, zeichne sich vor allem durch einen teamübergreifenden „interdisziplinären Arbeitsstil“ aus, erklärt Tobias Nießen. Gut die eine Hälfte der Partner und Mitarbeiter bei FGS hat eine juristische Ausbildung, die übrigen einen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund oder beides. Als Tobias Nießen 2005 dazu kam, so berichtet er, sei Arbeitsrecht bei FGS noch „vergleichsweise hemdsärmelig“ praktiziert worden. „Wir haben Großmandate teilweise jedoch nur bekommen, weil wir uns entschieden haben, das Arbeitsrecht auf höchstem Niveau mit anzubieten.“ Heute sind auf dem Gebiet allein sieben Mandatsträger – davon vier Partner – und mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter beschäftigt. Bei Umstrukturierungen im Konzerngeschäft bildet das Arbeitsrecht neben dem Gesellschafts- und Steuerrecht häufig eine tragende Säule. Das kollektiv-arbeitsrechtliche Themenspektrum, das Tobias Nießen und sein Team heute bearbeiten, beginnt bei tarifvertraglichen Auswirkungen von Fusionen und Umwandlungen, reicht über Betriebsvereinbarungen bis hin zu Fragen der Mitbestimmung. Daneben werden aber auch sämtliche Themen des Individualarbeitsrechts abgedeckt. „Ich muss als Arbeitsrechtler dabei die steuerlichen Probleme nicht selbst im Detail lösen“, erläutert Nießen, „aber im Sinne einesMehrwerts für denMandanten eine Antenne dafür haben, wo Probleme auftauchen könnten, wenn ein Unternehmen seine Strukturen in die eine oder die andere Richtung verändert.“ Hier Expertise aufzubauen, sei fester Bestandteil der Ausbildung bei Flick Gocke Schaumburg.

Wissenschaftliche Mitarbeiter und Referendare sind grundsätzlich klar einem Partner zugeordnet und werden „eng am Fall ausgebildet“, wie Nießen formuliert. Die Kanzlei sei deshalb nicht nur an einzelnen Stationen der Nachwuchsjuristen interessiert, sondern versuche sich möglichst über einen längeren Zeitraum ein Bild von den Kandidaten zu machen. Viele starteten nach dem ersten Examen zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiter, um später ihr Referendariat oder einige Stationen davon in der Kanzlei zu absolvieren. „Zunächst legen wir dabei den Schwerpunkt der Ausbildung auf die Kerngebiete“, sagt der FGS-Partner. Nach einem Jahr seien die meisten Kandidaten dann „auf Betriebstemperatur“, um sich auch auf andere Rechtsgebiete vorzuwagen. Vieles läuft dabei über „training on the job“ und erfahrungsgemäß werde aus „vielen Wissensinseln irgendwann Land“, sagt der Arbeitsrechtsexperte.

Daneben bietet die Kanzlei regelmäßige Arbeitskreise für den fachlichen Austausch, Seminarangebote und Experten-Workshops an der hauseigenen „FGS Academy“. Ferner kümmern sich FGS-Partner schwerpunktmäßig um die Nachwuchs- Rekrutierung an Unis, Messen oder das hauseigene „Keep in
touch“-Programm, ein Karrierenetzwerk, das ehemalige Referendare, Praktikanten und wissenschaftliche Mitarbeiter in Kontakt mit den Mitarbeitern hält. Bei seinen Bewerbern achtet Nießen neben den bei FGS zwingend vorausgesetzten Prädikatsexamina auch auf interessante Stationen im Lebenslauf (gerne im Ausland) oder Zusatzausbildungen. Ob die Chemie dann stimmt und der Charakter zu Flick Gocke Schaumburg passt, stelle sich dann meist schnell im Vorstellungsgespräch heraus.

Vielseitig

Referendarin Sarah Hempelmann

Für ihr trainingsintensives Hobby, den Triathlon, hat Sarah Hempelmann im Moment nur noch wenig Zeit. Da können die nur einen Steinwurf von ihrem Arbeitsplatz bei Flick Gocke Schaumburg entfernt liegenden Wiesen und Hügel noch so einladend locken. Und auch für die Band und Orchester, wo sie
früher gern und oft Klarinette und Saxophon spielte, fehlt jetzt oft die Zeit.Weit häufiger als über Notenblätter streift der Blick der 28-jährigen Referendarin derzeit über den leicht begrünten Innenhof der Kanzlei, der sich unter die bodentiefen Fenster der Bibliothek kauert. Dann wälzt sie gerade im Auftrag eines Associates oder Partners Kommentare, wertet Urteile aus oder feilt an den Argumenten und Formulierungen für Schriftstücke,
Memos oder Klageerwiderungen. Sie arbeitet im sieben Köpfe zählenden Arbeitsrechts-Team von Partner Tobias Nießen. Chemie und Vita passten. Sarah Hempelmann, die im Oktober 2014 zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei FGS begann, um dann nahtlos ins Referendariat überzugehen, hat nicht nur ein „gut“ unter dem ersten Examen stehen. Nach einem FH-Studium in Bad Münstereifel, stellte sie schnell fest, dass ihr der Job als Rechtspflegerin auf Dauer nicht spannend genug sein würde und sattelte noch Jura auf.

Sie habe einen „tiefen Einblick ins Arbeitsrecht“ bekommen wollen, weil dies ihr Schwerpunkt an der Uni war. Also bewarb sie sich in Bonn bei FGS. „Was ich hier gut finde, ist der hohe wissenschaftliche Anspruch“, erzählt Sarah Hempelmann. Sie hat sich bewusst gegen ein Referendariat in einer
kleineren Kanzlei entschieden. „Praxisnähe und Examensrelevanz mögen dort im Einzelfall größer sein“, argumentiert sie, „aber der wissenschaftliche und inhaltliche Anspruch ist bei FGS viel höher und man arbeitet nicht einfach nur eine Akte nach der anderen weg.“ Und warum gerade Arbeitsrecht? „Weil es im Grunde jeden betrifft“, sagt Sarah Hempelmann, „es ist sehr plastisch, konkret, nicht abstrakt.“ Zudem gebe es zahlreiche Verknüpfungen
zu anderen Rechtsgebieten, etwa dem Gesellschaftsrecht, dem Sozialversicherungsrecht oder auch zum Thema Steuern, das bei FGS eine besonders große Rolle spielt. Die Referendarin arbeitet mehreren Anwälten zu, klärt etwa Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats bei Umstrukturierungen von Unternehmen, grenzt für international tätige Mandanten illegale Arbeitnehmerüberlassungen von Selbstständigkeit und Werkvertragsverhältnissen ab oder sucht in der Datenbank nach relevanten Urteilen zu Betriebsübergängen nach § 613 a BGB. Ihre Arbeitsergebnisse liefert sie persönlich oder per Mail zu. Parallel bereitet sie sich auf das zweite Staatsexamen vor. Ein bis zweimal pro Woche besucht sie den von Muttersprachlern in der Kanzlei kostenfrei angebotenen Sprachkurs für Business-Englisch. Entgegen den Warnungen vieler Kommilitonen, hätten sich die oft gezeichneten Schreckensbilder zum Stichwort Großkanzlei in ihrem Fall nicht bewahrheitet, im Gegenteil. „Bis 22 Uhr wird hier in der Regel nicht gearbeitet.“ Mit Blick auf ihre weiteren beruflichen Ziele ist Sarah Hempelmann noch hin und hergerissen: „Weil ich aus dem öffentlichen Dienst komme, wollte ich bislang eigentlich wieder dahin zurück“, sagt sie.

Mittlerweile könne sie sich aber auch gut vorstellen „hier bei FGS oder in einer anderen Kanzlei ähnlicher Größe als Anwältin zu arbeiten.“ Allerdings, so führt sie weiter aus, sei „nur Karriere sicherlich nicht das, was ich für mich möchte“. So spiele auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie eine wichtige Rolle bei der Auswahl des Arbeitgebers. Bei FGS ist diese dank der Möglichkeit, sämtliche Karrierestufen – inklusive der Partnerschaft – auch in Teilzeit zu erreichen, grundsätzlich möglich. Die Kanzlei arbeitet zudem mit einem bundesweit tätigen Familienservice zusammen, der Kita-Plätze für Kinder von Mitarbeitern vermittelt und auch kurzfristige Notfallsituationen abfedern hilft. Bei einem Mandantengespräch war Sarah Hempelmann bislang noch nicht mit dabei, aber es liegen ja auch noch neun Monate Referendarzeit vor ihr.

Frequenzmesser

Ausbilder, Rechtsanwalt und Notar Dr. Frank Burmeister

Zum Beruf des Rechtsanwalts kam Frank Burmeister dank „Liebling Kreuzberg“, jener zum Kult gewordenen ARD-Serie, in der sich der legendäre Manfred Krug ab Mitte der 1980er Jahre als hemdsärmeliger Advokat in die Herzen der Fernsehnation spielte. Doch zunächst stieß die Entscheidung Burmeisters bei seinen Eltern auf wenig Gegenliebe, immerhin bedeutete sie den Abbruch eines bereits laufenden Studiums der Elektrotechnik an der TU Hamburg. Der Vater Ingenieur, weit und breit kein Anwalt in der Familie, doch er „habe die Entscheidung zum Jura-Studium nie bereut“, erzählt Dr. Frank Burmeister, heute Partner bei Hengeler Mueller im Frankfurter Büro. Noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für öffentliches Recht und Europarecht an der Hamburger Universität tätig, bewarb er sich zum Berufseinstieg in Düsseldorf – für das öffentliche Recht. Wieder kam es anders. Aus Düsseldorf wurde Frankfurt, aus Rechtsfragen zu EU-Richtlinien und Verordnungen wurden Unternehmenskäufe, Übernahmen oder Umstrukturierungen. „Als man mich fragte, ob ich nicht lieber M&A hiermachen wollte, warmir das dann auch egal“, scherzt Burmeister rückblickend, „ich kannte ja beide Städte nicht“. Der Hengeler-Partner ist als Rechtsanwalt zugelassen und als Notar bestellt, macht längst Gesellschafts- statt Gemeinschaftsrecht.

Seit zwölf Jahren bildet er nun auch Nachwuchstalente für die Kanzlei aus. Ja, bestätigt der erfahrene Ausbilder, der Markt habe sich verändert. Gute Referendare und überdurchschnittliche Bewerber seien fordernder geworden, die Kanzleilandschaft insgesamt transparenter. Das sorge auch unter den Großen der Branche für mehr Wettbewerb und mache sie für potentielle Bewerber vergleichbarer. Ergo gehörten im engen Markt für  Top-Absolventen kanzleieigene Programme zur Examensvorbereitung oder Sprachkurse längst zum nachgefragten Repertoire. Ein Großteil der Suche nach den größten Talenten laufe „mehr vor Ort an Lehrstühlen, Universitäten oder auf Bewerber-Messen“, berichtet er. Für Hengeler Mueller wirbt er
vor allem mit der „sehr hohen Kollegialität“ im Hause und „guter Arbeitsatmosphäre in Teams, ohne, dass untereinander Ellbogenmentalität herrscht.“

Ein weiteres Plus sei die „sehr breite Ausbildung“ mit „Mandaten und Rechtsfragen auf höchstem Niveau“. „Wer sich juristisch austoben will“, erklärt Frank Burmeister, „der ist bei uns an der richtigen Adresse.“ In der Tat kann sich die Ausbildung für Referendare sehen lassen und genießt auch unter Mitbewerbern in der Branche einen sehr guten Ruf. Neben einer Reihe fachgebietsbezogener Veranstaltungen, examensrelevanter Zusatzangebote und Erfahrungsaustauschen bietet sie für Referendare Sprachkurse in „legal English“ sowie die Möglichkeit, an zwei fixen Terminen im Jahr, für drei Wochen in die befreundete Kanzlei Slaughter and May nach London zu wechseln. Möglich sind darüber hinaus aber auch Referendar-Stagen in den Hengeler- Büros in Brüssel, London oder Shanghai. Alle Associates unterliegen dem Rotationsprinzip. Das bedeutet, dass sie nach spätestens 18 Monaten einem anderen Partner unterstellt werden. Zudem gibt es die verpflichtende „HM Akademie St. Gallen“, die neben wirtschaftsrechtlichen
auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Soft-skills vermitteln soll. Im „Mainstream-Bereich“ des Wirtschaftsrechts verfolge Hengeler Mueller den Ansatz, dass es weniger auf eine frühzeitige Spezialisierung der Kandidaten in bestimmten Rechtsbereichen ankomme, als vielmehr darauf, „das juristische Handwerkszeug zu beherrschen“, erläutert Frank Burmeister. Es sei mehr ein „training on the job“, das sich bewährt habe und praktiziert werde. Worauf achtet er selbst bei den Nachwuchs-Kandidaten? „Nun, der- oder diejenige muss in der Lage sein, das durch überdurchschnittliche
Examina dokumentierte juristische Können schriftlich und mündlich auch so darzubieten, dass es für den jeweiligen Empfänger verständlich ist“, sagt Frank Burmeister – das könne, müsse aber nicht zwingend immer der Mandant und juristische Laie sein. Auch soziale Kompetenz und die Fähigkeit im Team zu arbeiten, seien angesichts der Größe vieler Mandate gewichtige Auswahlkriterien, daneben Einsatzwille, Empathie und Begeisterungsfähigkeit. „Man muss koordinieren und Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können“, erläutert der Praktiker. Dabei sei „Dienstleister-Mentalität“ gefragt, denn letztlich gehe es um Service für den Mandanten.

Am Puls

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Arvid Morawe

An der Bucerius Law School in Hamburg hatte sich Arvid Morawe beworben, weil er „einen kleinen Tritt in den Hintern brauchte, also ein etwas strafferes Programm“. Heute, ein erfolgreiches Jura-Studium später, sitzt der gebürtige Berliner in einem Konferenzraum des Frankfurter Büros von Hengeler Mueller, 25. Etage aufwärts und hat die imposante Skyline des Bankenviertels im Blick. Bereits als Schüler habe er sich viel mit Politik und Philosophie beschäftigt, sei dann aus „Interesse am Liberalismus“ den Jungen Liberalen in Berlin beigetreten. „Da waren viele Juristen dabei, und ich fand es sehr interessant, wie strukturiert sie an Probleme herangegangen sind und wieviel sie dabei mit Sprache gearbeitet haben.“ Um sicher zu sein, absolvierte Arvid Morawe nach seinem Wehrdienst zunächst ein Praktikum in einer mittelständischen Kanzlei in Berlin. „Mich haben vor allem die Zusammenhänge an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Recht interessiert“, sagt der 27-Jährige heute.

Gesellschaftsrecht, M&A und Finanzierungsberatungenwaren denn auch Schwerpunkte seiner das Studium begleitenden Praktika und Stationen, etwa bei Gleiss Lutz, der Deutschen Bank, als Student an der Fordham University School of Law in New York oder bei einer Hamburger Kanzlei mit Schwerpunkt Schiffsfinanzierungen. Nach einem „guten“ ersten Examen ging es weiter ins Bundeskanzleramt, genauer, in das Referat für Wirtschaftsrecht, wo sich Arvid Morawe erstmals mit Wettbewerbspolitik und Mittelstandsthemen vertraut machen konnte. Spezialisiert hat er sich mittlerweile auf Gesellschaftsanwaltsstation und Kapitalmarktrecht. Zurzeit promoviert er an der Universität Frankfurt im GmbH-Recht. Läuft alles, wie geplant, will er im April kommenden Jahres als Associate bei Hengeler Mueller weitermachen. Seine Zukunft sieht Arvid Morawe „klar in einer großen Kanzlei“, vorerst jedenfalls. Auch, wenn es „natürlich immer eine Option bleibt, sich als Anwalt selbstständig zu machen.“

Bei Hengeler sind Referendare und wissenschaftliche Mitarbeiter grundsätzlich einem Partner und einem Tutor – einem berufserfahrenen Associate – zugeordnet. „Das System ist aber fließend“, berichtet Arvid Morawe. „Letztlich ist es mandatsabhängig ein Pool an Leuten, für die man arbeitet.“ Die spezialisierten Teams beratender Anwälte bei Hengeler Mueller – in Frankfurt sind es insgesamt rund 100 – bestehen in der Regel aus zwei, maximal drei Mitarbeitern. Gerade über den Tutor oder die Tutorin lasse sich viel über die tatsächliche Arbeit des Anwalts erfahren, erzählt Arvid Morawe, zumal der Unterschied in Alter und Ausbildungsstand in der Regel noch nicht so deutlich sei, wie bei langjährigen Partnerinnen oder Partnern. Der Berufseinsteiger ist an Due-Diligence-Prüfungen zur Bewertung von Risiken bei Unternehmenskäufen ebenso beteiligt, wie an der Dokumentation von Transaktionen, Fragen der Finanzierung oder dem Vorbereiten von Schriftsätzen und Vollmachten. Zuletzt arbeitete er für seinen betreuenden Partner, Dr. Frank Burmeister, an einem Leitfaden für Gesellschafter-Versammlungen mit. An Abwechslung im Arbeitsalltag fehlt es ihmbei Hengeler nicht – im Gegenteil wechselten die Herausforderungen bei jedem der Mandate. „Ich finde die Professionalität in einer Großkanzlei sehr angenehm“, sagt der junge Berufseinsteiger. „Man kann hier auch mit den Partnern immer fachlich auf Augenhöhe diskutieren.“ Sein Eindruck sei bislang, „dass es in dieser Kanzlei immer um die Sache geht und nicht um persönliches Geplänkel.“ Was hat Arvid Morawe bisher angetrieben? War es das Geld? „Klar, das will man natürlich auch, aber das ist kein absolutes Ziel, weil es nicht oder jedenfalls nur sehr kurzfristigmotiviert“, sagt er ohne längeres Zögern. „Mir ging es vor allen Dingen darum, bei den großen, den spannenden Sachen dabei zu sein, nah am Puls“. Hier habe man bei Mandaten die Chance „das ganze Bild zu sehen.“ Bei der Wahl zwischen dem Verzicht auf eine Mittagspause zugunsten von Mehrarbeit, schlage sein inneres Pendel allerdings klar in Richtung „Lebensqualität“ aus. Privat geht er gerne und oft ins Theater, joggt oder liest. Derzeit das zweite Tagebuch des Feuilletonisten, Essayisten und Romanciers Fritz Joachim Raddatz. Und wie steht es um die Freizeit? Übermäßig lange Arbeitszeiten? Nein, jedenfalls für Referendare sei das bei Hengeler Mueller kein Thema, sagt er. Und: „Natürlich arbeiten Anwälte auch mehr als die Referendare.“//

Interkontinental …

Texte: Martin Dommer

Referendarin Elisabeth Sommer

Wo Istanbul am schönsten ist? Elisabeth Sommer zögert nur einen kurzen Moment: „Am liebsten fahre ich mit der Fähre über den Bosporus, denn ich wohne im asiatischen Teil der Stadt und das Büro liegt auf der europäischen Seite mitten im Zentrum – auch da gibt’s Meerblick“, sagt die 27-Jährige Referendarin und lacht herzlich am anderen Ende der Leitung. Gerade absolviert sie die letzten Wochen ihrer dreimonatigen Wahlstation im Istanbuler Büro der Stuttgarter Kanzlei Diem & Partner. Im grenzüberschreitenden Geschäft betreut diese deutsche Mandanten, die geschäftlich in der Türkei aktiv sind oder es demnächst werden wollen. Darüber hinaus schafft sie im Auftrag türkischer Geschäftspartner Verbindungen nach Deutschland.

Grundkenntnisse imTürkischen hat Elisabeth Sommer aus ihrer Heimat, Berlin-Kreuzberg, gleich importiert. Die Mutter ist Anwältin für Ausländer- und Asylrecht, ihr Lebenspartner Deutscher mit türkischen Wurzeln; für Sommer, die in Neukölln lebt und ihr Referendariat ansonsten am Berliner Kammergericht absolviert, sind es optimale Voraussetzungen, um in der pulsierenden türkischen Metropole zwischen Europa und Asien durchzustarten. Jedenfalls, so sagt sie, habe es ihr „den Einstieg in die kulturellen Gegebenheiten vor Ort sehr erleichtert“.

Quelltext-Recherchen, Botendienste bei Gericht oder Übersetzungen für Satzungen, dazu Gesellschafts- oder Mietverträge auf Deutsch und Englisch; während ihres dreimonatigen Aufenthalts in der Fremde macht sich die Referendarin in der Kanzlei nützlich, wo immer es geht. „Es gibt auch in der Türkei eine Menge Bürokratie und man muss sehr viele Dinge – Verträge oder Vollmachten etwa – immer notariell beurkunden lassen“, erzählt sie. Parallel paukt Elisabeth Sommer an drei Tagen in der Woche in der Sprachschule, um in der Landessprache (noch) sattelfester zu werden.

Gerade weil sie mit dem Gedanken spiele, vielleicht einmal für längere Zeit in der Türkei zu leben und zu arbeiten, sei es ihr für die Wahlstation wichtig gewesen, einen ersten Einblick in das fremde Rechtssystem und seine aus deutscher Warte „unübersichtlichen Institutionen“ zu bekommen. Bereits im Hauptstudium hat sie einen Schwerpunkt im internationalen Privatrecht gesetzt, will nach dem zweiten Examen eventuell noch ein LL.M.-Studium in der Türkei aufnehmen. Sommer belegte frühzeitig Sprachkurse an der Volkshochschule (VHS) in Berlin und absolvierte einen zweimonatigen Türkisch-Kurs in Izmir (Westtürkei), bevor sie über eine Internetrecherche auf ihre derzeitige Ausbildungskanzlei stieß und sich um einen Platz bewarb.

Kurz vor dem Ende ihrer Zeit in Istanbul findet Elisabeth Sommer ganz überwiegend lobende Worte für Ihre Wahlstation und die „angenehme Arbeitsatmosphäre und Betreuung“ in der kleinen Dependance amGoldenen Horn. Insgesamt wirke das anwaltliche Arbeitsleben in der Türkei auf sie „deutlich entspannter als in Deutschland“, wo in der Regel alles sehr viel formstrenger ablaufe. Es fühlt sich „unheimlich gut an, wenn man die Herausforderung bewältigt, in einem anderen Land mit einer anderen Kultur und Sprache sein Leben selbständig zu meistern“, sagt Sommer, „auch, weil man mit Menschen in Kontakt kommt, dieman ansonsten vermutlich niemals getroffen hätte.“

Nach dem zweiten Examen und einem kleinen Erholungsurlaub will die Berufseinsteigerin später am liebsten im internationalen Familien- oder Strafrecht tätig werden. „Ich denke, dass ein solcher Auslandsaufenthalt im Referendariat eine sehr schöne Erfahrung ist, die jeder nach Möglichkeit machen sollte – Erfahrungen in Deutschland kann man auch später noch machen.“

… und jenseits aller Vorurteile

Ausbilder Rechtsanwalt Kaan Kalkan
„Anders als auch viele Juristen in Deutschland glauben“, erläutert Rechtsanwalt Kaan Kalkan, sei „das türkische Rechtssystem weitgehend kontinentaleuropäisch geprägt; keine Spur von Scharia.“ Kaan Kalkan, seit 2008 Leiter des Türkeigeschäfts der Kanzlei Diem & Partner, betreut die Ausbildung des juristischen Nachwuchses. Der 36-Jährige war selbst als Referendar auf Wahlstation im Istanbuler Büro, bevor er als Berufsträger bei den Mittelständlern aus Schwaben einstieg. 1993 aus einer seit 1978 bestehenden Sozietät hervorgegangen, ist die Kanzlei Diem & Partner mit Hauptsitz in Stuttgart vor allem im nationalen und internationalenWirtschaftsrecht aktiv. Iminternationalen Geschäft hat die Kanzlei Länderschwerpunkte gebildet, darunter insbesondere für französisches und türkisches Recht.

So wie das türkische Strafrecht italienische, jedenfalls aber keine islamischenWurzeln hat, sind auch die übrigen Teile der Rechtsordnung westlich orientiert. Etwa das am Schweizer Zivilgesetzbuch orientierte Zivilrecht. „Dessen Obligationenrecht entspricht im Wesentlichen unserem Verständnis des Schuldrechts, wie wir es aus dem Besonderen Teil des BGB kennen“, erklärt der in Rechtshistorie sachkundige Anwalt. Demgegenüber sei das Verwaltungsrecht französischer Prägung und „stark zentralistisch“.

Unternehmen, die eine eigene Präsenz in der Türkei haben wollen, stehen häufig vor der Entscheidung, ob sie dafür lieber eine türkische Gesellschaft gründen sollen oder ihre Tätigkeit zunächst lieber aus einemsogenannten Verbindungsbüro (liaison office) koordinieren. Rechtsrat suchen die Mandanten oft auch zu formellen Fragen des türkischen Arbeitsrechts, etwa mit Blick auf den Kündigungsschutz oder Formvorschriften. Kaan Kalkan hat mit seinen Kollegen dazu im Netz einen eigenen Katalog mit den häufigsten Fragen (FAQ) zu den rechtlichen Rahmenbedingungen in der Türkei entwickelt. Im Zuge der seit Jahren angestrebten Anpassung des türkischen Rechts an die EU und ihre Richtlinien ist dort aktuell vieles im Fluss. Zum täglichen Beratungs- und Betreuungsgeschäft der Kanzleianwälte für die Unternehmen zählt es, Handelsbeziehungen aufzubauen und abzuwickeln, Markteintritte rechtssicher vorzubereiten, zudemVerträge für Einkäufer, Handelsvertreter oder den Vertrieb zu formulieren, schließlich auch die unter Umständen streitige Prozessführung in beiden Ländern.

Für die operative Arbeit vor Ort im Ausland bedienen sich Diem & Partner, in Deutschland mit 14 Berufsträgern aktiv, externer türkischer Rechtsanwälte, mit denen die Kanzlei seit Jahren eng zusammenarbeitet. Alle drei bis vier Wochen pendelt Kaan Kalkan zwischen dem Ländle und dem Goldenem Horn, begleitet quasi als kommunikatives Scharnier, hier wie dort Projekte, führt Gespräche mit wichtigen Mandanten und Geschäftspartnern. Der Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht nennt das „mentalitätsgerechte Beratung“ und verweist auf kulturelle Unterschiede, die es etwa mit Blick auf Formvorschriften bei der Beweisführung, Verfahrensabläufen oder im praktischen Umgang mit Vertragstexten und Allgemeinen Geschäftsbedingungen gibt.

Für einen sinnvollen Auslandseinsatz als Referendar in der Kanzlei sind aus seiner Sicht „ordentliche Noten“ und eine gewisse Sprachkompetenz im Türkischen zwingend. Daneben legt er bei den Bewerbern vor allem Wert auf ein „Interesse an internationalen Sachverhalten“ sowie wirtschaftsrechtliche Grundkenntnisse, seien sie im internationalen Privatrecht oder im Gesellschaftsrecht.

Im Gegenzug biete die Auslandsstage bei Diem & Partner Gelegenheit, „interkulturelle Kompetenz“ sowie anwaltliche Erfahrungen auf internationalem Parkett zu erwerben, wirbt er. „Mit Englisch kommen Sie heute zwar oft weiter“, sagt Kalkan, „aber gerade im Konfliktfall will sich ein Mandant in aller Regel in seiner Muttersprache unterhalten, weil er dort seine Befürchtungen richtig an den Mann bringen kann – das ist einer der Mehrwerte, die wir mit unserer Kanzlei bieten.“

Wintersemester 2015

Feld, Wald, Wiese …

Texte: Martin Dommer

Ausbilder: Rechtsanwalt Justizrat Thomas Haberland

Es gibt Nachrichten, die haben in jeder Hinsicht etwas Beruhigendes. Eine stammt vom südwestlichen Rande der Republik, zeugt von einer guten Prise schwarzen Humors und geht auf Justizrat Thomas Haberland zurück, der dort seit mehr als dreißig Jahren als Rechtsanwalt praktiziert: „Einen Mord hatte ich hier noch nie zu verteidigen; als Anwalt müsste ich wohl eigentlich leider sagen.“ Hier, das ist im rheinland-pfälzischen Pirmasens, mit seinerzeit bis zu 200 Produktionsstätten einst Mekka der deutschen Schuhherstellung, nur zwanzig Kilometer entfernt von der Grenze zu Frankreich.

„Pirmasens ist die Schuhstadt; hier war der Schuh zu Hause, hier waren die Fabriken“, erzählt Justizrat Thomas Haberland. Bis in die späten 1970er Jahre produzierten dort bekannte Firmen wie Salamander, Rheinberger, Pudelwohl oder auch Peter Kaiser (letzterer ist noch vor Ort) bevor die Branche über viele Zwischenstationen in Europa nach Fernost abwanderte. Das Know-how sei noch immer da, erklärt der Rechtsanwalt und auch alte Handwerksberufe wie der „Bugger“ oder der „Schärfer“ seien in der Region keine Seltenheit. Denn bei aller Technik: ein guter Schuh bestehe aus bis zu 150 Einzelteilen und „Handarbeit macht noch immer etwa 50 Prozent der Herstellung aus“ weiß Haberland, der heute als Fachanwalt für IT Recht vor allem Mandanten aus der Branche vertritt, die der Schuh- und Lederindustrie die Software liefern.

Mit insgesamt 12 Mitarbeitern und drei Berufsträgern, die sich auf unterschiedliche Schwerpunkte spezialisiert haben und dabei von einem klassisch nach Dezernaten aufgeteilten Zentralsekretariat sowie einer eigenen Mahnabteilung unterstützt werden, sind Flick, Haberland und Partner eine Allround- Kanzlei mit allen gängigen Rechtsgebieten. Neben Familien- und Verwaltungsrecht praktiziert der 62-Jährige Haberland vor allem als Strafverteidiger und ist neben dem Fachanwalt für IT-Recht auch Fachanwalt für Verkehrsrecht. Ein Kollege bedient fachanwaltlich das Insolvenzrecht, eine andere Kollegin das Arbeits-, Erb- und Wettbewerbsrecht sowie Mietsachen. Zum Mandantenstamm der „klassischen Feld-, Wald- und Wiesenkanzlei“ (Haberland) zählen überwiegend mittelständische Unternehmen aus der Region – viele noch in Händen der Eigentümer. „Damussman den klassischen Familienanwalt anbieten“, sagt Thomas Haberland, „von der Scheidung bis zum Erbfall, Nachbarschaftsstreite oder dem drohenden Führerscheinentzug beim Großvater.“ Bei der Mandanten- Akquise für die Kanzlei spiele das Internet bislang bestenfalls eine untergeordnete Rolle berichtet der erfahrene Rechtsanwalt. „Die Struktur hier ist schon so, dass man seinen Anwalt hat und nicht mit jeder Sache zum Nächsten geht.“ Das meiste laufe „auf klassischem Wege über Mund-zu-Mund-Propaganda“. Was letztlich zähle, sei „guter, verlässlicher und persönlicher Service für die Mandanten“.

Das Einzugsgebiet des örtlichen Amtsgerichts ist mit etwa 100.000 Einwohnern zwar großzügig bemessen. Doch wie vielerorts in den ländlichen Regionen ist die Einwohnerzahl in Pirmasens selbst mittlerweile (von ursprünglich 60.000) auf nur noch etwa 40.000 Einwohner geschrumpft. Der Teilabzug der amerikanischen Streitkräfte, die im nahen Landstuhl beziehungsweise Ramstein noch immer große Luftwaffenstützpunkte und Reha-Kliniken betreiben, hat der Region einen zweiten Strukturwandel beschert, der viele Arbeitsplätze kostete.

Der „Kuchen“ sei merklich kleiner geworden, berichtet der 62-Jährige Haberland, der viele seiner heutigen Klienten schon seit deren Kindertagen kennt. Nach dem Jura-Studium in Tübingen und München kam der gebürtige Hamburger bereits 1965 nach Pirmasens, schloss vor seiner Zulassung als Anwalt ein Ingenieurstudium in Elektrotechnik ab, merkte dann aber, dass ihm „der Horizont von Ingenieuren zu eng war“. Seine große Leidenschaft ist die Fliegerei und so hat der Hobby-Pilot auch das Luftfahrtrecht für sich entdeckt, gehört der Arbeitsgemeinschaft „Fliegende Juristen und Steuerberater“ (AOPA) an und vertrittMandanten auch in Luftstraf- und Lizenzverfahren. Nebenbei engagiert er sich ehrenamtlich als Vorsitzender Richter beim Anwaltsgerichtshof Rheinland-Pfalz. Etwa alle zwei Jahre bildet er zudem Referendarinnen und Referendare im Zuge ihrer Anwaltsstation aus. „Heute können sie keine klassische Kanzlei mehr gründen, sondern nur noch in eine kleine Kanzlei als Referendar einsteigen, die dann Stammkundschaft hat“, gibt sich der erfahrene Rechtsanwalt mit Blick auf die aktuelle Generation der Berufseinsteiger überzeugt, „diese selbst heranzuzüchten geht eigentlich gar nicht mehr, allenfalls in einer Nische.“

… und jenseits aller Vorurteile

Referendarin Jennifer Greiner

In der Kanzlei-Bibliothek nebenan, brütet Jennifer Greiner gerade mit nachdenklichem Gesicht über einer Akte. Seit acht Monaten ist die Referendarin vom OLG Zweibrücken in der Kanzlei, um zu lernen, welche Verteidigungsstrategien Mandanten und Beschuldigten anzuraten sind: Schweigen? Ein Geständnis? Oder doch lieber die Einstellung des Verfahrens beantragen? „Im Studium lernt man nur etwas zur Frage der Strafbarkeit nach Paragraf soundso, aber nicht, wie man da am besten herangeht, strategisch“, sagt Jennifer Greiner, „das finde ich spannend, ebenso die unterschiedlichen Typen von Mandanten.“

Studiert hat die 28-Jährige, die von sich selbst sagt, sie lese auch privat gerne Krimis und sei „sehr heimatverbunden“, in Saarbrücken, wohnt in Pirmasens. Neben Erfahrung der Kanzlei im Umgang mit der Ausbildung von Referendaren, war ihr wichtig, eine „Station mit guten Ausbildern zu finden, die einen auch fordern, wo man aber auch immer einen Ansprechpartner hat und nicht nur einer von Vielen ist.“

Jennifer Greiner übt sich täglich am Diktieren von Klageentwürfen, formuliert Entwürfe für Klageerwiderungen, fordert Ermittlungsakten an oder schreibt verwaltungsrechtliche Gutachten. Oft begleitet sie ihren Ausbilder zu Terminen mit den Mandanten oder bei Gericht, um ihn anschließend bei einer Nachbesprechung „auszuquetschen“. So profitiert die junge Berufsanwärterin von der jahrzehntelangen Erfahrung des Routiniers. Der spricht als Ausbilder von einem „Herantasten, Heranführen und Heranwachsen“ in der Beziehung von jungen Berufsanwärtern und angestammten Mandanten der Kanzlei. Wer den Beruf des klassischen Anwalts anstrebe, der sei im ländlichen Kreis gut aufgehoben, sagt Thomas Haberland, „denn hier bekommt man alle Rechtsmaterien mit und bei unserer täglichen Arbeit in der Kanzlei menschelt es auch an allen Ecken und Enden.“

Das kann Jennifer Greiner bestätigen: „Am interessantesten finde ich es, die unterschiedlichen Arten von Mandanten kennenzulernen und wie man da als Anwalt herangeht, von ganz sensiblen Menschen bis zu total impulsiven Typen.“ Bevor sie gekommen sei, habe sie Staatsanwältin oder Richterin werden wollen, sagt die Referendarin. Doch die strategische Arbeit als Strafverteidigerin habe sich in der Praxis als „sehr spannend“ erwiesen, „etwa, wenn es darum geht, abzuwägen, wie man für einen erwiesen schuldigen Täter das geringste Strafmaß beziehungsweise beste Ergebnis vor Gericht erwirkt.“ Noch gut einen Monat in der Kanzlei hat Jennifer Greiner vor sich, bevor sie in ihre nächste Station bei der Staatsanwaltschaft am OLG Zweibrücken wechselt. Für die Examensklausuren, da ist bereits jetzt sicher, sei die praktische anwaltliche Arbeit „ungemein hilfreich gewesen“.

Bild von Sarah Ganz
Karrieresprungbrett Wahlstation

Texte: Zakiya Mzee, London

Wie eine deutsche Anwältin in das Londoner Büro einer internationalen Großkanzlei kommt? „Durch meine Wahlstation“, sagt Dr. Sarah Ganz und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Im sechsten Stock von 49 Park Lane hat man bei Wilmer Hale einen großartigen Blick auf das nachmittägliche Treiben im Hyde Park.

„Wir sind in unserem Büro vor allem im Bereich internationale Schiedsverfahren tätig, bis auf eine Gruppe, die auch Investigations und Criminal Litigations macht“, berichtet sie. Sie selbst ist überwiegend auf Commercial Arbitration spezialisiert, macht aber auch Investment Arbitration. Ihr Interesse am Schiedsverfahrensrecht wurde bereits durch ein Praktikum während des Studiums geweckt. Auch die Arbeit in der Abteilung für Schiedsverfahrensrecht bei der Kanzlei CMS in München während ihrer Dissertation fand sie sehr interessant. Da schien es nur logisch, sich auch in der Wahlstation mit dem Fachgebiet zu beschäftigen. „Ich hatte Lust, noch mal ins Ausland zu gehen. Den Bezug zu Großbritannien hatte ich bereits durch mein Studium in Oxford. So bin ich dann bei Wilmer Hale gelandet.“ Es gefiel ihr so gut, dass sie nach der mündlichen Prüfung und der Publikation ihrer Doktorarbeit wieder zurückgekommen ist.

Mit einem deutschen Abschluss in einer Kanzlei in England zu arbeiten, war für sie kein Problem. „In International Arbitration ist ein deutscher Abschluss kein Nachteil, weil es auch Verfahren gibt, in denen deutsches Recht eine Rolle spielt oder anderweitig ein Deutschlandbezug besteht. Als ich hier angefangen habe, hatten wir einen Fall, in dem polnisches Recht anwendbar war. Das ist dem deutschen Recht aber gar nicht so unähnlich. Es war für die Zusammenarbeit mit den polnischen Anwälten sehr hilfreich, dass auch der Austausch mit einem „Civil Lawyer“ möglich war. So kann man sich auf einer völlig anderen Ebene unterhalten.“ Das heiße natürlich nicht, dass die deutschen Anwälte und Anwältinnen im Büro nur an deutschen Fällen arbeiten, stellt Ganz klar. Und auch in „Common Law“-Fällen schade eine „Civil Law“-Perspektive nicht. Schließlich kann auch in einem Schiedsgericht mal ein „Civil Lawyer“ sitzen. Deutsch ist in der Park Lane jedenfalls kein Fremdwort.

Auch wenn es einige deutsche und deutschsprachige Anwälte gibt, ist das Londoner Büro von Wilmer Hale insgesamt sehr international besetzt. Die Möglichkeit, mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt zusammenzuarbeiten und das vergleichsweise junge Team waren eine wichtige Motivation, weshalb die Anwältin zurück nach London gezogen ist. Von dieser internationalen Atmosphäre profitieren auch Referendare wie Sebastian Gröss. „Die Referendare sind in unser „Internship-Programm“ eingebunden. Insgesamt haben wir immer zwischen 10 und 15 Praktikanten aus der ganzen Welt. Allerdings wissen wir schon, wie wir den Ausbildungsstand der Referendare einzuordnen haben“, erläutert Ganz. „Bei uns haben die Referendare viel Kontakt zu Leuten aus anderen Ländern und können sich mit ihnen austauschen. Das hat mir schon in meiner Referendarszeit gut gefallen.“

Die Anforderungen an die Bewerber sind hoch. Neben Englischkenntnissen braucht man vor allem hervorragende Rechtskenntnisse. „Wir haben wirklich sehr schwierige und komplexe Fälle, da brauchen wir Leute, die ein sehr gutes Rechtsverständnis haben.“ Ebenso wichtig sei die Bereitschaft, sich auf Gebiete einzulassen, die man aus deutschen Kanzleien nicht kennt. „In unseren Fällen kommen viele unbekannte Fragen auf. Da braucht man die Neugierde, auch mal etwas Nicht- Rechtliches zu recherchieren.“

Im Vergleich zu Praktikanten aus anderen Ländern schneiden deutsche Referendare erfahrungsgemäß gut ab. „Sie haben einfach schon sehr viel gemacht. Referendare haben lange studiert, und das heißt auch, dass ihre Rechtskenntnisse generell sehr gut sind. Sie haben schon mehr Erfahrung. Außerdem können Referendare selbstständig arbeiten. Das lernen deutsche Jurastudenten schließlich bereits im Studium“, stellt Ganz fest. Ihr Rat: Sich bereits während der Ausbildung möglichst viel anzuschauen und auszuprobieren. Wer Glück hat, findet vielleicht wie sie den Traumjob bereits in der Wahlstation.

Bild von Sebastian Gröss
Referendar Sebastian Gröss: Neue Perspektiven

Sebastian Gröss hat schon einiges ausprobiert. Nach dem ersten Examen sechs Monate als Trainee bei der Europäischen Investitionsbank (EIB) in Luxemburg, dann ein Promotionsstudium im Luftrecht. 2013 beginnt er am Landgericht Aachen mit dem Referendariat. Es folgen Stationen beim Bundesverkehrsministerium im Referat für Luftrecht und bei der internationalen Kanzlei DLA Piper im Bereich öffentliches Wirtschaftsrecht.

Die Lust am internationalen Arbeiten hat er bereits während des Studiums entwickelt. „Für mich war klar, dass ich die Wahlstation gerne im Ausland machen würde“, erzählt er. „Da ich davor in Frankreich war, wollte ich ins englischsprachige Ausland.“ Wilmer Hale war dann allerdings ein Zufall. „Ich bin auf die Stellenausschreibung für Anwälte gestoßen. Da dachte ich mir, die wissen zumindest, was ein Referendariat ist. Ich habe mich also in Verbindung gesetzt und so von dem ‚Internship-Programm‘ erfahren.“ Die Eigeninitiative hat sich für Sebastian gelohnt. Seit etwas mehr als siebenWochen ist er nun Teil des internationalen Teams der Kanzlei und genießt die Zeit.

„Selbst wenn man als deutscher Referendar hauptsächlich in Fällen mit deutschem Bezug arbeitet, bekommt man natürlich schon mit, was die anderen machen und tauscht sich aus.“ Die Internationalität der Kanzlei spiegelt sich auch in der Betreuung der Referendare wieder. Neben ihren deutschen Ausbildern steht ihnen einMentor zur Seite, der bewusst aus einer anderen Jurisdiktion kommt. Doch in der alltäglichen Arbeit spiele diese Zuteilung keine große Rolle, sagt Sebastian. „Bei mir hat sich die Betreuung recht organisch ergeben.Man sucht sich eben die Leute, mit denen man an den konkreten Fällen arbeitet.“

Sebastian hatte bereits Gelegenheit an großen und komplexen Fällen mitzuarbeiten. In einem Fall haben ihn besonders das schiere Volumen und die Tatsache beeindruckt, dass er ihn bereits aus der deutschen Presse kannte. „Mal von Innen zu sehen, wie komplex so eine Streitigkeit im Detail abläuft, gerade auch in vertraulichen Schiedsverfahren, ist schon sehr interessant“, erzählt er. „Es ist wirklich spannend, Unternehmen, die sonst in der Öffentlichkeit stehen, näher kennen zu lernen und zu sehen, was die eigentlichen Probleme waren.“

Sebastian hatte bereits Gelegenheit an großen und komplexen Fällen mitzuarbeiten. In einem Fall haben ihn besonders das schiere Volumen und die Tatsache beeindruckt, dass er ihn bereits aus der deutschen Presse kannte. „Mal von Innen zu sehen, wie komplex so eine Streitigkeit im Detail abläuft, gerade auch in vertraulichen Schiedsverfahren, ist schon sehr interessant“, erzählt er. „Es ist wirklich spannend, Unternehmen, die sonst in der Öffentlichkeit stehen, näher kennen zu lernen und zu sehen, was die eigentlichen Probleme waren.“

Ende Februar 2015 ging es für Sebastian zurück nach Deutschland. Er wird seine mündliche Prüfung ablegen und seine Dissertation beenden. Aus seiner Zeit bei Wilmer Hale nimmt er vor allem die Erfahrung mit, in einem sehr internationalen Umfeld mit vielen interessanten und sehr guten Juristen zusammengearbeitet zu haben. „Das allein war schon sehr bereichernd. Mit am interessantesten fand ich, wie unterschiedlich von Kanzlei zu Kanzlei gearbeitet wird. Jede Kanzlei entwickelt beim Schreiben von Schriftsätzen ihren eigenen Stil, fast wie eine „Corporate Identity“. Was Schreibtechnik angeht, werde ich Vieles für mich mitnehmen. Und natürlich Englischkenntnisse.“ Einen „British Accent“ hat er sich während seiner Zeit bei Wilmer Hale aber nicht angewöhnt. Es sei schließlich eine amerikanische Kanzlei.

Wie es nach dem Examen weitergeht? Er könne sich gut vorstellen, wieder nach London zu gehen. Und nach den Erfahrungen in seiner Station sei auch Wilmer Hale definitiv eine Option.

Sommersemster 2015

Bild von Janis Amort
Generation Erasmus...

Texte: Dr. Justus von Daniels, Berlin

Janis Amort wollte einfach nur weg aus Karlsruhe. Dort war er aufgewachsen, hat Abitur gemacht. Weg – für Amort hieß das, er zieht zum Jurastudium nach Würzburg. Dann aber folgte eine Kette von Ereignissen, die sein Leben veränderte. „Ich hätte damals nie gedacht, dass ich einmal nach Madrid ziehen würde, ohne zu wissen, wo ich dort arbeiten werde“, sagt der Immobilienanwalt, der heute unweit des Prado in einer deutsch-spanischen Anwaltskanzlei tätig ist.

In Spanien gilt die Rechtsanwaltskanzlei Monereo Meyer Marinel-lo als Topadresse für Mandate mit deutsch-spanischem Bezug. Sie bietet in allen zivil- und verwaltungsrechtlichen Bereichen Rechtsberatung für deutsche Unternehmen an, die in Spanien Geschäfte machen. Umgekehrt betreut sie spanische Mandanten, die in Deutschland tätig sind. „Wir sind in zwei Rechtsordnungen zu Hause“, sagt Amort. „Das macht es besonders reizvoll. Wir müssen spanischen Mandanten die Eigenheiten des deutschen Rechts erläutern und einem deutschen Mandanten erklären, worauf er sich im spanischen Recht vorbereiten muss.“

Der 34-jährige berät vor allem deutsche Mandanten im Immobilienrecht und bei Finanzierungen in Spanien. Ursprünglich wollte er sich mal im Handels- und Gesellschaftsrecht spezialisieren, aber es kam anders. Wie so einiges im Leben von Janis Amort. In Aarhus in Dänemark verbrachte Amort ein Jahr als Erasmus-Student. Dort lernte er seine spätere Freundin, eine Spanierin aus Madrid, kennen. „Nach dem Jahr in Aarhus bin ich wieder nach Würzburg zurück und meine Freundin ging nach Madrid.“ Es blieb bei einer Fernbeziehung. In der Wahlstation im Referendariat ging er zu einer Kanzlei nach Madrid, lernte in der Zeit auch das Land lieben und beschloss, nach Abschluss des Examens zurückzukommen. 2010 stand er mit einem Koffer in der spanischen Hauptstadt – ein abenteuerlicher Moment. „Ich hatte mich nicht beworben, wollte aber unbedingt hier sein.“ Als Notnagel hatte er in Deutschland eine Dissertation angemeldet, falls es nichts wird mit seinem Plan. Er zog zu seiner Freundin und schickte ein paar Bewerbungen an Kanzleien mit deutschem Bezug. Schon nach vier Wochen kam die Zusage von Monereo Meyer Marinel-lo. Es war seine ersteWahl.

„Die ersten sechs Monate waren ein Sprung ins kalte Wasser für mich. Ich konnte nur wenig Spanisch und kannte das spanische Recht auch nur rudimentär“, erinnert er sich. Nun machte sich die Zeit des Referendariats bezahlt: „Weil man dort lernt, sich schnell in völlig fremde Gebiete einzuarbeiten, kam mir die Ausbildung jetzt zugute.“ Mit der Hilfe seiner neuen Kollegen konnte er sich recht schnell in das spanische Recht einarbeiten und lernte, worauf es bei länderübergreifenden Mandaten ankommt: „Man muss viel erklären, wie es in der jeweils anderen Rechtsordnung läuft.“ Als er anfing, gab es in der Kanzlei einen Bedarf nach Immobilienrechtlern. Amort, der sich eher im Handels- und Gesellschaftsrecht sah, arbeitete sich auch dort ein und ist mittlerweile auf das Immobilienrecht spezialisiert. Seine Erfahrung gibt er den Referendaren weiter: „Es ist wichtig, dass man Interesse an einem Gebiet hat. Auf die Kenntnisse kommt es am Anfang nicht so an. Die eignet man sich an, sobald man in einer Abteilung eingesetzt wird.“

Wenn deutsche Referendare in die Kanzlei kommen, geht es ihnen ähnlich wie Amort zu Beginn seiner Zeit in der Kanzlei. „Sie sollten über Spanischkenntnisse verfügen und Interesse haben, sich in ein fremdes Recht einzuarbeiten“, sagt er. Referendare setzen kleinere Verträge auf oder bereiten Klagen nach spanischem Recht vor. Umgekehrt beurteilen sie auch Gutachten, die spanische Rechtsanwälte für deutsche Mandanten schreiben. „Ich bin selbst das beste Beispiel dafür, dass das Interesse an der Sache wichtiger ist, als sich mit Spezialkenntnissen nach Madrid zu bewerben. Die kommen später von ganz allein.“ Seinem jetzigen Referendar geht es sogar sehr ähnlich wie Amort. Auch er ist wegen seiner Freundin in Madrid.

Gibt es bei ihm eine Sehnsucht nach Deutschland? „Wenn man sich inMadrid etabliert, ist das schon eine Lebensentscheidung.“ Und damit meint er nicht nur die ausgedehnten Mittagspausen, die in Madrid schonmal zwei Stunden dauern können. Amort sieht seine Zukunft in Spanien, aber die Verbindung zu Deutschland ist immer da. Denn mit der Mandantschaft seiner Kanzlei steht er ja mit einem Bein im deutschen Recht.

Bild von Daniel Gutberlet
...sucht ihr Glück in Madrid - Referendar Daniel Gutberlet

Es ist schon verrückt, aber so ist Europa. Während viele Spanier zurzeit nach Deutschland ziehen, weil sie in Spanien keine Perspektive haben, zieht es Daniel Gutberlet nach Spanien. Und zwar aus denselben Gründen wie seinen Ausbilder Janis Amort. Auch Daniel Gutberlet hat seine Freundin, eine Spanierin, während seines Erasmusjahres kennengelernt und ist unter anderem deshalb in Madrid. Gut, wenn man es dann schafft, als Referendar in einem zweistöckigen Büro mit Blick über den Retiro Park zu sitzen und den Prado im Rücken zu haben.

Dabei hatte er mal einen ganz anderen Plan. In Marburg studiert er Jura. „Die Stadt war toll zum Studieren.“ Ein besonderes Interesse an einem Rechtsgebiet hatte er damals noch nicht. Das änderte sich in Norwich, und noch einiges mehr. In der englischen Stadt, in der er sein Erasmusjahr verbrachte, entdeckt Gutberlet sein Interesse am Wirtschaftsrecht und lernt eine Spanierin aus Madrid kennen. Nach dem ersten Staatsexamen belegte er dort einen Spanischkurs und plante, im Referendariat wiederzukommen.

Während der Gerichtsstation gefiel ihm die Idee, Richter werden zu können. „Ich hatte einen Ausbilder, der mich sehr beeindruckt hat.“ Aber kann man als Richter in Spanien arbeiten? So bewarb er sich bei Monereo Meyer Marinel-lo und wurde angenommen.

Während der Station arbeitet er unterschiedlichen Anwälten zu. So lernt er die Abteilungen der Kanzlei und die unterschiedliche Kommunikation mit den Mandanten kennen. In einem Fall sollte er einer deutschen Mandantin, einer Hotelkette, erläutern, wie ihre Chancen stehen, sich mit dem spanischen Gegner zu einigen, der insolvenzgefährdet war. „Gerade im grenzüberschreitenden Bereich geht es darum, eine unkomplizierte Lösung für den Mandanten zu finden.“

Gelegentlich ist Gutberlet über die unterschiedliche Rechtsmentalität erstaunt. Nicht so sehr in der Kanzlei. Aber im Gerichtssaal. „Da merkt man den Unterschied zum deutschen Volljuristen“, sagt Gutberlet. Während spanische Rechtsanwälte schon mit 23 Jahren ihr Arbeitsleben beginnen, durchlaufen Richter eine weitere Ausbildungszeit. „Im Gericht ist das Verhältnis von Richter und Rechtsanwälten deutlich hierarchischer. In Deutschland gehen sie recht kollegial miteinander um. Hier lassen die Richter ihre Kollegen spüren, dass sie eine weitere Ausbildung haben.“ Der gleiche Ausbildungsstand durch das Referendariat habe vielleicht doch seine Berechtigung, auch wenn es so lang dauert, so der 30-Jährige.

Aus seiner Erfahrung bei Monereo Meyer Marinel-lo kann er sagen, dass man zwar nicht unbedingt im spanischen Recht fit sein muss, aber Spanisch sollte man hingegen können, damit man sich schnell einarbeiten kann. Gerade in einer Kanzlei, die mit Bezug zu deutschem Recht arbeitet, sei der Einstieg relativ einfach, weil es genügend Anwälte gibt, die genau wissen, auf welche Kenntnisse es ankommt, damit man in den drei Monaten auch sinnvoll mitarbeiten könne, so Gutberlet.

Gutberletmusste nun für diemündliche Prüfung noch einmal zurück nach Deutschland, aber es zieht ihn wieder in den Süden. Er hat sich schon in Madrid beworben, um dort bei einer Kanzlei anzufangen. Die Aussichten sind gut. Und wenn er noch Fragen hat, wie es ist, sich eine Zeitlang in Madrid zu etablieren, kann er sich ja getrost an seinen Ausbilder wenden.

Sommersemester 2015

Bild von Oliver Lentze
Von Punks zu Johannitern

Text: Dr. Justus von Daniels, Berlin

Es war nur eine unscheinbare Weichenstellung, aber ohne sie wäre vielleicht vieles anders verlaufen im Leben von Oliver Lentze. Er hätte eigentlich Rechtsanwalt im kleinen Gardelegen werden sollen, weil dort gerade der einzige Anwalt gestorben war. Damals, in der DDR, wurde den Rechtsanwälten noch der Ort zugewiesen, an dem sie arbeiten sollten. Aber ein Kollege aus Magdeburg wollte unbedingt aufs Land, dessen Stelle wurde frei und so landete Lentze in seiner Heimatstadt Magdeburg.

Manche Jurastudenten planen sorgfältig ihre Karrieren voraus, platzieren ihre Praktika, nehmen frühzeitig Kontakt zu attraktiven Kanzleien auf. Rechtsanwalt Oliver Lentze ist ein Beispiel dafür, wie eine Karriere verläuft, die gar nicht planbar war. Er hat dort, wo er gearbeitet hat, jeweils seine Chance erkannt und so hat sich das eine aus dem anderen ergeben.

Er war gerade 30 Jahre alt, ein junger Anwalt, als die Mauer fiel. In der DDR hatte er in Magdeburg Punks vorm Strafgericht verteidigt. Damals galt das Rumhängen der Punks als Rowdytum, das in der DDR unter Strafe stand. Die Punks wurden von der Kirche betreut. Als die Wende kam, ergaben sich über die Kirchengemeinde dann Kontakte zum Bündnis 90, denen er dabei half, bei den Wahlen anzutreten. Und er nahm jetzt auch kleinere Beratungsmandate für die Kirche an. Heute ist der 54-Jährige als einer von fünf Anwälten in derMagdeburger Niederlassung von Appelhagen und Partner Fachanwalt für Arbeitsrecht und sein Schwerpunkt liegt auf der Beratung von kirchlichen Trägern von Altenheimen, Kindergärten und Krankenhäusern in der Region. „Die Kontakte gehen eigentlich auf die Wendezeit zurück“, sagt Lentze. Heute sind es nicht die Punks, sondern die karitativen Einrichtungen der Johanniter, die er vertritt.

Auch sein Schwerpunkt imArbeitsrecht war nicht Ergebnis einer Karriereplanung, sondern eines besonderen Zufalls. Nach der Wende gab es zwei Rechtsbereiche, für die in Teilen übergangsweise das DDR-Recht fort galt: das Familien- und das Arbeitsrecht. Lentze sah das ganz pragmatisch: „Ich wusste, da war ich als Ostanwalt im Vorteil.“ Als die Braunschweiger Kanzlei Appelhagen in Magdeburg nach Anwälten suchte, wurde Lentze dort bald Experte für Arbeitsrecht. Und er war zu dieser Zeit einer der wenigen Anwälte, die beim Oberlandesgericht für Sachsen-Anhalt in Naumburg zugelassen waren. Auch diese Chance nahm er wahr, indem er dort die Berufungen für die Mandanten der Kanzlei führte.

Unscheinbare Details können manchmal entscheidend sein, um einen Fall zu gewinnen. Die Lust am Aufspüren dieser Details versucht Lentze seinen Referendaren zu vermitteln. Bei Lentze hat die Liebe zum Detail damit zu tun, dass er nach derWende Arbeitrechtsnormen aus Ost undWest anwenden musste, die sich ziemlich ähnlich waren. Aber eben manchmal doch im Detail anders, was einen großen Unterschied machen konnte.

Wenn Lentze seinen Referendar mit einem Fall betraut, will er ihnen ein Gespür für die Lebenswirklichkeit des Rechts vermitteln, gerne von Anfang an. Er fragt dann, was der Mandant wirklich will oder erklärt, wie man den Sachverhalt als Anwalt erst ermitteln muss. Und manchmal mag der Mandant zwar im Recht sein, aber sein Interesse ist es, möglichst wenig Aufwand zu haben. Als ein Mandant kürzlich verklagt wurde, weil ihm vorgeworfen wurde, dass ein 50-jähriger Bewerber wegen seines Alters nicht eingestellt wurde, bot die Gegenseite noch einen Vergleich an. Warum annehmen, wenn man doch in der Sache gewinnen wird, argumentierte der Referendar. Was ist, wenn der Mandant die Sache vom Tisch haben und sich nicht mit einem langen Prozess rumschlagen will, fragte Lentze. Er tauscht sich viel mit dem Referendar aus, diskutiert Varianten und nimmt ihn zu möglichst vielen Terminen mit.

Für Lentze ist es selbstverständlich, die Referendare intensiv auszubilden, auch wenn das für den Rechtsanwalt immer einen höheren Aufwand bedeutet, „denn als Hilfskräfte sehen wir sie nicht.“ Ein Grund der engen Zusammenarbeit ist auch, dass es schwieriger wird, in Magdeburg und Umgebung guten Nachwuchs zu finden, sagt Lentze. Wer seine Karriere plant, richtet sie wahrscheinlich nicht unbedingt auf Magdeburg aus. Auch der derzeitige Referendar hat das nicht getan. Jetzt könnte es sein, dass er in der Stadt bleibt.

Bild von Andy Staudte
Referendar Andy Staudte: Der Arzt in Robe

Andy Staudte beginnt seinen Arbeitstag um acht Uhr. Wir sind in Sachsen-Anhalt, dem Land der Frühaufsteher. Für Staudte, der seine Anwaltsstation bei dem Arbeitsrechtler Oliver Lentze absolviert, ist das kein Problem. Im Gegenteil, beim Arbeitsrecht ist er in seinem Element und da kann es gar nicht früh genug losgehen.

Wer kann schon von sich behaupten, dass er als Kind zu seinen Eltern gesagt hat: Ich will Anwalt werden. Kinder von Anwälten, geschenkt. Aber Staudte kommt aus einer kleinen Stadt in Thüringen, ganz ohne Anwälte in der Familie. Er war fasziniert von dem Rechtsanwalt, den seine Eltern einmal beauftragt hatten. „So einer wollte ich sein.“ Und er setzt noch einen drauf: Noch während seiner Schulzeit hat er ein Lehrbuch zum Arbeitsrecht durchgelesen. Bei Staudte, so wirkt es, war der Berufsweg klar, bevor er ihn überhaupt hätte planen können. Nein, ganz so war es nicht.

Jetzt sitzt er als Referendar in der Kanzlei Appelhagen und Partner und sagt: „Ich berate gerne, wenn es Probleme gibt und möchte am Ende sagen können: Da konnte ich helfen.“ Das ist seine Motivation für diesen Beruf. „Ich möchte erreichen, dass das Leben der Menschen durch meine Unterstützung wieder etwas leichter wird.“ Bei Staudte klingt es, als sei er ein Arzt in Robe. Er will dieMenschen von ihren rechtlichen Problemen kurieren.

Eigentlich stand Medizin auch ganz oben auf seiner Liste. Jura war zunächst die zweite Wahl. Es wurde Jura, weil er bei seiner Schwester sah, dass das Medizinstudium wohl nichts für ihn sei. Vom Thüringer Land ging es zunächst nach Jena. Seine Schullektüre, das Arbeitsrechtslehrbuch, hat ihn begleitet, und im Studium hat er als Schwerpunkt das Arbeitsrecht gewählt. Zum Referendariat bewarb er sich nach Magdeburg. Eine juristische Ausbildungsreise durch den Osten? Er sagt: Ich mag den Osten. Magdeburg ergab sich aber eher durch Zufall. „Ich wollte zur praktischen Ausbildung mal weg aus Thüringen und ausMagdeburg kamdie erste Zusage.“ Dort kannte er niemanden, es gibt nur eine Arbeitsgemeinschaft mit 14 Referendaren, alles sehr übersichtlich. Die Atmosphäre in den Stationen sei sehr gut, Staudte fühlt sich mittlerweile richtig wohl in der Stadt.

Helfen und beraten, dasmöchte er. Aber liegtmir der Beruf als Rechtsanwalt? Am Arbeitsrecht gefällt ihm, dass er sich konkret etwas unter dem Rechtsgebiet vorstellen kann. Es bewegt die Menschen, weil es fast jeden betrifft. Er sei gar nicht unbedingt aufs Arbeitsrecht fixiert, aber seine Motivation, zu helfen, passt seiner Meinung nach gut zu diesem Gebiet. Jetzt kann er testen, ob er das auch als Anwalt könnte.

Was ihm in der Station als erstes auffiel: Sein Ausbilder Rechtsanwalt Oliver Lentze kann sich ein Problem eines Mandanten anhören und dem Mandanten sofort die rechtliche Situation mit einfachen und klaren Worten so erklären, dass der Mandant versteht, worum es geht. Das imponiert dem 26-Jährigen.

Er verbringt seine gesamte Anwaltsstation hier, also neun Monate. Viele Referendare wechseln alle drei Monate, um möglichst verschiedene Einblicke in Kanzleien zu erhalten. Wer wie Staudte ahnt, welches Rechtsgebiet ihm liegt, kann wiederum von einer langen Station profitieren. Denn er kann einen Fall über eine längere Zeit begleiten. Lentze fordert ihn regelmäßig dazu auf, das weitere Vorgehen eines Falles zu planen. Staudte schreibt nicht hauptsächlich trockene Gutachten, er bekommt auch hautnah mit, wie sich ein Mandat über Monate entwickelt. „Das Arbeitsrecht hat viel mit dem zwischenmenschlichen Bereich zu tun“, beobachtet Staudte. Da geht es um Verletzungen, etwa durch subtile Drohungen. Die Kündigung einer Supermarktmitarbeiterin, die man über einen vorgeschobenen Diebstahl loswerden wollte, hat ihn berührt.

Das anwaltliche Denken und die eine oder andere taktische Finte lernt er bei der Begleitung zu Terminen oder den gemeinsamen Fahrten zumGericht. Es wirkt fast so, als sei durch die enge Zusammenarbeit ein Verhältnis von Meister und Schüler entstanden. „Wenn man das Referendariat als Berufsfindungsphase ansieht, habe ich meinen Weg hier gefunden“, sagt Staudte.

Wintersemster 2014/2015

Bild von Florian Kolb
Hinter den Kulissen

Text: Dr. Justus von Daniels

Als Dr. Florian Kolb an einem Konferenztisch in der Medienallee in München-Unterföhring Platz nimmt, beginnt an diesem Montagmittag auf Sat.1 gerade die Gerichtsshow „Richter Alexander Hold“. Was das miteinander zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht viel; gut, beide sind Juristen, aber gemeinsam ist ihnen, dass beide für das Unternehmen ProSiebenSat.1 tätig sind. Ansonsten könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Während der Richter Hold vor dem fiktiven Fernsehgericht klären muss, ob Mehmet seinen Chef geschlagen hat, ist Rechtsanwalt Kolb als Vice President im Bereich Legal Affairs für die rechtliche Seite des Fernsehkonzerns zuständig und kümmert sich um die Wachstumsmärkte im Mediengeschäft. Nebenbei ist er auch Ausbildungsleiter für die Referendare bei ProSiebenSat.1.

„Natürlich achten wir darauf, dass der Bewerber eine Affinität zu unseren Produkten hat“, sagt Kolb. Er meint damit aber nicht, ob ein Referendar gerne Gerichtsshows oder andere Fernsehformate guckt, sondern ob er versteht, welche Geschäftsfelder in der Medienbranche relevant sind und wie sich diese entwickeln. „Man sollte auf jeden Fall Interesse an Medien und dem Online-Bereich mitbringen, zum Beispiel, welche Plattformen im Internet in der Medienlandschaft wichtiger werden.“ Denn mittlerweile durchdringt die digitale Technik fast alle Geschäftsfelder. Allein Lizenzinhalte werden immer häufiger auch für den digitalen Bereich eingekauft.

In der Rechtsabteilung des privaten Medienkonzerns sind 35 Rechtsanwälte tätig. Die Atmosphäre ist locker, hier duzt selbst der Referendar den Chef. Kolb selbst betreut mit seinem Team das Onlinegeschäft der Gruppe. Er berät, wenn der Konzern neue digitale Geschäftsfelder entwickelt oder sich an anderen Firmen beteiligt. Dann setzt er Verträge auf, schätzt rechtliche Risiken ab und nimmt an den Verhandlungen teil. Die Grenzen zwischen rein rechtlicher Beratung und operativem Geschäft verschwimmen hier. „Wir arbeiten sehr eng im Team zusammen, wenn wir neue Produkte entwickeln oder zukaufen“, sagt Kolb. Zu seinem Job gehört daher auch viel Kommunikationsarbeit mit den einzelnen Teams der Rechtsabteilung, dem Management, externen Kanzleien und dem Verhandlungspartner. Jeder der 35 Anwälte ist stark auf ein Gebiet des Medienrechts spezialisiert. Vom Einkauf von Fernsehformaten, über Urheberrechtsfragen und das Datenschutzrecht bis ins Handels- und Gesellschaftsrecht wird das gesamte Spektrum medienrechtlicher Fragestellungen abgebildet.

„Ich bin immer wieder beeindruckt, wie zielstrebig die Referendare oder Berufseinsteiger oft schon sehr früh mit Praktika im Medienbereich Erfahrungen gesammelt haben“, sagt Kolb. „Vorkenntnisse sind natürlich immer wünschenswert, aber wir haben auch Referendare, die sich noch nicht so früh festgelegt haben, dafür aber ein starkes Interesse für Medien und technische Entwicklungen mitbringen.“ Kolb spricht da auch aus eigener Erfahrung. Der 40-jährige hatte während seines Studiums noch keine feste Vorstellung, in welche Richtung es gehen sollte. Nach dem Studium war er für ein Jahr in Kapstadt, um dort einen LL.M. im internationalen Seerecht zu machen. Danach folgte eine Promotion zum Thema Glücksspielregulierung. Das brachte ihn letztlich auf die Spur des Medienrechts. Nebenbei arbeitete er in zwei internationalen Kanzleien, um sich die Promotion zu finanzieren. Als er hörte, dass bei ProSiebenSat.1 eine halbe Stelle frei war, bewarb er sich und wurde bald voll übernommen.

„Wir erleben oft, dass Kaltstarter, also Referendare, die noch nicht so viel Erfahrung haben, sich bei uns sehr schnell entwickeln.“ Das liegt auch an der vollen Integrierung der Referendare in den Arbeitsalltag der Rechtsabteilung, fünf Tage die Woche. Sie werden schnell in die Abläufe eingebunden. Lange Gutachten zu Rechtsfragen werden hier nicht verlangt. Wichtiger ist es, schnell beurteilen zu können, welche Fragen wichtig sind, und eigene Vorschläge selbstbewusst zu vertreten. Kolb wundert sich nur, dass gar nicht so viele Bewerber hinter die Kulissen eines Fernsehsenders schauen möchten. „Wir besetzen unsere Referendarplätze regelmäßig, aber wir haben weniger Bewerber, als man sich das vorstellen würde.“ Also: nicht jedes Casting beim Fernsehen endet vor der Kamera.

 

Bild von Robert Weinhold
Referendar Robert Weinhold: Auf der anderen Seite

Für Robert Weinhold ist es spannend, das Geschäftmal von der anderen Seite zu erleben. Denn er ist nicht nur Jurist in Ausbildung, sondern auch Unternehmer. Um sich sein Studium zu finanzieren, hatte der 29-jährige in Göttingen mit einem Freund zusammen ein kleines Start-up gegründet und Webseiten designt. Das sprach sich schnell rum, und bald waren sie in der IT-Beratung tätig. Mittlerweile sind sie dabei, Apps zu entwickeln. Bei ProSiebenSat.1 unterstützt er nun gerade die Verhandlungen mit einem IT-Start-up, an dem sich der Konzern beteiligen will.

Für einen Rechtsreferendar hat er schon ziemlich viel Erfahrung mit dem Mediengeschäft. Für ihn war es daher auch gut, dass sich die Referendare bei ProSiebenSat.1 ihren Arbeitsschwerpunkt selbst wählen können. „Gleich in der ersten Woche habe ich mich den Kollegen im M&A-Bereich vorgestellt und wurde sofort in eine Transaktionsverhandlung eingebunden“, sagt Weinhold. Der Konzern hat eine eigene Venture-Sparte, über die er neue Geschäftsfelder erschließt, vor allem im Onlinebereich. Weinhold hilft nun bei der gesellschaftsrechtlichen Abwicklung der Beteiligung und bespricht mit dem Start-up die Vertragsinhalte. Als Referendar freut er sich, dass er für das Unternehmen nach außen hin auftreten kann. „Es ist spannend, sicherzustellen, dass beide Vertragspartner dieselbe Vorstellung davon haben, was in den Verträgen drinsteht. Die Arbeit hier ist sehr stark von Kommunikation geprägt“, sagt er, „auf der einen Seite in der Koordination innerhalb des Unternehmens, auf der anderen Seite in der Verhandlung mit Geschäftspartnern.“ Und Weinhold weiß schließlich, wie es sich anfühlt, Gründer zu sein.

Aber er bekommt auch andere Aufträge von den Anwaltskollegen. Er hat gleich am Anfang ein kleines Gutachten zur Lizenzierung von Fernsehmaterial erstellt oder geprüft, ob eine Sendung dem Jugendschutz entspricht. „Man lernt sehr schnell, weil alles sofort eine praktische Bedeutung hat.“ Weinholds Interesse am Medienrecht hatte ebenfalls einen sehr praktischen Ursprung. Für sein eigenes Start-up musste er sich auf einmal um Fragen des Urheber- und Datenschutzrechts kümmern. Seitdem war er von dem Thema angefixt und hat auch seinen Schwerpunkt im ersten Staatsexamen im Medienrecht belegt. Neben dem Referendariat, das er im Landgerichtsbezirk Kassel absolviert, hat er als Hilfskraft an einem Forschungsprojekt zum Verhältnis von Datenschutz und Technikentwicklung an der Universität Kassel gearbeitet. Für die Wahlstation ging es nun nach München, weil Nordhessen nicht gerade für Medienunternehmen bekannt ist. „Der Vorteil am Referendariat in einem kleineren Gerichtsbezirk ist zweifellos, dass man in den Arbeitsgruppen fast Einzelbetreuung hat.“ Spannend ist es dann woanders.

„Von einer Station hat man natürlich mehr, wenn man schon mit Vorkenntnissen hinein geht“, sagt er. Denn so könne man besonders profitieren, auch weil man sich besser einbringen kann. Und ein großes Unternehmen bietet die Chance, sich in allen Bereichen des Medienrechts auszuprobieren. „Auf diese Weise kann man überprüfen, ob einem in der Praxis eher das Lizenzrecht, das Urheberrecht, der Datenschutz oder eben die gesellschaftsrechtliche Seite und das Geschäft mit neuen Medien liegen.“

Weinhold möchte nach dem Referendariat auf jeden Fall im Medienrecht arbeiten, gerne auch in der Struktur eines Konzerns. „Auch dafür ist es gut, schon mal in einem Unternehmen gewesen zu sein. Denn hier habe ich erst gelernt, welche Firmen es jenseits der großen Namen überhaupt gibt, die in dem Bereich tätig sind.“ Seine eigene Firma hat er während des Referendariats ruhen lassen, aber nach den Prüfungen will er wieder einsteigen. Es kann ja sein, dass die eine oder andere App durch die Decke geht. Dann böte sich ein Medienunternehmen vielleicht sogar als Vertragspartner und nicht als Arbeitgeber an.

Wintersemester 2014/2015

Die kleinen Großen

Das Mandat ist ein voller Erfolg, gar kein Zweifel: Drei Gemeinden planen zusammen ein kommunales Vorhaben, kommen aber viele Jahre lang nicht auf einen Nenner. Als die Situation immer vertrackter wird, mandatieren die Gemeinden schließlich die auf Verwaltungs- und Verfassungsrecht spezialisierte Kanzlei Dombert Rechtsanwälte. Ein Partner und ein Associate der Sozietät klären alle offenen Fragen, vermitteln zwischen den Kommunen – und erreichen eine Einigung. Die Erleichterung ist groß, die Gemeinden laden zu einer gemeinsamen Sitzung aller Vertreter, die Lokalpresse ist vertreten. Auch die Anwälte sind geladen. Ohne sie hätte das Vorhaben nicht geklappt, nun soll ihnen ausdrücklich gedankt werden. Allein: Diesen Dank nimmt nur der Partner allein entgegen. Der Associate, dem der Partner in diesem Mandat die Federführung überlassen hat, ist im Urlaub – nur eine Autostunde von der Veranstaltung entfernt. „Da war ich enttäuscht“, sagt Seniorpartner Matthias Dombert rückblickend.

Kurz den Urlaub unterbrechen, um zum Klienten zu fahren und den gelungenen Abschluss des Falls zu feiern – arbeitsrechtlich ist das natürlich kein Muss. Der Antrieb dazu muss schon von innen kommen. Und genau nach solchenMitarbeitern fahndet Dombert: Juristen mit Engagement und unternehmerischem Denken. „Wir leben sehr stark davon, dass wir die Fälle an uns ziehen“, erklärt Dombert. „Wir denken und entscheiden für unsere Mandanten.“
Wie in einem Fall, in dem Dombert ein Jugendamt vertreten hat. Eine Mitarbeiterin des Amtes hatte eine Mutter vor deren Bekannten gewarnt, weil sie wusste, dass der Mann wegen sexuellem Missbrauchs von Kindern mehrfach vorbestraft war. Daraufhin wurde der Sachbearbeiterin vorgeworfen, sie habe gegen Persönlichkeitsrechte und Datenschutzvorschriften verstoßen. Den Fall überließ er Vera Grötz, die gerade die Anwaltsstation im Referendariat bei ihm absolvierte. Er kannte – und schätzte – die Arbeitsweise der 28-Jährigen, weil sie zuvor bereits als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kanzlei gearbeitet hatte. Aber anders als bei dieser Tätigkeit sollte sie nun im Rahmen der Ausbildung das Anwaltsdasein in all seinen Facetten kennenlernen. „Ich wollte Frau Grötz deutlichmachen, dass sich die Interessenwahrnehmung des Anwaltes in den seltensten Fällen ausschließlich nach juristischen Kriterien vollzieht“, erklärt Dombert. Dafür sei dieses Mandat sehr gut geeignet gewesen.

In der Praxis bedeutet das für Domberts Referendare: Eigeninitiative zeigen und Verantwortung übernehmen. „So ein Fall läuft nicht so ab, dass Frau Grötz die Akte bekommt, sich nach Hause zurückzieht und nach einer Woche wiederkommt, um das Votum abzuliefern“, erklärt Dombert. Die beiden waren mehrfach zusammen bei der Behörde und haben auch das Auftreten gegenüber der Datenschutzbeauftragten des Landes – die einen Bericht angefordert hatte – besprochen.

„Referendaremüssen bei uns keine Angst haben, im stillen Kämmerlein zu landen“, sagt Dombert. Im Gegenteil, man kämpfe sehr stark gegen die Vorstellung an, dass Anwaltstätigkeit mit dem Abfassen von Vermerken gleichgesetzt wird oder einer monotonen 12-stündigen Beschäftigung am Schreibtisch. Referendare sollen nach Ansicht des Verwaltungsrechtlers Standardsituationen miterleben und lernen, was es bedeutet, Anwalt zu sein. In der Referendarausbildung sei das materielle Recht eigentlich nur Vehikel, glaubt Dombert. Über Grötz’ Arbeit sagt er deswegen: „Ihre vorrangige Aufgabe war es in dem Fall nicht, einen möglichst luziden Schriftsatz zu schreiben – sondern der Mandantin Sicherheit zu geben.“

Dombert, der Honorarprofessor für Öffentliches Recht an der Universität PotsdamundMitglied des Gemeinsamen Juristischen Prüfungsamtes der Länder Berlin und Brandenburg ist, legt großen Wert darauf, Anwälte in der Praxis auszubilden. Dabei schleust er aber nicht unbedingt viele Stationsreferendare durch. Dombert setzt früher an. Studenten beschäftigt er zum Teil schon nach dem 5. Semester. „Das ist eine Ausbildung neben der Ausbildung“, sagt er. Trotz aller Reformbemühungen der Landesgesetzgeber komme die Anwaltsausbildung nach wie vor zu kurz. Dombert kann so Talente frühzeitig identifizieren – und die angehenden Juristen haben wiederum die Gelegenheit, schon in der Ausbildung festzustellen, ob sie für das Anwaltsdasein in der Dombertschen Form taugen.

Referendarin Vera Grötz: Nicht nur das Juristische

Als Vera Grötz ihre Anwaltsstation bei Dombert Rechtsanwälte antrat, hatte sie bereits eine Vorstellung davon, was sie erwarten würde. Schließlich hatte sie zuvor schon als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kanzlei gearbeitet. Grötz war klar, dass ihr Ausbilder selbstständiges und eigenverantwortliches Arbeiten schätzt – und auch, dass gerade das auf so manchen Referendar oder jungen Anwalt abschreckend wirkt. Viele andere topqualifizierte Juristen heuern lieber in Großkanzleien an oder suchen sich einen behaglichen Posten in Justiz oder Verwaltung. Besonders auf dem Feld, mit dem sich Dombert Rechtsanwälte befassen: Dem öffentlichen Recht.

Für die 28-Jährige dagegen macht genau das, was Dombert erwartet, den Reiz des Anwaltsberufs aus: „Immer mit unterschiedlichen Leuten zu tun zu haben, sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig bewegen und nicht nur auf der juristischen, das ist das Spannende am Job.“ Man versuche, Lösungen für die Mandanten zu finden und durchzuboxen, ihnen beizustehen und Sicherheit zu geben.

Besonders deutlich hat Grötz das bei einem Mandat erlebt, das sie während der Anwaltsstation für Dombert bearbeitete. Dombert vertrat ein Jugendamt, das den Sohn einer Familie betreute. Der Junge war sozial auffällig geworden. Bei einem Hausbesuch einer Behördenmitarbeiterin war neben Sohn und Mutter ein Mann anwesend, der ihr als guter Bekannter der Familie vorgestellt wurde. Die Jugendamtsmitarbeiterin wusste, dass dieser schon mehrfach vorbestraft war wegen sexuellem Missbrauchs von Kindern, was allerdings schon länger zurücklag. Das Jugendamt rang sich dazu durch, die Mutter vor dem Mann zu warnen und offen zu legen, dass er vorbestraft sei. Weil die Vorstrafen längst gelöscht waren, fühlte der Mann sich in seinen Rechten verletzt und ging mit Hilfe einer Medienrechtskanzlei gegen das Jugendamt vor.

Die zwei Mitarbeiterinnen, die in den Vorgang involviert waren, waren stark verunsichert, ob sie sich richtig verhalten hatten, erinnert sich Grötz. Immerhin war mittlerweile auch die Datenschutzbeauftragte des Landes eingeschaltet. „Auch für mich war das eine spannende Frage. Immer wieder berichten schließlich die Medien über Jugendämter, die nicht handeln. Und hier hatten wir den entgegengesetzten Fall: Wir beschäftigen uns mit der Frage, ob das Amt zu weit gegangen ist.“

Die Jugendamtsmitarbeiterinnen wirkten dankbar, als sie und Dombert sich der Sache annahmen, erinnert sich Grötz. Die Juristin, diemittlerweile beide Staatsexamina in der Tasche hat, schätzt besonders, dass sie immer auch Dolmetscherin ist. Es geht darum, eine gemeinsame Sprache mit den Mandanten zu finden: Wie vermittelt man die Rechtslage, wie erfasst man einen Sachverhalt, wenn der Mandant einem Fachvokabular aus seinem Beritt um die Ohren haut?

Dass sie im Anwaltsberuf richtig aufgehoben ist, ist Grötz schon vor diesem Fall klar gewesen. Immer mal wieder hatte Dombert sie schon in der Vergangenheit zu Mandanten mitgenommen. Grötz hatte schon als wissenschaftliche Mitarbeiterin gemerkt, wie sie sich weiterentwickeln konnte – und im Laufe der Zeit auch von den Mandanten anders wahrgenommen wurde.

Der Jugendamt-Fall endete als Erfolg auf ganzer Linie: Die Datenschutzbeauftragte konnte überzeugt werden, dass kein Verstoß vorgelegen hatte und dass Datenschutzvorgaben künftig besser umgesetzt werden würden. Auch die Vorwürfe der gegnerischen Anwältin konnten entkräftet werden – ohne dass es zum Prozess kam. Das ist eine typische Situation bei Dombert: Rund 90 Prozent aller Fälle werden außergerichtlich gelöst, sein Schwerpunkt liegt auf der Beratung im Verfahrensund Genehmigungsmanagement. Zu den Mandanten zählen unter anderemprivate Unternehmen, die zumBeispiel Genehmigungen für Anlagen benötigen, daneben Kammern, Verbände, Landesregierungen oder Gemeinden.
Der Job der 16 Anwälte der Kanzlei spielt sich deswegen in ganz Deutschland ab, und nicht nur in der Villa in Potsdam, in der Dombert Rechtsanwälte sitzen. Dazu gehören stundenlange Fahrten in die Provinz. Auch Grötz musste bereit sein, früh aufzustehen und „übers Land zu fahren“, wie es ihr Ausbilder Matthias Dombert formuliert. Für ihren Einsatz hat sie aber auch viel zurückbekommen: Vor dermündlichen Examensprüfung übte sie in der Kanzlei Aktenvorträge bis zum Abwinken. Mit Erfolg: Nach dem ersten Staatsexamen absolvierte sie auch das zweite mit Prädikat.

Sommersemester 2014

Der Blick in die Welt der großen Großen

Texte: Karin Mattusek

"Wir stehen im Wettbewerb“, der Satz fällt relativ schnell, wenn Rechtsanwalt Dr. Ole Jani über die Referendarausbildung bei CMS Hasche Sigle spricht, die er seit Beginn des Jahres 2014 für den Standort Berlin koordiniert. Auch Begriffe wie „Demographischer Wandel“ und „Bewerbermarkt“ lassen nicht lange auf sich warten. Wie jede Großkanzlei unternimmt auch CMS Hasche Sigle einiges, damit die Topkandidaten unter den deutschen Juraabsolventen sich für die Station an einem ihrer acht deutschen und drei ausländischen Standorte interessieren.

Wie auf den meisten Märkten, gilt aber auch hier: Die ausgefeilteste Marketingstrategie hilft kaum weiter, wenn das Produkt nicht stimmt. Auch das stellt Jani gleich zu Beginn klar: „Wir können Hochglanzbroschüren machen, so viel wir wollen, am Ende ist entscheidend, dass die Referendare zufrieden sind.“ Und so ist und bleibt die gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda, die ja auch für den Referendar Fabian Klein ausschlaggebend war, unersetzlich. „Ich frage Bewerber immer: Wie kommen Sie auf uns? Oft, sehr oft höre ich die Antwort, dass ein Freund oder eine Freundin auch schon bei uns war – und dass es ihnen gefallen hat“, erzählt Jani.

Berliner Referendare wie Fabian Klein absolvieren üblicherweise ihre Anwaltsstation am lokalen CMS Standort. Kandidaten aus den anderen Bundesländern nutzen in der Regel die Wahlstation für die Ausbildung in Berlin. Der Standort in der attraktiven Hauptstadt ist ein nicht ganz unwichtiges Plus im Kampf um die besten Köpfe. Wirkliche Besetzungsprobleme scheint es aber nicht zu geben. Wenn man auf die Zahlen blickt, die Jani nennt, scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Pro Woche erreichen ihn im Durchschnitt 20 bis 25 Bewerbungen, je nach Jahreszeit, und für dieses Jahr sind die Plätze mehr oder weniger ausgebucht. Jeder Bewerber wird zu zwei Gesprächen eingeladen, die zwischen 30 und 45 Minuten dauern – „je nachdem, was man sich zu erzählen hat“, so Jani.

Prädikatsexamen ist eine Voraussetzung für Bewerber, eine Promotion eher nicht. Die Note ist nur ein Kriterium, es gibt auch Ausnahmen von der Regel. Man muss sich auch noch nicht mit Haut und Haaren dem Anwaltsberuf verschrieben haben. Wer nur einfach einmal die Arbeit in einer Großkanzlei kennenlernen will, ist „gern gesehen“, so Ole Jani, denn schließlich wolle man Talente von diesem Beruf überzeugen. Und so kommen unterschiedliche Bewerber. Manche – wie Fabian Klein – sind fachlich noch nicht festgelegt. Ihnen wird dort ein Platz angeboten, wo zum Zeitpunkt der Station Bedarf besteht. CMS Hasche Sigle organisiert sich in rund 20 Fachbereichen, die nach Industrien oder Rechtsgebieten geordnet sind, die inhaltliche Auswahl ist für die Bewerber daher groß. Der Kandidat, der bereits im Referendariat ein Steuer- oder Arbeitsrechtsspezialist ist, verbringt seine Station natürlich bei den Anwälten, die darauf spezialisiert sind.

„Wer eine Promotion im Gesellschaftrecht mitbringt und Aktien- und GmbH-Recht rauf und runter beherrscht, den wird man natürlich etwas anders einsetzen können“, erläutert Jani. Mandantenkontakt gebe es aber für Referendare eher noch nicht. Eines gelte hingegen gleichermaßen für alle: „Abgesehen davon, dass es gute Juristen sein müssen, erwarten wir, dass die Referendare mit Engagement mitarbeiten.“ Geboten wird dafür neben erstklassigen Arbeitsbedingungen auch eine – wie Fabian Klein es sagt – „attraktive" Vergütung. Genaue Zahlen will die Sozietät nicht nennen, man orientiere sich aber an dem Betrag, den ein Referendar am Kammergericht mit einer Nebentätigkeit hinzuverdienen dürfe, ohne dass er etwas an das Land abführen müsse. „Hier sind die Bedingungen im Grunde bei allen Großkanzleien auf dem Berliner Markt gleich“, sagt Jani.

„Gute Referendare haben realistische Berufsperspektiven bei CMS Hasche Sigle“, so Jani. Die Referendarausbildung sei ein wichtiges und sehr bindendes Rekrutierungsinstrument, denn Kandidaten aus diesem Pool werden später sehr häufig Associates.

Referendar Fabian Klein: Mal an der Front sein beim Amtsgericht

Fabian Klein stützte die Entscheidung, wo er seine Anwaltsstation verbringen will, auf eine solide Basis: einen freundschaftlichen Rat. „Eine französische Freundin von mir war selbst bei CMS, und sie hat derart begeistert davon berichtet, dass mich das überzeugt hat, die Station hier zu machen“, erzählt der 27-jährige Berliner Referendar. Dass der Rat aus französischem Munde kam, spielte dabei ebenfalls eine Rolle. Fabian Klein hat eine frankophile Ader. Zwei Jahre verbrachte er an der Université Panthéon-Assas (Paris 2), er erwarb die Licence und die Maîtrise en droit, die klassischen juristischen Abschlüsse des Nachbarlandes. Das Renommee des französischen Zweiges des Kanzleienverbundes, CMS Francis Lefebvre, habe daher ebenfalls eine Rolle gespielt. So entschied er sich dafür, die Herbst- und Wintermonate in der Lennéstraße 7 in Berlin zu verbringen, im Büro von CMS Hasche Sigle.

Von Oktober bis Januar gehörte er zum Fachbereich Real Estate, sein Ausbilder war Partner Andreas Roquette. Fabian Klein arbeitete vor allem im privaten Baurecht. Das Rechtsgebiet war für ihn nicht entscheidend, er war in dieser Hinsicht nicht festgelegt und hätte sich auch in einem anderen Bereich ausbilden lassen. Ihmkames vor allemdarauf an, die Arbeit in einer Kanzlei kennenzulernen, und er hat sich ganz bewusst für eine Großkanzlei entschieden. Die Aufgaben in der Station beschreibt Fabian Klein als sehr vielfältig: Neben examensrelevanten Klassikern wie BGB, VOB und ZPO war er auch mit internationalen Themen beschäftigt, wie sie bei Großkanzleien eben nicht selten sind: ZumBeispiel Recherchen, die das Common Law berühren, oder internationale Vertragsmuster.

Auch von einem forensischem Einsatz berichtet er. In einer „kleineren Sache“ trat er vor dem Amtsgericht Charlottenburg auf. Die Erfahrung, „mal an der Front zu sein“, hat er in bester und lebhafter Erinnerung. Denn während der Verhandlung wies die Richterin die Gegenpartei immer wieder darauf hin, wie die Sache wohl zu sehen sei: Nämlich so, wie im CMSSchriftsatz ausführlich und überzeugend beschrieben, so schildert Fabian Klein die Szene: „Da lehnt man sich natürlich entspannt zurück“.

Die Station hielt so manchen Aha-Effekt bereit, etwa wenn der Referendar sah, wie elegant ein Textbaustein, den er recherchiert hatte, später von seinem Ausbilder in einen Schriftsatz eingepflegt wurde. „Da dachte ich mir: Schau an, so macht man das also mit 20 Jahren Erfahrung.“ Er habe sich schnell als Teil des Teams empfunden und sei auch von den Associates gut integriert worden. Das Atmosphärische spiele eben eine wichtige Rolle, ebenso dieWertschätzung der Mitarbeit der Referendare. „Es ist nie passiert, dass ich etwas abgegeben und dann nie wieder davon gehört hätte.“

Fabian Klein hat aber auch, wie er es bezeichnet, so etwas wie „Privatausbildung“ genossen. Beeindruckt erinnert er sich an ein Telefonat mit einem Anwalt eines anderen Standortes der Kanzlei, der sich an einem Freitag eine Stunde dafür Zeit nahm, mit ihm eine Sache durchzusprechen. Zwar würden die Referendare durchaus gefordert, Arbeitszeiten wie sie für die Anwälte in Sozietäten dieser Größenordnung in der Regel üblich sind, habe er nicht erlebt. „Immer wenn mich mal ein Anwalt nach 19 Uhr auf dem Flur angetroffen hat, wurde ich gleich gefragt, was ich denn hier noch mache“, berichtet der junge Jurist.

Der Einsatz wird adäquat bezahlt, so jedenfalls sieht es Fabian Klein: „Die Vergütung ist marktgerecht. Es gibt aber schon auch Großkanzleien, die weniger bezahlen.“ Ausbildung bietet die Kanzlei den jungen Talenten auch noch in anderer Hinsicht: Bei CMS Hasche Sigle gibt es Repetitoriumskurse für die Referendare, organisiert von einem privaten Anbieter. Dafür werden die Berliner Referendare für ein paar Tage nach Hamburg verschifft, wo sie die Kurse gemeinsam mit ihren dortigen Kollegen besuchen.

Das Resümee ist besonders im Vergleich mit den Stationen, die er bisher erlebt hatte, sehr positiv, sagt Fabian Klein: „Man war hier einfach viel mehr eingebunden in die tägliche Arbeit, man fühlte sich gebraucht und nützlich. Das war nicht nur l’art pour l’art.“ Kein Wunder, dass Fabian Klein spätestens seit dieser Station in einem Punkt absolut überzeugt ist: „Für mich steht schon fest, dass ich Anwalt werde.“

Sommersemester 2014

Bild von Wolfgang Kaleck
Der Schreck der Unternehmen

Texte: Katja Wilke, Berlin

Am Anfang seines Berufslebens stand für Wolfgang Kaleck ein Traum, der viele Anwältinnen und Anwälte umtreibt: Menschen in schwierigen Situationen zu helfen. Bei vielen ist das hehre Ziel im Berufsalltag schnell vergessen. Kaleck dagegen setzte es um: Seit bald 15 Jahren verfolgt er Menschenrechtsverletzungen in aller Welt. „Das ist sehr wichtig – gerade für solche Menschen, die nicht auf Rosen gebettet sind in ihrem Leben“, sagt Kaleck. „Außerdem bin ich schon immer gerne gereist und habe mich für andere Regionen interessiert.“ Ende der 1990er-Jahre hatte Kaleck gegen ehemalige hochrangige Vertreter der argentinischen Militärjunta in vierzig Fällen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg/Fürth mit dem Mandat von deutschen Diktaturopfern und deren Angehörigen erstattet – ein bis dato einmaliger Schritt. Die Verfahren führten in Deutschland zu Haftbefehlen und Auslieferungsersuchen und dann in Argentinien zu Haftstrafen. Für den Anwalt, der bis dahin hauptsächlich auf deutscher und europäischer Ebene tätig war, bedeutete das einen riesigen Erfolg. Ein Ansporn, sich weiter international zu engagieren. 2007 gründete der Strafverteidiger das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) – eine gemeinnützige juristische Menschenrechtsorganisation, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Verfahren gegen staatliche und nichtstaatliche Akteure wegen Völkerstraftaten voranzutreiben. Zuvor hatte Kaleck seine Arbeit von seiner Anfang der 1990er-Jahre mitmehreren Partnern gegründeten Berliner Kanzlei aus vorangetrieben. Kaleck bewegt sich ständig in juristischem Neuland – und macht durch spektakuläre Aktionen auf sich und sein Anliegen aufmerksam. So erstattete er vor einigen Jahren wegen Kriegsverbrechen und schweren Menschenrechtsverletzungen im Gefangenenlager von Abu Ghraib Anzeige gegen den damaligen amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Oft schaut er Unternehmen auf die Finger, die imgroßen Stil in Entwicklungsländern produzieren lassen. Aktuell durchleuchten er und sein Team unter anderem den deutschen Textilhändler „Kik“, der nach Kalecks Auffassung in Entwicklungsländern zu menschenunwürdigen Zuständen produzieren lässt. Mit schnellen Erfolgen kann er nie rechnen. „An einzelnen Fällen sind wir schon mal über ein Jahr dran, bevor wir überhaupt irgendetwas nach außen Wahrnehmbares produzieren.“ Wer mit dem 53-Jährigen arbeiten will, muss diese Leidenschaft für unerforschtes Terrain teilen. Auch die Referendare, die er gerne einsetzt. Diesen Typ Jurist zu finden, sei nicht immer leicht, sagt Kaleck. Es käme vor, dass sich Kandidaten im Bewerbungsprozess als Dynamiker präsentierten, ihre Arbeit dann aber eher der eines Verwaltungsangestellten ähnelten. „Wenn ich zum Beispiel um eine Argumentation bitte, die helfen könnte, einen Anspruch durchzusetzen, und der Referendar sagt mir nach längerer Prüfung, dass das nach herrschender Meinung nicht gehe – dann fehlt mir die Kreativität.“ Das, was man im Kampf um Menschenrechte leistenmüsse, sei genuin anwaltliches Denken. „Man muss den Mut haben, sich rechtlicher Argumente zu bedienen, die den Realitätstest noch nicht erfolgreich bestanden haben.“ Bei Christian Schliemann wusste Kaleck, dass er das kann. Der Referendar hatte bereits im ECCHR gejobbt, bevor er sich für seine Anwaltsstation bei Kaleck bewarb. Kaleck hatte ihn dabei als engagierten Mitarbeiter kennengelernt. „Da kann man von Anfang an ganz anders vertrauen“, sagt er. Der Ausbilder setzte Schliemann auf den „Kik“-Fall an, um wichtige Recherchen zur Fakten- und Rechtslage zu betreiben. Das Ergebnis ist noch ungewiss. Kaleck: „Das muss am Ende zusammengeführt werden, und dann können wir entscheiden, ob daraus eine Klage wird.“ Die „Kik“-Recherche absolviert Schliemann zum größten Teil mit Telefon und Internet vom Schreibtisch aus – eine Arbeit, die mühselig und anstrengend sein kann. Kaleck honoriert den Einsatz seines Referendars: Vor Kurzem nahm er ihn mit zu einer Konferenz in England. Möglicherweise wird auch die Arbeit am „Kik“-Fall am Ende vergebens gewesen sein – wie in zahlreichen anderen Fällen. Niederlagen sind im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen – einem Rechtsgebiet, in das immer auch starke politische und wirtschaftliche Interessen hineinwirken – an der Tagesordnung. Für Kaleck ist das oft genug frustrierend, und er ist ehrlich mit sich selbst: „Ich weiß nicht, ob ich das bis zum Ende aller Tage mache, ob die Motivation bis in alle Ewigkeit reicht.“ Dieser Punkt sei allerdings noch lange nicht erreicht.

Bild von Christian Schliemann
Referendar Christian Schliemann: Nicht einfach nur ein Job

Die Erfahrung war ernüchternd: Nach drei Monaten Praktikum in einer Großkanzlei stand für Christian Schliemann fest, dass er so nicht arbeiten kann und möchte. „Entscheidend ist dort vorrangig, ob ein Mandant zahlungskräftig ist. Ob man sich als Anwalt mit dem Fall identifiziert, ist völlig egal“, sagt Schliemann. „Wirkliche Motivation kann man nur dann aufbringen, wenn die Fälle zumindest in die Nähe dessen rücken, womit man sich identifizieren kann.“ Für den 32-Jährigen lag es deswegen nahe, sich für die Anwaltsstation im Referendariat bei Wolfgang Kaleck zu bewerben. Menschenrechte stehen seit Jahren im Fokus des Prädikatsjuristen, der vor dem Referendariat als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin gearbeitet hat. „Kollektive Rechte von Minderheiten“ lautet das Thema seiner eingereichten Promotionsarbeit. Und vor zwei Jahren hatte er bereits schon einmal im ECCHR gejobbt, der juristischen Menschenrechtsorganisation, die sein Ausbilder Kaleck vor rund fünf Jahren gegründet hat. Für Kaleck ist Schliemann ein Glücksfall: Sein Referendar ist in der Lage, ausgetretene juristische Pfade zu verlassen und eigenständige Lösungen zu erarbeiten – im Völkerrecht oftmals eine unumgängliche Vorgehensweise. Schliemann sieht das pragmatisch: „Man wird schon zwangsläufig kreativ, weil man weiß, wie viel für die betroffenen Menschen von der eigenen Arbeit abhängt.“ Es gehe eben nicht darum, Konzerne bei irgendwelchen Transaktionen zu beraten, sondern um menschliche Existenzen. Etwa, wenn es um die Arbeitsbedingungen für Textilarbeiter in Entwicklungsländer geht. Schliemann prüft in seiner Anwaltsstation ganz konkret, ob der deutsche Textilhändler „Kik“ für einen Fabrikbrand in Pakistan zur Verantwortung zu ziehen ist. Wegen mangelhafter Sicherheitsvorkehrungen kamen dabei in Karatschi 2012 mehr als 200 Menschen ums Leben. Zwar produzieren zahlreiche Textilunternehmen heutzutage in Fernost, doch regelmäßig arbeiten die Fabriken für mehrere Unternehmen, so dass klare Verantwortlichkeiten nur schwer nachzuweisen sind. Im Fall dieses Fabrikbrandes sei die Faktenlage dagegen eindeutiger, so Schliemann: „Kik“ sei hier der eindeutig größte Auftraggeber gewesen, es hätten intensive Beziehungen bestanden. „Insofern ist der Fall rechtlich gut geeignet. Je mehr Beteiligte, umso schwieriger wird es.“ Doch selbst unter diesen Voraussetzungen ist es alles andere als trivial, an Beweise zu gelangen – wie zum Beispiel die Produktionsverträge oder sonstige Abmachungen zwischen Produzent und Unternehmen. Schliemann wünscht sich juristische Wege, um Unternehmen in solchen Fragen auskunftspflichtig zu machen – wie es zum Beispiel das bei Unternehmen gefürchtete Discovery-Verfahren in den USA macht. „So etwas halte ich für nötig, wenn die Gewichtung sehr ungleich ist: In der Regel stehen einfache Arbeiter einflussreichen Unternehmen gegenüber.“ Schliemann soll neben der Fakten- auch die Rechtslage klären, um die Chancen einer möglichen Klage auszuloten. Welche Gerichte für einen Prozess in Frage kommen, welche Rechtsordnungen einschlägig sind, gegen wen man überhaupt vorgehen kann, wie hoch mögliche Entschädigungen ausfallen – all das lernt man im Zweifel nicht im Studium. Die Verbindung von Lobbyarbeit mit anwaltlichem  Arbeiten – für Schliemann eine perfekte Kombination, die er bei anderen Nichtregierungsorganisationen nicht so einfach zu finden glaubt. Das „streitige Element“ reizt ihn, die Auseinandersetzungmit scheinbar übermächtigen Gegnern. „Für mich ist auch durch die Arbeit hier klar geworden, dass ich Anwalt werden möchte“, sagt Schliemann. Dass er dabei auf der Seite seiner heutigen Gegner – zum Beispiel als Wirtschaftsanwalt – möglicherweise später viel mehr Honorar einstreichen könnte, interessiert Schliemann augenscheinlich nicht. Er will sich nicht verbiegen. An seiner jetzigen Station ärgert Schliemann nur eins: Dass er den „Kik“-Fall voraussichtlich nicht bis zur Entscheidungsreife bringen kann. Denn die nötigen umfangreichen Vorarbeiten wird er im Laufe seiner Station nicht vollständig stemmen können. Ein anderer Mitarbeiter wird die Arbeit fortsetzen. Am Ende steht dann eine Anzeige – oder aber der Fall wird zu den Akten gelegt. Schliemann ist aber klar: Mit der Gefahr, dass viel Arbeit vergebens war, muss man leben, wenn man sich in juristisches Neuland vorwagt.

Wintersemester 2013/2014

Bild von Martin Jaschinski
Fordern und Fördern: Kalter Sprung und warme Dusche

Texte: Nora Zunker, Berlin

Berlin „Prenzlberg“ ist eines der Szeneviertel der Hauptstadt und steht nicht nur bei Berlinern symbolisch für einen Treffpunkt von Kunst und Lebens-Kultur. Allein auf dem Pfefferberg, einem ehemaligen Brauereiareal, finden sich dicht an dicht Galerien, Ateliers, Kunstwerkstätten, ein Architekturforum – und die Kanzlei JBB Rechtsanwälte. Das ist kein Widerspruch, ja noch nicht einmal Zufall: Rechtsanwalt Dr. Martin Jaschinski, einer der Gründungspartner der Partnerschaft Jaschinski Biere Brexl, legt großen Wert auf das kreative Umfeld, sowohl in unmittelbarer Kanzleinähe als auch in den Kanzleiräumen selbst. Denn neben einem hohen informationstechnischen Interesse ist es vor allem die Kreativität, die die Anwälte mit ihren Mandanten verbindet. Die Kanzlei ist spezialisiert auf die Bereiche Urheber- und Medienrecht, Marken- und Wettbewerbsrecht sowie IT-, Software- und Datenschutzrecht. Diese Tätigkeitsfelder ziehen gleichermaßen inländische und internationale Mandanten an. Gefordert ist die gesamte Bandbreite: Von der Vertragsgestaltung bis hin zur Vertretung vor Gerichten. Für Dr. Martin Jaschinski liegt der Reiz der forensischen Tätigkeit vor allem in der psychologischen Herausforderung, durch eine gute Strategie die Richter – bei allen ihren Unterschieden in Motivation, Erfahrung und Qualität – bestmöglich zu erreichen. Nicht selten handelt es sich nämlich nicht nur um einen Kampf mit der Gegenseite, sondern auch mit dem Gericht. Diese Erfahrung machte Referendar Oliver Schmidt bereits in den ersten Wochen seiner Stationszeit: Er wurde von seinem Ausbilder mit der Terminsvertretung betraut. Schmidt vertrat eine Kommunikationsplattform, welche aufgrund einer – von der prominenten Gegenseite unerwünschten – bebilderten Berichterstattung über einen Urlaub verklagt worden war. Eine typische Kollision von öffentlichem Interesse und dem Schutz der Privatsphäre. Für Schmidt war dieser frühe Termin beim Amtsgericht eine neue Erfahrung. Zwar hatte er zuvor schon vier Monate bei einer Zivilkammer für gewerblichen Rechtsschutz sowie Urheber- und Medienrecht verbracht, aber gerade der Unterschied zur richterlichen Vorgehensweise stellte die Herausforderung dar: „Man hat in der Ausbildung bisher immer gelernt, objektiv auf die Dinge zu schauen – jetzt war es das Ziel, den eigenen Mandanten bestmöglich zu vertreten.“ Rückblickend ist Schmidt froh, „ins kalte Wasser geworfen“ worden zu sein. So konnte er Verantwortung übernehmen, was zeigt, dass ihn seine Ausbilder ernst nehmen. Ein Gefühl, dass Jaschinski selbst bei seiner Anwaltsstation im Referendariat gefehlt hat: „Mir wurden damals in der Großkanzlei die Fälle auf den Tisch gelegt, über die Ergebnisse wurde nie gesprochen.“ Daher legt er heute besonderen Wert darauf, dass die Referendare vielseitig in den Kanzleialltag mit einbezogen werden. „Die Referendare haben zwar einen Mentor, können aber grundsätzlich von jedemAnwalt Aufträge und Fälle übergeben bekommen. Das richtet sich ganz nach Interessenschwerpunkt und Engagement des Referendars.“ Die Ergebnisse werden dann mit dem zuständigen Anwalt besprochen. Die Referendare haben jedoch auch die Möglichkeit, ihre Ergebnisse in der täglichen Mittagsrunde einzubringen, wo sich alle Anwälte Neuigkeiten aus ihren Fällen berichten. Dabei geht es zum Teil nicht nur um juristische, sondern auch um wirtschaftliche Frage- und Weichenstellungen. Denn die Anwälte interessieren sich für die gesamte Branche und nicht nur für die juristischen Aspekte. Daher reizen Jaschinski vor allem Mandate, bei denen er ein Projekt von Anfang an beratend begleitet: „Nur im Nachhinein zu prüfen, ob alles rechtmäßig ist, ist manchmal langweilig. Der Spaß bei der Arbeit entsteht, wenn die Mandanten mit Ideen herkommen und wir gemeinsam Umsetzungsmöglichkeiten entwickeln.“ Hierbei spielen juristisches und unternehmerisches Denken eine Rolle, Mandanten haben gerade in der Werbebranche ein unterschiedliches Risikobewusstsein: „Manche Mandanten wägen genau ab und sehen es im Einzelfall auch als lohnend an, für eine wirklich gute Werbung auch eine Abmahnung mit einzukalkulieren.“ Technisches Verständnis und Spaß an der Materie sind für die Arbeit in der Kanzlei offenkundig ebenso wichtig wie die Freude an juristischen Details. Diesen Anforderungen wird Oliver Schmidt durch seine vorherigen Stationen und sein Masterstudium gerecht, was seiner Initiativbewerbung bei der Kanzlei JBB zum Erfolg verhalf. Denn Jaschinski hält die Referendarzeit für zu kurz, um sich ohne Vorwissen in alle Spezialgebiete der Kanzlei einarbeiten zu können. Damit die Ausbildung für beiden Seiten gewinnbringend ist, landet daher nicht jede Frage bei Referendaren. Der Anwalt legt aber Wert darauf, dass die Referendare die Möglichkeit haben, auch anspruchsvollere Aufgaben selbständig zu bearbeiten – auch wenn der eine oder andere versucht, über das Ziel hinauszuschießen: „Die Referendare denken, sie müssten so schnell arbeiten wie Anwälte, das muss man ihnen erst austreiben.“

Bild von Oliver Schmidt
Referendar Oliver Schmidt: Die Wirklichkeit als Examensvorbereitung

„In der Internet- und Marketingbranche ist die gesellschaftliche Entwicklung schneller, als Recht und Politik es sind – da Schritt halten zu können, macht diesen Bereich juristisch spannend“, fasst Oliver Schmidt seine Begeisterung für das IT- und Medienrecht zusammen. Dass ihn die Branche nicht mehr loslässt, kann der 29-jährige bereits zu genüge mit seinem Lebenslauf belegen: Im Studium wählte Schmidt den medienrechtlichen Schwerpunkt, die Verwaltungsstation absolvierte er bei der Berliner Behörde für Datenschutz und Informationsfreiheit, die Zivilstation in der Kammer für Urheber-, Medienrecht und gewerblichen Rechtsschutz, das in der Branche notwendige Englisch festigte er mit einem Master in Global Business Law in Melbourne. Eine fixe Vorstellung von der Zukunft hat Schmidt jedoch noch nicht, ermöchte sich „möglichst viele Türen offen halten“. Die Referendariatsstation in der Kanzlei JBB Rechtsanwälte könnte ihm einen weiteren möglichen Weg bereiten, immerhin sind die Partner der Kanzlei bei der Auswahl hrer Referendare stets auf der Suche nach potentiellen Mitarbeitern. Nach den ersten Monaten in der Kanzlei hat Schmidt einen durchaus positiven Eindruck von der Anwaltsstation, vor allem der „Workflow“ beeindruckt ihn: „Die Anwälte haben Spaß bei der Arbeit und sind darüber hinaus auch außerhalb der Kanzlei in der Branche tätig.“ Damit dürfte Ausbilder Jaschinski eines seiner Hauptanliegen gelungen sein: „Den Spirit weiterzugeben.“ Auch das Aufgabenfeld unterscheidet die Arbeit in der Kanzlei von den anderen Stationen. Neben einer Terminvertretung bei Gericht oder der Erstellung von Datenschutzvereinbarungen wurde Schmidt mit der Vorbereitung einer Begrüßungsrede eines Vorstandsvorsitzenden für eine Fachtagung betraut. Für Schmidt lag die Herausforderung vor allem darin, seine rechtswissenschaftlichen Ausarbeitungen für Nicht-Juristen verständlich zu formulieren: „Man muss immer wieder aufpassen, nicht in den Juristenjargon aus dem Studium abzurutschen.“ Gleichzeitig fühlt sich der Referendar gut auf das zweite Staatsexamen vorbereitet: Der Aufbau von Klageschrift und Klageerwiderung, überzeugende Begründungen und das Präzisieren von Sachverhalten müssen in der Anwaltsklausur beherrscht werden. „Die Akten hier sind weitaus komplexer als die Materialien im Examen. Man lernt, sich schnell einen Überblick zu verschaffen und auf das Wesentliche zu konzentrieren – und darauf kommt es in erster Linie an, die Klausuren werden schließlich auch von Praktikern gestellt“, bestätigt Jaschinski. Thematisch sind die Fälle der Kanzlei durch die hohe Spezialisierung kaum examensrelevant, doch das stört den Referendar nicht. Für ihn ist das Internetrecht gerade dadurch interessant, dass es noch nicht durch die Rechtsprechung gesättigt ist und daher noch drastische Umbrüche möglich sind. Er sieht eine Aufgabe der Juristen auch darin, Bewusstsein für den richtigen Umgang mit Daten zu schaffen und der schnelllebigen gesellschaftlichen Entwicklung einen rechtlichen Rahmen zu geben. Um die Möglichkeiten innerhalb der Kanzlei voll auszunutzen, möchte der angehende Volljurist als nächstes einen genaueren Blick auf Mandate in den Bereichen Marken- und Softwarerecht werfen. Und noch etwas nimmt Schmidt aus dem Kanzleialltag mit: „Aus wirtschaftlicher Sicht sind auch die Kanzleiabläufe interessant, gerade falls man später doch selbst eine Kanzlei unterhalten will.“ Der Referendar versteht es, möglichst viel aus der Anwaltsstation mitzunehmen.

 

Wintersemester 2013/2014

Bild von Moritz Heusinger
Starthelfer aus Überzeugung

Text: Katja Wilke

Rund drei Jahre hing Moritz Heusinger schon als Verteidiger in dem Strafverfahren. Immer wieder machten sich der Rechtsanwalt und seine Kollegen von der Kanzlei HDMW Heusinger Danne Müller Reimer von Berlin auf den Weg nach Münster, wo ihre Mandanten wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt waren. Ein komplexer Prozess um Umsatzsteuerbetrug – der schließlich mit einem Erfolg endete: Die Verfahren gegen die Angeklagten wurden eingestellt. Heusinger erinnert sich an eine anstrengende Zeit: „Der Prozess hat geschlaucht. Ich hatte Mitleid mit den Mandanten, das waren nette, anständige Menschen aus bürgerlichen, normalen Verhältnissen. Als Verkäufer hatten sie ihrem Chef vertraut und gar kein Schuldbewusstsein bei dem, was sie taten.“ Die Einstellung der Verfahren war auch  deshalb wichtig, weil damit die Chancen stiegen, existenzvernichtend hohe Forderungen des Finanzamts abzuwehren. Heusinger übertrug diese Aufgabe Thomas Flor, der kurz zuvor seine Anwaltsstation bei ihm begonnen hatte. Der Referendar verfasste einen Einspruch  – in einer Qualität, die Heusinger noch heute begeistert. „Er hat darin die Rechtslage rechtlich und dogmatisch exakt dargelegt“, sagt der Anwalt. Der Einspruch hatte Erfolg. Nach langen Jahren des Zitterns war das für die Mandanten eine große Erleichterung. Heusinger und die drei weiteren Partner von HDMW bilden gern und regelmäßig Referendare aus. Alle vier investieren viel. So müsse man etwa immer ansprechbar sein für den Nachwuchs – auch im eigenen Interesse. Denn wenn die Kommunikation nicht funktioniere, komme es vor, dass sich Referendare an – für Praktiker – einfachen Problemen festbissen. Heusinger achtet darauf, dass die Referendare nicht nur über Schriftsätzen brüten, sondern auch miterleben, wie Anwälte im Alltag arbeiten. „Es gibt so viel, was in der Uni nicht gelehrt wird. Etwa, wo Haftungsfallen liegen, wie man ein Diktiergerät bedient oder wie wichtig die kaufmännische Seite ist – wie man zum Beispiel ein angemessenes Honorar kalkuliert.“, sagt Heusinger. Ein anderer wichtiger Punkt: die Etikette. Das Verhalten gegenüber allen Mitarbeitern muss stimmen, auch gegenüber den Sekretärinnen. Referendar Flor sorgte im Vorzimmer ganz am Anfang für Irritationen, weil er sich beim Verlassen der Kanzlei nicht verabschiedete. Heusinger gab ihm daraufhin dezent ein paar Hinweise, welches Verhalten bei den Mitarbeiterinnen gut ankommt. „Das hilft später auch in anderen Kanzleien beim professionellen Auftreten“, sagt er. Heusinger hat jahrelange Erfahrung in der Juristenausbildung: Lange Zeit hat der Anwalt als Repetitor Studenten auf das erste Staatsexamen vorbereitet und wurde später zum nebenamtlichen Prüfer des Gemeinsamen Justizprüfungsamtes der Länder Berlin und Brandenburg bestellt. Nun prüft er regelmäßig angehende Juristen im ersten und zweiten juristischen Staatsexamen. Für ihre Mühe bekommen Heusinger und seine Kollegen viel zurück. Zwar klingen die Formulierungen in Schriftsätzen der Anwalts-Azubis für Praktiker oft hölzern undmüssen noch geschliffen werden. Aber inhaltlich ist das, was Referendare leisten, sehr häufig auf hohem Niveau. „Zu diesem Zeitpunkt der Ausbildung sind Juristen auf einem Wissenslevel, das sie später nie wieder erreichen werden“, schwärmt Heusinger. Wenn er Vertrauen in einen Stationsreferendar oder eine  Referendarin hat, lässt er ihmoder ihr viel Spielraum. Flor zumBeispiel, schickte er allein in ein Mandantengespräch.  Ein Cafébesitzer lag im Clinch mit der Gema. Flor entschied, wie weiter vorzugehen war. „Der Mandant wusste natürlich, dass er von einem Referendar beraten wurde, aber er hat keinen Unterschied zu einer anwaltlichen  Beratung gemerkt, wie er im Nachhinein gesagt hat“, sagt Heusinger. Ihm ist wichtig, dass Referendare  Verantwortung übernehmen. Enttäuschungen hat es aber natürlich auch schon gegeben, das streitet Heusinger nicht ab. Zum Beispiel Examenskandidaten, die sich drei Monate krank melden. Oder solche Bewerber, mit denen einfach die Kommunikation nicht funktioniert. In der Regel können Heusinger und seine Kollegen so etwas  aber schon im Vorfeld erfolgreich vermeiden: „Wir sitzen dem Referendar in Vorstellungsgesprächen oft zu dritt gegenüber“, sagt Heusinger. „Das zahlt sich aus. Ganz überwiegend sind wir sehr zufrieden.“ Wie mit Flor. Übernehmen kann die Kanzlei ihn zwar nicht – aber siemacht sich bei einer anderen Kanzlei für ihn stark.

Bild von Thomas Flor
Rechtsreferendar Thomas Flor: Nur keine schmutzige Wäsche

Umsatzsteuerkarusselle kannte Thomas Flor bis zum Antritt seiner Anwaltsstation bei der Kanzlei HDMW eigentlich nur aus der Wirtschaftspresse. Derartige kriminelle Geschäfte also, bei denen Unternehmen aus verschiedenen EU-Ländern zusammenarbeiten, um den Staat zu prellen: Ein Unternehmen führt die von seinemKunden bezahlte Umsatzsteuer nicht an das Finanzamt ab, der Kundemacht aber die Vorsteuer geltend und bekommt sie vom Finanzamt ausgezahlt. Bei HDMW bekam Flor gleich zu Beginn einen solchen komplexen Fall auf den Tisch. Sein Ausbilder, der Berliner Anwalt Moritz Heusinger, der die Mandanten im vorangegangenen strafrechtlichen Prozess verteidigt hatte, führte ihn in die – umfangreiche – Vorgeschichte des Falles ein. Obwohl die Strafverfahren eingestellt worden waren, meldete sich jetzt das Finanzamt. Es verlangte von den Mandanten Nachzahlungen in Höhe einer sechsstelligen Summe. Flors Auftrag war klar: den steuerrechtlichen Haftungsbescheid abschmettern. Der 32-Jährige wühlte sich durch die Akte und verfasste einen Einspruch gegen den Bescheid. Wenige Monate später, gegen Ende seiner Station bei HDMW, erlebte Flor einen Glücksmoment: Dem Einspruch wurde stattgegeben, das von ihm verfasste Schreiben war ein Erfolg auf ganzer Linie. Für den Referendar eine schöne Bestätigung: „Zu erkennen, dass man die Fähigkeit hat, in der Praxis tatsächlich zu helfen, ist ein gutes Gefühl.“ Flor, dessen schriftliches Zweites Examen kurz bevorsteht, fühlte sich bei HDMW während seiner gesamten Station gut unterstützt. Nicht nur von Heusinger, auch von dessen Kollegen wurden ihm regelmäßig Fälle übertragen. Flor bekam Gelegenheit, Schriftsätze wie Berufungsbegründungen oder Klageerwiderungen zu schreiben sowie  Gutachten, die entweder direkt für die Mandanten bestimmt waren oder den Anwälten zur Vorbereitung des Falles dienten. „Jeder Einzelne der Anwälte war immer ansprechbar, wenn es Fragen gab“, sagt Flor. Für die Zeit seiner Anwesenheit hatte er ein eigenes Büro in der zentral in Berlin-Mitte gelegenen Kanzlei. Die Station bei HDMW hat  Flor in dem Willen bestärkt, nach dem Examen in einer mittelständischen Kanzlei zu arbeiten. Zuvor hatte der angehende Anwalt nur Praktika in Einzelkanzleien absolviert. Das war zwar auch lehrreich, doch häufig fielen für ihn nicht ausreichend interessante Fälle an und es gab Leerlauf. Flor suchte deswegen gezielt nach einer mittelständischen Kanzlei. Er durchforstete Anwaltssuchdienste und prüfte die Kanzleien im Hinblick auf Größe und Breite des Beratungsangebotes. „Ich wollte wirklich Arbeit haben“, sagt er. Und er schätzt den ständigen Austausch  mit den Kollegen. „Es war anregend zu sehen, wie Fälle inhaltlich untereinander besprochen werden. Das hebt die Qualität der Arbeit.“ Denn auch nach Ende der Ausbildung muss man sein Wissen ständig auffrischen –  das wurde Flor nicht zuletzt bei der Lektüre der Schriftsätze einiger gegnerischer Kanzleien deutlich. So mancher  etablierte Anwalt schien sich da auf betagten Rechtskenntnissen auszuruhen. „Das rückt die Perspektive gerade, wenn man das Gefühl hat, wenig zu wissen“, sagt Flor. Lehrreich waren für Flor auch Fälle, auf die weder Universität noch Referendararbeitsgemeinschaft vorbereiten. Etwa, wenn der Mandant versucht, seinen Anwalt zu  instrumentalisieren. Flor arbeitete an einem Fall um eine Immobilienstreitigkeit mit. Der Mandant, Käufer einer Wohnung, wollte den Verkäufer wegen einer angeblich falschen Wohnraumgröße verklagen. In dem Fall passte  einiges nicht zusammen: Der Mandant konnte sich dieWohnung eigentlich gar nicht leisten. In der Kanzlei wuchs die Vermutung, dass Mandant und Verkäufer im Kaufvertrag die falsche Größe angegeben hatten, um an einen höheren Kredit zu kommen. Schließlich stellte sich auch noch heraus, dass der Verkäufer bereits wegen ähnlicher Rochaden  mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Flors Glauben an den Beruf hat das nicht erschüttert: „So etwas kommt vor. Die große Zahl der Mandanten ist glücklicherweise ehrlich.“ Bei HDMW gefiel Flor die breite Palette an Fällen – die daraus resultiert, dass die Kanzlei vorwiegend mittelständische Mandanten hat und denen eine Rundumbetreuung bietet. Er mag sich zumjetzigen Zeitpunkt noch nicht auf einen bestimmten Tätigkeitsschwerpunkt festlegen. Nur eines ist schon jetzt sicher: Familienrecht wird es nicht. „Anderer Leute schmutzige Wäsche waschen“, sagt er lächelnd, „das ist nicht so meins.“

Sommersemester 2013

Rechtsanwältin Dr. Nadine Herrmann, Allen & Overy LLP

Texte: Alice Blezinger

Von hier oben aus hat sie alles im Blick: Im siebten Stock, hoch über der Elbe und dem Hamburger Hafen brütet Rechtsanwältin Dr. Nadine Herrmann über Fragen zum Marken-, Urheberoder Datenschutzrecht. Die Büros heißen Backbord und Steuerbord, Sylt oder Föhr, Hafenrundfahrts-Fähren tröten und – wie könnte es in Hamburg anders sein – der Regen pladdert an die großen Glasfenster. Doch trotz so viel Hamburg-Flair – bei ihrer Arbeit geht es international zu:Herrmanns Mandanten sind oft amerikanische oder europäische Firmen. Sicheres Englisch ist daher für die Arbeit essentiell. „Viele E-Mails gehen an Abteilungsleiter großer englischsprachiger Unternehmen.“, sagt Herrmann aus der Sozietät Allen & Overy. „Die erwarten nicht nur, dass inhaltlich alles stimmt – auch sprachlich muss die Arbeit überzeugen!“ Für Herrmann kein Problem. Die 34-jährige konnte ihr Englisch während eines LL.M-Studiums in Sydney und im Londoner Büro der Kanzlei polieren – auch in England ist sie als Solicitor zugelassen. Doch sie weiß, dass es jungen Anwälten und Referendaren anfangs schwer fällt, in einer fremden Sprache die richtigen Worte zu finden. Selbst wer schon einmal länger im Ausland war, muss lernen sich juristisch genau auszudrücken und in einer E-Mail an den Mandanten den richtigen Ton zu treffen. Korrespondenz auf Englisch führen – eins der vielen Dinge, die Referendare wie Miriam Häfele in ihrer Station bei Nadine Herrmann lernen. 

 Bei der Referendarausbildung ist Herrmann besonders wichtig, dass die Türen immer offen stehen. Dass wortlos eine Akte auf den Schreibtisch liegt mit dem Zettel „Bitte Klageschrift entwerfen“ – so etwas kommt hier nicht vor. Arbeitsaufträge sollen die Anwälte persönlich mit den Referendaren besprechen. „Referendare sollen in der Station möglichst viele verschiedene Aufgaben übernehmen.“, findet Ausbilderin Herrmann: Klageschriften, Anträge im einstweiligen Rechtsschutz, E-Mails an Mandanten und Kurzgutachten, die so genannten „Memos“ stehen in der Anwaltsstation auf dem Programm. Dennoch eignet sich nicht alles in einer Großkanzlei für Referendare: „Bei der Vertragsgestaltung tun sich viele Referendare noch schwer“, beobachtet Herrmann, die für ihre Mandanten etwa Verträge für den Kauf von Softwarelizenzen entwirft. Meist fehlt es schlicht an Erfahrung. Denn ohne den Marktstandard für Klauseln in der jeweiligen Branche zu kennen, ist es schwer, sich ein Urteil zu bilden. „Auch bei den Formulierungen hapert es oft“, sagt Herrmann. Solche Kenntnisse erwartet sie allerdings auch nicht von ihren Referendaren – Verträge verfassen hat schließlich kaum einer in der Ausbildung gelernt. Selten eingebunden werden Referendare auch in große Unternehmenskäufe. Die Telefonate ziehen sich oft bis in die späten Abendstunden – wegen der Zeitverschiebung etwa mit den USA. Spezialwissen in bestimmten Rechtsgebieten erwartet Dr. Herrmann nicht von ihren Referendaren. Auch die Referendarin Häfele hatte vor ihrer Station keine Erfahrungen im IT Recht „Gut gerüstet für die Großkanzlei ist, wer strukturiert arbeitet,die Grundlagen sicher beherrscht und auch auf neue Fälle anwenden kann.“ Denn die Basics sind auch bei großen Fällen immer wieder wichtig – wenn einem US-Mandanten der Unterschied zwischen leichter und grober Fahrlässigkeit in der Rechtsprechung erklärt werden muss. Gefragt sind Flexibilität und Leistungsbereitschaft.

 „Wenn ich morgens ins Büro gehe, weiß ich nie genau, was mich erwartet“, beschreibt Herrmann ihre Arbeit. Nicht selten wird überraschend eine große Telefonkonferenz anberaumt oder ein Mandant hat eine dringende rechtliche Frage – ausgerechnet wenn man sich auf einen planmäßigen Arbeitstag eingestellt hatte. Wer bei dieser Vorstellung entsetzt aufstöhnt, ist bei Allen & Overy fehl am Platz. „Wir suchen Juristen, die Herausforderungen mögen“, so Herrmann. Und wenn es bei der Arbeit ins Detail geht, dann ist vor allem Geduld und Genauigkeit gefordert. „Viele Referendare sind überrascht wie hoch der Anspruch ist, eine rechtliche Frage bis ins letzte Detail auszuleuchten“, berichtet Herrmann. Da reicht es nicht, nur in einem Kommentar nachzuschlagen – ganz klar: Wer in der Großkanzlei arbeiten will, braucht das Zeug zum Tiefbohrer.

Referendarin Miriam Häfele: BGB zählt auch bei den Großen

Den Überblick behalten – gar nicht so einfach bei manchen Fällen, an denen Miriam Häfele während ihrer Anwaltsstation bei Allen & Overy mitgearbeitet hat. Beim Streit um einen wichtigen Domain-Namen konnte die Referendarin sehen, wie ein umfangreicher Fall in seine verschiedenen rechtlichen Bestandteile zerlegt, auf mehrere Anwälte aufgeteilt – und später die Ergebnisse wieder in einen Schriftsatz zusammengefügt wurden. Im speziellen Schiedsverfahren der World Intellectual Property Organization (WIPO) stritten die Parteien um die Berechtigung, eine Internet-Domain zu nutzen. „Es gab hunderte Dokumente in mehreren Sprachen und
Rechtsprobleme auf dem sehr speziellen Gebiet desWIPO-Domainrechts“, erinnert sich Häfele. „Da muss man schon strukturiert arbeiten, um den Durchblick zu behalten.“ Und neue Aufgaben als Herausforderung ansehen: Denn mit Domainund Schiedsverfahrensrecht hatte Häfele zuvor noch nicht viel zu tun. Sich in unbekannte Rechtsgebiete einarbeiten – das musste sie während ihrer Station im Team IT-Recht nicht nur einmal. Wenn das Vorwissen aus Studium oder Praktika nicht mehr weiter reichte, hieß es: Bibliotheksrecherche oder Fragen, Fragen, Fragen.

 Besonders ihr „Buddy“ hat ihr in diesen Situationen viel geholfen. „Buddy“, das ist ein Anwalt aus dem jeweiligen Fachgebietsteam des Referendars – ein Ansprechpartner fürs Fachliche aber auch für Fragen jenseits der Juristerei, etwa zur Aktenablage oder Bibliotheksbenutzung. Trotz der komplexen Fälle und der hohen Spezialisierung sind ihr aber immer wieder auch „alte Bekannte“ aus Studium und Referendariat begegnet: Vertragsauslegung, Bürgschaften oder Schadensersatzansprüche – die BGB-Grundlagen hat Häfele auch bei Allen & Overy immer wieder gebraucht. Das Vorurteil, bei einer Großkanzlei lerne man nichts Examensrelevantes kann sie deshalb nicht bestätigen: „Den Palandt habe ich oft aufgeschlagen“, erinnert sie sich. Schon vor dem Referendariat hat sie in einer kleineren Kanzlei gearbeitet – die Arbeitsweise einer Anwältin war für sie daher nichts Neues. Doch Häfele war neugierig: „Weil ich kleinere Kanzleien schon kannte, wollte ich wissen wie sich die Arbeit in einer Großkanzlei davon unterscheidet.“ Und wurde überrascht: „In einer Großkanzlei funktioniert einfach alles!“, sagt Häfele. Und die Anwälte können sich bei so viel Unterstützung ganz der eigentlichen juristischen Arbeit widmen.

 Für Referendare gibt es ein eigenes Programm mit einer Mitarbeiterin aus der Personalabteilung und zum Beispiel einem gemeinsamen Referendarfrühstück zum Austausch. Neben kompletten Schriftsatzentwürfen, Memos zu einzelnen Rechtsfragen und Mandantenschreiben, konnte Häfele auch an Telefonkonferenzen oder persönlichen Mandantengesprächen teilnehmen. „Das hilft auch später bei der Fallbearbeitung“, erinnert sie sich. „Erst durch die Gespräche bekommt man einen umfassenden Eindruck von dem Fall und den Wünschen des Mandanten.“ Manchmal war sie aber auch froh, einfach zuschauen, oder besser zuhören zu dürfen. Bei großen internationalen Mandaten kann auch ein Gespräch mit dem eigenen Mandanten eine große Herausforderung sein: Wenn etwa in einer Telefonkonferenzen auf Englisch noch weitere Anwälte oder Berater des Mandanten zugeschaltet sind, die man womöglich noch nie gesehen hat. Dann ist man erst einmal damit beschäftigt, die Stimmen auseinander zu halten.

 Das internationale Umfeld, der Kontakt mit Mandanten aus der ganzen Welt hat der Referendarin besonders gut gefallen. Obwohl auch sie anfangs noch mit den richtigen Formulierungen in ihren E-Mails gehadert hat. Alles eine Übungssache wie sich herausstellte: Ein paar E-Mails und Nachfragen bei ihrer Ausbilderin später hatte sie den Dreh raus. Insgesamt ist Häfele überzeugt: Auch wenn man als Referendarin nicht so häufig selbstmitMandanten spricht und weniger Erfahrung vor Gericht sammeln kann – die professionelle Organisation und der internationale Bezug machen die Arbeit spannend. Nach dem Referendariat hat sie ihre Doktorarbeit begonnen und arbeitet weiterhin als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Allen & Overy – oft zusammen mit ihrem ehemaligen „Buddy“ aus dem Referendarprogramm.

Wintersemester 2011/2012

Bild von Oliver Korte
In der Sprache des Handels

Text: Dr. Justus von Daniels

Wer in Hamburg schon mal durch die Hafenanlagen von Wilhelmsburg oder Steinwerder gefahren ist, die unendlichen Kolonnen von LKWimHafen gesehen hat oder die Lagerhallen von Großhändlern, deren Namen man nicht kennt, der weiß: das wirtschaftliche Herz der Hansestadt schlägt nach wie vor im Handel.
    Oliver Korte, Partner der Rechtsanwaltskanzlei SKW Schwarz, sitzt zwar in der Nähe der eleganten Binnenalster in Hamburgs Mitte, aber er ist mittendrin in den Abläufen des Warenumschlags. Handels- und Gesellschaftsrecht, da denken viele an Unternehmenskäufe, Zusammen- schlüsse, Großkanzleien. Aber nicht in erster Linie an den Kaufmann aus dem Handelsgesetzbuch. Bei dem 40-jährigen Korte, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht, ist es genau umgekehrt. Er ist Spezialist für Handels- und Vertriebsrecht in einer Kanzlei, die zu den großen  Wirtschaftsrechtskanzleien in Deutschland gehört, die aber keine Großkanzlei ist. Seine Mandanten sind der deutsche Großhändler oder der Handelsvertreter; die Vertragspartner seiner Mandanten sind der Produzent in Übersee oder der Zulieferer in Finnland. Korte sorgt dafür, dass Waren vertragsgemäß ihren Weg von A nach B nehmen, oder auch mal zurück, etwa wenn sie mangelhaft sind. „Im Groß- und Außenhandel kennt man unseren Namen“, sagt der Kanzleipartner. SKW Schwarz ist das Ergebnis eines Kanzleizusammenschlusses. An fünf Standorten deckt die Kanzlei mit unterschiedlichen Schwerpunkten das Wirtschaftsrecht ab und hat mehr als 100 Anwälte. In Hamburg ist die Kanzlei, die bis vor drei Jahren noch Schlutius hieß, fest etabliert. Die Mandanten kommen seit 50 Jahren aus dem satten Stamm des Mittelstandes im Handel. Erfahrung, die sich auszahlt: „Gegner, die mit dem Vertriebsrecht nicht ganz so vertraut sind, sind meist leichte Beute. Denn vieles von dem, was rechtlich gilt, steht nicht im Gesetz. In unserem Bereich läuft viel über geübte Handelspraxis.“
  Auch wenn er gelegentlich zum Schiedsgericht der Handelskammer oder zum Landgericht geht, ist Korte doch eher Berater. Er gestaltet Rahmenverträge, um die Lieferketten rechtlich abzusichern. „Mein Gebiet ist im Grunde das Kaufrecht des BGB, ergänzt durch das UN-Kaufrecht.“ Zunehmend kommen auch M&A-Tätigkeiten dazu: „Viele Unternehmensgründer übergeben gerade ihre Betriebe. Da wird es neue Zusammenschlüsse geben.“ In der Regel aber bewegt sich der Vertriebsrechtler in der Spannung zwischen demklassischsten aller Privatrechtsgebiete und der internationalen Perspektive. So erleben es auch die Referendare wie Elina Berchtein. Korte betraute sie mit einem umfangreichen UN-Kaufrechtsfall, bei dem eine deutsche Herstellerin gegen einen spanischen Zulieferer vorgehen wollte, der der Herstellerin Mängel vorwarf und den Vertrag kündigen wollte. Korte ist von der Leistung seiner Referendarin nachhaltig beeindruckt: „Sie hat sich in kürzester Zeit ins UN-Kaufrecht eingearbeitet und ein umfangreiches Gutachten entworfen, das später die entscheidende Grundlage für unsere Klageschrift wurde.“
   Viele Mandanten des Hamburger Büros von SKW Schwarz haben in der Regel keine eigene Rechtsabteilung. Wenn es um komplexe Handelsverträge geht, muss man daher in der Lage sein, dem Mandanten die Verfahren verständlich zu machen. Kortes Referendarin übernahm auch die Korrespondenz mit Mandant und Gegenseite. „Das war wirklich außergewöhnlich“, sagt Korte. „Denn sie konnte das Juristische ins Verständliche übersetzen. Die Korrespondenz ist ja ein wesentlicher Teil unserer Tätigkeit, aber das lernt man im Referendariat eigentlich gar nicht.“ Zwar wird von Ausbildern immer wieder versichert, dass man Referendare umfänglich in einen Fall einbeziehen würde, aber in der Regel reicht es – auch aus Gründen der Stationslänge – meist nur zu punktuellen Gutachten oder Schriftsätzen. Korte hat das Potenzial seiner Referendarin erkannt und sie kontinuierlich in den Fall eingebunden. Offenbar mit Erfolg. „Wir wollen natürlich auch Referendare übernehmen“, sagt Korte. Aber er gibt zu, dass das dann doch nur selten der Fall ist. Immerhin ist ein ehemaliger Referendar der Kanzlei gerade Partner geworden.

Bild von Elina Berchtein
Das Spiel der Argumente - Rechtsreferendarin Elina Berchtein

Wie findet man eigentlich heraus, welches Rechtsgebiet zu einem passt? Das Strafrecht ist für viele faszinierend, aber mit Gesellschaftsrecht verdient man doch deutlich mehr Geld. Im Familienrecht kann man zwischenmenschliche Tragödien verhindern und mit Verwaltungsrecht politisch gestalten. Wählt man das, was einen thematisch packt – oder was zählt? Elina Berchtein hat erst im Referendariat festgestellt, was sie wirklich interessiert – und sie war darüber durchaus überrascht. Wie viele fand die 28-jährige während ihres Studiums an der Universität Kiel das gut, was sie am besten konnte. Staats- und Verwaltungsrecht fielen ihr leicht und machten ihr daher Spaß. Aber ein konkreter Berufswunsch? Erstmal das Studium durchziehen, und schnell ins Referendariat.
   Berchtein bewarb sich nach der Verwaltungsstation im Innenministerium von Schleswig-Holstein für ihre Anwaltsstation bei einem anderen großen Arbeitgeber, bei Shell in Hamburg. Weil sie prüfen wollte, ob sie sich auch vorstellen kann, in der freienWirtschaft zu arbeiten. Sie findet das Wirtschaftsrecht schon spannend, aber von der Arbeit bei den Syndikusanwälten war sie nicht gerade begeistert. „Ein Unternehmen interessiert sich nur für ein juristisches Ergebnis. Dort will man wissen, ob etwas rechtlich möglich ist oder nicht. Niemand interessiert sich aber für den Weg dorthin, für die juristische Begründung“, sagt Berchtein. Eine Art Selbsterkenntnis: Sie stellte fest, dass sie dort arbeiten möchte, wo es auch um das Nachvollziehen einer guten Argumentation geht. Da mag der Arbeitgeber aufgrund seiner Größe interessant sein, aber die Arbeit selbst war es nicht. Wahrscheinlich weiß die Referendarin nicht, was ihren späteren Ausbilder bei der Rechtsanwaltskanzlei SKW Schwarz, Oliver Korte, besonders begeistert hat. Er schätzte nicht allein ihr juristisches Können, sondern auch die Fähigkeit, der Gegenseite und der eigenen Mandantin die juristischen Argumente verständlich zu vermitteln. „Sie hat schnell das richtige Fingerspitzengefühl für den Adressaten entwickelt“, sagt Korte. „Das können nicht viele Referendare.“
    Der Anwalt hat immer zwei Argumentationsebenen: Ermuss juristisch sauber begründen können, um fachlich zu überzeugen. Und er muss dem Mandanten erklären können, welche juristischen Schritte er mit welchem Ziel verfolgt. Elina Berchtein hat sich in einen UN-Kaufrechtsfall richtig reingehängt. Als sie die Ansprüche der Mandantin gegen den spanischen Zulieferer prüfen sollte, hatte sie noch keine Ahnung vom UN-Kaufrecht. Aber es hat ihr auf Anhieb Spaß gemacht. Sie hat sich in die Rechtsprechung eingelesen, Rahmenverträge und Klagealternativen geprüft. Immer wieder berät sie sich mit ihrem Ausbilder. Es werden Entwürfe formuliert und verbessert, bis zum Schluss ein 14-seitiges Gutachten steht.
   Fast größer war für sie noch die Herausforderung, die Erwiderungsschreiben an die Gegenseite in Spanien vorzubereiten: Dafür sollte sie ihre Argumente auf Englisch darlegen. Das hat sie so gut gemacht, dass Korte sie beauftragt hat, die Schreiben gleich selbst aufzusetzen. Einen Fall zu durchdringen, einen Lösungsweg zu finden, eine Haltung einzunehmen und die Begründung auch so aufzuschreiben, dass sie verständlich ist: Das interessiert Elina Berchtein am Recht. Dass sie dies nun im Handels- und Vertriebsrecht machen möchte, ist fast Zufall. „Ich habe das Gebiet überraschend gut gefunden. Ich komme mit den Ideen im Kaufrecht und den Argumenten einfach gut zurecht“, sagt sie. Ihre Begeisterung für die Spezialisierung von SKWSchwarz in Hamburg hängt aber auch mit der Arbeitsatmosphäre dort zusammen. „Es ist sehr persönlich hier und die Arbeitszeiten sind gut geregelt. Die Anwälte haben ein Privatleben“, sagt Berchtein. „Das ist auchmir sehr wichtig. Ein Leben außerhalb von Jura muss möglich sein.“ Berchtein hat für sich ein Rechtsgebiet gefunden, das sie bis vor kurzem nur von der theoretischen Seite kannte. Herausgefunden hat sie vor allem, wie und wo sie am liebsten arbeitet. Und ihr Interesse für das Verwaltungsrecht? Das ist nicht geschwunden. „Es kann schon sein, dass ich noch mal in eine Behörde gehe.“ Zunächst hat sie sich aber für das Spiel der Argumente in der Rolle einer Anwältin entschieden.

Sommersemester 2013

Bild von Tahir Basheer
Den Sachverhalt zum Leben erwecken

Texte: Jördis Harbeck

Pink Floyd, Andrew Lloyd Webber, Robbie Williams – die offizielle Mandantenliste der Londoner Anwaltssozietät Sheridans Solicitors liest sich wie das Who-is-Who der Entertainmentbranche. So erstaunt es wenig, dass das Büro zwar in Camden, einem der populärsten Stadtteile Londons, jedoch diskret und zurückgezogen in einer beschaulichen, von Bäumen gesäumten Seitenstraße liegt. Bereits seit mehr als 50 Jahren gibt es die Anwaltsfirma, die ursprünglich neben dem Recht der klassischen Medien auch im Bereich Menschenrechte tätig war.
Heute allerdings ist Sheridans auf medienrechtliche Beratung in allen Bereichen der Unterhaltungsbranche spezialisiert, von Film und Theater über Mode und Sport bis hin zu (Online-) Spielen und Handel. „Eng orientiert an den Bedürfnissen des Marktes verlagert sich der Tätigkeitsschwerpunkt unseres Büros aufgrund der schnellen technischen Entwicklung immer stärker auf den Bereich der digitalenMedien und insbesondere Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Internet“, erzählt Tahir Basheer (38), Spezialist für den Bereich der interaktiven Medien. „Um optimal beraten zu können, müssen wir stets auf dem aktuellen Stand der Technik sein. Technisches Verständnis und die Bereitschaft, sich mit immer neuen Dingen auseinanderzusetzen, sind neben dem juristischen Knowhow daher wichtige Voraussetzung in unserem Geschäft.“
Wichtig ist aber auch noch etwas anderes: „Uns allen gemeinsam ist die Leidenschaft für die Sache, die auch privat gelebt wird. Optimalerweise berät daher der Freizeitsportler einen Fußballclub der Premier League bei einer Sponsorenvereinbarung und der Modeinteressierte ein Modelabel bei der Gründung eines Onlineshops.“ Der Partner berät mit seinem Team, das inzwischen zur Topliga der Anwaltsbranche gehört, Mandanten aus aller Welt, vor allem aus Russland, dem Nahen Osten oder Asien, zu den Rechtsfragen der neuen interaktiven Technologien. „Trotz allem sind wir aber eine britische Kanzlei mit Rechtsanwälten, die im englischen Recht zuhause sind. Andere Jurisdiktionen decken wir über befreundete Kanzleien in den jeweiligen Ländern ab. So kam auch Frank zu uns. Er wurde uns von einer deutschen Sozietät empfohlen, mit der wir gerade ein gemeinsames Projekt im Bereich Onlinespiele beendet hatten. In diesem hatte auch Frank mitgearbeitet. Für uns war das ein Experiment, da wir noch nie einen deutschen Juristen zur Ausbildung hatten. Nach einem Telefoninterview und Rücksprache mit seinemdortigen Ausbilder, haben wir uns aber gern daraufeingelassen“, berichtet Tahir Basheer. Und bereut hat er die Entscheidung keine Sekunde. Ganz im Gegenteil: Frank Falker punktetemit großem Engagement und überdurchschnittlichem technischen Verständnis. Der Ausbilder freut sich: „Sein Detailwissen war manchmal sogar weitreichender als meines.“ Auch in das Teamfügte er sich nahtlos ein. Mandate aus demBereich des Medienrechts spielen sich zumeist auf einer internationalen Bühne ab. Oft finden sich Rechtsgrundlagen im Europarecht, seltener dreht es sich ausschließlich um nationales Recht. Aus diesem Grunde war es auch sekundär, dass Frank Falker eigentlich deutscher Jurist ist – für seine Kollegen war er in erster Linie einer von ihnen,mit demman sich gut austauschen konnte. Auch kulturelle Unterschiede bemerkte Tahir Basheer nicht. „Jeder Jurist hat seine eigene Arbeitsweise – einige arbeiten sehr strukturiert, andere brauchen etwas mehr kreativen Freiraum, um effektiv zu sein. Für mich hat das nicht unbedingt etwas mit der Herkunft oder dem Ausbildungssystem zu tun.“
Der Anwalt betrachtet die deutsche Ausbildung seines Referendars vielmehr als zusätzlichen Bonus: „Frank brachte gerade in Fällen mit europäischem Einschlag neue Aspekte und Perspektiven ins Spiel, das hat uns häufig geholfen. In einem Fall spielte ein Mandant mit dem Gedanken, ein Unternehmen in Deutschland zu gründen. Dank Frank konnten wir ihm vorab schon einmal einen Überblick über die verschiedenen Gesellschaftsformen des deutschen Rechts und deren Gründungsvoraussetzungen geben. Der Mandant konnte danach bequem entscheiden, ob er dies weiterverfolgen und eine deutsche Kanzlei mit der Sache betrauen wollte. Diese Form von Orientierungshilfe hat mir gut gefallen.“ Nach der positiven Erfahrung mit Frank Falker kann sich Tahir Basheer gut vorstellen, noch einmal einen Referendar aufzunehmen – „wenn dieser mindestens genauso passioniert ist.“

Bild von Frank Falker
Referendar Frank Falker - Alles hängt mit allem zusammen

DigitalMedia, E-Commerce, Online Gaming, Software Publishing – wenn Frank Falker von seiner Anwaltsstation in London erzählt, merkt man schnell: Er weiß genau, wovon er spricht. Und es macht ihm Spaß. „Schon lange vor dem Beginn des Studiums habe ich meine Leidenschaft für das Internet und die immer neuen technischen Raffinessen entdeckt. Da ich mich aber auch für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiere, erschien mir das Jurastudium eine gute Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden“, erklärt Frank Falker (28) seinen Werdegang und seine Augen leuchten. „Die Technik entwickelt sich so viel schneller als das Recht – man muss sich stets auf dem Laufenden halten, um den Anschluss nicht zu verpassen. Dazu sind meist gleich mehrere Rechtsordnungen beteiligt, beispielsweise wenn es um globale Lizenzen geht. Diese Herausforderung reizt mich.“
Während des Studiums hat er noch ganz klassisch einen wirtschaftsrechtlichen Schwerpunkt belegt: „Gesellschaftsrecht, Kartell- undWettbewerbsrecht erschienen mir eine gute Wahl. Gerade weil sich die Technologie so rasch wandelt, ist es wichtig, eine solide Basis zu haben, um den besonderen Situationen der Onlinewelt begegnen zu können.Denn auchwenn die Probleme neu seinmögen – gelöst werdenmüssen sie vor allem mit dem Handwerkszeug, das uns die Rechtswissenschaft an die Hand gibt.“ Vorbereitet durch einen Master im Recht der Informationstechnologie und des geistigen Eigentums – gemeinsam angeboten von der Universität Hannover und mehreren europäischen Partneruniversitäten (darunter die Londoner Queen Mary University) – richtete Frank Falker sein gesamtes Referendariat auf diesen Interessenschwerpunkt aus. Seine Anwltsstation bei der Frankfurter Kanzlei Schulte Riesenkampff ermöglichte ihm schließlich den Weg nach London – man empfahl ihn kurzerhand an die dortige Partnerkanzlei. „Ich wollte unbedingt noch einmal nach England gehen. Einerseits um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, aber auch, weil die Entwicklung im Bereich der digitalen Medien dort weiter fortgeschritten ist als irgendwo sonst in Europa und sogar mit den USA mithält. Im Jahr 2010 wurden etwa 8,3 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukts aus der sogenannten Digital Economy erwirtschaftet. Damit führen die Briten die Weltspitze an.“ Da in Rheinland-Pfalz, wo Frank Falker Referendar ist, die Examensklausuren, anders als in den meisten anderen Bundesländern, nicht am Ende der Anwaltsstation liegen, sondern mittendrin, konnte er die Station teilen und bereits direkt nach den Klausuren nach London wechseln.
Bei Sheridans gewöhnte Frank Falker sich schnell ein. Gemeinsam mit den britischen Kollegen teilte er ein Großraumbüro. „Das fand ich toll. Wenn jemand ein kniffeliges Problem hatte, warf er es in den Raum und sofort entbrannte eine heiße Diskussion“, erzählt Frank Falker. Auch er konnte mithalten. Vor allem wegen seines hervorragenden Verständnisses für die Materie, aber auch weil er deutscher Jurist ist. „Viele Mandate haben letztlich einen Bezug zum deutschen Recht, da sie häufig auf europäischem Gemeinschaftsrecht fußen. Wir hatten zum Beispiel einen Fall, in dem es um die Verletzung eines europäischen Markenrechts ging. Unsere Aufgabe war es, dem Mandanten aufzuzeigen, wie er in den einzelnen Mitgliedsstaaten dagegen vorgehen kann und welcher Weg möglicherweise der für ihn günstigste ist.“ Zu einem tatsächlichen Schlichtungs- oder Gerichtsverfahren kam es während der drei Monate jedoch nicht. Auf dem Ausbildungsplan stand daher vor allem Vertragsarbeit. Da die von den englischen Juristen ausgearbeiteten Verträge üblicherweise jedoch auch demenglischen Recht unterstehen, waren die Einsatzmöglichkeiten für den deutschen Referendar naturgemäß ein wenig limitiert.
„Vor allem habe ich an den umfassenden Vorarbeiten mitgewirkt, habe bei komplizierten Strukturen den Vertragsgegenstand ausgearbeitet, sehr viel recherchiert, Ergebnisse aufbereitet und auch mal Dokumente übersetzt“, erzählt Frank Falker. Der Lerneffekt ist allerdings nicht zu unterschätzen: Auf kaum eine andere Weise lernt man effektiver, mit dem fremden Recht umzugehen und verbessert gleichzeitig, quasi automatisch, seine sprachlichen Fertigkeiten. In seiner Wahlstation möchte Frank Falker bei Heuking Kühn Lüer Wojtek nun noch ein wenig Großkanzleiluft schnuppern – natürlich in der Praxisgruppe „IP, Media & Technology“.

Wintersemester 2012/2013

Der Anwalt für den fernen Osten

Texte: Dr. Justus von Daniels

Rechtsanwalt Stefan Schmierer (35) musste erst in den Westen fahren, um Hong Kong, seine Wahlheimat, für sich zu entdecken. Als er nach seinem Studium einen LL.M. in der amerikanischen Stadt Indianapolis (Indiana) absolvierte, kam er dort mit chinesischen Studenten in Kontakt. „Die haben eine ähnliche Mentalität wie ich“, sagt der Schwabe, „Sie sind am Anfang verhalten und Freundschaften entwickeln sich langsam. Ich kam mit denen besser klar als mit den amerikanischen Studenten“, erinnert sich Schmierer. Die Freundschaften zwischen dem gebürtigen Stuttgarter und seinen chinesischen Kommilitonen entstanden am gemeinsamen Küchentisch: „Ich gab ihnen Nachhilfe und sie haben für mich gekocht.“ Die Neugier auf China war geweckt und schon verbrachte er im Jahr 2008 - nicht nur wegen der Olympischen Spiele – seine Wahlstation bei der international tätigen Rechtsberatungsgesellschaft Rödl und Partner in Peking. Zurück in Stuttgart begann er, am dortigen Standort der Kanzlei zu arbeiten, aber es hielt ihn nicht lange in seiner Heimat. Er hatte beschlossen, dass das bessere Schwaben im fernen Osten liegt. 2009 zog Schmierer nach Hong Kong, um dort als deutscher Rechtsanwalt deutsche mittelständische Unternehmen zu vertreten.

Gerade hat Schmierer mit seinem Referendar Jingzhong Shang zusammen einen Arbeitsvertrag für den Geschäftsführer eines deutschen Unternehmens in China aufgesetzt. Der Geschäftsführer arbeitet in China, soll aber sein Geld in Deutschland bekommen. Das Unternehmen will damit Steuern sparen. „Das ist eine unserer Routineaufgaben, bei denen unser Referendar die Struktur der Doppelbesteuerungsabkommen kennen lernt und versteht, wie man unter den jeweiligen Rechtsordnungen die beste Lösung für den Mandanten heraussucht“, sagt Schmierer. In diesem Fall wurde ein Arbeitsvertrag nach chinesischem Recht geschlossen.

Schmierer arbeitet für die Kanzlei Lorenz und Partners. Sie betreut in der Regel deutsche Mandanten, die in Asien tätig sind. „Zu uns kommen viele Mittelständler, die ihre Waren in Asien mittlerweile selbst einkaufen oder produzieren wollen“, sagt Schmierer. Sie gründen daher eine Tochtergesellschaft, die für sie mehrere Vorteile hat. Hong Kong ist nach wie vor ein Steuerparadies und eignet sich daher gut als Standort in Asien. Die Gründung einer Tochtergesellschaft in Hong Kong hat zudem den Vorteil, dass die Muttergesellschaft aus der Haftung genommen werden kann. „Wenn wir hier eine Gesellschaft gründen, gibt es ein ganzes Bündel an Aufgaben für uns“, sagt Schmierer. „Hier kann ein Referendar direkt miterleben, wie eine Gesellschaftsgründung im Ausland funktioniert. Hauptsächlich wenden wir deutsches Recht und internationales Steuerrecht an. Im Arbeitsrecht werden Verträge zwar auch nach lokalem Recht aufgesetzt, aber da konnte ich mich mittlerweile einarbeiten“, sagt Schmierer. Als Hong Kong- Insider übernimmt Schmierer auch andere Aufgaben der Firmengründung: Er hilft bei der Suche von ortsansässigen Mitarbeitern oder nach Standorten – und er betreut deutsche Mitarbeiter, gelegentlich sogar bei der Aufsetzung von Heiratsverträgen.

Schmierer genießt den Blick aus dem 10. Stock im Central District Hong Kongs, mitten in der spektakulären Kulisse der Metropole. Seine Kanzlei ist nicht wie viele andere aufgrund der hohen Mietkosten in die Außenbezirke gezogen. Dafür nimmt die Kanzlei in Kauf, dass sich die Mitarbeiter und der Referendar auf 60 Quadratmetern drängen und sich das Büro noch mit einer assoziierten Steuerberatungsgesellschaft teilen.

Hier in der kleinen Asiennische ist der Rechtsanwalt fast schon als Unternehmer gefragt; das gefällt Schmierer an seinem Job. Er frisst sich nicht durch Aktenberge, die ihm vom Gericht zugestellt werden, sondern er ist Location Manager, der dafür Sorge trägt, dass die deutschen Vertretungen in Asien auf sicheren Füßen stehen. In Hong Kong dürfte er auch gar nicht vor Gericht, denn eine Lizenz für eine Prozessvertretung hat die Kanzlei nicht. In Hong Kong firmiert die Kanzlei lediglich als Foreign Registered Law Firm.

Für Referendare bietet diese Kanzlei damit eine der wenigen Möglichkeiten, in Asien Erfahrungen in der anwaltlichen Beratung zu sammeln. Allein in Hong Kong ist Lorenz und Partners die einzige Kanzlei, die Firmen direkt vertritt. Die meisten internationalen Kanzleien sind dort eher auf dem M&A-Markt tätig, während sich die Kanzlei Lorenz und Partner als Asien-Boutique auf das Beratungssegment der Niederlassung deutscher Mittelständler spezialisiert hat. Neben dem Standort Hong Kong, an dem 15 Mitarbeiter beschäftigt sind, hat die Kanzlei in Bangkok ihre Zentrale mit 60 Mitarbeitern und eine weitere Außenstelle in Vietnam. Chinesisch spricht der deutsche Anwalt übrigens nicht. „Kantonesisch zu lernen, habe ich bisher nicht geschafft“, gibt der chinabegeisterte Schmierer zu. Wenn doch einmal lokales Recht eine Rolle spielt, hat Hong Kong den Vorteil, dass Englisch Landessprache ist und dass die Gesetze auch auf Englisch verfügbar sind. Derzeit passt es gut, dass der Referendar Shang gebürtiger Chinese ist. Er kann für die Gründung einer Tochtergesellschaft eines Energieversorgers auf Chinesisch recherchieren. Voraussetzung für einen Platz als Referendar in Hong Kong sind chinesische Sprachkenntnisse aber nicht, sagt Schmierer. Mehr zählt, dass Referendare Interesse und Vorkenntnisse an den Bereichen mitbringen, die hier wichtig sind. „Interesse im Steuerrecht ist nützlich, aber ich weiß auch, dass es spätestens beim Außensteuergesetz bei deutschen Referendaren aufhört.“ In Hong Kong wohnen und deutsches Recht anwenden – was für viele Referendare eine schöne Abwechslung ist, ist für Schmierer das ideale Lebensmodell. Zurück nach Deutschland zieht es ihn vorerst nicht. „Ich würde am liebsten erst zurückgehen, wenn ich 60 bin.“

Das Beste aus vielen Welten

Rechtsreferendar Jingzhong Shang aus München

Es war nicht gerade einfach, als Jingzhong Shang 2004 mit dem Jurastudium in München anfing. Ein Jahr zuvor war er über ein Studienanwerbeprogramm nach Deutschland gekommen. Shang hatte in China begonnen, Jura zu studieren und erfahren, dass Deutschland auch Studienplätze an Chinesen vergibt. Seine Bewerbung hatte Erfolg und als Teil des Anwerbeprogramms absolvierte er zunächst einen einjährigen Intensivsprachkurs  in München. Nun saß ein Chinese, der mit den Perspektiven deutscher Bildung gelockt worden war, in einem deutschen Wohnheim, und für ihn, der „nicht besonders kontakt- aktiv ist“, wie er sich selbst beschreibt, war es schwierig, alles selbst organisieren zu müssen. „In Deutschland ist der Abstand zwischen den Menschen viel größer als in China“, sagt Shang. Dann kamen die ersten Juravorlesungen. Für ihn waren sie anfangs eine Tortur; die juristische Begrifflichkeit hatte nichts mit seinem Deutschkurs zu tun. Bis zum dritten Semester kämpfte er mit dem Paragrafendeutsch. Aber er war zäh, und nach neun Semestern hatte er sein Erstes Staatsexamen bestanden.

„Die Stadt ist wirklich sehr beeindruckend“. Die Stadt, über die der 30-jährige Shang in fließendem Deutsch erzählt, ist nicht München, sondern Hong Kong. Für ihn, den Referendar aus der Mitte Chinas, ist es das erste Mal, dass er in Hong Kong ist. „Es war Zufall, das ich von dem Referendariatsplatz hörte.“ Er hatte einen Aushang der Kanzlei Lorenz und Partner gesehen und sich daraufhin für seine Wahlstation beworben. Es war vor allem Neugier auf die Metropole. „Ich komme aus einer mittelgroßen Stadt in der Mitte Chinas“, sagt er. „Von dort ist Hong Kong sehr weit entfernt.“ Diese mittelgroße Stadt hat „nur“ sieben Millionen Einwohner und es brauchte München, um nach Hong Kong zu gelangen.

Jetzt sitzt er in einem Bürohaus im Central District und befasst sich dort hauptsächlich mit deutschem Steuer- und Arbeitsrecht, was ihn zu Anfang schon überrascht hat. Seine Kenntnisse aus dem Wahlfach Steuerrecht zahlen sich hier aus. „Ich mache am liebsten Einkommenssteuerrecht“, sagt Shang, und da kam es ihm sehr gelegen, dass sein erster großer Auftrag darin bestand, an dem Arbeitsvertrag für einen Geschäftsführer in China mitzuarbeiten. Für Shang war es eine Freude, zwischen deutschem und chinesischem Recht sowie dem Recht Hong Kongs zu prüfen, was für den Mandanten steuerlich am günstigsten ist. Er hat zwar nur Grundkenntnisse im chinesischen Recht und auch das Recht Hong Kongs kannte er bis jetzt nicht, aber schwer fiel ihm die Einarbeitung nicht.

Auch bei anderen Tätigkeiten jongliert er zwischen den Welten, wobei auch er, der von Haus aus Hochchinesisch spricht, in Hong Kong die Korrespondenz meist auf Englisch führt: „Hier wird Kantonesisch gesprochen. Viele können zwar auch Hochchinesisch, aber im Geschäftsverkehr wird in der Regel Englisch verwendet.“ Weil Shang Mentalität und Kultur kennt, kann er gut vermitteln. Shangs Ausbilder Stefan Schmierer hatte ihn mit der Aufgabe betraut, bei einer Firmengründung mitzuhelfen. Nachdem Shang mit dem Verwaltungsbüro des Handelsregisters telefoniert sowie mit dem Finanzamt gesprochen hatte, war er überrascht, wie schnell in Hong Kong eine Firma gegründet werden kann: „Die Gründung war nach fünf Tagen vollzogen“, berichtet Shang. Im Büro der Kanzlei Lorenz und Partner ist er voll eingespannt. Da sein Ausbilder Stefan Schmierer der einzige deutsche Anwalt in dem Büro ist, arbeitet Shang eng mit ihm zusammen und erfährt durch die Begleitung der Arbeit von Schmierer, wie sich deutsche Firmen in Asien etablieren und mit welchen Konflikten sie dort konfrontiert werden.

Schmierer sagt, dass es kaum vorkommt, dass ein Referendar chinesisch spricht. Die meisten Referendare, die in den Büros der Kanzlei Lorenz und Partner ihre Station absolvieren, haben vor allem Interesse an Asien. In seinem Fall seien es häufig Bewerber, die sich für China begeistern und den Kontakt über das Konsulat in Hong Kong aufnehmen. Shang, der jeden Tag bis 19 Uhr im Büro sitzt, ist voll in das Leben der Metropole integriert. Er wohnt wie so viele am Stadtrand Hong Kongs, auf 10 Quadratmetern, und fährt von dort täglich im Tross des Arbeitsheeres in die Stadt rein. Hong Kong ist ein teures Pflaster, da ist es gut, wenn man Kontakte hat: „Ich hatte Glück, dass ich einen Freund habe, bei dem ich günstig wohnen kann“, sagt Shang. Das Referendarsgehalt reicht für die Metropole bei weitem nicht aus. Man muss für eine derartig außergewöhnliche Station auf jeden Fall eine Portion Eigeninitiative mitbringen.

Als Shang nach Deutschland kam, entschied er sich bewusst für eine Arbeit im deutschen Rechtssystem. Denn in seinem Fall hatte die Wahl, wo er studiert, eine größere Bedeutung, als die Wahl, was er studiert. In seinem Heimatland China gibt es für ihn, der bald eine deutsche Rechtsanwaltszulassung haben wird, kaum berufliche Perspektiven. Daher war Shang noch vor dem Antritt seiner Wahlstation überzeugt, in Deutschland zu arbeiten. Das Steuerrecht hatte es ihm angetan, auch wenn er darauf nicht unbedingt fixiert war. Als er dann nach Hong Kong kam, war er überrascht, dass die Stadt seine beruflichen Interessen und seine Lebensvorstellungen optimal verbindet. In der deutschen Kanzlei hat er viel mit deutschem Steuerrecht zu tun, während er sich in der Stadt zu Hause fühlt. „Beruflich und privat gefällt es mir hier am besten“, sagt er. Hong Kong verbindet das Gute seiner Heimat mit den Vorteilen der westlichen Welt: „Das Essen ist hier besser als in China, es gibt mehr Freiheit, insgesamt fühlt es sich westlich an, was ich wichtig finde. Andererseits sind die Menschen hier nicht so ernst wie in Deutschland.“ Shang sieht für sich in Deutschland vielleicht sogar größere berufliche Chancen, aber „hier gefällt mir die Mischung aus chinesischer Tradition und Moderne.“ Man muss also nicht unbedingt Schwabe sein, um Hong Kong für sich zu entdecken.

Die unternehmerische Anwaltsseite von der Pike auf lernen

Texte: Alice Blezinger

 Die Bürogemeinschaft der Rechtsanwälte Ina Thimm, Christian Christiani und Lydia Schwarz istmitten im repräsentativen Berliner Regierungsviertel gelegen. Obwohl das große Kanzleischild zum Eintreten einlädt setzt Rechtsanwältin Ina Thimmnicht auf Laufkundschaft – die Mandantenakquise nimmt sie lieber selbst in die Hand. „Eine eigene Kanzlei ist nichts für jeden“, meint Thimm, die selbst allerdings rundum zufrieden ist. „Man muss eben ein Unternehmertyp sein“,meint sie „denn auf potentielle Mandanten trifftman eigentlich überall“ – selbst auf  Bahnfahrten hat Thimm schon zukünftige Kunden kennen gelernt. IhreMandanten berät die Fachanwältin für  Arbeitsrecht und ausgebildeteWirtschaftsmediatorin überwiegend imArbeitsrecht aber auch imArzthaftungs-, Vertrags- und Erbrecht. Bei der Auswahl ihrer Mandanten betreibt Thimm kein Schwarz-Weiß- Denken – sie vertritt sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber.

 Als Mediatorin tritt Rechtsanwältin Thimm dagegen nur selten auf, genutzt hat ihr die Ausbildung dennoch viel: „In vielen Fällen benutze ich Ansätze aus der Mediation im Umgang mit Mandanten und der Gegenseite“, so Thimm. Besonders in ihrem Kerngebiet, dem Arbeitsrecht, profitiert sie von ihren Vermittlungsfähigkeiten: „Arbeitsrecht ist ein sehr emotionales Rechtsgebiet“, sagt Thimm. „Da schreibe ich oft nicht einfach einen Schriftsatz, sondern rufe auch einfach mal an, um mit der Gegenseite zu reden.“ Schließlich sollten die Parteien einander auch nach der Auseinandersetzung noch ins Gesicht schauen können. „Was nützt es, die Kündigung abzuwenden, wenn der Mandant nach dem Verfahren gar nicht an den Arbeitsplatz zurück möchte?“, sagt Thimm.

 Die Kanzlei läuft gut. Das vergangene Jahr war das umsatzstärkste Jahr bisher – und das trotz Schwangerschaft und  Geburt ihres kleinen Atticus. In der Ecke des Arbeitszimmers, nicht weit von Thimms Schreibtisch, steht sein kleines Kinderbett. Weil Atticus heute aber so ganz und gar nicht müde ist, robbt er auf dem Schreibtisch hin und her – ausnahmsweise, denn der ist eigentlich Thimms Revier. Dass sie irgendwann eine Familie gründen wollte, war für
Rechtsanwältin Thimm schon lange klar und ein weiterer Punkt, der für eine eigene Kanzlei sprach. „Als Selbständige bin ich viel flexibler und kann auch mal für ein paar Tage von zu Hause aus arbeiten, wenn ich keine Termine habe“, so Thimm. Zusätzlich zu den Kanzleiräumen in Berlin arbeitet Thimm auch regelmäßig von ihrem zweiten Büro in Salzgitter aus. In ihrem Heimatort hat sie viele Mandanten – und die Eltern können bei der Kinderbetreuung einspringen. Trotz Flexibilität bleibt ihr Arbeitspensumjedoch hoch: „Als Rechtsanwalt istman Dienstleister und die Mandanten erwarten daher, dassman für sie ansprechbar ist“, sagt Thimm. Mal eben ein halbes Jahr in Elternzeit zu gehen und sich komplett von der Arbeit zu verabschieden, kamfür sie deshalb nicht in Frage. Das Berufs- und Familienleben muss dann gut organisiert sein.

 Ihren Freiheiten als selbständige Anwältin gingen außerdem harte und vor allem arbeitsame Jahre voraus. Vor ihrem Schritt in die Selbständigkeit hat sie als Referentin im Bundestag und Mitarbeiterin verschiedener Kanzleien gearbeitet – und nebenbei die Kanzlei aufgebaut. „Fürmich war es sehr hilfreich, vor der Gründungmeiner eigenen Kanzlei einige Zeit als Angestellte zu arbeiten“, sagt Thimm. So kann man etwas Berufserfahrung sammeln, ohne gleich für alle Bereiche selbst verantwortlich zu sein. Viele junge Anwälte unterschätzten auch die  unternehmerische Seite an der Selbständigkeit: Mandate kommen nicht von alleine. Thimm hält regelmäßig Vorträge zu arbeitsrechtlichen Themen vor Personalern und Führungskräften in Unternehmen – und nicht selten werden daraus Mandate.

 Referendare und auch Praktikanten hatte Rechtsanwältin Thimm schon öfter, Referendar SebastianHofer ist seit Oktober 2011 mit dabei. Am wichtigsten ist ihr, dass ein junger Jurist mit Leidenschaft bei der Sache ist und Lust  hat, sich in Themen rein zu denken. Viel Wert legt sie außerdem auf eine gewisse „Dienstleistungsmentalität“ – „ohne die geht heutzutage gar nichts mehr!“, sagt Thimm. Dazu gehöre, dem Mandanten zuzuhören, regelmäßig über den Stand des Verfahrens zu berichten und insbesondere auch komplizierte Probleme verständlich darzustellen. „Die Fremdwörter spare ichmir dann für den Schriftsatz auf“, so Thimm. Hier ist Thimm besonders zufrieden mit Hofer: „Er hat ein sehr gutes Gespür für den Umgang mit Mandanten und kann aufmerksam zuhören.“

 

Referendar Sebastian Hofer: Fingerspitzengefühl und Erfahrung – was die Praxis lehrt

Den Anwaltsberuf kannte Hofer vor seiner Station bei Rechtsanwältin Thimm noch nicht wirklich aus der Praxis. „Ich hatte im Studiumein kurzes Praktikumin einer Kanzlei gemacht“, so Hofer, „aber als Referendar kann man viel selbständiger arbeiten und mehr Verantwortung übernehmen“. Auf ein bestimmtes Rechtsgebiet war er nicht festgelegt. Er wollte die Anwaltsstation nutzen, um Einblicke in möglichst viele verschiedene Rechtsgebiete zu bekommen. Da trifft es sich gut, dass er nicht nur für Thimm, sondern auch für deren Kollegen Christian Christiani und Lydia Schwarz Fälle bearbeiten kann. An der Station in einer kleineren Kanzlei gefällt ihm die selbständige Arbeitsweise und, dassman auch als Referendar schon nahe am Geschehen ist: Einige Fälle hat er bereits von vorne bis hinten betreut und war direkter Ansprechpartner für die Mandanten. Gerade vor den ersten Gerichtsterminen war Hofer nervös: „Das war das erste Mal, dass ich selbständig mit meinem Jura- Wissen in der Praxis etwas bewirken konnte.“ Die Erfahrung aus der Staatsanwaltsstation war dabei gut fürs Selbstbewusstsein – immerhin war es nicht der allererste Auftritt vor Gericht. Und er war gut vorbereitet.

 Schon die Klageschrift hatte Hofer verfasst und hatte die juristischen Probleme deshalb gut vor Augen: Der Mandant, ein leitender Angestellter, war mit seinem Arbeitgeber aneinandergeraten. Im Zuge der Auseinander-setzung habe er, so die Behauptung, zu seinem Chef gesagt, dass er diese Führungsaufgaben nicht mehr wahrnehmen wolle. Nun musste der Richter klären, ob ein solcher Verzicht überhaupt mündlich wirksam ist. „Ich war viel zu früh bei Gericht, weil ich so nervös war“, erinnert sich Hofer an die Güteverhandlung. „Dann ging alles ganz schnell vorbei und ich war überrascht, dass die  Verhandlung so kurz war.“ Nach demTermin hat Hofer auch den Anruf beim Mandanten übernommen. „Das ist manchmal ein schwieriger Spagat“, findet er. „Auf der einen Seite ist man persönlicher Ansprechpartner, auf der anderen Seite aber auch juristischer Beistand“. Viele Mandanten sind extrem emotional, wollen etwa unter keinen Umständen zurück an ihren Arbeitsplatz und am liebsten sofort kündigen. „Menschlich kann ich die Aufregung oft gut nachvollziehen“, sagt Hofer, „trotzdem muss ich ihnen dann als Anwalt manchmal etwas anderes raten und sollte die Emotionen nicht zu sehr in den anwaltlichen Schriftsatz einfließen lassen.“ Auch in die juristische Arbeit hat er sich schnell reingefunden und das, obwohl manche Fälle alles andere als gewöhnlich waren: So hat er etwa im Fall eines englischen Mandanten, der in Deutschland lebt, aber viel Vermögen und Immobilien in Südafrika hat, ein Testament mit entworfen und ins Englische übersetzt. Hier galt es zu recherchieren, ob und wann Common Law oder deutsches Recht anwendbar ist und wie sich dies im Erbfall auf den Pflichtteil auswirkt.

 „Gerade in kleineren Kanzleien bearbeitet man manchmal sehr außergewöhnliche Fälle aus den verschiedensten Rechtsgebieten“, so  Thimm. „Man muss daher flexibel bleiben und bereit sein, sich immer wieder auf etwas Neues einzustellen“. Für den Referendar Hofer war Internationales Privatrecht komplettes Neuland – aber den Umgang mit unbekannten  Rechtsgebieten lernt man schließlich im Referendariat. Nachfragen muss er bei Ausbilderin Thimm eher bei ganz praktischen Fragen: Wie ausführlich muss die Klageschrift werden, welche Aspekte sollte man besser erwähnen,  welche besser weglassen – all das erfordert viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung. „Solche Dinge kann man als Berufsanfänger nicht wissen“, findet Thimm, die selbst auch erst einmal die Kniffs und Tricks der Anwaltspraxis lernen musste. „Ich habe zum Beispiel eine Weile gebraucht, bis ich mich getraut habe, mit meinen Mandanten über Geld zu reden.“, sagt Thimm.

 Mittlerweile spricht sie dieses Thema meist offen an, schließlich ist keiner Seite damit gedient, wenn der Mandant beim Lesen der Rechnung einen Schock bekommt. Im Vergleich zu seinen bisherigen Stationen gefällt Hofer, dass es in der Kanzlei so schön unbürokratisch zugeht: „Es gibt hier keine langen Dienstwege“. Außerdem schätzt er die familiäre Atmosphäre: „Vor der Station war mein Bild vom Anwaltsberuf sehr geprägt von dem typischen Image einer anonymen Großkanzlei mit einem hohen Einstiegsgehalt und einer 80-Stunden-Woche ohne Mandantenkontakt“, so Hofer – das hat sich durch die Station bei Anwältin Thimm geändert.

Sommersemester 2011

Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Winterhoff: Verfassungsrecht mit Leidenschaft und Realitätssinn

Texte: Alice Blezinger 

Wenn man aus dem Fenster quer über den Innenhof schaut, siehtman sie schon: die neuen Büroräume der Kanzlei Graf von Westphalen. „Wir platzen hier in Hamburg aus allen Nähten“, sagt Partner und Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Winterhoff. Besonders im Öffentlichen Recht ist die Kanzlei in den letzten Jahren gewachsen – mit sieben Partnern allein in Hamburg. „Im Öffentlichen Recht machen wir hier fast alles von Abfallrecht bis Zollrecht“, so Winterhoff, der sich überwiegend mit Fragen aus dem Verfassungsrecht und der verwaltungsgerichtlichen Prozessführung beschäftigt.

 Mittlerweile ist er ein Vollblutanwalt, doch die Berufswahl stand für ihn lange Zeit alles andere als fest. Er arbeitete an der Universität, promovierte und setzte noch die Habilitation obendrauf. „Nebenbei und zunächst in Teilzeit begann ich im Jahr 2003 in der Kanzlei als Rechtsanwalt zu arbeiten“, so Winterhoff, der das Anwaltsleben mittlerweile nicht mehr missen möchte. Besonders reizvoll für ihn am Anwaltsberuf: Der Umgang mit Mandanten – je nach Fall trifft er auf Menschen ganz unterschiedlichen Alters und Herkunft, die ihn immer wieder herausfordern. Und dann die Highlights: „Eine mündliche Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht fühlt sich an wie ein drittes Examen“, so Winterhoff.

 Auch wenn er als Anwalt schon lange am juristischen Hochreck turnt – das Verständnis für die Schwierigkeiten der Studenten hat sich Winterhoff durch seine Tätigkeit an der Universität bewahrt. Der außerplanmäßige Professor hält an der Universität Göttingen Vorlesungen im öffentlichen Wirtschaftsrecht und prüft Studenten im Schwerpunktbereich und im Examen. Der Kontakt zu den Studenten hilft ihm auch in der Zusammenarbeit mit Referendaren. „Sobald die Ausbildung nur ein paar Jahre zurück liegt, fällt es sonst unglaublich schwer einzuschätzen, was man von seinem Referendar an Fachkenntnis erwarten darf“, sagt Winterhoff.

 Die Ansprüche der Kanzlei Graf von Westphalen an Referendare sind hoch: „Referendare sollten im Wesentlichen dieselben Qualifikationen mitbringen, die wir auch von unseren Anwälten erwarten“, so Winterhoff. Der ideale Bewerber sollte also ein Prädikatsexamen haben oder durch andere Leistungen wie etwa LL.M oder Promotion zeigen, dass in ihm ein überdurchschnittlich guter Jurist steckt. Viele Referendare (und spätere Anwälte) haben Winterhoff und seine Kollegen schon auf Absolventenmessen kennen gelernt – so auch die Referendarin Anna Bodemann. Auf einer Veranstaltung der Bucerius Law School in Hamburg kamen sie ins Gespräch, und es war schnell klar – das passt. Denn das Verfassungsrecht ist auch Bodemanns Steckenpferd: Schon im Studium lag auf dem Gebiet ihr Interessenschwerpunkt, später hat sie Verfassungsrecht als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni unterrichtet. Doch nicht jeder Referendarmuss sich schon vor seiner Anwaltsstation so stark auf ein Rechtsgebiet spezialisiert haben. „Viele Referendaremöchten sich bewusst ausprobieren und müssen ihren Schwerpunktbereich noch finden“, soWinterhoff, „das ist für uns auch völlig in Ordnung.“ Doch auch wer – wie Referendarin Bodemann – mit klaren Vorlieben für ein bestimmtes Rechtsgebiet in die Kanzlei kommt, bekommt vielseitige Einblicke. Denn ein Referendar ist fast immer mehreren Partnern zugeordnet – bei einem Verhältnis von Partnern zu angestellten Anwälten von etwa eins zu eins haben Partner auch tatsächlich noch Luft, sich um die Referendarausbildung zu  kümmern.

 Nicht nur fachlich können die Referendare viel lernen – einige kommen auch mit falschen Vorstellungen über den Anwaltsberuf in die Station. „Manche denken,manmüsse sichmöglichst schnell durch die Akten hetzen“, so Winterhoff. In der Station will er vermitteln, wie wichtig es ist, sich Zeit für hochkomplexe Rechtsfragen zu nehmen. „Sehen Sie sich diese Frage genau an – wie lange das dauert, ist nicht ihr Problem“, ermuntert er seine Schützlinge. Winterhoff will weitergeben, worauf er stolz ist: auf wissenschaftlichem Niveau arbeiten – und doch durch und durch anwaltlich zu denken. Am wichtigsten ist aber eine Portion Neugier und ein gesunder Realitätssinn, findet Winterhoff. Um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, empfiehlt er seinen Referendaren, eine juristische Frage bis  zum Ende zu durchdenken und sich klar zu machen, welche Konsequenzen sich aus einer bestimmten  Rechtsauffassung ergeben – sonst komme es schnell zu einer juristischen Bruchlandung.

Referendarin Anna Bodemann: Der Anwalt muss mehr als Jura können

Die Anwaltsstation bei Graf von Westphalen hat sich die Referendarin Anna Bodemann ganz bewusst ausgesucht: Erfahrene Verfassungsrechtler wie Prof. Dr. Christian Winterhoff, die als Anwalt arbeiten, gibt es in Deutschland  schließlich nur wenige. Denn juristische Gutachten werden im Verfassungsrecht häufig nicht von Anwälten, sondern von Professoren verfasst. Die Station bietet Bodemann nun beides: Einblicke in die Anwaltspraxis und wissenschaftlichen Anspruch – der war ihr wichtig, schließlich hat sie nach dem ersten Examen zunächst an der Hochschule gearbeitet und schreibt an ihrer Dissertation. Ihr bisher spannendster Fall in der Anwaltstation: Eine Kommunalverfassungsbeschwerde für eine Gemeinde in Sachsen-Anhalt. Dort wurden viele kleine Gemeinden aufgelöst und in größere Gemeinden eingegliedert.

 Die Bürger der kleineren eingegliederten Gemeinden wehren sich dagegen, dass sie nach der Eingliederung von dem Bürgermeister der aufnehmenden großen Gemeinde repräsentiert werden, ohne, dass sie ihn gewählt haben. Ein Ausweg wären Neuwahlen, doch hiergegen wenden sich die betroffenen Bürgermeister – sie berufen sich auf ihr Grundrecht auf Berufsfreiheit. Demokratieprinzip gegen Berufsfreiheit – im Prinzip eine klassische Grundrechtsprüfung mit Fragen zum Schutzbereich, zu Schranken und der Verhältnismäßigkeit. „Hier konnte ich auf Grundlagen aus dem Studium und meiner Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule zurückgreifen“, so Bodemann. Doch schon allein der Umfang des Falles ist für eine Referendarin außergewöhnlich: Die Kommunalverfassungsbeschwerde hat mehr als 100 Seiten, und auch in das spezielle Kommunal- und ins Beamtenrecht musste sie sich zunächst einlesen. Für Bodemannmacht das die Aufgabe erst spannend: „Der größte Reiz der Arbeit, aber auch eine Herausforderung, besteht für mich darin, das Spezielle immer wieder auf bekannte Strukturen zurück zu führen.“ Gerade weil viele Fälle im Verfassungsrecht so umfangreich sind, versucht Winterhoff seine Referendare nachMöglichkeit in mehrere Fälle einzubinden. „Denn nur so können sie in der kurzen Zeit verschiedene Einblicke bekommen“. Während ihrer Station bei Graf von Westphalen konnte Bodemann Klageschriften entwerfen und Kurzgutachten verfassen – auch ein Mandantengespräch hat sich am Schluss der Station noch ergeben.

 Bei so umfangreichen Fällen wie Verfassungsbeschwerden gibt es allerdings nicht unbedingt regelmäßig Mandantenkontakt. „Es ist dann Glückssache, in welcher Phase des Falles ein Referendar einsteigt“, so Winterhoff. Meistens sind zu Beginn des Mandats einige Treffen nötig, um den relevanten Sachverhalt zu ermitteln. Mindestens genauso wichtig wie der Kontakt mit den Mandanten war Bodemann der Austauschmit den Anwältinnen und Anwälten. Von ihnen erhält Bodemann oft Rückmeldung auf ihre Arbeit. Natürlich ist auch mal Kritik dabei, doch im Gegenzug wird gute Arbeit auch bemerkt: „Es ist schön, in der Praxis als kompetente Gesprächspartnerin wahrgenommen zu werden“, so Bodemann. Eine weitere Gelegenheit, die Anwaltswelt besser kennen zu lernen, waren die Kolloquien der Kanzlei – vom Vollstreckungsrecht bis hin zum Auftreten vor Gericht. Auch abseits der reinen Juristerei hat Bodemann in der Station viel gelernt: „Gerade was die Arbeitsorganisation angeht, ist man als Referendar noch sehr unerfahren“. Was braucht wie lange und welche Faktoren – etwa gesetzliche Fristen oder die Zeit für Kommunikation mit den  Mandanten – sind bei meiner Zeitplanung noch zu beachten? All das muss man erst herausfinden. „Man lernt, nicht vom Aktenumfang auf die Komplexität der Materie oder die Bearbeitungsdauer zu schließen“, so Bodemann.

 „Gewöhnungsbedürftig ist am Anfang auch, dass man ständig gedanklich zwischen den verschiedenen Themen der Mandate hin und her springen muss“, meint Bodemann. Eine unerlässliche Fähigkeit als Anwalt – und ein großer Unterschied zu Studium und theoretischer Referendarausbildung, wo man sich oft wochenlang exklusiv einem Rechtsgebiet widmen kann. Für Bodemann jedenfalls war die Arbeit bei Graf von Westphalen ein Glücksgriff: In der Station konnte sie die wissenschaftliche Arbeit im Verfassungsrecht mit Einblicken in den Anwaltsberuf kombinieren. Ob sie später als Anwältin arbeiten will, kann Bodemann noch nicht sagen. „Das Referendariat ist für mich eine Findungsphase“. Vorstellen kann sie es sich nach dieser Station schon.

Sommersemester 2012

Rechtsanwalt Cord Hendrik Schröder: Eigenständig Denken

Texte: Katja Wilke

Der Anblick der Fotos in der Strafakte setzte selbst ihm als erfahrenem Strafverteidiger zu. Ein kleines Kind mit einer Kopfverletzung, übersät mit Hämatomen, sah Cord Hendrik Schröder da auf den Bildern. Die drogenabhängige Mutter hatte zugelassen, dass ihr Freund den zweijährigen Jungen immer wieder misshandelte. Bis die Großmutter den Kleinen nach einem besonders heftigen Angriff endlich in die Notaufnahme brachte. Schröder übernahm die Verteidigung der Mutter. „Manchmal gerät man in diesem Beruf an Fälle, die das eigene Weltbild erschüttern“, sagt der Anwalt aus der Kanzlei Komischke & Kollegen in Jena nachdenklich. „Was aber nichts daran ändert, dass wir in einem Rechtsstaat leben und jedem Angeklagten ein Verteidiger zusteht.“ Negative Emotionen muss er ausblenden. Schröder kann das nach zehn Jahren im Beruf. Trotzdem ist es ihm wichtig, sich in belastenden Situationen mit anderen Menschen auszutauschen.

Nach dem Prozess gegen die junge Mutter etwa blieb der 48-Jährige noch länger im Gericht, um sich mit Franziska Böttcher zu besprechen. Die Referendarin absolviert bei ihm ihre Anwaltsstation. Für beide standen nach dem Urteilsspruch – die Mandantin wurde zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt – noch viele Fragen im Raum:War die verhängte Strafe angemessen? Und vor allem: War sie sinnvoll? Das Kind lebt mittlerweile in einer Pflegefamilie, die Frau hat einen Drogenentzug gemacht und bereut alles bitterlich. Sowohl Schröder als auch Böttcher erschien die Strafe deshalb unpassend. „In diesem Fall hätten wir uns mehr Flexibilität gewünscht“, fasst Schröder zusammen. „Leider bietet das Erwachsenenstrafrecht nur eine geringe Bandbreite an Sanktionen.“ Schröder, der ursprünglich aus Diepholz in Niedersachsen stammt, fordert seine Referendare gerne zu eigenständigem Denken heraus. „Gute Kandidaten haben frische Ideen und bringen einen von eingefahrenen Bahnen ab“, so Schröder.

Zu Beginn der Anwaltstation sind viele Referendare noch sehr in den Denkmustern aus Universität oder Justiz verhaftet. Schröder gibt ihnen gleich von Anfang an Akten zur Bearbeitung mit nach Hause – mit den Worten: „Lassen Sie sich etwas einfallen, wie man dem Mandanten auf legale und legitime Art helfen kann.“ Das wirkt. Gewöhnlich kann er Woche für Woche mitverfolgen, wie sich seine Schützlinge allmählich von gelernten Mustern emanzipieren, die Rolle des Staatsanwalts abstreifen und sich in der des Verteidigers wieder finden. „Irgendwann werden sie kreativ“, sagt Schröder. „Und dann fängt der Austausch an, Spaß zumachen.“ Ganz klar: Es menschelt in Schröders Arbeitsleben. Die Kanzlei Komischke & Kollegen ist das, was manche gerne als Feld-Wald-Wiesen-Kanzlei verspotten. Doch das professionell: Sechs Anwälte sind in der Kanzlei tätig, jeder hat eigene Spezialgebiete. Vom Arbeits- über Erb-, Familien- oder Mietrecht bis hin zum Verkehrsrecht – im Angebot sind die Rechtsgebiete, die in einer Stadt mit 100.000 Einwohnern wie Jena von Gewerbetreibenden und Privaten gebraucht werden. Deswegen eben auch Strafrecht.

Auf der Straße treffen Schröder und seine Kollegen immer wieder mal auf Mandanten. Schröder schätzt das. „Wir sind hier gerne provinziell“, kokettiert der Strafrechtsexperte. Auch die Referendare, die sich bei der 2002 gegründeten Kanzlei bewerben, machen sich in der Regel keine falschen Vorstellungen. Sie sind eher bodenständig und heimatverbunden und träumen nicht von Mandaten, die es in die Tagesschau schaffen. Schröder und seine Kollegen legen Wert darauf, dass ihre Referendare engagiert und interessiert sind; die Noten stehen weniger im Vordergrund. Natürlich entpuppen sich Kandidaten so auch mal als Enttäuschung. Doch das nehmen die Jenaer Anwälte in Kauf – denn die positiven Erfahrungen mit den Referendaren überwiegen. Schröder lässt seine Referendare regelmäßig in die Arbeit seiner Kollegen, den „Zivilisten“, wie er sie nennt, hineinschnuppern. Das sichert ihnen eine breitere Ausbildung. Und gönnt ihnen eine Pause, von den teilweise aufwühlenden Fällen im Strafrecht.“

Referendarin Franziska Böttcher: Zwischen Nähe und Distanz

Hat so eine Frau es verdient, dass man für sie kämpft? Kann man so eine wirklich verteidigen? Eine Mutter, die es zugelassen hat, dass ihr Kind von ihrem Freund malträtiert wurde – bis der kleine Junge schließlich schwer verletzt in der Notaufnahme landete? Innerlich sträubte sich alles in Franziska Böttcher.

Ihr Ausbilder, der Strafverteidiger Cord Hendrik Schröder, hatte die 25-Jährige Referendarin in die Bearbeitung des Falls mit einbezogen und ließ sie bei Beratungen mit der Mandantin dabei sein. Doch Böttchers erster Eindruck trog: Schnell bekam ihr Bild von der grausamen, asozialen Mutter Risse. Die Referendarin lernte die Frau näher kennen, merkte, dass diese zwar völlig vom Weg abgekommen war – aber eigentlich intelligent und keinesfalls gefühlskalt. Der Mutter tat alles sehr leid und nach der Trennung von ihrem gewalttätigen Freund war sie dabei, ihr inneres Gleichgewicht wieder zu finden. Für Böttcher ein Wechselbad der Gefühle: „Einerseits hatte ich Mitleid, andererseits wurde uns im Prozess immer wieder vor Augen geführt, was sie getan hatte“, sagt die angehende Volljuristin rückblickend. „Ich war hin- und hergerissen.“ Einen Menschen engagiert verteidigen, dessen Taten man nicht versteht und ablehnt – das hatte Böttcher bislang weder in der Universität noch im Referendariat gelernt. Sie interessierte sich schon immer stark für das Strafrecht, wusste aber nie wirklich, ob es ihr in der Praxis liegt. Der Fall war nun die Nagelprobe.„Für mich war wichtig zu sehen, ob ich die nötige professionelle Distanz wahren kann“, so Böttcher. Die Gesprächemit Schröder halfen ihr. Nach und nach nahm sie immer stärker die Verteidigerrolle ein und verabschiedete sich von ihrer anfänglichen Skepsis. „Auch wenn die Anklageschrift noch so schlimm ist – vor einem steht immer noch ein Mensch“, sagt sie heute.

Für Böttcher war der Fall ein Stück weit auch deswegen besonders aufwühlend, weil sie selbst ein Baby erwartet. In Kürze geht sie in den Mutterschutz. Nach einem Jahr Pause will sie die Anwaltsstation bei Schröder in der Kanzlei Komischke & Kollegen in Jena zu Ende bringen. Ob sie nach dem zweiten Staatsexamen tatsächlich als Verteidigerin arbeiten wird, mag sie jetzt noch nicht sagen. Das „lebensnahe“ Strafrecht übt eine große Faszination auf sie aus – so viel steht fest. Bis zur Babypause saugt Böttcher noch begierig die Do’s und Don’ts aus der Strafverteidiger-Praxis auf. Die Balance zwischen Nähe und Distanz ist dabei immer wieder ein großes Thema. „Man kommt den Angeklagten oftmals näher als sonst ein Mensch“, hat Böttcher erlebt. Viele öffnen sich sehr weit. Schröder schärft ihr ein, nicht zu viel Nähe zuzulassen. Und klare Stoppschilder aufzustellen, wenn sie spürt, dass die Mandanten freundschaftliche Bande knüpfen und ihr beispielsweise das „Du“ anbieten wollen. Eine wichtige Lektion: Besonders Inhaftierte versuchen mitunter, ihre Verteidiger zu korrumpieren. Sie schicken ihnen nette Briefe, schmeicheln, und stellen plötzlich irgendwann Forderungen. Wie etwa die Weiterleitung von persönlichen Briefen – um die Poststelle der Justizvollzugsanstalt zu umgehen. Keine Situation, mit der man als Student an der Universität konfrontiert wird. Genau so wenig wie mit der Frage, ob man es seinem Mandanten eigentlich sagen darf, wenn sich aus der Akte ergibt, dass möglicherweise ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wird. Oder wann bei hohen Honoraren die Alarmglocken klingeln müssen wegen der Gefahr der Geldwäsche. „Unglaublich, auf was man alles achten muss“, sagt Böttcher. „Ein kleiner Fehler, und man macht sich gegenüber dem Mandanten erpressbar.“ Die persönliche Atmosphäre in der Kanzlei und der intensive Austausch mit ihrem Ausbilder bringen Böttcher viel. Weggehen aus Jena, um vielleicht in einer Großstadt Karriere zu machen, käme ihr nicht in den Sinn. Freund, Familie und Freunde zu verlassen wäre selbst dann nicht in Frage gekommen,wenn sie kein Kind erwarten würde. Böttcher: „Ich bin ein familienverbundener Mensch.“

Sommersemester 2011

Rechtsanwalt Glenn Fox und David Detjen

Texte: Dr. Justus von Daniels

Im New Yorker Büro der amerikanischen Kanzlei Alston & Bird kursiert das Gerücht unter jungen Anwälten, dass man früher mindestens 70 deutsche Wörter können musste, um eingestellt zu werden: so spezialisiert war man auf deutsche Mandanten. Glenn Fox (45), Partner und einer von 800 Anwälten der Kanzlei, hätte unter diesen Voraussetzungen nie im New Yorker Büro anfangen können. Allein das Wort „Referendar“ geht dem Attorney at law flüssig über die Lippen. Denn hier kennt man das seltsame deutsche Ausbildungsverfahren, das sich so schlecht übersetzen lässt. Seit rund 30 Jahren werden deutsche Referendare betreut. Fox’ Kollege David Detjen ist zwar, anders als sein Name vermuten lässt, kein Deutscher, aber im Gegensatz zu Fox spricht er fließend deutsch. Beide kümmern sich gemeinsam um ein spezielles Ausbildungsprogramm. „Wir wollen Referendaren ein Gefühl für die amerikanische Rechtsmentalität vermitteln“, sagt Detjen (62), ebenfalls Partner und Leiter des German Practice Teams der Kanzlei.

Viele deutsche Mittelständler und international ausgerichtete deutsche Kanzleien kennen den Namen „Walter, Conston, New York“ noch gut. Die New Yorker Kanzlei, von zwei jüdischen Emigranten 1955 gegründet, war ein fester Bestandteil im deutsch-amerikanischen Wirtschaftsverkehr, da sie fast ausschließlich auf deutsche Mandanten spezialisiert war. Sie war der rechtliche Hafen für deutsche Unternehmen, die ihr Geschäft in die USA ausdehnen wollten, und beriet beim Gang auf den amerikanischen Markt. Auch heute noch, zehn Jahre nach der Übernahme durch Alston & Bird, ist der „German Mittelstand“ Detjens häufigster Mandant. Die enge Verbindung zu Deutschland hat auch zu dem speziellen Referendarprogramm geführt: Es soll in der kurzen Stationszeit unterschiedliche Einblicke in die amerikanische Rechtspraxis geben. Detjen erklärt den Referendaren, dass es wichtig ist, im internationalen Wirtschaftsrecht die Rechtsmentalität eines Landes kennen zu lernen. Ihm selbst hilft bei seiner Arbeit die Kenntnis über das deutsche System sehr. Er verstehe die „Gedankenwelt des deutschen Kaufmanns“. „Ich weiß vorher, welche rechtlichen Erwartungen deutsche Firmen haben und welche Fehler sie machen.“ Dieses Wissen über die amerikanische Rechtswelt zu transportieren, ist der Anspruch der Ausbildungsstation.

Anders als Kanzleien, die Referendare gegen gute Bezahlung voll einbinden, werden die Referendare in den drei Monaten durch ein Mini-Referendariat geschickt: Jeder der Referendare arbeitet unter der Führung von zwei Mentoren. Sie lernen unterschiedliche Fachgebiete kennen, übersetzen Schriftsätze, lesen Entwürfe von Verträgen und blicken einem New Yorker Richter eine Woche lang über die Schulter. Die Arbeiten sind nicht sehr tiefgehend, aber es steht auch der Überblick im Mittelpunkt. „Wir bezahlen symbolisch einen Dollar pro Stunde. Es wäre für uns nicht effizient, die Referendare an Verfahren vollständig zu beteiligen.“ So wurden wöchentliche Fortbildungen und das Mentorenprogramm entwickelt, die speziell auf die deutschen Auszubildenden zugeschnitten sind. Aber bietet eine amerikanische Großkanzlei diese Betreuung ganz ohne Hintergedanken an? In den USA gibt es immer einen trade-off. Detjen gibt gerne zu, „dass wir uns auch davon versprechen, dass die Referendare als Anwälte später an uns denken, wenn eine amerikanische Kanzlei eingeschaltet werden soll.“ Alston & Bird hat kein eigenes Büro in Deutschland, sondern verfolgt die Strategie der „best friends“: Sie kooperiert mit deutschen Kanzleien. Die Amerikaner wollen den vermittelnden Kanzleien nicht ins Gehege kommen. Beide Seiten sollen also davon profitieren. Und Detjen rät auch dezidiert davon ab, die Ausbildungsstation als Sprungbrett in die Anwaltswelt der USA zu begreifen. Einem deutschen Juristen würde immer „the Fingerspitzengefühl“ für das amerikanische Recht abgehen. Umgekehrt ist es schließlich ähnlich.

Referendar Martin Moeser: Informelle Arbeitsatmosphäre

Freitagmorgen kurz vor acht: Aus den Zügen und U-Bahnen an der Grand Central Station schiebt sich eine unendliche Menge von New Yorkern über die Treppennadelöhre raus ins Freie. Dort an der 42. Straße schwärmen sie zackig, die Frauen hochhackig in alle Richtungen aus, rein in die aufragenden, gläsernen Bienenwaben. Unter ihnen laufen auch vereinzelt deutsche Referendare. Sie sind schon auf der Straße erkennbar, vielleicht liegt es an der Art, wie sie ihre Umhängetaschen tragen oder an ihrer Kleidung.

Jedenfalls sammeln sich in der Eingangshalle der Park Avenue 90 tatsächlich diejenigen, die man schon auf der Straße als Referendare erkannte. Sie fahren gleich zu dem Referendarfrühstück der Kanzlei Alston & Bird hoch in den 15. Stock. Einer von ihnen ist Martin Moeser, Rechtsreferendar aus Frankfurt am Main, der dort für drei Monate seine Anwaltsstation absolviert. Glenn Fox, Partner bei Alston & Bird, hat seinen Becher mit dem unvermeidbar wässrigen Kaffee neben seinem Laptop platziert und gibt den deutschen Assessoranwärtern nun eine einstündige Einführung in das amerikanische Steuerrecht. Jeden Freitagmorgen hält er im Wechsel mit anderen Kollegen einen Vortrag über ein Rechtsgebiet für alle interessierten Juristen aus Deutschland, die in New York ihre Station machen. So viel Einsatz für deutsche Referendare ist selten im Ausland. Martin Moeser hatte schon zu Beginn des Referendariats davon gehört.

Natürlich werden die Stationsreferendare nicht direkt in die großen Fälle eingebunden. Drei Monate sind einfach zu kurz, um in komplexe Verfahren einzusteigen, zumal in einem fremden Rechtssystem. Das hat Moeser, 30 Jahre, auch nicht erwartet: „Man bekommt einen Einblick ins amerikanische Recht und erfährt, wie Kanzleien hier organisiert sind.“ Bezeichnend ist für Moeser, wie wenig innerhalb des Büros auf Hierarchie und Status Wert gelegt wird. „Die Büros sind alle ziemlich klein, viele Anwälte kommen in legerer Kleidung, wenn sie keine Termine haben. Die Türen stehen im wahrsten Sinn des Wortes offen und die meisten Anwälte sind sehr zugänglich.“ Es kommt schon mal vor, dass sich die Referendare auch eine Aufgabe suchen müssen. „Die offene Tür senkt die Hemmschwelle, Anwälte anzusprechen, um sich kleinere Aufträge zu besorgen.“ Zwei Mentoren kümmern sich jeweils um einen Referendar. Der Ablauf ist ziemlich eingespielt. Jede Woche verteilen die Mentoren neue Aufgaben. Die Referendare sollen verschiedene Facetten des amerikanischen Wirtschaftsrechts kennen lernen. Martin Moeser hat bisher internationale Vertragsentwürfe gelesen, Gerichtsprotokolle zusammengefasst und Schriftsätze für deutsche Mandanten übersetzt – Wirtschaftsrecht querbeet. Für eine Woche wird er noch auf Vermittlung der Kanzlei einen Richter in New York begleiten. Das Besondere an der Arbeit ist der Bezug zu Deutschland. „Viele Mandanten sind deutsche Unternehmen“, sagt Moeser, „dadurch erfährt man mal von der anderen Seite, wie internationale Mandate mit Deutschen ablaufen.“ Dass der Arbeitstag für den Referendar pünktlich um 17 Uhr endet, kommt Moeser sehr gelegen. Denn wer sich auf eine Station in New York bewirbt, will auch die Stadt einsaugen. Ihn hat sie schnell in den Bann gezogen. Die „Konzerte auf Weltklasseniveau“, die krassen Gegensätze, das Tempo, ja auch die hohen Mietpreise. Obwohl er in einem Wohnheim wohnt, verschlingt allein die Miete mehr als ein komplettes Referendarsgehalt.

Die Auslandsstation, so Moeser, habe er in erster Linie gewählt, um sein Englisch zu verbessern, dann kam die Stadt, dann die Kanzlei. Es wird wohl mehr als nur die sprachliche Verbesserung sein, die Moeser als Erfahrung mit zurück nach Frankfurt nimmt. Allein die informelle Arbeitsatmosphäre würde er gerne gleich mit nach Deutschland importieren. Vielleicht in eine kleinere Kanzlei für Wirtschaftsrecht. Vielleicht mit Bezug zu den USA.

Sommersemester 2011