Trends

Gute Anwälte wissen heute schon, welche Probleme ihre Mandanten morgen haben werden – und wo junge Anwäl­tinnen und Anwälte eine Zukunft haben. Anwalts­blatt Karriere hat haupt­sächlich Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaften im Deutschen Anwalt­verein gefragt. Lesen Sie hier die Berichte bzw. Inter­views.

Das Recht für die digitale Welt fit machen - Interview mit Rechts­anwalt Prof. Niko Härting, Berlin

Warum hat das Thema „Industrie 4.0“ für Anwälte Zukunft?

Industrie 4.0“ ist ausnahmsweise einmal kein Anglizismus, sondern eine deutsche Wortschöpfung. Hinter dem Begriff stehen die Bemühungen der deutschen Industrie, bei der zunehmenden Vernetzung der Produktionsprozesse zukunftsfähig zu bleiben. Große Anbieter im Silicon Valley (Ebay, Amazon, Google, Facebook, Microsoft, Apple) haben bei den Verbrauchern die Nase vorn. Dies soll im Industriebereich anders werden. Clouddienste, Software as a Service sowie digitale Plattformen sind Instrumente der vernetzten industriellen Produktion. Für den Anwalt bedeutet dies: neue Geschäftsmodelle, neue Vertragsstrukturen, neue Herausforderungen beim Schutz von geistigem Eigentum und Geschäftsgeheimnissen. Spannende Fragen. „Industrie 4.0“ sorgt dafür, dass dem IT-Rechtler die Arbeit nicht ausgeht.

Wo werden Anwältinnen und Anwälte gebraucht?

Zurzeit wird viel über „Legal Tech“ diskutiert. Hinter diesem Buzzword verbirgt sich Technologie, die sich längst nicht so schnell entwickelt, wie man oft meint. Man erinnere sich nur an das Jahr 2000. Was ist aus Anwalts-Hotlines, was ist aus der Rechtsberatung in digitalen Welten, was ist aus der „Online-Beratung“ geworden? Dennoch: Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche – auch den Anwaltsberuf. AGB, die man vor 20 Jahren noch per Diktat erstellt hat, setzt man heute – copy und paste – aus einem Vorlagenfundus zusammen. Das geht viel schneller, kostet den Mandanten weniger Geld und bringt dem Anwalt weniger Umsatz. Nichtsdestotrotz müssen wir nicht befürchten, über kurz oder lang durch künstliche Intelligenz und Roboter ersetzt zu werden. „Industrie4.0“ ist in vielen Bereichen ein Jobmotor für die Anwaltschaft. Die Unternehmen brauchen unsere Unterstützung bei der schwierigen Balance zwischen Innovation und Compliance. Bei neuen Geschäftsmodellen sind kreative Juristen gefragt, die regulatorische Fallstricke umschiffen. Neue Ideen müssen in neuen Vertragsmodellen umgesetzt werden.

Was brauchen Anwälte, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

In der Zeit meiner Ausbildung gab es den Begriff der „Soft Skills“ noch nicht. Heute bemüht man sich bereits, rhetorische Fähigkeiten und Verhandlungsmethoden in der Ausbildung zu schulen. Das ist gut so. Und ich glaube, dass junge Anwältinnen und Anwälte – trotz mancher Defizite – heute besser auf den Beruf vorbereitet sind als früher. Junge Anwälte, die Unternehmen beraten, brauchen ein gewisses Grundverständnis, wie Wirtschaft funktioniert. Das war vor 25 Jahren nicht anders. Als ich als selbstbewusster junger Anwalt das erste Mal gestandenen Kaufleuten gegenübersaß, spürte ich, wie Theorie und Wirklichkeit hart aufeinander prallten. Erfahrung kann man nicht studieren. Branchenkenntnisse entwickeln sich erst nach einigen Berufsjahren. Der IT-Anwalt darf zudem keine Angst vor Technik haben. Die besten technischen Kenntnisse nützen dem Anwalt jedoch nichts, wenn es am juristischen Handwerkszeug fehlt.

Tipps/Links/Info:

plattform-maerkte.de

 

Innova­tionen denken  und ermög­lichen - Interview mit Rechts­anwalt Sebastian Vorberg, LL.M. (Houston), Hamburg

Warum hat das Rechtsgebiet E-Health Zukunft?

Die Digita­li­sierung erobert Schritt für Schritt alle wirtschaft­lichen Branchen. Der Bereich des Gesund­heits­wesens ist dabei ein klarer Spätzünder. Das liegt daran, dass hier die konser­va­tiven Riegen und alt einge­sessene Seilschaften Innova­tionen grund­sätzlich skeptisch gegen­über­stehen. Die Gesund­heits­wirt­schaft gehört zu den am stärksten regulierten Branchen und Regularien sind immer unfle­xibel und schwer­fällig bei Innova­tionen. Gerade Juristen gelten hier als die größten „Verhin­derer“ von innova­tiven Vorstößen, weil sie meinen, sich so gut mit den Regularien auszu­kennen ‒ und eigentlich immer einen Grund finden, warum neue Entwick­lungen mit tradi­tio­nellen Rechts­grund­lagen nicht vereinbar oder zumindest proble­ma­tisch sind. Meine Meinung ist daher, je weniger Juristen sich in diesem Bereich tummeln, umso besser für die Gesundheit, die aus den neuen Möglich­keiten der digitalen Medizin einen beach­tens­werten Mehrwert ziehen kann, wenn es die Juristen nicht verhindern. Schnell hat der Jurist sein Handwerkszeug ausge­packt und Daten­schutz, Fernbe­hand­lungs­verbot, Sicherheit, Wettbewerb, Verbrau­cher­schutz etc. bilden Barrieren für neue Entwick­lungen. Und schon wird aus einer guten Idee ein kompli­ziertes Konstrukt, woran die Innova­toren schnell die Lust verlieren. Dieser Bereich ist nur etwas für Juristen, die gerne ganz neu denken und sich nicht von altein­ge­ses­senen Beden­ken­trägern einschüchtern lassen. Kreati­vität und zielfüh­rende Courage sind gefordert. „Das geht nicht“ geht nicht in diesem innova­tiven Bereich. „Wir finden einen Weg“ wäre das Motto. In diesem sehr anspruchs­vollen recht­lichen Betäti­gungsfeld stoßen die kompli­zierten Regularien des Medizin­rechts auf die agilen und teilweise auch etwas wagen Regelungen des IT-Rechts, verbunden mit Daten­schutz und auch gewerb­lichem Rechts­schutz. Kein Schnell­schuß!

Wo werden Anwältinnen/Anwälte gebraucht?

Nahezu alle Teilnehmer im Gesund­heits­markt werden auf dem Weg zur Digita­li­sierung juris­tische Hilfe benötigen. Insbe­sondere die größeren Firmen, Behörden oder Kranken­kassen werden hier in den internen Rechts­ab­tei­lungen ein paar spezia­li­sierte Juristen brauchen, um dieses Gebiet nachhaltig abzudecken. Auch die spezia­li­sierten Anwalts­kanz­leien und Großkanz­leien werden für eine kompe­tente Beratung jeweils spezia­li­sierte Rechts­an­wälte brauchen.

Was brauchen Anwälte, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Die meisten der in diesem Bereich aufkommenden Rechtsfragen werden nicht Inhalt der Juristenausbildung sein. Es kommt also darauf an, sich in neue Rechtsgebiete oder auch ganz unbestellte Rechtsfragen einzuarbeiten. Danach wird es darum gehen, sich in der Praxis in diesem Bereich zu profilieren. Man
muss das Gesundheitswesen und vielleicht auch die Startup-Szene von innen kennen, um sich hier interessant zu machen.

Tipps/Links/Info:

bundesverbandinternetmedizin.de

Elektromobilität: Eine Brücke in die Zukunft bauen - Interview mit Rechtsanwalt Hans-Michael Stracke, München

Warum hat das Rechtsgebiet Elektromobilität Zukunft?

Im Bereich der Elektromobilität drängen derzeit neben diversen Fahrzeug-Startups noch weit mehr Anbieter von Elektronik, Software, Infrastrukturlösungen, Datentransfer- und Verarbeitungsservices inklusive Zahlungsservices (Beispiel Hub ject), Cloudservices, etc. in die Automobilindustrie. Gerade die Elektromobilität wird ihren Durchbruch weniger mit staatlich finanzierten Kaufprämien erzielen, als vielmehr mit einer flächendeckenden und über alle Systeme kompatiblen Lade-Infrastruktur samt zugehöriger Datentransfer- und Zahlungsinfrastruktur. Das haben mittlerweile auch die Fahrzeughersteller erkannt und haben entweder selbst (Beispiel Tesla) oder mit diversen Partnern Joint Ventures gegründet (Beispiel Daimler, BMW, Volkswagen, Audi, Porsche und Ford), um die überfällige Lade-Infrastruktur aufzubauen. Damit geht es nunmehr nicht nur um klassisches Automobilzulieferergeschäft oder Fahrzeugbau, sondern vielmehr um die Zukunft der Mobilität. Autonomes Fahren wird möglichst einfach nur sinnvoll in Kombination mit Elektromobilität umzusetzen sein. Niemals mehr tanken oder Öl nachfüllen. Das geht nur elektrisch.

Wo werden Anwältinnen und Anwälte gebraucht?

Die Vielschichtigkeit der Einflüsse auf die Elektromobilität wird von den Auswirkungen durch die Elektromobilität noch weit übertroffen. Damit werden natürlich nicht nur Anwälte im Technologiebereich gesucht, also IT/Telekommunikation, Software, Datenschutz, Produkthaftung und Produktsicherheit, Patente, Lizenzen und natürlich klassisches Vertragsrecht, sondern auch vermehrt im Bereich Fahrzeug- und System-Zulassung, Energie, Bauplanungs- und Baurecht. Weiter werden wir sicherlich einen starken Anstieg im M&A- und Finanzierungsbereich in diesem Umfeld sehen.

Was brauchen Anwälte, was sie in der Juristenausbildung nicht lernen?

Was erfolg­reiche Anwälte auf Fahrzeugher­steller- und Zulie­fe­rerebene schon bisher brauchen – weit über Technik - affinität hinaus­ge­hendes Technik­ver­ständnis –, gilt für diesen Bereich noch vermehrt für die Zukunft. Zumal die Produkte noch weit digitaler werden als bisher. Für alle anderen betei­ligten Kolle­ginnen und Kollegen gilt, dass in Infra­struk­tur­themen weit mehr Sicher­heits­fragen Einzug finden werden als bisher. Die Komple­xität der Vernetzung spiegelt sich in der Komple­xität der Anfor­de­rungen an künftige Juristen wieder. Eine gute Leitplanke auf dieser Zukunfts­au­tobahn ist sicherlich die stete Neugier auf techno­lo­gische und damit einher­ge­hende soziale und gesell­schaft­liche Heraus­for­de­rungen. Von daher kann ich nur empfehlen, so oft und weit über den Tellerrand der Juris­ten­aus­bildung hinaus­zu­blicken wie nur möglich.

Tipps/Links/Info:

vda.de/de/themen/
innovation-und-technik.html
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Das Beschäf­ti­gungs­pro­gramm des Gesetz­gebers für Arbeits­rechtler

Text: Rechtsanwalt Dr. Jobst-Hubertus Bauer, Stuttgart

Die Arbeit geht den Arbeitsrechtlern so schnell nicht aus. Obwohl es den Fachanwalt für Arbeitsrecht seit 1986 gibt, bleibt das Rechtsgebiet ewig jung. Der Autor sagt, was auf junge Anwälte im Arbeitsrecht zukommt.

Wer sich mit dem Arbeits­recht beschäftigt, hat nicht nur immer mit Menschen zu tun, sondern es geht auch grund­sätzlich um Menschen. Es ist ein überaus leben­diges Rechts­gebiet. Es unter­liegt einem stetigen Wandel. Arbeits- und sozial­recht­liche Fragen sind heute von enormer Brisanz. Durch die vielen neuen Gesetze sowie ständig neuer Varianten der Recht­spre­chung gibt es kaum noch Rechts­si­cherheit. Erwähnt seien nur die seit 2002 aufgrund der Schuld­rechts­reform geltende AGB-Kontrolle nach §§ 305 ff. BGB mit ihren erheb­lichen Auswir­kungen auf das Arbeits­recht, die arbeits­recht­lichen Auswir­kungen der „Hartz“-Gesetze sowie das im Spätsommer 2006 in Kraft getretene Allge­meine Gleich­be­hand­lungs­gesetz. Die Arbeit des Gesetz­gebers stellt sich daher zumindest teilweise als Anwalts­be­schäf­ti­gungs­pro­gramm dar. Eine Deregu­lierung des Arbeits­rechts ist auf lange Sicht nicht absehbar.

Der Charme des Arbeitsrechts liegt aber nicht nur in seiner Nähe zur aktuellen Politik, sondern auch in seinen Wechselwirkungen mit anderen Rechtsgebieten. Bei Umstrukturierungen ist eine Zusammenarbeit mit Gesellschafts- und Steuerrechtlern unerlässlich. Bei der Beendigung von Arbeitsverhältnissen darf die Verzahnung des Arbeitsrechts mit dem Sozialversicherungsrecht (z.B. Ruhen des Arbeitslosengeldanspruchs nach § 143a SGB III) nicht übersehen werden. Arbeitsrecht ist Teil des Wirtschaftsrechts. Ohne ökonomisches Verständnis wird niemand erfolgreicher Arbeitsrechtsanwalt.
Der Reiz arbeitsrechtlicher Mandate liegt auch in deren Vielfalt. Der Mix aus Prozessen, gutachterlichen Tätigkeiten, Verhandlungen, schriftlicher, telefonischer und mündlicher Beratung und vielleicht auch der Mitwirkung in
Einigungsstellenverfahren und Tarifverhandlungen lässt keine Langeweile aufkommen. Die Vielfalt der Tätigkeiten verlangt vom Arbeitsrechtsanwalt Flexibilität. Sie muss er auch im Umgang mit völlig unterschiedlichen „Mandanten-Typen“ beweisen. Der „hemdsärmelige“ Bauunternehmer unterscheidet sich erheblich vom „vornehmen“ Banker. Auch die Bandbreite auf Gewerkschafts-, Betriebsrats und Arbeitnehmerseite ist gewaltig. Neben Flexibilität sollte den Arbeitsrechtsanwalt ein hohes Maß an Kreativität – vor allem bei Vertragsverhandlungen -auszeichnen. Wegen der vielen Fristsachen muss er gleichzeitig über gute Nerven verfügen. Anwaltliche Beratung ist vor allem auch auf dem Gebiet des Arbeitsrechts Dienstleistung.

Nicht unter­schätzen darf der Berufs­an­fänger aber, wie sehr das Arbeits­recht teilweise „ideo­lo­gie­be­frachtet“ ist. Ist der Anwalt Partner eines Wirtschafts­rechts­büros, wird er in der Regel aufgrund einer kanzlei­po­li­ti­schen Entscheidung nicht Betriebsräte oder Gewerk­schaften gegen Arbeit­geber vertreten. Ansonsten gäbe es womöglich Schwie­rig­keiten mit manchem Arbeit­geber-Mandanten. In kleineren Büros und „Arbeits­rechts-Boutiquen“ ist teilweise auch eine andere Philo­sophie anzutreffen, indem eine regel­mäßige Tätigkeit in beiden „Lagern“ – natürlich ohne Verstoß gegen das Verbot, wider­strei­tende Interesse zu vertreten – als Vorteil angesehen wird. Im Übrigen gibt es Anwälte, die ebenfalls aufgrund einer unter­neh­me­ri­schen Entscheidung nur für die Arbeit­neh­mer­seite tätig werden. Dabei ist es nicht so, dass ein Betriebsrats-Anwalt kein ordent­liches Geld verdienen kann. Anwälte, die in Einigungs­stel­len­ver­fahren, bei der Verhandlung von Inter­es­sen­aus­gleichen, Sozial­plänen oder bei der Gründung und Betreuung von Beschäf­ti­gungs­ge­sell­schaften feder­führend auf Arbeit­neh­mer­seite tätig sind, stecken gelegentlich große Honorare ein.

Die Zahl der zugelas­senen Anwälte und auch der Fachan­wälte für Arbeits­recht (zurzeit über 6.000) hat in den letzten Jahren ständig zugenommen. Damit wird der Konkur­renz­druck wachsen. Auf der anderen Seite ist davon auszu­gehen, dass der Einfluss der Verbände schwinden wird. Immer mehr Arbeit­nehmer verzichten darauf, einer Gewerk­schaft beizu­treten – oder treten aus ihr aus. Entspre­chendes ist auf der Arbeit­ge­ber­seite zu beobachten (Stichwort: Erosion des Flächen­ta­rif­ver­trags). Anwälte werden daher weiter eine große Rolle spielen. Arbeits­recht­licher Mandate werden sich für viele Anwälte auch in Zukunft lohnen. Um eine deutliche Spezia­li­sierung und den Titel „Fachanwalt für Arbeits­recht“ werden aller­dings nur wenige herum kommen. Das ist heute schon so.

Der Autor ist Partner bei Gleiss Lutz. Er ist Fachanwalt für Arbeitsrecht und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Arbeitsrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere, Heft 1 (Sommer­se­mester 2007) veröf­fent­licht.

Interview mit Rechts­anwalt Prof. Dr. Heinz Josef Willemsen, Düsseldorf

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Die Antwort muss diffe­ren­ziert ausfallen: Durch den Rückgang des sog. Trans­ak­ti­ons­ge­schäfts (Unter­neh­mens­über­nahmen, Fusionen etc.) ist selbst­ver­ständlich auch die beglei­tende arbeits­recht­liche Beratung betroffen. Dieser Effekt wird aber anderer­seits kompen­siert durch das in der Krise deutlich zuneh­mende Restruk­tu­rie­rungs­ge­schäft im Zusam­menhang mit Perso­nal­abbau, Kosten­ein­spa­rungs­pro­grammen und Unter­neh­mens­in­sol­venzen. Das Arbeits­recht hat sich daher bereits in der Vergan­genheit (so nach 2002) als sehr krisenfest erwiesen; es kennt eigentlich keine „Rezession“.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

Indem sie ihr Know-how und ihre Markt­präsenz in dem soeben genannten Restruk­tu­rie­rungs­be­reich „aufge­rüstet“ haben und weiter ausbauen.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Die Chancen für den quali­fi­zierten Nachwuchs sind unver­ändert günstig; das gilt auch für das Arbeits­recht. Gute Kanzleien werden jetzt nicht in den Fehler verfallen, ihre Recruit­ment­be­mü­hungen zurück­zu­fahren und damit ein „Loch“ für die nächsten Jahre zu produ­zieren.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare?

Als Arbeits­rechtler benötigt man mehr denn je Zusatz­qua­li­fi­ka­tionen, insbe­sondere (sehr) gute Englisch­kennt­nisse und ein solides wirtschaft­liches und wirtschafts­recht­liches Grund­la­gen­wissen. Man sollte sich daher schon vor der ersten Anstellung danach erkun­digen, ob der Erwerb solcher Quali­fi­ka­tionen ermög­licht oder – noch besser – aktiv gefördert wird. Die ersten drei Berufs­jahre sind oftmals entscheidend für den ganzen weiteren beruf­lichen Lebensweg. Wer hier bei der Weiter­bildung in Rückstand gerät, verspielt wertvolle Chancen.

Der Gesprächspartner ist Vorsitzender des Arbeitsrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Nerven behalten, wenn es um die nackte Existenz geht

Text: Rechtsanwältin Susanne Schröder, Hannover

Die Welt zu Gast bei Freunden. Für Deutschlands Ausländerverwaltung gilt das nicht. Auch davon leben Anwälte.

Tagtäglich sitzen Menschen aus aller Herren Länder in der Kanzlei einer Anwältin, eines Anwalts für Auslän­der­recht. Die einen suchen um Flücht­lings­schutz nach, die anderen wollen ihre Familien aus dem Heimatland nach Deutschland holen, wieder andere benötigen eine Arbeits­er­laubnis oder wollen deutsche Staats­bürger werden. Aber auch deutsche Mandanten sind darunter. Sie haben im Ausland ihren Partner fürs Leben gefunden – oder sie wollen auslän­dische Arbeit­nehmer einstellen.

Sie alle haben ein Problem mit dem Aufent­halts­gesetz von 2004. Das Gesetz ist nach langem politi­schem Gerangel zustande gekommen. Sein Ziel ist es, den Zuzug von Ausländern in die Bundes­re­publik zu steuern und zu begrenzen (§ 1 Abs. 1 S. 1). Wir arbeiten also auf einem Gebiet, bei dem es um Menschen geht, die in Deutschland in vielen Fällen nicht wirklich erwünscht sind. Und das erfordert starke Nerven, weil die behörd­lichen Anwender dieses Gesetzes sein Ziel in erheb­lichem Maße verin­ner­licht haben.

Natürlich geht es nicht ohne gute Kennt­nisse des Verwal­tungs­ver­fahrens- und des Verwal­tungs­pro­zess­rechts. Außerdem sollte sich die Anwältin, der Anwalt für die Verhält­nisse in den Herkunfts­ländern der Mandanten inter­es­sieren. Und gerade das macht den Beruf aus meiner persön­lichen Sicht so vielseitig und spannend: Wer sich im Flücht­lings­recht nicht mit der Kultur und den Tradi­tionen anderer Völker, aber auch und vor allem mit der politi­schen Situation der Herkunfts­länder beschäftigt, kann den Vortrag der Mandanten kaum bewerten – und wird dann auch keine erfolg­reichen Fälle haben.

Das Ausländer- und Asylrecht bewegt sich längst nicht mehr nur auf natio­naler Ebene. Vielmehr spielt sich immer mehr im europäi­schen Raum ab. Zahlreiche Richt­linien und Verord­nungen der EU bestimmen die Rechts­an­wendung. Und darin steckt noch viel anwalt­liche Musik, weil immer mehr auslän­der­recht­liche Fragen vom EuGH zu klären sind.

Zugegeben: Man hat es im Ausländer- und Asylrecht mit einer äußerst gemischten Klientel zu tun. Da ist der afgha­nische Arzt, der schon seit zwanzig Jahren in Deutschland lebt und nun Deutscher werden möchte, der syrische Klein­bauer, der wegen religiöser Verfolgung aus seinem Land geflohen ist und kaum schreiben kann und der junge Türke, der hier geboren und aufge­wachsen ist und wegen einer Straftat ausge­wiesen werden soll. Genauso dringend sind auch die Fragen nach Ansprüchen auf Sozial­leis­tungen und Arbeits­er­laub­nisse. Wer Ausländer- und Asylrecht macht, sollte daher noch weitere Rechts­ge­biete anbieten können.

Häufig geht es um die nackte Existenz dieser Menschen – und die Bearbeitung der Verfahren steht nicht selten unter erheb­lichem Zeitdruck. Im Asylrecht gibt es kurze Rechts­mit­tel­fristen, im Auslän­der­recht wird häufig der Sofort­vollzug angeordnet, so dass sich alles nur im Eilver­fahren abspielt.

Und: „Kann man denn überhaupt vom Ausländer- und Asylrecht leben?“ wird immer wieder gefragt. In den neunziger Jahren war das Asylrecht sehr auskömmlich, denn die Zahl der Asylsu­chenden stieg jährlich. Aller­dings standen schon damals die Gegen­stands­werte im Asylrecht weder im Verhältnis zum Arbeits­aufwand noch zum Gegen­stand an sich. Inzwi­schen ist die Zahl der Asylsu­chenden sehr stark zurück­ge­gangen. Die Zahl der Fälle nimmt aber nicht ab, denn sämtliche positiven Entschei­dungen müssen überprüft werden. Auch auf dem Gebiet des Auslän­der­rechts sorgen gesetz­liche Verschär­fungen für Streit­po­tenzial. Arbeit gibt es also genug.

Die Tätigkeit im Ausländer- und Asylrecht ist sehr bunt, erfordert ein hohes Maß an Engagement und ist rechtlich anspruchsvoll. Fast zwangs­läufig findet man sich zudem an einer politi­schen Diskussion beteiligt, die das Zusam­men­leben der deutschen Bevöl­kerung mit Migranten und die Gestaltung des Aufent­halts­rechts betrifft. Man muss herbe Enttäu­schungen hinnehmen und macht doch immer wieder tief befrie­di­gende Erfah­rungen.

„Kaum ein Rechts­gebiet ist mit so viel brennenden Problemen, persön­lichen Existenzen, schlimmen Enttäu­schungen und Erleb­nissen versehen, wie das Ausländer- und Asylrecht.“ Das sagte der Präsident des Deutschen Anwalt­vereins Hartmut Kilger 2006 bei der Verleihung des Ehren­zei­chens der deutschen Anwalt­schaft an eine Berufs­kol­legin. Die Tätigkeit auf dem Gebiet des Ausländer- und Asylrechts mag ein hartes Brot sein, in der Anwalt­schaft wird sie immerhin anerkannt.

Die Autorin ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ausländer- und Asylrecht im Deutschen Anwaltverein.

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Andreas Fandrich, Stuttgart

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Nicht jeder im Bank- und Kapital­markt­recht tätige Anwalt fühlt sich als Gewinner der Finanz­krise. Im Invest­ment­banking wird zum Beispiel Personal abgebaut. Anleger­schutz­kanz­leien berichten jedoch seit Herbst 2008 von einem großen Zulauf von Zerti­fikate-Anlegern. Sobald die Krise sich in schlech­teren Banken­ra­tings nieder­schlägt, werden auch Anwälte im Darle­hens­recht und im Recht der Kredit­si­cher­heiten viel zu tun bekommen. Das Rechts­gebiet wird unterm Strich von der Finanz­krise profi­tieren.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

Die Qualität einer Perso­nal­be­darfs­planung beweist sich gerade in Krisen­zeiten: Muss man quali­fi­zierte Anwälte jetzt freisetzen oder können sie flexibel in anderen Rechts­ge­bieten einge­setzt werden? Profes­sio­nelle Kanzleien denken länger­fristig und setzen gerade jetzt auf den quali­fi­zierten Nachwuchs.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Das Rechts­gebiet bietet konjunk­tu­ru­n­ab­hängig immer Chancen. Besondere Aussichten bestehen jetzt im Banken­auf­sichts- und Anlage­be­ra­tungs­recht. Beide Bereiche sind im Umbruch.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare?

Gute Examens­noten bieten keine Garantie für eine erfolg­reiche Karriere. Wirtschaft­licher Sachver­stand und Lebens­er­fahrung sind oft mehr gefragt. Holen Sie sich diese, wann immer Sie können, zum Beispiel durch Praktika und Stationen in Banken und Unter­nehmen, Ferienjobs und andere außeru­ni­ver­sitäre Aktivi­täten.

Der Gesprächspartner ist Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Bank- und Kapitalmarktrecht im Deutschen Anwaltverein.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Andreas Fandrich, Stuttgart

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Nicht jeder im Bank- und Kapital­markt­recht tätige Anwalt fühlt sich als Gewinner der Finanz­krise. Im Invest­ment­banking wird zum Beispiel Personal abgebaut. Anleger­schutz­kanz­leien berichten jedoch seit Herbst 2008 von einem großen Zulauf von Zerti­fikate-Anlegern. Sobald die Krise sich in schlech­teren Banken­ra­tings nieder­schlägt, werden auch Anwälte im Darle­hens­recht und im Recht der Kredit­si­cher­heiten viel zu tun bekommen. Das Rechts­gebiet wird unterm Strich von der Finanz­krise profi­tieren.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

Die Qualität einer Perso­nal­be­darfs­planung beweist sich gerade in Krisen­zeiten: Muss man quali­fi­zierte Anwälte jetzt freisetzen oder können sie flexibel in anderen Rechts­ge­bieten einge­setzt werden? Profes­sio­nelle Kanzleien denken länger­fristig und setzen gerade jetzt auf den quali­fi­zierten Nachwuchs.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Das Rechts­gebiet bietet konjunk­tu­ru­n­ab­hängig immer Chancen. Besondere Aussichten bestehen jetzt im Banken­auf­sichts- und Anlage­be­ra­tungs­recht. Beide Bereiche sind im Umbruch.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare?

Gute Examens­noten bieten keine Garantie für eine erfolg­reiche Karriere. Wirtschaft­licher Sachver­stand und Lebens­er­fahrung sind oft mehr gefragt. Holen Sie sich diese, wann immer Sie können, zum Beispiel durch Praktika und Stationen in Banken und Unter­nehmen, Ferienjobs und andere außeru­ni­ver­sitäre Aktivi­täten.

Der Gesprächspartner ist Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Bank- und Kapitalmarktrecht im Deutschen Anwaltverein.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Mehr als Mängel­be­sei­tigung und Beweis­si­che­rungs­ver­fahren

Interview: Rechtsanwalt Peter Oppler, München

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich Bau- und Immobilienrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die Antwort fällt nicht leicht. Ichmöchte aber drei Entwick­lungen – teils gegen­sätzlich, teils ergänzend, teils sich überla­gernd – heraus heben:

  • Die Rezession der Baubranche in den letzten Jahren hat zu einer konfrontativen und hochexplosiven Stimmung zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern geführt. Bauunternehmer waren auf Grund des Wettbewerbsdrucks oft gezwungen zu unauskömmlichen Preisen anzubieten, die nachher über Nachträge wegen behaupteter Leistungsänderungen oder Bauablaufstörungen – zum Teil exzessiv – aufgebessert werden sollten. Viele Auftraggeber reagierten auf diese Strategie schon bei der Vertragsgestaltung mit – zum Teil ebenfalls exzessiven – Risikoverlagerungen auf die Auftragnehmer. Es entstand ein konfliktgeprägtes Klima. Von diesen juristischen Gefechten haben die Rechtsanwälte durchaus profitiert.
  • Demgegenüber bestand im Immobilienverkehrsgeschäft in den letzten Jahren Hochkonjunktur. Die angeblich günstigen Immobilienpreise in Deutschland haben zu einem „Run“ ausländischer Investoren geführt. Stattliche Portfolios von Immobilien sind in den vergangenen Jahren verkauft worden. Gerade die Anwälte in Groß- und Spezialkanzleien haben davon profitiert.
  • In Baustreitigkeiten wird zunehmend über Alternativen der Streitbeilegung zum klassischen Prozess vor staatlichen Gerichten nachgedacht. Stichworte sind hier insbesondere Schlichtung und Mediation, seit Neuestem auch adjudication boards und ähnliche Konstruktionen.

Was wird 2008/2009 das bestimmende Ereignis werden?

Zwei Trends halte ich für den Rechts­markt für bedeutsam: Zum einen beobachte ich eine zuneh­mende Inter­na­tio­na­li­sierung der Bau- und Immobi­li­en­wirt­schaft. Das bedeutet auch für die Anwalt­schaft vermehrt die Beschäf­tigung mit grenz­über­schrei­tenden Sach- und Rechts­pro­blemen. Zum anderen ist die Idee partner­schaftlich organi­sierter Projek­t­ab­wicklung – Schlagwort „Part­nering“ – mittler­weile deutlich wahrnehmbar auch auf Deutschen Baustellen angekommen. Partnering ist – stark verein­facht ausge­drückt – eine aus der Spiel­theorie entwi­ckelte koope­rative Manage­ment­me­thode, die – wissen­schaftlich belegbar – für alle Betei­ligten zu wirtschaftlich besseren Ergeb­nissen führen soll, als die tradi­tio­nellen konfron­ta­ti­ons­be­tonten Projek­t­ab­wick­lungs­stra­tegien. Das birgt natürlich auch besondere Heraus­for­de­rungen für die Anwälte.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Die konflik­t­an­fällige Bau- und Immobi­li­en­branche wird Rechtsrat immer benötigen. Es gibt jedoch bei Bau und Immobilie – wie auch in anderen Rechts­ge­bieten – zielge­richtete Aktivi­täten, Anwälte aus der Rechts­be­ratung zu verdrängen. Insbe­sondere die Vertrags­ge­staltung wird häufig von Projekt­steu­erern, Maklern, Wirtschafts­prü­fungs-Gesell­schaften und Banken angeboten. Natürlich werden die leistungs­starken und spezia­li­sierten Anwalts­kanz­leien hier auch in Zukunft eine Rolle spielen. Ob der Recht­be­ra­tungs­markt in mehreren Jahren aber ein Anwalts­markt sein wird, wird davon abhängen, ob es der Anwalt­schaft gelingt, deutlich zu machen, dass der Anwalt eine eigene unver­zichtbare Dienst­leistung erbringt.

Wo haben Berufsanfänger im Bereich Bau- und Immobilienrecht die größten Chancen?

Bau- und Immobi­li­en­recht wird in Kanzleien so ziemlich jeder Größen­ordnung prakti­ziert. Es hängt vom Kandi­daten und seinen Neigungen ab. Wichtig ist eher, dass junge Kolle­ginnen und Kollegen weiter in die Zukunft denken und sich Gedanken über ihre Lebens­ziele inklusive des Verhält­nisses von Arbeitszeit zu Freizeit­machen, welche Bedeutung Ruhmund Geld für sie haben und bei welchem Kanzleityp mit Bau- und Immobi­li­en­recht welche realis­ti­schen Aufstiegs­mög­lich­keiten bestehen.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was ein junger Anwalt, eine junge Anwältin für das Bau- und Immobilienrecht braucht?

Ausge­prägtes betriebs­wirt­schaft­liches Verständnis und Gummis­tiefel.

Der Gesprächspartner ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Bau- und Immobilienrecht im Deutschen

Mit den Mandanten nach Europa unterwegs

Interview mit Rechtsanwalt Peter Oppler, München

1 Was hat den Tätigkeitsbereich von Baurechtlern in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die Frage kann nur subjektiv beant­wortet werden, aber mir persönlich ist besonders die zuneh­mende Stoff­fülle in  Baurechtss­trei­tig­keiten aufge­fallen. Tausend­seitige Schrift­sätze sind heute keine Seltenheit mehr und dabei muss es nicht einmal um typische Großpro­jekte gehen. Meine These: Als Folge der Stoff­fülle entwi­ckeln sich zwei ganz unter­schied­liche Anwalt­s­typen im Baurecht. Zum einen die Pragma­tiker, deren Ziel es ist, die Stoff­fülle syste­ma­tisch auf die wesent­lichen Grund­fragen zu verein­fachen, um mit überschau­barem Aufwand für alle Betei­ligten ein insgesamt möglichst wirtschaft­liches Ziel zu erreichen. Auf der anderen Seite die Taktiker, die bewusst versuchen, die Stoff­fülle und die Schwie­rigkeit ihrer Detail­be­wäl­tigung syste­ma­tisch zum Vorteil ihrer Mandanten einzu­setzen und – bei Bedarf – auch in unter­ge­ord­neten Neben­punkten auf kein nur denkbares Argument und keinen Beweis­an­tritt verzichten. Nach meiner Beobachtung hängt die Zugehö­rigkeit zu einem dieser Anwalt­s­typen in erster Linie vom Naturell ab und nur zweit­rangig vom Honorar­system.


2 Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?

Die Inter­na­tio­na­li­sierung der Baurechts­an­wäl­tinnen und -anwälte wird nach meiner Meinung deutlich zunehmen. Ich habe den Eindruck, als würde sich insbe­sondere auch der Mittel­standim Planungs- und Baube­reich verstärkt um auslän­di­sches Geschäft bemühen; auf jeden Fall sind massive Verbands- und Kammerak­ti­vi­täten von Planer- und Bauor­ga­ni­sa­tionen in diese Richtung feststellbar. Alle diese Leute brauchen bereits in Deutschland intensive recht­liche Unter­stützung, damit sie sich in ihren jewei­ligen Zielländern zurecht­finden und die dortigen recht­lichen Rahmen­be­din­gungen bereits in ihren kalku­la­to­ri­schen Grund­über­le­gungen berück­sich­tigen können.


3 Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Baurecht in fünf Jahren aussehen?


Die Besinnung auf die Grundsätze der anwaltlichen Berufsethik wird eine zunehmende Rolle spielen. Das hat nicht (nur) mit Zeitgeist und Compliance-Idealen zu tun, die auch in anderen Baurecht 2018 Mit den Mandanten nach Europa unterwegs Berufszweigen zunehmend in den Vordergrund rücken. Nein, ich bin der Auffassung, dass die ethischen Grundsätze der anwaltlichen Berufsausübung und die Stellung als Organ der Rechtspflege ein echter Marktvorteil sind, der uns Anwälte von anderen Berufsgruppen am Bau deutlich unterscheidet. Ich ahne auch, dass – schon allein wegen des zunehmenden Konkurrenzdrucks und des wachsenden Preisbewusstseins vieler potenter Auftraggeber – in einigen Jahren auch diejenigen Anwältinnen und Anwälte in derWertschätzung oben stehen  werden, die die beste Leistung zu fairen Bedingungen abliefern und nicht diejenigen, denen es gelingt, die höchsten Kostennoten durchzusetzen (was allerdings kein Widerspruch zu exzellenter Leistung ist).


4 Wo haben Berufsanfänger als Anwalt für Baurecht die größten Chancen?

Der geborene Baurechtler – also einer, der sich aus tiefer Neigung dem Baurecht gleich als Berufs­an­fänger verschreibt – scheint mir eher die Ausnahme zu sein. Das Baurecht kommt zu einem, oft auf Umwegen und man erkennt vielfach erst auf den zweiten Blick, dass es das schönste, das beste und das überwäl­ti­gendste aller Rechts­ge­biete ist. Allein aufgrund dieser Annäherung an das Baurecht lassen sich grund­sätz­liche Empfeh­lungen nicht geben. Es gibt aller­dings auch keine Beschrän­kungen.

5 Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin für Baurecht oder ein junger Anwalt für Baurecht braucht?

Man braucht Organisationstalent. Dies hatmit der oben erwähnten Stofffülle zu tun. VieleMandanten sind oft nicht in der Lage, zwischenWesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden und auch vielfach emotional befangen. Es ist Sache des Rechtsanwalts, den oft unendlich erscheinenden Sachverhalt nach den Aspekten juristischer Relevanz zu ordnen, von dem Mandanten (oder seinen technischenMitarbeitern) die entscheidenden Sachverhalte beizubringen, hierzu die richtigen Fragen zu stellen und alles sachdienlich zu gewichten. Die Rechtskenntnis ist
nur der Ausgangspunkt der eigentlichen Arbeit.

Der Autor ist Fachanwalt für Bau- und Archi­tek­ten­recht und und Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Bau- und Immobi­li­en­recht im Deutschen Anwalt­verein.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere, Heft 13 (Sommer­se­mester 2013) veröf­fent­licht.

Es geht um mehr als Recht – Unternehmen entdecken ihre gesellschaftliche Verantwortung

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Herb, Stuttgart

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich Compliance in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die inter­na­tionale Straf­ver­fol­gungs­praxis hat im Bereich der Korruption in den vergan­genen fünf Jahren deutlich an Schärfe gewonnen. Daneben ist auch eine verstärkte legis­lative Aktivität auf dem Feld der Korrup­ti­ons­ge­setz­gebung zu beobachten. Viele Compliance Organi­sa­tionen haben zudem ihr Portfolio erweitert und kümmern sich um die Themen Geldwäsche, Sankti­ons­lis­ten­prü­fungen und Kartell­rechts-Compliance.

2. Was wird 2016 das bestimmende Ereignis werden?

Eine Kristall­kugel habe ich natürlich nicht. Ich denke aber, dass Compliance auch 2016 ein zentrales Thema in der Gesell­schaft und in der Wirtschaft bleiben wird – das gilt nicht nur für die Großkon­zerne, sondern auch für mittel­stän­dische Unter­nehmen. Für die Firmen wird sicherlich der Geset­ze­s­entwurf zum Unter­neh­mens­straf­recht in Deutschland auf der Agenda bleiben.

3. Wagen Sie eine Prognose: Wie sieht der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Compliance in fünf Jahren aus?

In vielen Unter­nehmen konzen­trierte sich die Tätigkeit der Anwälte zunächst auf die Abarbeitung von Compliance-Verstößen sowie den gleich­zei­tigen Aufbau eines Compliance Management Systems (CMS). Dort, wo der Aufbau des Compliance Management Systems abgeschlossen ist, wird es jetzt darum gehen, dieses nicht nur effektiv zu betreiben sondern auch effizi­enter zu gestalten. Und es wird sich zunehmend die Erkenntnis durch­setzen, dass Compliance, die auf reine Regel­ein­haltung ausge­richtet ist, auf lange Sicht nicht ausreicht, um Unter­neh­mens­werte nachhaltig zu schützen. Es muss sich darüber hinaus eine werte­ge­prägte Haltung im Unter­nehmen und bei allen Beschäf­tigten etablieren und eine Integri­täts­kultur im Unter­nehmen verankert werden. Den Anwälten bietet diese Entwicklung vielfältige Möglich­keiten.

Und noch etwas kann Auswir­kungen haben: Mit der Ende 2014 verab­schie­deten Richt­linie zur Angabe nicht­fi­nan­zi­eller und die Diver­sität betref­fender Infor­ma­tionen durch bestimmte große Unter­nehmen und Gruppen (RL 2014/95/EU) wird die an ethischen Prinzipien ausge­richtete Unter­neh­mens­führung immer mehr zur gesetz­lichen Pflicht von Unter­nehmen. Durch die Abkehr von rein freiwil­ligen Maßnahmen, hin zur Einführung von Corporate Social Respon­si­bility (CSR)-Dokumen­ta­ti­ons­pflichten, könnte dies somit zusätzlich Teil des Tätig­keits­be­reichs von Anwälten in Compliance-Abtei­lungen werden.

4. Wo haben Berufsanfänger im Compliance die größten Chancen?

Die Chancen für Berufs­an­fänger in Compliance Organi­sa­tionen sind generell gut, denn es eröffnen sich auf ganz unter­schied­lichen beruf­lichen Feldern neue Möglich­keiten. Dies gilt insbe­sondere in Großun­ter­nehmen, denn über die Vielzahl der Geschäftspro­zesse bietet der Bereich Compliance viele inter­essante Aufgaben, die für Anwälte mit inter­dis­zi­pli­närer und inter­kul­tu­reller Kompetenz sehr inter­essant sind. Neben den klassi­schen Arbeit­gebern wie Großun­ter­nehmen, Banken und Unter­neh­mens­be­ra­tungen werden auch verstärkt Mittel­ständler Rechts­an­wälte mit Compliance Erfah­rungen benötigen. Zu beobachten ist weiterhin, dass immer mehr inter­na­tionale Wirtschafts­kanz­leien ihr Compliance Beratungsfeld ausweiten.

5. Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich Compliance braucht?

Für die Tätigkeit im Compliance-Bereich ist das grund­sätz­liche Verständnis für betriebs­wirt­schaft­liche Zusam­men­hänge von elemen­tarer Bedeutung. Dem werden Studium und Referen­dariat noch immer nicht hinrei­chend gerecht. Als Anwalt im Unter­nehmen muss man auch unter­neh­me­rische Prozesse ver- stehen und darstellen können. Gerade im Hinblick darauf sehe ich in der juris­ti­schen Ausbildung Steige­rungs­po­tential. Gleiches gilt für die adres­sa­ten­ge­rechte Aufar­beitung von Sachver­halten und Gutachten sowie die Fähigkeit, Risiken zu analy­sieren und sie zu bewerten. Inter­kul­tu­relle Kompetenz spielt eben- falls eine große Rolle, leider lässt die eng getaktete Ausbildung kaum Raum für längere Praktikas abseits der üblichen Pfade.

Der Gesprächspartner ist Rechtsanwalt und Chief Compliance Officer der Daimler AG. Er ist Mitglied des Ausschusses Corporate Social Responsibility und Compliance des Deutschen Anwaltvereins.

 

Recht und Technik in Einklang bringen


Interview mit Dr. Robert Selk, LL.M., München

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich Datenschutzrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?
Die letzte Novellierung des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) erfolgte 2009. Das führte zu Beratungsbedarf bei Unternehmen. Das vor einigen Jahren noch diskutierte Beschäftigten-Datenschutzgesetz dagegen verschwand in der Versenkung: Grund waren die Diskussionen um die EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DS-GVO), auf die sich zuletzt alles konzentrierte. Diese war die letzten Jahre dann auch eines der großen Themen. Seit Dezember 2015 liegt eine finale Fassung vor.

2. Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?
Wenn die EU-DS-GVO im Frühjahr verabschiedet wird, beginnt deren 2-jährige Umsetzungsfrist. Unternehmen haben dann sämtliche ihrer internen Prozesse, bei denen personenbezogene Daten verarbeitet werden, zu ermitteln und zu überprüfen, ob und wie diese anzupassen sind. Zwei Jahre sind dafür sehr knapp, da es nach der Überprüfung vor allem um die Umsetzungen auf operativer Ebene geht.

3. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich Datenschutzrecht in fünf Jahren aussehen?
Er wird sich deutlich in Richtung europäische Tätigkeit verschieben, wird aber auch ein Beratungsmarkt bleiben. Forensische Tätigkeit war bislang eher selten, was sich aber durch die Änderung des UKlaG, wonach bestimmte Datenschutzverstöße von den Verbraucherschutzverbänden etc. verstärkt verfolgt werden können, ändern kann. Hinzukommt, dass die Datenströme internationaler und globaler werden, ebenso wie die Datenmengen und Auswertungsmöglichkeiten – Stichwort „Big Data“ – und damit die Begehrlichkeiten steigen. Insofern wird demGrundsatz „Datenschutz durch Technik“ eine weiter steigende Bedeutung zukommen: Schon jetzt ist das Datenschutzrecht ein stark techniklastiges Recht, wenn es etwa darum geht, die in einer Mobile App oder einem SAP System ablaufenden Datenverarbeitungen zu ermitteln und so zu verstehen, dass sie aufbereitet werden können. Datenschutzrecht Recht und Technik in Einklang bringen Interview mit Dr. Robert Selk, LL.M., München Die ohnehin schon enge Verbindung zur IT-Security, also der Datensicherheit, wird weiter steigen. Die EU nennt diese Verbindung „Privacy by design / by default“, also die Vorgabe, ein Produkt technisch so zu gestalten, dass es datenschutzrechtlich von Anfang an „gut“ ist. Bei der Verarbeitung von Daten geht es zudem stets um Geschäftsprozesse, die in Folge damit über das Datenschutzrecht reguliert werden. Es bleibt daher wichtig, Kenntnisse auch in diesem Bereich zu haben. Denn die rein rechtliche Prüfung eines Datenverarbeitungsvorgangs ist das eine, für den Mandaten oft aber viel wichtiger ist, ihm zu sagen, wie er die datenschutzrechtlichen Vorgaben in seinen Geschäftsprozessen oder Produkten umsetzen kann.

4. Wo haben Berufsanfänger im Datenschutzrecht die größten Chancen?
Die Kombination aus Recht, Technik und Geschäftsprozessen ist für die Anwaltstätigkeit sicherlich nicht typisch. Sie sorgt zudem für persönlichen Mehraufwand, da man sich nicht nur rechtlich, sondern auch in den anderen Bereichen zumindest in Grundzügen fortbilden muss. Genau dies stellt aber auch eine große Chance dar, da nicht jeder bereit ist, diesenWeg zu gehen. Spannend ist – da ein interessantes Tätigkeitsfeld auch für Anwälte –, ob und wie der deutsche Gesetzgeber seinen Spielraum in der EU-DS-GVO ausnutzt, den betrieblichen Datenschutzbeauftragten in der bisherigen Form des BDSG beizubehalten oder zu reduzieren.

5. Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich Datenschutzrecht braucht?
Jede Universität setzt ihre Schwerpunkte anders. Es dürfte aber weiter so sein, dass der Datenschutz – wenn überhaupt – eher nur in Grundzügen zwingender Ausbildungsinhalt ist. Schon die rechtliche Seite einer Ausbildung setzt damit ein hohes Eigenengagement voraus, sei es in Wahlfächern, im Rahmen eines Praktikums oder Selbststudium. Dies gilt umso mehr für die technische und organisatorische Seite, die naturgemäß nicht Inhalt einer juristischen Ausbildung ist.

Der Gesprächspartner ist Rechtsanwalt und Mitglied des Ausschusses Informationsrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Ulrich Karpenstein, Berlin

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich Europarecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

In den letzten fünf Jahren ist die Rechts­be­ratung im Europa­recht noch viel hetero­gener geworden. Bedingt durch eine schier unüber­schaubare Flut an neuen Richt­linien, Verord­nungen und EuGH-Urteilen in allen Bereichen und mit allen Veräs­te­lungen gibt es „den Europa-Anwalt“ längst nicht mehr. Dafür haben wir „die Kartell­rechtler“, „den Beihil­fen­rechtler“, die „Zoll- und Außen­wirt­schafts­ex­perten“ oder die „Agrar­rechtler“. Die grund­sätz­liche Anerkennung auslän­di­scher Gesell­schaften im Inland (Stichwort: das Urteil „Über­seering“) und ungezählte neue Verbrau­cher­schutz- und IPR-Richt­linien haben darüber hinaus die Zivil- und Gesell­schafts­rechtler auf den Plan gerufen. Unerwartet und oft nur wider­willig müssen auch sie sich in die Grund­struk­turen und Wirkungs­weisen des Europa­rechts einar­beiten.

Was wird 2010 das bestimmende Ereignis werden?

Das Inkraft­treten des Vertrages von Lissabon! Wie auch immer die Spielchen des tsche­chi­schen Präsi­denten ausgehen: Die wohl wichtigste Reform in der Geschichte der Europäi­schen Union wird nach der Entscheidung des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts nun nicht mehr aufzu­halten sein. Für uns Europa­rechtler bedeutet sie vor allem: Nachsitzen! Der Reform­vertrag enthält nicht nur eine völlig neue Numme­rierung und eine – ziemlich umständ­liche – Bezeichnung („Vertrag über die Arbeits­weise der Europäi­schen Union“), sondern eine ganze Reihe praxis­re­le­vanter Änderungen.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Zwei Entwick­lungen werden den Markt prägen. Zum einen wird es, dank des Lissabon-Vertrages, zu einer Rückkehr des „klas­si­schen“ Europa-Anwaltes kommen. Nicht nur in den ganz großen „Anwalts­fa­briken“ wird es Anwälte geben müssen, die die gesamte Klaviatur des – dann – „Unions­rechts“ perfekt beherr­schen, einschließlich seiner Gerichts­ver­fahren, der spezi­fi­schen Wirkungs­weise des EU-Rechts und der EU-Grund-Europa­rechte. Hier liegt noch eine Menge Musik. Zum zweiten wird die Rechts­be­ratung im Europa­recht zunehmend „zivi­li­siert“. Nicht mehr das öffent­liche Recht, sondern die Zivil- und Gesell­schafts­rechtler werden den Markt dominieren. Denn die Entwicklung eines europäi­schen Zivil­ge­setz­buches und weitere europäische Gesell­schaften werden auf Dauer nicht mehr zu verhindern sein. Natürlich wird der Rechts­dienst­leis­tungs­markt dadurch auch europäi­scher.

Wo haben die Berufsanfänger im Familienrecht die größten Chancen?

Derzeit noch imKartell- und Beihil­fen­recht. Fast alle renom­mierten großen Kanzleien unter­halten in der Europa-Haupt­stadt Brüssel eigene Büros, die sich auf das EU-Wettbe­werbs­recht fokus­sieren. Hier sind Spezia­lis­tenmit Sprach­kennt­nissen und wirtschaft­lichem Sachver­stand gefragt – auch Berufs­an­fänger.

Was vermitteln Studium und Rechtsreferendariat nicht, was ein junger Anwalt / eine junge Anwältin für das Familienrecht braucht?

Viele Lehrbücher und Vorle­sungen legen viel zu viel Gewicht auf die europäi­schen Insti­tu­tionen. Eine gut organi­sierte Studi­en­fahrt nach Brüssel und/oder Luxemburg sollte hier genügen. Viel wichtiger wäre es, anhand von zwei, drei prakti­schen Fällen in die Tiefe zu gehen.Hier beginnt Europa­recht Spaß zumachen und hier lernt man die Eigen­heiten dieser Rechts­ordnung kennen, dieman für die Praxis braucht. Zum Beispiel das „Spiel über die Bande“: Europa ist längst zu einer Spiel­wiese für Inter­essen geworden, die sich auf natio­naler Ebene nicht durch­setzen lassen. Von der EU-Kommission und dem EU-Gerichtshof erhofftman Unter­stützung, wenn man vor einer natio­nalen Insti­tution gescheitert ist. Dieses Spiel betreiben übrigens keineswegs nur Anwälte, Unter­nehmen oder Inter­es­sen­ver­bände. Von vielenMi­nis­terien und Bundes­ländern ist bekannt, dass sie sich bei der Kommission über Verlet­zungen des EU-Rechts beschweren oder beim Rat auf Vorschriften drängen, die in Deutschland keine Chance hätten. Jeder Euro-Praktiker hält hier viel Anschau­ungs­ma­teria bereit – und da sollten auch die Seminare zum EU-Recht ansetzen.

Der Autor ist Mitglied des Umweltrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins und dessen Europabeauftragter.

Der Beitrag wurd ein Heft 2/2009 (Winter­se­mester 2009/2010) veröf­fent­licht.

Leben Sie, wir kümmern uns um das Erbe

Text: Rechtsanwalt Dr. Andreas Frieser, Bonn

Das Erbrecht findet sich im 5. Buch des BGB. Doch es ist längst eine Spezialmaterie für Anwälte geworden, die mehr als das BGB kennen.

Den Fachanwalt für Erbrecht gibt es gerade einmal zwei Jahre. Die Fachan­walt­schaft war nicht der Start­schuss für eine anwalt­liche Spezia­li­sierung, sondern der Schluss­punkt einer Entwicklung. Schon lange ist das Erbrecht keine Domäne des Einzelan­walts mehr (wenig sinnvoll Feld-, Wald- und Wiesenanwalt genannt) oder gar ein Anhängsel des Zivil­rechts. Heute ist die Mehrzahl anwalt­licher Spezia­listen auf dem Gebiet des Erbrechts in kleineren Praxen tätig und macht gerade deshalb die Spezia­li­sierung nach außen erkennbar.

Das Erbrecht ist nichts für Schmal­spur­an­wälte. Es gibt Berüh­rungs­punkte etwa zum Steuer-, Gesell­schafts-, Familien- und Sozial­recht. Wer die nötigen Kennt­nisse nicht erwirbt, wird sich auf dem Beratungs­markt nicht durch­setzen – und kann auch nicht Fachanwalt für Erbrecht werden. Wer auf Unter­neh­mens­nach­folge spezia­li­siert ist, braucht besondere steuer­recht­liche Kennt­nisse (vielleicht durch einen zusätz­lichen Fachanwalt für Steue­recht belegt).

Der Erbrechts­anwalt kann auf verschie­denen Teilge­bieten „seiner“ Materie tätig werden: verschach­telte Unter­neh­mens­be­tei­li­gungen, Auslands­ver­mögen – von auf den Cayman Islands errich­teten Trusts bis zum Ferienhaus auf Mallorca – oder urheber­recht­liche Positionen wollen vererbt werden. Ehe- und Erbver­träge sind zu entwerfen; verschenkte Immobilien sollen vor dem Zugriff der Sozial­hil­fe­be­hörde gerettet werden.

Wie sieht die Arbeit aus:

  • Kautelarjurist: Sein Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung von Erb- und Gesellschaftsverträgen. Er kann bei der Errichtung von Stiftungen beraten und umfassend (auch unter Einbeziehung ausländischer Rechtsordnungen) Nachfolgeplanungen entwerfen, dabei auf die Harmonisierung von erb- und gesellschaftsvertraglicher Regelung achten.
  • Forensisch tätiger Anwalt: Der Anwalt mit dieser Ausrichtung entspricht noch am ehesten dem gängigen Bild des Vertreters in gerichtlichen Auseinandersetzungen. Die Quote der streitigen Erbfälle, die tatsächlich zu Gericht geht, ist jedoch gering.
  • Tätigkeit in einem „Family Office“: Diese wird überwiegend von Rechtsanwälten in größeren, meist international tätigen Sozietäten ausgeübt. Sie umfasst die Beratung wohlhabender Einzelpersonen oder Familien in praktisch allen Lebenslagen, von der Vermögensverwaltung über die Steuerberatung bis zur Stiftungserrichtung und der Betreuung bei Rechtsstreitigkeiten auch alltäglichen Zuschnitts.
  • Unternehmensanwalt: Eine Reihe mittelgroßer Anwaltskanzleien ist umfassend für mittelständische Unternehmen in einer Art „Rundumbetreuung“ tätig, wobei gesellschaftsrechtliche Fragestellungen ebenso eine Rolle spielen wie die im Unternehmen täglich anfallenden Probleme (Handelsvertreterrecht, Kaufrecht etc.). Die Nachfolgeplanung spielt dabei eine wichtige Rolle. Das streitige Erbrecht hat hier eine untergeordnete Bedeutung, sieht man von der – nicht selten erforderlichen – Verteidigung des Nachfolgemodells (beispielsweise gegen Pflichtteilsansprüche) ab.
  • Tätigkeit als Nachlasspfleger und Nachlassverwalter: Diese Tätigkeit wird häufig von jüngeren Kollegen als Einstieg in die Praxis als Erbrechtsanwalt gewählt. Gerichte greifen auf Anwälte, die sich in – wirtschaftlich – „kleinen“ Fällen bewährt haben, zurück, auch wenn es um die Auswahl eines Testamentsvollstreckers (vgl. § 2200 BGB) geht oder eine größere Nachlassverwaltung „zu vergeben“ ist. Darüber hinaus lassen sich durch die Tätigkeit als Nachlasspfleger oder Nachlassverwalter Kontakte zu erbrechtlich spezialisierten Anwaltspraxen aufbauen.
  • Tätigkeit als Testamentsvollstrecker: Die Zahl der Nachlässe, die durch Testamentsvollstrecker begleitet bzw. abgewickelt werden, nimmt zu. Sich allein auf die Tätigkeit als Testamentsvollstrecker zu konzentrieren, ist praktisch nicht möglich. Es gilt aber: Ohne Kenntnis des Testamentsvollstreckerrechts ist eine Spezialisierung auf das Erbrecht nicht vorstellbar.

Die Kombi­nation aus verschie­denen Phäno­menen, die jedes für sich genommen zu faszi­nieren vermögen, macht das Erbrecht attraktiv. Es geht um Geld, Macht, Reichtum, Famili­en­ge­schichte(n), um Intrigen, psycho­lo­gische Verwick­lungen, bisweilen sogar um „Krimis“. Es geht immer um Vermö­gens­werte, um mit Leiden­schaft geführte Ausein­an­der­set­zungen, denen bei entspre­chendem Hinweis auf den wirtschaft­lichen Kern doch häufig der irrationale Faktor „entzogen“ werden kann.

Der Autor ist Partner bei Redeker Sellner Dahs & Widmaier und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Erbrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere, Heft 1 (Sommer­se­mester 2007) veröf­fent­licht.

Interview: Rechtsanwalt Dr. Burkhard Binnewies, Köln

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich Handels- und Gesellschaftsrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die Europäi­sierung hat den Markt in den vergan­genen Jahren besonders geprägt. Dies gilt für die Wissen­schaft, für den Gesetz­geber und für die Praxis. Von der Wissen­schaft vorbe­reitet hat der Gesetz­geber die Richt­linie zur europäi­schen Gesell­schaft (SE) umgesetzt. Die neue Rechtsform haben bislang nur wenige inter­na­tional operie­rende Großkon­zerne genutzt. In der Praxis bedeut­samer war der Import der auslän­di­schen Rechts­formen ins Inland. Propa­giert durch eine beispiellose Werbe­schlacht entspre­chender Anbieter haben insbe­sondere tausende Existenz­gründer die Rechtsform der engli­schen Limited als Pendant zur GmbH gewählt. Sie wollten die Kapital­auf­brin­gungs­vor­schriften des deutschen Rechts umgehen. Die recht­liche Basis hat der EuGH bereitet. Im EU-Ausland gegründete Kapital­ge­sell­schaften sind hier anzuer­kennen, wenn sie den Verwal­tungssitz ins Inland verlegen und der Gründungs­staat den Wegzug rechtlich zulässt. Dies schien zunächst für viele Existenz­gründer attraktiv zu sein, da eine kosten­günstige, schnelle Gründung ohne das Erfor­dernis der Aufbringung geschützten Kapitals versprochen wurde. Jetzt wird bemerkt: Auf Dauer kehrt sich der Kosten­vorteil um. Die Rechts­be­ratung im auslän­di­schen Recht, die zwangs­läufig auf Dauer in Anspruch genommen werden muss, ist teuer. Darüber hinaus drohen ungeahnte steuer­recht­liche Risiken. Vor diesem Hinter­grund hat der Gesetz­geber die GmbH-Reform auf den Weg gebracht. Sie ist am 1.11.2008 in Kraft getreten. Zwar bleibt es für die GmbH deutschen Rechts bei einem geschützten Stamm­ka­pital von 25.000 Euro. Aller­dings hat der Gesetz­geber für Existenz­gründer die sog. Unter­neh­mer­ge­sell­schaft haftungs­be­schränkt (§ 5 a GmbHG n.F.) geschaffen. Es ist die GmbH ohne Mindest­ka­pital.

Was wird 2009 das bestimmende Ereignis werden ?

Die GmbH-Reform mit den ersten Erfah­rungen zu der Unter­neh­mer­ge­sell­schaft haftungs­be­schränkt. Dann wird sich zeigen, ob diese „GmbH-light“ vom Markt angenommen werden wird. Darüber hinaus plant der europäische Gesetz­geber eine weitere Form einer europäi­schen Gesell­schaft. Hier wird sich zeigen, ob eine in der Praxis handhabbare europaweit geltende Rechtsform geschaffen wird.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Ich wäre Hellseher, wenn ich das wüsste. Der Markt wird sicherlich bunter. Das Angebot der Rechts­formen wird vielfäl­tiger. Damit wächst der Beratungs­bedarf. Dazu könnte die wirtschaft­liche Entwicklung passen. Ist sie in den künftigen Jahren positiv, führt auch dies zu wachsendem Beratungs­bedarf im Handels- und Gesell­schafts­recht. Aufgrund des Zusam­men­wachsens Europas wird es nicht nur im Konzern­be­reich, sondern auch im mittel­stän­di­schen Bereich inter­na­tio­naler werden.

Wo haben Berufsanfänger im Handels- und Gesellschaftsrecht die größten Chancen?

Handels- und Gesell­schafts­recht wird vom Einzelanwalt bis zum in einer inter­na­tional aufge­stellten Großkanzlei tätigenden Spezia­listen angeboten. Das wird auch in der Zukunft so bleiben. Es hängt von der Quali­fi­kation und den Neigungen des jungen Juristen ab, wo er seine Chance sieht. Wer als Referendar unter­schiedlich aufge­stellte Kanzleien kennen gelernt hat, kann beurteilen, wo er das „Maß der Freude“ entwi­ckeln kann, das den erfolg­reichen Anwalt ausmacht. Der Spaßfaktor bei der Arbeit ist auch entscheidend für eine gelungene Abstimmung von Arbeits- und Privat­leben.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was ein junger Anwalt / eine junge Anwältin für das Handels- und Gesellschaftsrecht braucht?

Das Verständnis für wirtschaft­liche Zusam­men­hänge. Auch die Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­higkeit – schriftlich und mündlich – kommt inzwi­schen zu kurz. Junge Bewerber sind immer weniger in der Lage zu erkennen, wie ihr Auftreten im geschäft­lichen Umfeld ankommt. Der

Gesprächspartner ist Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss der Arbeitsgemeinschaft Handels- und Gesellschaftsrecht im Deutschen Anwaltverein.

Der Beitrag wurd ein Heft 2/2008 (Winter­se­mester 2008/2009) veröf­fent­licht.

Leben von der Krise

Insolvenzrecht: Abschwung mit dem Aufschwung?

Text: Rechtsanwalt Dr. Andreas Ringstmeier, Köln

Vom Leid der anderen profitieren: Die Insolvenzrechtler galten in den vergangenen Jahren als „die“ Krisengewinnler unter den Anwälten. Jetzt hoffen die Neider, dass mit dem Aufschwung der Abschwung bei den Insolvenzrechtlern einsetzt. Insolvenzrecht – ein Markt für den Nachwuchs?

Das Insol­venz­recht erscheint vielen als ewig sprudelnde Quelle reich­hal­tigen Honorars. Das glauben nicht nur viele Insol­venz­richter. Woran das liegt? 1999 löste die Insol­ven­z­ordnung (InsO) das Vergleichs- und Konkurs­rechts ab. Die InsO trat zu einer Zeit in Kraft, als die Rezession einsetzte. Sie hatte deshalb die Chance, sich bei einer von Jahr zu Jahr anstei­genden Zahl von Unter­neh­mens­in­sol­venzen zu bewähren: Die Zahl der Unter­neh­mens­zu­sam­men­brüche lag 1999 noch bei 26.476, stieg 2001 auf 32.278 und erreichte 2003 die Zahl von 39.320. Promi­nente Namen waren darunter: die Kirch-Gruppe, die Insolvenz von Babcock Borsig mit insgesamt rund 160 Betei­li­gungs­ge­sell­schaften, die Bauge­sell­schaften Holzmann (Bundes­kanzler Gerhard Schröder damals: „Wir haben es geschafft!“ – Diese Aussage bezog sich aller­dings nicht auf den Zusam­men­bruch des Unter­nehmens, sondern auf die zunächst geglaubte Sanierung der Gesell­schaft) und Walther Bau sowie Brochier, BenQ, AgfaPhoto und ganz aktuell die Insolvenz der Schieder-Gruppe.

Kein Wunder also, dass man den Markt der Insol­venz­be­ratung und Insol­venz­ab­wicklung als Wachs­tums­markt sah. Und das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt machte zudem Vielen Hoffnung: Es unter­sagte die an den meisten Insol­venz­ge­richten geübte Praxis, nur einen kleinen Kreis von Personen – diese aber immer wieder – mit der Abwicklung von Insol­venz­ver­fahren zu betrauen. Das Gericht entschied, dass jedem geeig­neten Bewerber (das ist im Prinzip jeder Jurist) eine faire Chance einge­räumt werden müsse, das Amt eines Insol­venz­ver­walters ausüben zu dürfen. Kaum war die Entscheidung ergangen, „brachen die Dämme“. Ein kleineres Insol­venz­ge­richt hat vielleicht 15 Insol­venzen im Jahr zu vergeben, aber eine Liste mit teilweise mehr als 200 geeig­neten Bewerbern. Und die Zahl der Unter­neh­mens­in­sol­venzen sinkt seit 2005. Sie wird weiter sinken, weil endlich der Aufschwung da ist. Führt also der Aufschwung zum Abschwung im Insol­venz­recht?

Keineswegs! Das Insol­venz­recht ist längst in der täglichen anwalt­lichen Praxis angekommen. Die Zahl von eröff­neten Insol­venz­ver­fahren sagt nichts über das Bedürfnis an anwalt­licher Beratung im Zusam­menhang mit Insol­venz­fragen. Das vorsor­gende Unter­nehmen, der voraus­schauende Mittel­ständler denkt heute auch in guten Zeiten an die Krise. Dies gilt umso mehr, als die zum Teil spekta­ku­lären – und von vielen nicht erwar­teten – Firmen­zu­sam­men­brüche der vergan­genen Jahre das Bewusstsein dafür geschärft haben, dass die eigene Firma (oder die des Vertrags­partners) in eine Schieflage geraten kann. Insol­venz­ver­walter berichten, dass das Beratungs­ge­schäft überpro­por­tional angestiegen ist – und reagieren darauf.

Die Anfor­de­rungen an den Anwalt steigen deshalb weiter: Beratung und Vertretung im Zusam­menhang mit befürch­teten, drohenden oder bereits einge­tre­tenen Insol­venzen verlangen auch vom Anwalt Grund­kennt­nisse der Betriebs­wirt­schafts­lehre – und ein sicheres Händchen im Umgang mit Mandanten. Der Reiz des Insol­venz­rechts liegt aber in der Vielfalt: Berüh­rungs­punkte gibt es natürlich mit dem Zivil­recht, insbe­sondere dem Kredit­si­che­rungs­recht, daneben aber auch mit dem Gesell­schafts­recht, dem Arbeits- und Sozial­recht, dem Steuer­recht, dem öffent­lichen Recht sowie dem Straf­recht, um nur die wichtigsten Rechts­ge­biete zu nennen. Neuerlich hat auch das inter­na­tionale Insol­venz­recht mehr und mehr an Bedeutung zugelegt.

Insol­venz­recht ist nichts für Nischen­spe­zia­listen. Ein Rechts­anwalt im Insol­venz­recht wird eintönige und sich wieder­ho­lende Standard­si­tua­tionen nur selten erleben. Das verlangt solide und sehr breit gefächerte Kennt­nisse des Rechts. Verbindet sich das mit Grund­la­gen­wissen der Betriebs­wirt­schafts­lehre sowie mit kreativer Flexi­bi­lität und der Lust zu perma­nenter Fortbildung, dann ist für solche Anwärter noch Platz in der Insol­venz­szene – Verle­gen­heits­kan­di­daten werden sich kaum behaupten können.


Der Autor ist Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht und Sanierung im Deutschen Anwaltverein.

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Andreas Ringstmeier, Köln

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Das Insol­venz­recht wird besonders gefragt sein, weil es zu einer höheren Zahl von Unter­neh­mens­krisen kommen wird. Noch drama­ti­scher wird der Anstieg der Insol­venzen natür­licher Personen sein. Das ist auch eine Folge von Unter­neh­mens­zu­sam­men­brüchen, weil diese fast immer mit dem Abbau von Arbeitsplätzen verbunden sind.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

Viele auf das Insol­venz­recht spezia­li­sierte Kanzleien haben sich bereits personell verstärkt oder werden dies in der nächsten Zeit nachholen. Bei den Firmen­in­sol­venzen wird sich die Aufga­ben­stellung inhaltlich etwas verändern: Wir werden es häufiger mit Unter­neh­mens­krisen zu tun haben, bei denen nicht fehlende Aufträge oder die eigene wirtschaft­liche Schwäche insol­venzaus­lösend ist, sondern äußere Umstände (wie zum Beispiel eine Häufung von Forde­rungs­aus­fällen). Das stellt die Insol­venz­rechtler vor völlig andere Sanie­rungs­auf­gaben.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Für den juris­ti­schen Nachwuchs ist es schwierig, nach Abschluss der Ausbildung „aus dem Stand heraus“ das Insol­venz­recht zu besetzen. Mindestens das Grund­wissen der Betriebs­wirt­schafts­lehre oder die selbst gesam­melten Erfah­rungen bei einem Insol­venz­prak­tiker sind vonnöten.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare?

Studenten und Referendare, die sich für das Insol­venz­recht inter­es­sieren, sollten schon während der Ausbildung in insol­venz­rechtlich geprägten Kanzleien Praktika machen oder nach einem Nebenjob fragen. Die Kennt­nisse betriebs­wirt­schaft­licher Grund­lagen oder zumindest der Grundzüge handels­recht­licher Buchführung erleichtern den späteren Einstieg beträchtlich.

Der Gesprächspartner ist Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht & Sanierung im Deutschen Anwaltverein.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Anwaltliche Berater als Navigatoren in der digitalen Welt

Interview mit Rechtsanwältin Dr. Astrid Auer-Reinsdorff, Berlin

 

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich IT-Recht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Inzwi­schen durch­dringen IT-Anwen­dungen und IT-gestützte Services nahezu alle Lebens­be­reiche und Geschäfts­felder. Die Fachan­wäl­tinnen und Fachan­wälte für IT-Recht sind zu Naviga­toren in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft geworden. Längst beschäf­tigen sich nicht nur angren­zende Rechts­ge­biete wie das Urheber- und Medien­recht, sondern alle Fachan­walt­schaften sowie die Allgemein- und Syndi­kus­an­wälte mit den Schnitt­stellen und vernetzen sich mit den IT-Rechtlern. Ein Teil der inzwi­schen ausge­bil­deten Kolle­ginnen und Kollegen fokus­siert sich auf einen Ausschnitt aus dem breiten Themen­spektrum, so dass Beratung punktuell und hoch spezia­li­siert verfügbar ist, wobei andere als IT-Genera­listen die Mandant­schaft umfassend beraten.

2. Was wird 2016 das bestimmende Ereignis werden?

Auch 2016 wird im Zeichen der daten­schutz­recht­lichen und IT-sicher­heits­recht­lichen Fragen stehen. Es ist zu erwarten, dass mit der Daten­schutz-Grund­ver­ordnung ein harmo­ni­sierter Rechts­rahmen für die Verar­beitung von perso­nen­be­zo­genen und perso­nen­be­zieh­baren Daten für den Europäi­schen Wirtschaftsraum geschaffen wird. Dies bietet die Chance, mit der Erarbeitung inter­na­tional abgestimmter Grund­sätze voran­zu­gehen. Daneben wird der Diskurs um die Ausge­staltung der urheber­recht­lichen Rahmen­be­din­gungen aufge­nommen werden. Es gilt, den Inter­es­sen­aus­gleich zwischen den Verwer­tungs- und Umsat­z­in­ter­essen, der Ausein­an­der­setzung der Öffent­lichkeit mit den Werken und der modernen Nutzungs­mög­lich­keiten in der digital vernetzten und always-on-Welt neu zu bestimmen.

3. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich IT-Recht in fünf Jahren aussehen?

Die Nachfrage nach IT-recht­licher Beratung wird weiter steigen. Zielgruppen sind Unter­nehmen bei der Gestaltung ihrer Geschäftspro­zesse und -modelle einschließlich der techni­schen und organi­sa­to­ri­schen Maßnahmen zur Aufrecht­er­haltung von Daten­schutz und IT-Sicherheit. Dies betrifft den Inter­ne­t­auf­tritt, den Online-Shop, das Webportal, mobile App- Anwen­dungen mit unter­schied­lichsten Heraus­for­de­rungen wie zum Beispiel mobile Bezahl­dienste. Zugleich nimmt die Vielfalt an digitalen Produkten und Dienst­leis­tungen sowie die Verknüpfung des Alltags­lebens mit digitalen Anwen­dungen zu, weshalb ingenieur­tech­nische Frage­stel­lungen mit einzu­be­ziehen sowie (Produkt-)Haftungs­fragen neu zu beant­worten sind.

4. Wo haben Berufsanfänger im IT-Recht die größten Chancen?

Mittler­weile ist eine verstärkte Nachfrage nach Fachan­wälten für IT-Recht auch seitens der Rechts­ab­tei­lungen großer Unter­nehmen zu verzeichnen. Weiterhin bestehen Lücken in mittleren Kanzleien hinsichtlich der IT-recht­lichen Beratungs­felder und Berufs­ein­steiger mit (ausge­fal­lenen) Sprach- und rechts­ver­glei­chenden Kennt­nissen können weitere Nischen besetzen.

5. Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich IT-Recht braucht?

Wesent­licher Bestandteil der IT-recht­lichen Beratung ist die Gestaltung und das Verhandeln von Verträgen sowie die voraus­schauende Beratung bei der Entwicklung von digitalen Produkten und Angeboten. Dies erfordert neben profunden vertrags und urheber­recht­lichen Kennt­nissen sowie Gestal­tungs­wissen auch im AGB-recht­lichen Rahmen die Fähigkeit, Sachver­halte zu antizi­pieren und belastbare Folgen­ab­schät­zungen zu treffen. Sachver­halte sind in Studium und Referen­dariat eher vorge­geben. Daher haben Studenten und Referendare Bedarf, sich gestal­te­risch auszu­pro­bieren und recht­liche Fragen vor unter­schied­lichen Inter­es­sen­lagen zu bewerten. Vertrags­ge­staltung sowie die Begleitung in Krisen­si­tua­tionen braucht selbst­be­wusste kreative Juristen, die bereit sind, mit Bedacht aufgrund von Risiko­ab­wä­gungen Entschei­dungen zu treffen. Die Gesprächs­part­nerin ist Rechts­an­wältin und Vorsit­zende der Arbeits­ge­mein­schaft IT-Recht im Deutschen Anwalt­verein.

Interview: mit Rechtsanwältin und Notarin Ingeborg Rakete-Dombek, Berlin

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich Familienrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die zuneh­mende Spezia­li­sierung und zuneh­mende Zahl der Fachan­wälte für Famili­en­recht haben auch zu einer Konzen­tration der Verfahren bei den „Experten für das Famili­en­recht“ und damit zu einer noch stärkeren Profes­sio­na­li­sierung der anwalt­lichen Tätigkeit geführt. Das Famili­en­recht, hier besonders das Unter­halts­recht mit seinen Änderungen zum 01.01.2008, hat sich zu einer hochkom­plexen Materie entwi­ckelt,die ohne Spezi­al­kennt­nisse nicht mehr zu bewäl­tigen ist.

Was wird 2010 das bestimmende Ereignis werden?

Wir hoffen, dass das Jahr 2010, nachdem zum 01.09.2009 erneut ein Totalumbau der Rechts­regeln des Famili­en­rechts n Kraft getreten ist, ein Jahr wird, das zunächst einmal keine weiteren Reformen bringt und uns deshalb Gelegenheit gibt, in Ruhe an der Umsetzung der bishe­rigen Reformen in die Praxis zu arbeiten.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Der Bedarf an profes­sio­nellem Rechtsrat wird wachsen, da die „Verrecht­li­chung“ aller privaten Bezie­hungen zunimmt. Immer mehr Menschen werden durch Ehever­träge Vorsorge für den Konflikt treffen. Da die nicht­ehe­lichen Lebens­formen mit Kindern neben der Ehe massiv zunehmen – jedoch hierfür kaum recht­liche Regelungen vorge­sehen sind –, ist der Bedarf an Verein­ba­rungen dort besonders hoch, um den Schutz des wirtschaftlich Schwä­cheren zu gewähr­leisten. Die demogra­phische Entwicklung wird es auch erfor­derlich machen, Vorsor­ge­voll­machten und Patien­ten­ver­fü­gungen zu gestalten und den Unterhalt der älteren Bürger sicher zu stellen. Wegen der Vielfäl­tigkeit der Lebens­formen, die unsere Gesell­schaft entwi­ckelt, wachsen den Famili­en­an­wälten auch zahlreiche neue Aufgaben zu. Die „Euro­päi­sierung und Inter­na­tio­na­li­sierung des Famili­en­rechts“ schreitet im Leben der Menschen voran. Fundierte Kennt­nisse des inter­na­tio­nalen und europäi­schen Famili­en­rechts werden wichtiger. Man kann daraus schon sehen, dass uns die Arbeit nicht ausgehen wird.

Wo haben die Berufsanfänger im Familienrecht die größten Chancen?

Vorrangig dort, wo schon spezia­li­sierte Famili­en­an­wälte arbeiten. Die Zahl der Famili­en­an­wälte nimmt auch innerhalb von Sozie­täten zu. Es wird nicht mehr nur die eine Frau für das emotionale famili­en­recht­liche Gebiet in Männer­so­zie­täten geben, sondern in Kanzleien, die erfolg­reich sein wollen, ein quali­fi­ziertes Team, das vor allem auf den immer auch tangierten Neben­ge­bieten (Steuer­recht, Erbrecht, Sozial­recht, Gesell­schafts­recht, etc.) die Mandanten quali­fi­ziert beraten kann.

Was vermitteln Studium und Rechtsreferendariat nicht, was ein junger Anwalt / eine junge Anwältin für das Familienrecht braucht?

Famili­en­an­wälte müssen ihre Mandanten in einer zutiefst krisen­haften Lebens­si­tuation sozial kompetent, mit Augenmaß und Verhand­lungs­ge­schick durch das Verfahren schon ab der Trennung begleiten und sollten jede Überi­den­ti­fi­kation mit dessen (meist sehr emotio­nalen) Problemen vermeiden können. Sonst verstellen sie sich den Blick auf die relevanten Rechts­fragen ebenso wie sie sich die Möglichkeit einer Einigung verbauen. Die Strate­gie­be­ratung und Kommu­ni­ka­ti­ons­fä­higkeit, also die sogenannten „Soft-Skills“ des beruf­lichen Alltags (ausrei­chende Empathie für den Mandanten, aber auch die notwendige Abgrenzung) werden nicht gelehrt. Die Quali­fi­ka­tionen auf weiteren relevanten Gebieten fehlen, z.B. muss ein Famili­enanwalt die Qualität eines foren­si­schen Sachver­stän­di­gen­gut­achtens in Kindschaftssachen überprüfen können, er muss das Renten und Versor­gungs­aus­gleichs­recht, das Gesell­schafts­recht, das Sozial­recht und das Erbrecht sowie das Arbeits­recht und die Bezüge und Auswir­kungen dieser Rechts­ge­biete auf das Famili­en­recht kennen und erkennen. In der Praxis­müssen Famili­en­an­wälte viel Wissen und Erfahrung deshalb selbst sammeln und sich ständig fortbilden. Das gelingt am besten in der Kommu­ni­kation mit anderen Famili­en­an­wälten. Der notwendige „breite Blick“ auf jedes indivi­duelle Mandan­ten­schicksal und die gefragten Zusatz­qua­li­fi­ka­tionen machen die Tätigkeit im Famili­en­recht aber gerade so inter­essant.

Die Gesprächspartnerin ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Familienrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurd ein Heft 2/2009 (Winter­se­mester 2009/2010) veröf­fent­licht.

Brexit ist Herausforderung für Unionsmarken

Interview mit Rechtsanwalt Jens K. Fusbahn, Düsseldorf

Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Markenrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Die weiter wachsende Bedeutung des Internets und der Social-Media-Dienste hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass Kennzeichen und Marken auf immer vielfältigere Weise verwendet werden. Längst finden Markenverletzungen nicht mehr nur durch Produktpiraterie statt, sondern Anwältinnen und Anwälte befassen sich mit der Zulässigkeit von Metatags, Keywords, Adwords oder der Nutzung von Marken, Unternehmenskennzeichen oder Werktiteln im Bereich Social-Media-Dienste. Bei neuen Online-Angeboten verschwimmen die Grenzen zwischen Marken- und Wettbewerbsrecht, Urheber und Medienrecht und IT-Recht. Im Bereich der Durchsetzung von Markenrechten prägen natürlich auch weiterhin Eilverfahren die tägliche Arbeit. Nachdem aber insbesondere im Bereich von Domainstreitigkeiten alternative Streitbeilegungsver fahren zu bewährten und effizienten Alternativen zum gerichtlichen Verfahren geworden sind, sind ADR-(Alternative-Dispute-Resolution)-Verfahren insgesamt zu einem wichtigen Zukunftsthema für den Rechtsmarkt geworden.

Was wird 2017 das bestimmende Ereignis werden?

2017 wird die EU mit dem sog. Brexit möglicherweise vor dem ersten Ausscheiden eines Mitgliedsstaates stehen. Dies wird auch im Markenrecht spannende Fragen aufwerfen. Bisher hat sich der Kreis der Mitgliedsstaaten nur erweitert, und der Schutz der Unionsmarken (früher Gemeinschaftsmarken) hat sich nach den entsprechenden EU-Verordnungen auf die neuen Mitgliedsstaaten ausgedehnt. Für einen Austritt eines Mitgliedstaates aus der EU sieht die Unionsmarkenverordnung keine ausdrückliche Regelung vor. Es wird also zu regeln sein, ob auf Basis von Vereinbarungen zwischen der EU und Großbritannien eine weitere Teilnahme am Unionsmarkensystem möglich bleiben soll, ob vor dem Brexit eingetragene Unionsmarken fortgelten und nur für die Zeit nach dem Brexit Markenschutz beim nationalen Markenamt angemeldet werden muss oder ob schließlich bestehende Unionsmarken mit dem Brexit ihren Schutz tatsächlich verlieren sollen. In diesem Fall bestimmter Fristen nationale Schutzrechte aus den Unionsmarken abzuspalten, um den Schutz bereits eingetragener Marke aufrechterhalten zu können.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Markenrecht in fünf Jahren aussehen?

Marken werden in unserer immer stärker von Kommunikation geprägten Welt weiter an Bedeutung gewinnen. Wie schon in den zurückliegenden Jahren erwarte ich daher eine zunehmende Technisierung und Internationalisierung der markenrechtlichen Arbeit. Legal tech wird auch im Markenrecht ein Stichwort sein.

Wo haben Berufsanfänger im Markenrecht die größten Chancen?

Markenanwältinnen und -anwälte können bei Ihrer Arbeit deutlich von erfahrenen Kollegen und gut funktionierenden Netzwerken profitieren. Die Arbeit im Markenrecht macht heute nicht an Sprach- und Landesgrenzen halt. Die Besonderheiten beim grenzüberschreitenden Schutz und bei der Durchsetzung von Markenrechten auch außerhalb von Deutschland, sowie die üblichen Abläufe in der Betreuung eines großen Markenportfolios können also vor allem in spezialisierten, international gut vernetzten Kanzleien und bei Markenartiklern erlernt werden, die Ihre Marken weltweit schützen und durchsetzen.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Markenrecht braucht?

Die besonderen Kenntnisse im Markenrecht lernt eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt erst in einer spezialisierten Kanzlei oder im Rahmen des Fortbildungsangebots für Fachanwälte. Spannende Fortbildungsangebote finden Interessierte im Angebot der Arbeitsgemeinschaft Geistiges Eigentum & Medien (AGEM) im DAV. Das für die erfolgreiche Markenarbeit notwendige Gefühl erlernt man erst „on the job“.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht. Er ist Mitglied im Geschäftsführenden Ausschuss der Arbeitsgemeinschaft Geistiges Eigentum & Medien im Deutschen Anwaltverein.

Heft 2/2016

Interview: mit Rechtsanwalt Dr. Christian Duve, München

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich Mediation in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

In den letzten fünf Jahren hat die Initiative der EU-Kommission für eine Richt­linie zur Förderung der Mediation die Diskussion über die recht­lichen Rahmen­be­din­gungen der Mediation beherrscht. Nach der Veröf­fent­li­chung eines Grünbuchs und der Verab­schiedung eines Verhal­tens­kodex für Vermittler wurde schließlich eine EU-Richt­linie fürMe­diation in zivil- und handels­recht­lichen Strei­tig­keiten verab­schiedet.Der Anwen­dungs­be­reich der Richt­linie ist zwar auf grenz­über­schrei­tende Ausein­an­der­set­zungen beschränkt. Dennoch ist damit zu rechnen, dass viele EU-Mitglieds­staaten die Richt­linie auch für inlän­dische Strei­tig­keiten umsetzen werden. Das Bundes­mi­nis­te­ri­umder Justiz arbeitet derzeit einen Referen­ten­entwurf für ein Media­ti­ons­gesetz aus.

Was wird 2010 das bestimmende Ereignis werden?

Das bestimmende Ereignis im Jahr 2010 wird der Erlass eines Mediationsgesetzes sein. Das Gesetz wird die Mediation stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken.
Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?
Im internationalen Wirtschaftsverkehr wird die Nachfrage nach der Mediation nicht sprunghaft, aber langsam und stetig zunehmen. Die veränderte Klauselpraxis der letzten Jahre wird dazu führen, dass öfter vor einem Schiedsverfahren noch eine Mediation durchgeführt wird. Die Mediation wird sich als eine Konfliktbeilegungsmethode neben der Schiedsgerichtsbarkeit etablieren, ohne diese oder die Prozessführung vor staatlichen Gerichten zu verdrängen. Wie sich der inländische Markt entwickelt, wird vom Mediationsgesetz abhängen. Der Gesetzgeber wird zu entscheiden haben, welche Funktion die Gerichte einnehmen. In den letzten Jahren haben sich Richter als Vermittler in denjenigen Streitigkeiten betätigt, die nicht vorgerichtlich beigelegt werden konnten. Für die Konfliktparteien war das durchaus attraktiv: Erfahrene Richter standen ihnen zum Nulltarif als Vermittler zur Mediation Strategie, Überzeugung, Kommunikation und Reflektion Interview mit Rechtsanwalt Dr. Christian Duve, München Verfügung. Ohne weitere finanzielle Kosten tragen zu müssen, haben viele das gerne angenommen. Der Gesetzgeber wird entscheiden müssen, ob er diese staatliche Subventionierung der Mediation zu Lasten von Berufsgruppen, die Honorare für ihre Leistungen benötigen, fortsetzen möchte oder nicht.

Wo haben die Berufsanfänger im Bereich Mediation die größten Chancen?

Berufs­an­fänger haben dort die größten Chancen, wo die Nachfrage nach ihnen am größten ist. Die Konflikt­par­teien erwarten von Media­toren regel­mäßig Fachkom­petenz und Erfahrung. Um das zu sammeln, gibt es drei Möglich­keiten: Erstens sammeln Berufs­an­fänger Erfahrung in der Rolle des Dritten, indem sie sich im gemein­nüt­zigen Bereich engagieren (z.B. bei Trainings­pro­grammen für Schul- und Nachbar­schafts­kon­flikte). Zweitens können Berufs­an­fänger bei Praktikern tätig werden, die als Vermittler oder Inter­es­sen­ver­treter in der Mediation oder Schlichtung oder als Ombuds­leute tägig sind. Drittens empfiehlt sich zu Beginn der Berufs­tä­tigkeit eine Tätigkeit als Counsel bei einer der inter­na­tio­nalen Schieds- oder Streit­bei­le­gungs­in­sti­tu­tionen.

Was vermitteln Studium und Rechtsreferendariat nicht, was ein junger Anwalt / eine junge Anwältin für den Bereich Mediation braucht?

Das Studium konzen­triert sich auf die Vermittlung des Fachwissens und derMethode. Beides ist für den Beruf unerlässlich.Wenig oder keine Aufmerk­samkeit wird dagegen im Studium auf die Entwicklung des strate­gi­schen Denkens, auf Überzeu­gungs­kraft, auf Kommu­ni­kation, auf die Reflektion eigenen und fremden Verhaltens (und dieWei­ter­ent­wicklung der eigenen Persön­lichkeit) gerichtet. Fachwissen und metho­dische Fähig­keiten sind im Beruf Pflicht. Die Kür sind Strategie, Überzeugung, Kommu­ni­kation und Reflektion. Das gilt für die anwalt­liche Tätigkeit in jedem Feld. Wer ebenso diplo­ma­tisch wie durch­set­zungs­stark agieren kann, wird auch in der außer­ge­richt­lichen Streit­bei­legung erfolg­reich sein. Hilfreich sind auch Neugier, Geduld, Ausge­gli­chenheit und Vorur­teils­freiheit.

Der Gesprächspartner ist Vorsitzender des Gesetzgebungsausschusses Außergerichtliche Konfliktbeilegung des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurd ein Heft 2/2009 (Winter­se­mester 2009/2010) veröf­fent­licht.

Bei aller Subspe­zia­li­sierung den Überblick behalten

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Rudolf Ratzel, München

1.  Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnenund Anwälten im Bereich Medizinrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?
Zum einen die verschiedenen Gesundheitsreformen wie 2012 das Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) und 2015 das Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG). Die Macht und Regelungsdichte des Gemeinsamen Bundesausschusses hat erheblich zugenommen. Die Neigung des modernen Gesetzgebers, Bürger zu bevormunden anstatt ihre persönliche Freiheit gerade in diesen sensiblen Bereichen menschlicher Existenz zu respektieren, ist angesichts der Neuregelung zur Sterbehilfe oder auch zur Präimplantationsdiagnostik (PID) unübersehbar. Das Internet hat auch das Gesundheitswesen durchdrungen. Ungeprüfte Informationen konkurrieren mit qualitätsgesicherten Wissens-Pools, eine gefährliche Gemengelage. Das Patientenrechte-Gesetz 2013 hat viele Hoffnungen und Befürchtungen nicht erfüllt. Und dennoch stöhnen die Arzthaftpflichtkammern der Zivilgerichte unter der immer noch ansteigenden Zahl der Verfahren.

2. Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?
Die Diskussion um die neuen §§ 299a ff. StGB wird die Diskussion hinsichtlich der Korruption im Gesundheitswesen befeuern. Erheblicher Beratungs- und Sanierungsaufwand wird auf die Fachanwälte für Medizinrecht zukommen. Wie gehen Ärzte und Krankenhäuser mit der Migrationsfrage um? Auch hier ist Rat der Fachanwälte für Medizinrecht gefragt.

3. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich Medizinrecht in fünf Jahren aussehen?
Der Zwang zur Subspezialisierung wird weiter zunehmen. Auch nationale Gesundheitssysteme und damit auch die Berater werden sich europarechtlichen und internationalen Themen stärker widmen müssen. Die hochspezialisierten Medizinrechtsboutiquen werden ihre Stellung gegenüber den Großkanzleien behaupten und sogar ausbauen können, weil sie flexibler und näher am Mandanten sind.

4. Wo haben Berufsanfänger im Bereich des Medizinrechts die größeren Chancen?
In Verbänden, Körperschaften, Krankenkassen und Unternehmen der Gesundheitsbranche wird auch der Berufsanfänger einen reichhaltigen Erfahrungsschatz finden. Alternativ bietet sich eine Anstellung in einer medizinrechtlich geprägten Anwaltskanzlei an. Allerdings warne ich davor, sich zu früh im Medizinrecht zu spezialisieren. Das Medizinrecht ist ein Querschnittsfach, das vielfältige Verzweigungen in das öffentliche Recht, das Wirtschaftsverwaltungsrecht und das Gesellschaftsrecht aufweist. Es kommt nicht nur auf Branchenwissen an. Entgegen dem vielfach zu beobachtenden Trend zur unbedingten Spezialisierung halte ich deshalb eine breite anwaltliche „Berufsanfängererfahrung“ für vorzugswürdig.

5.  Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was ein junger Anwalt, eine junge Anwältin im Bereich des Medizinrechts braucht?
Viele Universitäten haben sich in diesem Bereich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt und medizinrechtliche Schwerpunkte in ihre Ausbildungsgänge integriert. Dennoch ist es eine Tatsache, dass trotz sehr verdienstvoller Anstrengungen in diesem Bereich die für das Medizinrecht unabdingbare Erfahrung erst im wirklichen Beruf erarbeitet werden kann. Gerade weil die Dynamik im Medizin- und Gesundheitsrecht so stark wie vielleicht nur noch im Steuerrecht ist, kann nur die Arbeit „in freier Wildbahn“ einen Eindruck von dem vermitteln, was Medizin- und Gesundheitsrecht wirklich ist. Ein weiteres Merkmal ist die Schnelligkeit der Entscheidungsprozesse. Wer seinen Weg zum richtigen Ergebnis seminarmäßig vorbereitet, mag irgendwann eine ausgewogene Entscheidung haben: Sie findet aber keine Abnehmer mehr, weil andere – dem Druck gehorchend – gehandelt haben.

Der Gesprächspartner ist Rechtsanwalt und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Medizinrecht im Deutschen Anwaltverein.

Interview mit Rechtsanwalt Hans-Ulrich Wilsing, Düsseldorf

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Unsere Gesell­schafts­rechtler beraten im Team mit Anwälten aus anderen Rechts­ge­bieten bei der aktuellen Krisen­be­wäl­tigung und den unmit­tel­baren Krisen­folgen in zahlreichen spannenden Mandaten. Da in Folge der weltweiten Wirtschafts­krise viele Unter­neh­mens­käufe abgesagt oder verschoben wurden, wird zumindest in diesem Bereich abermittel- bis langfristig die Zahl der Trans­ak­tionen abnehmen.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

In Krisen­zeiten ist eine verstärkte Sensi­bi­lität für neue Themen besonders wichtig. Gleich­zeitig konzen­trieren wir uns in der Beratung auf die Heraus­for­de­rungen, die sich unseren Mandanten besonders dringlich stellen. Das sind neben Finan­zie­rungs­fragen auch Restruk­tu­rie­rungs- und Haftungs­fragen.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Hochqua­li­fi­zierte und motivierte junge Anwälte haben in vielen Bereichen nach wie vor gute Start- und Karrierech­ancen. Daran hat die gegen­wärtige Wirtschafts­krise nichts geändert.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare?

Lösen Sie sich von mögli­cher­weise bereits überkom­menen Schwer­punkt­bil­dungen. Infor­mieren Sie sich über die Themen, die die Unter­nehmen kurz- und mittel­fristig bewegen. Versuchen Sie – soweit es das juris­tische Ausbil­dungs­system zulässt – sich in eben diesen praktisch relevanten Bereichen fortzu­bilden. Nutzen Sie die Praktika in Unter­nehmen und Sozie­täten, die in diesen Bereichen arbeiten und beraten. Vertrauen Sie selbst­be­wusst Ihren Stärken – auch und gerade in einer Krise!

Der Gesprächspartner ist Partner bei Linklaters.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Wenn der BGH zum Amtsge­richt wird, haben Anwälte Arbeit

Interview: Rechtsanwalt Thomas Hannemann, Karlsruhe

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich Mietrecht und Immobilien in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Der VIII. Zivil­senat des Bundes­ge­richtshofs mit seiner Recht­spre­chung zur Wohnraum­miete: Die Richter haben seit 2002 etwa 250 Urteile allein zum materi­ellen Recht gefällt – und jede Woche kommen etwa zwei neue dazu. Bis zur ZPO-Reform 2002 gingen Wohnraum­miet­sachen vom Amtsge­richt zum Landge­richt. Darüber war der blaue Himmel. Nur in Ausnah­me­fällen kam es zu Rechts­ent­scheiden des BGH, um die diver­gie­rende Recht­spre­chung zu verein­heit­lichen. Seit 1981 waren dies nur etwas mehr als 80. Seitdem die Landge­richte die Revision zulassen können, purzeln die Urteile. Alleine das Landge­richt Berlin ist für fast die Hälfte der BGH-Recht­spre­chung verant­wortlich. Was die Recht­spre­chung verein­heit­lichen und Rechts­si­cherheit schaffen sollte, wird nun zum gigan­ti­schen Arbeits­pro­gramm für Anwälte: Muster­miet­ver­träge für Wohnraum kann man fast monatlich anpassen. Die Recht­spre­chung zu den Schön­heits­re­pa­ra­turen lässt sich kaum mehr überblicken. Alles wird immer ausdif­fe­ren­zierter: So gibt es schon zwei Entschei­dungen zur Sanierung von Raucher­woh­nungen. Außerdem war die Reform des Wohnungs­ei­gen­tums­recht 2007 prägend. Strei­tig­keiten in Wohnungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaften sind von der freiwil­ligen Gerichts­barkeit in die ZPO überführt worden. Das hat für Anwälte Folgen: Jetzt müssen die Anträge im Verfahren stimmen und Fristen einge­halten werden.

Drittens: Die Recht­spre­chung zu den sog. Schrot­tim­mo­bilien. Bei fehlge­schla­genen Immobi­li­en­fi­nan­zie­rungen bekommen sie die Bank jetzt etwas leichter als Schuldner ins Boot. Das hat viele zum Prozes­sieren ermutigt.

Was wird 2008/2009 das bestimmende Ereignis werden?

Bewegendes wird kaum passieren. Der Gesetz­geber plant nichts Beson­deres – und der VIII. Zivil­senat wird weiter­machen. Vielleicht werden die Strei­tig­keiten um die Schrot­tim­mo­bilien weniger werden.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Es wird für den Einzelanwalt nicht leichter werden, gut aufge­stellte, durchaus auch kleinere Sozie­täten haben aber Chancen. Wer mit guter Kanzlei­or­ga­ni­sation, Spezi­al­wissen und Kenntnis der aktuellen Recht­spre­chung die leichten von den schwie­rigen Fällen trennen kann, ist in der Lage, beste Qualität bei minimalen Kosten zu liefern, ohne dass die Betreuung der Mandanten an Indivi­dua­lität verliert. Damit können Anwälte der Konkurrenz trotzen. Das sind übrigens nicht die Tausenden Anwalts­kol­legen, sondern Mieter­vereine und die Eigen­tü­mer­schutz­vereine. Dort gab es immer schon billigen Rechtsrat am Fließband – und daran wird sich auch nichts ändern. So gesehen ist im Mietrecht das Anwalts­mo­nopol längst durch­lö­chert. Das Rechts­dienst­leis­tungs­gesetz – es wird ab 1. Juli 2008 gelten – wird mit seiner sehr behut­samen Libera­li­sierung des Rechts­be­ra­tungs­markts uns daher nicht treffen.

Wo haben Berufsanfänger im Bereich Mietrecht und Immobilien die größten Chancen?

Dort, wo es viele Fälle gibt: In der Wohnraum­miete und beim Wohnungs­ei­gen­tums­recht. Bei der Gewer­be­miete ist es dagegen viel schwie­riger. Mit den wenig lukra­tiven Betriebs­kos­ten­ab­rech­nungen kann jeder starten, die fast ein Drittel aller Mietrechtspro­zesse ausmachen. Spannender sind die Streit­werte beim Wohnungs­ei­gen­tums­recht. Wenn es um Baumängel oder die Sanierung eines Hauses geht, wird es sogar attraktiv. Und wer in einer Eigen­tü­mer­ver­sammlung Kompetenz beweist, darf auf weitere Mandate hoffen. Jeder Eigen­tümer ist nicht nur ein poten­ti­eller Mandant, sondern auch ein Werber: Gute Mund-zu-Mund- Propa­ganda bringt nach wie vor Mandate.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was ein junger Anwalt, eine junge Anwältin für den Bereich Mietrecht und Immobilien braucht?

Immobi­li­en­wirt­schaft­liche Zusam­men­hänge. Damit er die richtigen Fragen stellen kann. Denn ein Haus besteht nicht aus Paragraphen. Es will unter­halten und gepflegt werden. Das kostet – und darüber wird gerne gestritten. Und spätestens dann kann auch ein wenig psycho­lo­gi­sches Gespür nicht schaden.


Der Gesprächspartner ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Mietrecht und Immobilien im Deutschen Anwaltverein.

Viele mischen mit: Doch attraktive Nischen für Anwälte bleiben
Interview mit Rechtsanwalt Thomas Hannemann, Karlsruhe

1 Was hat den Tätigkeitsbereich von Miet- und Immobilienrechtlern in den vergangenen Jahren am
meisten geprägt?

Nach wie vor die Recht­spre­chung des Bundes­ge­richtshofs, insbe­sondere des VIII. Zivil­senats zur Wohnraum­miete. Anwäl­tinnen und Anwälte können – wie schon seit Jahren – mit durch­schnittlich zwei Entschei­dungen pro Woche  rechnen. Diese ausge­feilte und zwischen­zeitlich auch in die Tiefe gehende Recht­spre­chung zu überblicken und gegen­ein­ander abzugrenzen hat das Mietrecht geprägt. Daneben kommen noch die Entschei­dungen, vor allem der Oberlan­des­ge­richte, im gewerb­lichen Mietrecht hinzu. Die „bloße“ Lektüre von Kommen­taren oder Handbü­chern, selbst wenn sie nur ein oder zwei Jahre alt sind, kann mithin Haftungs­fallen produ­zieren.


2 Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?


Das gerade verkündete Mietrechtsänderungsgesetz. Die Änderungen im Zusammenhang mit der Erleichterung energetischer Modernisierungen, aber auch die erstmalige gesetzliche Regelung über die Umlage sogenannter Contracting-Kosten und prozessuale Neuerungen zur leichteren Erlangung von Räumungstiteln, werden die Praxis beschäftigen. Das gilt nicht nur bei der Wohnraummiete, sondern mit Blick auf die Neuerungen bei Modernisierungen und beim Contracting, auch bei der Gewerberaummiete.


3 Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Miet- und Immobilienrecht in fünf Jahren aussehen?


Der Trend zur Spezialisierung wird sich weiter fortsetzen. Gerade wohnraummietrechtliche Mandate sind oft bei geringen Streitwerten mit einem nicht unerheblichen Arbeitsaufwand verbunden. Kostendeckend kann nur arbeiten, wer dank vertiefter Fachkenntnisse zügig ist. Gewerberaummietrechtliche oder sonstige immobilienrechtliche Mandate werden nach wie vor – da krisensicher – interessant und letztendlich überwiegend auch lukrativ bleiben. Dort ist auch die Konkurrenz durch Mietervereine und Eigentümerschutzvereine nicht so groß, bei denen im Mitgliedsbeitrag in der Regel eine interne Mietrecht 2018 Viele mischen mit: Doch attraktive Nischen für Anwälte bleiben Interview mit Rechtsanwalt Thomas Hannemann, Karlsruhe Beratung und die außergerichtliche Tätigkeitmit umfasst sind. Das ist konkurrenzlos billig, wenn auch um den Preis des Eindrucks einer gewissen „Fließbandarbeit“, anders als bei der individuellen rechtlichen Betreuung durch einen Anwalt.

4 Wo haben Berufsanfänger im Bereich Mietrecht und Immobilien die größten Chancen?

Auf den ersten Blick könnten als Arbeit­ge­berMieter- oder Eigen­tü­mer­ver­bände attraktiv sein. Solche Rechts­be­rater-Stellen sind aber rar. Es bleibt daher gewis­ser­maßen die „Ochsentour“, nämlich die Übernahme weniger lukra­tiver Mandate, etwa im Betriebs­kos­ten­recht (nach wie vor ein Drittel aller Mietrechtspro­zesse). Ausmeiner Sicht unver­ständ­li­cher­weise vernach­lässigt wird von Berufs­an­fängern das Wohnungs­ei­gentums- recht. Das WEG mag eine zunächst unbekannte und daher vielleicht auch wenig geliebte Materie sein, die Streit­werte sind aber nicht uninter­essant und ein kompe­tenter Auftritt im Rahmen von Eigen­tü­mer­ver­samm­lungen kann weitere Mandate oder zumindest doch Empfeh­lungen generieren (aber Achtung: Die Proble­matik der Inter­es­sen­kol­lision muss beachtet werden!). Die Befassung mit der Proble­matik gewerblich genutzter Einheiten (sogenanntes Teilei­gentum) erlaubt dann auch den Einstieg in das inter­essantere Gewer­be­raum­miet­recht.

5 Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt für den Bereich Mietrecht und Immobilien braucht?

Ziemlich viel. Das Recht selbst kommt ohnehin zu kurz, aber immobi­li­en­wirt­schaft­liche und auch technische  Zusam­men­hänge fehlen gänzlich. Wer sich etwa schon einmal mit Heizkosten und deren Abrechnung, mit Instand­haltung und Instand­setzung von Immobilien (Stichwort: Facility-Management) beschäftigt hat, wird dies bedauern. Hat man einmal die Spannungen in einer Wohnungs­ei­gen­tü­mer­ge­mein­schaften erlebt, lässt sich ermessen, wie wichtig Verhand­lungs­tech­niken und ein psycho­lo­gi­sches Gespür sein können. Solche Elemente finden sich zwar inzwi­schen in der Ausbildung, aber hier könnte mehr geleistet werden.

Der Autor ist Rechts­anwalt und Vorsit­zender der Arbeits­ge­mein­schaft Mietrecht und Immobilien im Deutschen Anwalt­verein.

Interview: Rechtsanwalt Arno Schubach, Koblenz

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich der regionalen Mittelstandskanzleien in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Bereits vor über zehn Jahren war die Tendenz zur Spezia­li­sierung erkennbar. Als dann in den vergan­genen fünf Jahren immer mehr Fachan­walt­schaften kamen, kam es zum Schwur: Viele der Fachan­walt­schaften (wie Bau- und Archi­tek­ten­recht, Gewerb­licher Rechts­schutz, IT-Recht, Erbrecht, Bank- und Kapital­markt­recht oder Handels- und Gesell­schafts­recht) decken Rechts­ge­biete ab, die gerade für mittel­stän­dische Unter­nehmen und Gewer­be­trei­bende von Bedeutung sind. Die mittel­stän­di­schen Kanzleien, die schon frühzeitig der steigenden Nachfrage nach spezia­li­sierten Anwälten Rechnung getragen hatten, konnten schnell die entspre­chenden Fachan­walt­schaften besetzen. Sie sind heute in der Lage, ihren Mandanten unter einem Dach jeden gewünschten Fachanwalt zu bieten. Damit einher geht ein Wandel: Gerade den mittel­stän­di­schen Kanzleien ist es gelungen, ihren Mandanten die Vorteile vorbeu­gender Beratung zu vermitteln. Der Anteil beratender Tätigkeit im Vergleich zu strei­tigen Verfahren hat sich stark erhöht.

Was wird 2009 das bestimmende Ereignis werden?

Die aktuellen Reformen auf dem Gebiet des Gesell­schafts­rechtes werden wohl nur in einem überschau­baren Umfang zu zusätz­licher Beratungs­tä­tigkeit führen. Prägende Bedeutung wird aber die Reform der Erbschafts­steuer haben, die zu einer erheb­lichen Nachfrage nach Beratung und steue­r­opti­mierten Gestal­tungen führen wird. Dies nicht nur im Zusam­menhang mit Unter­neh­mens­nach­folgen, sondern auch durch Privat­leute. Sollte – wie teilweise progno­s­ti­ziert wird – sich in 2009 die Konjunktur deutlich abschwächen, könnte insbe­sondere auch die Nachfrage nach anwalt­lichen Leistungen im Bereich des Arbeits­rechts, des Insol­venz­rechts und des Inkassos steigen.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Der Wandel des Marktes hat noch lange kein Ende gefunden. Die Dynamik könnte sogar noch zunehmen. Der Trend zur Spezia­li­sierung wird sich fortsetzen. Viele kleinere Kanzleien werden vor die Wahl gestellt werden, sich entweder zur spezia­li­sierten Boutique weiter zu entwi­ckeln oder das „Brot- und Butter-Geschäft“ zu betreiben, bei dem die lukra­tiven Mandate abnehmen. Eine Alter­native sind Fusionen kleinerer Kanzleien zu Kanzleien mittel­stän­di­scher Größe. Das werden wir erleben. In fünf Jahren werden wir deutlich mehr regionale mittel­stän­dische Kanzleien haben als heute. Aus größeren regio­nalen Kanzleien könnten auch Großkanz­leien werden.

Wo haben die Berufsanfänger bei regionalen Mittelstandskanzleien die größten Chancen?

Es wäre verfehlt, ein Rechts­gebiet zu benennen. Das Spektrum der Kanzleien ist zu weit. Wesentlich ist aber in jedem Fall eine gute allge­meine juris­tische und anwalt­liche Quali­fi­kation. Vor allem darf nicht wegen einer starken Spezia­li­sierung der Blick für das Ganze verloren gehen. Mandanten von regio­nalen mittel­stän­di­schen Kanzleien erwarten häufig, dass ihr Anwalt nicht nur in bestimmten Gebieten spezia­li­siert ist, sondern auch in allge­meinen recht­lichen Fragen als erster Ansprech­partner zur Verfügung steht.

Was vermitteln Studium und Rechtsreferendariat nicht, was ein junger Anwalt / eine junge Anwältin in einer regionalen Mittelstandskanzlei braucht?

Gerade der in regio­nalen mittel­stän­di­schen Kanzleien gefor­derte Überblick fehlt vielen Berufs­ein­steigern. Vertrags­ge­staltung und die Entwicklung von Problem­lö­sungen fällt vielen schwer, weil sie neben exzel­lenten Rechts­kennt­nissen auch eine gehörige Portion Kreati­vität erfordern. Diese ist auch im Umgang mit den Mandanten und ihren Bedürf­nissen gefordert. Recht­liche Beratung von kleineren und mittel­stän­di­schen Unter­nehmen erfordert immer auch Überle­gungen, welche Folgen in perso­neller und wirtschaft­licher Hinsicht für den Mandanten entstehen. Der perfekte theore­tische recht­liche Rat ist wertlos, wenn der Mandant ihn aufgrund seiner perso­nellen und wirtschaft­lichen Ausstattung gar nicht umsetzen kann. Der


Gesprächspartner ist Mitglied im Vorstand des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurd ein Heft 2/2008 (Winter­se­mester 2008/2009) veröf­fent­licht.

Europäisches Gerichtssystem macht alles neu

Interview mit Prof. Dr. Winfried Tilmann, Düsseldorf

Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Patentrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Das Schwergewicht der Patentstreitigkeiten hat sich von dem Bereich des Maschinenbaus und der Chemie deutlich spürbar in den Bereich der Kommunikationstechnologie und der Biologie verlagert. Zugleich ist die Zahl der mittleren und großen Patentstreitigkeiten erheblich gestiegen. Die Bearbeitung solcher Fälle setzt eine enge Zusammenarbeit zwischen einem Team von Rechtsanwälten und einem oder mehreren Patentanwälten voraus. Die Vorbereitung der Verfahren wird grundsätzlich in der englischen Sprache vorgenommen. Die Mandantschaft kommt überdurchschnittlich aus den USA, China und Taiwan.

Was wird 2017 das bestimmende Ereignis werden?

Das bestimmende Ereignis im Jahr 2017 wird das Inkrafttreten des Übereinkommens über ein einheitliches Patentgericht (EPGÜ) und der Verordnung über ein Europäisches Patent mit einheitlicher Wirkung (EPatVO) sein. Das EPGÜ wird aus den zentralen Eingangsgerichten und einem zentralen Berufungsgericht (in  Luxemburg) bestehen. Die Gerichtssprache wird in Deutschland Deutsch sein, jedoch wird von den deutschen Kammern auch Englisch zugelassen werden. Der Anwalt muss sich auf ein völlig neues Gerichtssystem mit einer eigenen internationalen Verfahrensordnung einstellen. Er muss bereit und in der Lage sein, den Rechtsstreit nicht nur vor den Gerichts-Kammern in Deutschland, sondern auch vor den lokalen oder regionalen Kammern in Paris, London, Den Haag und Stockholm zu führen. Allerdings kann sich das Inkrafttreten noch etwas verzögern, bis die weitere Teilnahme Englands trotz des Brexit geklärt ist.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Patentrecht in fünf Jahren aussehen?

Die Tätigkeit des Rechtsanwalts in Patentsachen wird in fünf Jahren von der Entwicklung des Einheitlichen Patentgerichts (EPG) und der EPatVO bestimmt werden. Der Anwalt wird international tätig sein. Er wird darauf angewiesen sein, Zweigstellen in den wesentlichen EU-Mitgliedstaaten zu haben oder ständige Geschäftsverbindungen mit dort ansässigen Kanzleien zu pflegen. Er muss bereit sein, die Mandanten an ihrem Sitz, oft außerhalb Europas, aufzusuchen und für telekommunikative Fragen und Besprechungen auch zu ungewöhnlichenZeiten zur Verfügung zu stehen. Er muss bereit sein, sich in Technikbereiche einzuarbeiten, zu denen er aus dem naturwissenschaftlichen Unterricht in den Schulen nichts mitbringt.

Wo haben Berufsanfänger im Patentrecht die größten Chancen?

Für den Berufsanfänger empfiehlt es sich nicht, sogleich den Versuch zu unternehmen, eine eigene Kanzlei für die Führung von Patentstreitigkeiten aufzumachen. Sinnvoll ist es, jedenfalls die Anfangsjahre in einer größeren oder mittleren Anwaltskanzlei zu verbringen, um zu einem späteren Zeitpunkt die Entscheidung zu treffen, im Bereich dieser Kanzleien zu bleiben oder sich zusammen mit anderen selbständig zu machen.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Patentrecht braucht?

Die für die Führung moderner Patentverletzungsverfahren erforderlichen Kenntnisse kann man nicht im Studium gewinnen. Die theoretischen Grundlagen, also die Rechtstexte und ihr inneres Gefüge, lassen sich zwar in einem aus Vorlesungen und Seminaren bestehenden Universitätsbetrieb durchaus vermitteln. Für Patentrechtsstreitigkeiten wird aber in erheblichem Umfang ein darüber hinausgehendes spezielles Rechtswissen gefordert, das die Universitäten nicht bieten können. In der Referendarzeit bieten die Anwaltsstation und die Gerichtsstationen eine erste Gelegenheit, sich mit der besonderen Welt der Patentverfahren vertraut zu machen. Richtig lernen kann man die Führung von Patentstreitigkeiten aber nur in der Praxis. Hierfür ist eine Mindestzeit von 2–3 Jahren anzusetzen. Für den jungen Juristen empfiehlt es sich allerdings nicht, sich sogleich und ausschließlich dem Patentrecht und den Patentstreitigkeiten zuzuwenden. Erforderlich ist vielmehr eine Allgemeinbildung im gesamten Bereich des geistigen Eigentums. Dies ist schon aus dem Gesichtspunkt der eigenen Karriereplanung sinnvoll.

Der Gesprächspartner ist Rechtsanwalt und Vorsitzender des Ausschusses Geistiges Eigentum beim Deutschen Anwaltverein.

Heft 2/2016

Der Anwalt – keine bedrohte Spezies

Interview: Rechtsanwalt Prof. Dr.Wolfgang Ewer, Kiel

Was hat den Rechtsdienstleistungsmarkt im Bereich des öffentlichen Planungsrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Überspitzt formu­liert: Der europäische Arten­schutz ist neu entdeckt worden. Genauer gesagt: Das Fachpla­nungs- und Baupla­nungs­recht wird zunehmend gemein­schafts­rechtlich durch­drungen und das rückt ganz neue Aufga­ben­stel­lungen in den Blick. Das betrifft Fragen der Umwelt­ver­träg­lich­keits­prüfung, des europäi­schen Natur­schutz­rechts und des Arten­schutzes. Die Recht­spre­chung ist inzwi­schen so fein ziseliert, dass selbst Anwälte, die sich ausschließlich auf das öffent­liche Recht konzen­trieren, den Überblick nur schwer behalten. Das begünstigt im öffent­lichen Planungs­recht die Tendenz des „ganz oder gar nicht“: Entweder machen sie es oder nicht. Als Anwalt können sie Mandate aus diesem Gebiet nicht mehr nebenbei betreuen. Sie brauchen ein extrem hohes Maß an Spezia­li­sierung. Ihre Mandanten erwarten das, seien es Kommunen, Verbände, Nachbarn oder Unter­nehmen, die sich ansiedeln wollen.

Was wird 2008/2009 das bestimmende Ereignis werden?

Die Verbände haben 2007 zusätz­liche Klagemög­lich­keiten bekommen, die nun das gesamte Umwelt­recht und nicht mehr nur das Natur­schutz­recht umfassen. Die Verbände werden lernen, ihre Rechte stärker wahrzu­nehmen. Das wird den Anwälten Mandate bringen – nicht nur in Gerichts­ver­fahren auf Seiten der Verbände und der beklagten Behörden. Zusätz­liche Angriffs­mög­lich­keiten führen dazu, dass die Planungs­vor­haben von Anfang an rechtlich von einem Anwalt begleitet werden müssen. Für das Beratungs­ge­schäft der Anwälte ist das gut.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in fünf Jahren aussehen?

Das ist eine schwierige Frage, weil sich der Anwalts­markt auch im Verwal­tungs­recht in den vergan­genen Jahren stark gewandelt hat. Es spricht nichts dafür, dass es anders wird. Meine Prognose: Die Anwalts­bou­tique mit fünf bis zehn Anwälten wird eine gute Chance im öffent­lichen Planungs­recht haben. Diese Kanzleien werden sich konso­li­dieren und vielleicht sogar Markt­an­teile gewinnen. Ob das Geschäft für inter­na­tionale Großkanz­leien lukrativ genug bleibt, ist fraglich. Im Beratungs­be­reich müssen sie Stunden­sätze erlösen, deren kalku­la­to­rische Grundlage den Stund­sätzen im M&A-Geschäft entsprechen muss. Das wird nicht einfach sein. Es bleibt also spannend.

Wo haben Berufsanfänger im öffentlichen Planungsrecht die größten Chancen?

Wer den Einstieg in eine spezia­li­sierte Kanzlei schafft, wird nicht nur viel lernen, sondern auch für inter­essante behörd­liche oder insti­tu­tio­nelle Mandanten arbeiten können. Der Bedarf an guten Leuten ist da. Mittlere und kleine Kanzleien suchen Nachwuchs und wollen ihr Personal aufstocken. Wer es auf eigene Faust versuchen will, wird es sehr schwer haben. Die inter­essanten Mandanten wird er kaum für sich gewinnen können. Berufs­starter haben aber Chancen bei nicht gewerb­lichen, privaten Mandanten, die sich gegen Vorhaben wenden wollen. Dort können sie Erfah­rungen sammeln und sich einen Namen machen.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was ein junger Anwalt, eine junge Anwältin für das öffentliche Planungsrecht braucht?

Zweierlei fehlt: Die Vorstellung und das Verständnis von Verfah­rensab­läufen. Wie viel Zeit kostet das Aufstellen von Bebau­ungs­plänen oder der Erlass von Planfest­stel­lungs­be­schlüssen? Wie könnte die Öffent­lichkeit auf ein Vorhaben reagieren? Wie erkläre ich das Verfahren einem juris­tisch nicht vorge­bil­deten Gemein­derat? Zweitens: Technische und natur­wis­sen­schaft­liche Kennt­nisse. Wie wollen sie sonst eine Emissi­ons­pro­gnose bei Lärm oder eine Ausbrei­tungs­be­rechnung bei Luftschad­stoffen beurteilen? Die Praxis ist viel komplexer als die Theorie.


Der Gesprächspartner ist Vizepräsident des Deutschen Anwaltvereins.

Mandanten erwarten mehr als Rechtskenntnisse
Interview mit Prof. Dr. Christoph Moench, Berlin

 

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Planungsrechtlern in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Im Vorder­grund stand die umfas­sende recht­liche Betreuung von Planungs­ver­fahren aller Art, von der Bauleit­planung bis zu den Planfest­stel­lungs­ver­fahren einschließlich etwaiger Raumord­nungs­ver­fahren. Häufig werden diese Verfahren vom Vorha­ben­träger wegen ihrer recht­lichen Komple­xität mit einer verfahrens- recht­lichen Projekt­steuerung durch einen Planungs­rechtler verbunden. Die frühzeitige fachliche oder gutach­ter­liche Klärung der wesent­lichen Fragen (die erst eine mögliche Prognose der Planbarkeit erlaubt) setzt schon vor der Einleitung der Verfahren ein, ob mit oder ohne förmlichen Scoping-Termin. Diese Schritte kann nur der Fachjurist steuern und aufein­ander abstimmen.


2 Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?

Vor allem die noch stärkere Einbeziehung der Öffentlichkeit durch die Ergänzung des Fachplanungsrechtes.
§ 25 Abs. 3 VwVfG (E) sieht eine „frühe“ Öffentlichkeitsbeteiligung vor, deren Durchführung dem Vorhabenträger obliegt. Der betroffenen Öffentlichkeit wird dabei Gelegenheit zur Äußerung und zur Erörterung gegeben. Dabei stehen die Transparenz und der Versuch der Herstellung von Akzeptanz und Kompromisswilligkeit im Vordergrund. Dieses wichtige Vorverfahren kann nur durch den Fachjuristen gestaltet und materiell bewältigt werden. Ob mit oder ohne gesetzliche Änderung des Verfahrensrechtes: Die frühe Einbindung der Öffentlichkeit und ihre Beteiligung ist in allen Planungsverfahrenmehr denn je erforderlich. Besonders bedeutsam wird dies bei den anstehenden zahlreichen Verfahren zum Ausbau der Energienetze.


3 Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im öffentlichen Planungsrecht in fünf Jahren aussehen?

Der Trend ist eindeutig: Neben der Beant­wortung einzelner Rechts­fragen und der Betreuung punktu­eller Bereiche wird die (mit-)verant­wort­liche Verfah­rens­steuerung und -begleitung stärker noch als bisher gefragt sein werden. Ein beson­deres Gewicht liegt auf der Recht­mä­ßig­keits­kon­trolle. Durch die Ausweitung Planungs­recht 2018 Mandanten erwarten mehr als Rechts­kennt­nisse der Verbands­klage wird faktisch alles beklagt werden. Eine unangreifbare Planungs- und damit Abwägungs­ent­scheidung ist ohne intensive Einbindung des Fachju­risten auf Seiten des Vorha­ben­trägers kaum denkbar. Der Aufwand hierfür macht sich mehr als bezahlt, zumal in Relation zur Größe des Projekts.


4 Wo haben Berufsanfänger als Anwalt für Planungsrecht die größten Chancen?

Sie haben die größten Chancen in etablierten Anwalts­kanz­leien, die auf das öffent­liche Recht spezia­li­siert sind. Hier gibt es eine Vielzahl angese­hener kleiner „Boutiquen“ und größerer Kanzleien. Und gute Berufs­chancen bestehen auch bei den wirklich großen Sozie­täten, die aufgrund ihrer perso­nellen und sachlichen Ausstattung an vielen Planungs­ver­fahren mitwirken. Die großen Verfahren, deren Betreuung häufig einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren oder gar mehr (zumal wenn man die Gerichts­ver­fahren mit einbe­zieht) bedeutet, werden oft in einem förmlichen Verga­be­ver­fahren vergeben. Über den Preis können die Kanzleien dann steuern, bei welchem Verfahren sie (unbedingt) den Zuschlag erhalten wollen. Chancen gibt es daher bei allen Kanzleien, die über entspre­chende Erfahrung und Reputation (Referenz­mandate) verfügen.


5 Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin für Planungsrecht oder ein junger
Anwalt für Planungsrecht braucht?

Studium und Referen­dariat vermitteln (allen­falls) die Kenntnis des materi­ellen Rechts und des Verfah­rens­rechts im engeren Sinne. Sie vermitteln nicht die Fähigkeit, Verfahren insgesamt zu begleiten, zu gestalten, zu steuern und zu kontrol­lieren. Sie vermitteln nicht den Umgang mit Sachver­stän­digen und Behörden und die Abstimmung der Gutachten auf die Anfor­de­rungen im jewei­ligen Verfah­rens­ab­schnitt, und sie vermitteln auch nicht die Fähigkeit zur Steuerung einer Öffent­lich­keits­be­tei­ligung. Auch wenn die Mediation ein beson­deres Verfahren ist (mit wiederum beson­deren Anfor­de­rungen), braucht der Planungs­rechtler doch mediative Kennt­nisse bei der Verfah­rens­steuerung.


Der Autor ist Rechtsanwalt. Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere, Heft 13 (Sommer­se­mester 2013) veröf­fent­licht.

Interview mit Rechtsanwalt Ronald Richter, Hamburg

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Das Sozial- und Sozial­ver­si­che­rungs­recht ist ein typisches antizy­kli­sches Rechts­gebiet. In Zeiten der Krise und der knappen Kassen werden die recht­lichen Probleme der Arbeits­losen, der Hartz IV-Empfänger, der Kranken- und Pflege­ver­si­cherten und der Renten­be­zieher zunehmen. Ebenso steigt der Beratungs­bedarf für die ärztlichen und nicht ärztlichen Leistungs­er­bringer in den Vertrags- und Vergü­tungs­ver­hand­lungen mit den Kosten­trägern.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

Gute und auf Wachstum orien­tiere Kanzlei haben ihre Perso­nal­re­serve aufge­stockt, insbe­sondere die von ihnen ausge­bil­deten Referen­da­rinnen und Referendare übernommen.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Sozial­recht­le­rinnen und Sozial­rechtler arbeiten im Netzwerk. Daher stehen die beruf­lichen Chancen für den Nachwuchs dort gut, wo es gelingt, Schnitt­stellen zu besetzen, also beispiels­weise die Verbindung von Sozial­recht mit Arbeits-, Medizin-, Familien- und Erbrecht. Noch bessere Chancen bestehen natürlich bei ungewöhn­lichen Kombi­na­tionen. Auch hier Beispiele: Der Daten­schutz erhält eine neue Relevanz, so dass die Verbindung zwischen Sozial- und IT-Recht reizvoll ist. Das Beitrags­recht der Sozial­ver­si­cherung ist Grundlage für jede Lohnbuch­haltung und die Antwort auf die Frage, ob ein GmbH-Geschäfts­führer versi­che­rungs­pflichtig ist. Hier besteht Beratungs­bedarf.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare (im Sinne: Worauf sollte man in der Ausbildung achten, damit man auch in der Krise noch zurecht kommt)?

Das Sozial- und Sozial­ver­si­che­rungs­recht ändert sich derzeit drama­tisch. Jedes Jahr eine neue Reform. Daher sollte die Ausbildung genera­lis­tisch angelegt werden. Die Spezia­li­sierung kommt im anwalt­lichen Alltag und vorher insbe­sondere in der Anwalt­station dazu.


Der Gesprächspartner ist Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Interview mit Rechtsanwalt Ronald Richter, Hamburg

1. Ist Ihr Rechtsgebiet Gewinner oder Verlierer der Krise?

Das Sozial- und Sozial­ver­si­che­rungs­recht ist ein typisches antizy­kli­sches Rechts­gebiet. In Zeiten der Krise und der knappen Kassen werden die recht­lichen Probleme der Arbeits­losen, der Hartz IV-Empfänger, der Kranken- und Pflege­ver­si­cherten und der Renten­be­zieher zunehmen. Ebenso steigt der Beratungs­bedarf für die ärztlichen und nicht ärztlichen Leistungs­er­bringer in den Vertrags- und Vergü­tungs­ver­hand­lungen mit den Kosten­trägern.

2. Wie haben gute Kanzleien in Ihrem Rechtsgebiet auf die Krise reagiert?

Gute und auf Wachstum orien­tiere Kanzlei haben ihre Perso­nal­re­serve aufge­stockt, insbe­sondere die von ihnen ausge­bil­deten Referen­da­rinnen und Referendare übernommen.

3. Wo hat der Nachwuchs jetzt eine Chance?

Sozial­recht­le­rinnen und Sozial­rechtler arbeiten im Netzwerk. Daher stehen die beruf­lichen Chancen für den Nachwuchs dort gut, wo es gelingt, Schnitt­stellen zu besetzen, also beispiels­weise die Verbindung von Sozial­recht mit Arbeits-, Medizin-, Familien- und Erbrecht. Noch bessere Chancen bestehen natürlich bei ungewöhn­lichen Kombi­na­tionen. Auch hier Beispiele: Der Daten­schutz erhält eine neue Relevanz, so dass die Verbindung zwischen Sozial- und IT-Recht reizvoll ist. Das Beitrags­recht der Sozial­ver­si­cherung ist Grundlage für jede Lohnbuch­haltung und die Antwort auf die Frage, ob ein GmbH-Geschäfts­führer versi­che­rungs­pflichtig ist. Hier besteht Beratungs­bedarf.

4. Ihr Tipp für Studierende und Referendare (im Sinne: Worauf sollte man in der Ausbildung achten, damit man auch in der Krise noch zurecht kommt)?

Das Sozial- und Sozial­ver­si­che­rungs­recht ändert sich derzeit drama­tisch. Jedes Jahr eine neue Reform. Daher sollte die Ausbildung genera­lis­tisch angelegt werden. Die Spezia­li­sierung kommt im anwalt­lichen Alltag und vorher insbe­sondere in der Anwalt­station dazu.


Der Gesprächspartner ist Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere Heft 1/2009 (Sommer­se­mester 2009) veröf­fent­licht.

Steuerrecht - Alles soll einfacher werden – und doch wird es komplexer

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Martin Wulf, Berlin

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich Steuerrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?
Die vergangenen fünf Jahre waren für die meisten Steueranwälte sicher durch die vielen „Selbstanzeige“-Fälle geprägt. Motor dieser Entwicklung war insbesondere die geänderte Handhabung durch die Banken in der Schweiz, dort liebevoll als „Weißgeldstrategie“ bezeichnet. Von dort stammten die mit Abstand meisten Fälle. Liechtenstein, Österreich und andere Länder, in denen deutsche Kapitalanleger „verschwiegene Konten“ unterhielten, haben sich dem dann angeschlossen. Mittlerweile ist dieWelle ausgelaufen. Auch wenn noch Altfälle abzuarbeiten sind oder sich einzelne neue Mandantenmelden, wird dieser Bereich in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren.

2. Was wird dieses Jahr das bestimmende Ereignis werden?
Der Gesetzgeber muss bis zum 30. Juni 2016 ein neues Erbschaftsteuerrecht in Kraft setzen. Ich denke, das wird das Ereignis mit der größten Breitenwirkung sein. Auch wenn Details weiterhin sehr streitig sind, gehe ich davon aus, dass der Gesetzgeber die Frist hält. Rechtlich würde es allerdings so richtig spannend werden, wenn die große Koalition sich nicht einigen könnte. Dann stünde die Frage im Raum, ob das geltende Erbschaftsteuergesetz wegen der Überschreitung der vom Bundesverfassungsgericht gesetzten Frist wegfällt oder ob eine Verlängerung der Frist irgendwie denkbar ist.

3. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich Steuerrecht in fünf Jahren aussehen?
Der Einfluss des europäischen Rechts auf das deutsche Steuerrecht wird weiter zunehmen. Die Politik wird noch immer von einer Vereinfachung des Steuerrechts reden – tatsächlich werden die unter dieser Aufschrift in Kraft gesetzten Neuregelungen die Komplexität aber vielfach nur erhöhen. Dies schafft anwaltlichen Beratungsbedarf – sowohl im Steuerstreit, als auch in der Steuergestaltung.

4. Wo haben Berufsanfänger im Steuerrecht die größten Chancen?
Wichtig ist eine gute Grundausbildung. Mit einer breiten Basis lässt sich jedes Gebiet des Steuerrechts erobern. In welchem Bereich man dann tätig ist, hängt häufig von Zufällen ab. Juristen sind im Steuerrecht stark, wenn sie an den Schnittstellen zu anderen Gebieten tätig sind. Dies kann die Schnittstelle zum Strafrecht, die Schnittstelle zum Gesellschaftsrecht oder die Schnittstelle zum Erbrecht sein. Wer Ideen und Leidenschaft für einen bestimmten Bereich hat, wird sicher auch noch andere Schnittstellen finden, an denen er mit steuerlichem Know-how tätig sein kann.

5. Was vermitteln Studium und Referendariat nicht,was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich Steuerrecht braucht?
Seien wir ehrlich – wer Steuerrecht macht, hat natürlich mit Zahlen zu tun. Mit Blick hierauf wäre es zum Beispiel hilfreich, mit Excel umgehen zu können. Meine Kenntnisse sind insoweit ausbaufähig, im Studium fand dies bei mir nie statt. Andererseits: Auch das Steuerrecht lebt – wenn man als Anwalt tätig ist – vom Kontakt mit Menschen. Hier gibt es Naturtalente. Alle anderen müssen den Umgang mit Menschen lernen, ohne dass die Lehrpläne aus Studium und Referendariat hier weiterhelfen.

Der Interviewpartner ist Rechtsanwalt und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Steuerrecht im Deutschen Anwaltverein.

Der Nischenanwalt für das Massen­ge­schäft

Text: Rechtsanwalt Dieter Janßen, Bremen

HGB steht für das Handelsgesetzbuch. Und was sind CMR, WA, MÜ, COTIF oder ADSp? Das Transportrecht ist eine Nische für Kenner, daran hat der 2005 eingeführte Fachanwalt für Transport- und Speditionsrecht nicht viel geändert.

Das Rechts­gebiet „Trans­port­recht“ ist den meisten Juristen unbekannt, obwohl das deutsche Trans­port­recht seit 1998 im HGB im 4. Buch (Handels­ge­schäfte) und im 5. Buch (Seehandel) geregelt ist. Pech hat aller­dings, wer etwas zum Seehandel im Schön­felder sucht: Das 5. Buch ist in den Normal­aus­gaben des Schön­felders nicht enthalten. Ist das der Grund, warum sich kaum Anwäl­tinnen und Anwälte mit dem Transport und der Lagerung von Gütern beschäf­tigen? Bei inzwi­schen 145.000 Anwälten in Deutschland bewegt sich die Zahl im Promil­le­be­reich. Zum 1. Januar 2007 gab es gerade 60 Fachan­wälte und 7 Fachan­wäl­tinnen für Transport und Spedi­ti­ons­recht. Darin liegt die Chance für Berufs­an­fänger. Und die Hürde? Die Praxi­ser­fahrung. Man sollte genau wissen, worum es geht.

Was gehört zum Trans­port­recht? Spedition, Lagerung, Landtransport, Lufttransport, Seetransport, Eisen­bahn­transport, Binnen­schiff­fahrt­stransport sowie neuer­dings Logistik werden dazuge­zählt. Das Logis­tik­recht ist eine Schnitt­menge aus verschie­denen Trans­port­rechten und anderen Rechts­ma­terien (wie zum Beispiel Dienst­ver­trags­recht und Werkver­trags­recht). Es ist zukunfts­trächtig, weil der Transport von Gütern immer häufiger nur Teil einer komple­xeren Dienst­leistung (von der Bestands­ver­waltung bis zur Bestel­l­ab­wicklung) ist.

Wer im Trans­port­recht reüssieren will, sollte mehr machen, als das 5. Buch des HGB nachzu­kaufen. Neben dem HGB arbeitet der Trans­port­rechtler mit diversen inter­na­tio­nalen Überein­kommen (z.B. CMR für den grenz­über­schrei­tenden Güter­fern­verkehr, WA und MÜ für den Luftverkehr, COTIF für den Eisen­bahn­verkehr). Darüber hinaus gibt es verschiedene, nicht auf die einzelnen Verwender beschränkte Allge­meine Geschäfts­be­din­gungen (wie die ADSp, die Allge­meinen Deutschen Spediteur-Bedin­gungen).

Was macht der Anwalt im Trans­port­recht? Die Kunst besteht darin, sich die Sachver­halte bei den Mandanten zusammen zu suchen und die passenden Vorschriften zu finden. Ein Schwer­punkt liegt bei den meisten Trans­port­rechtlern in der Führung von Prozessen. Daneben spielt die Vertrags­be­ratung eine große Rolle. Die Prozesse werden meist vor den ordent­lichen Gerichten geführt. Liegt der Gegen­standswert – wie durchaus nicht selten – in dem Bereich bis 5.000 Euro, sind die Amtsge­richte zuständig. Das kann spannend sein: In der Regel trifft man auf Richter, die zum ersten Mal mit dem Trans­port­recht in Kontakt kommen. Anders bei den Landge­richten: Die Kammern für Handelssachen sind ein adäquater Partner für die Anwälte. Nicht zu vergessen sind Tätig­keiten im einst­wei­ligen Rechts­schutz sowie in Schieds­ge­richts­ver­fahren. Der Trans­port­rechtler macht also das, was heute in großen Kanzleien „Liti­gation“ heißt.

Mandanten sind regel­mäßig Versi­cherer, Makler oder Asseku­radeure, Spedi­teure und Fracht­führer sowie deren Auftrag­geber. Die Ansprech­partner sind häufig sehr kompetent und erwarten das auch von ihren Rechts­an­wälten. Und Kompetenz wird – trotz der häufig eher niedri­geren Streit­werte – honoriert, zumal auch höhere Streit­werte bei größeren Schäden vorkommen. Auf jeden Fall gilt im Trans­port­recht: Die Misch­kal­ku­lation zwischen kleineren und größeren Fällen funktio­niert noch. Und im Rahmen der beratenden Tätigkeit können auch Zeitho­norare vereinbart werden.

Ohne praktische Erfahrung kann der Start in das Trans­port­recht kaum gelingen. Der Fachan­waltskurs für Transport- und Spedi­ti­ons­recht ist wichtig, wird aber am Ende nicht mehr als ein Einstieg sein. Am meisten lernt, wer in einer Anwalts­kanzlei tätig ist, die sich bereits auf das Trans­port­recht spezia­li­siert hat. Wer noch keine Konnos­se­mente, Spedi­ti­ons­über­ga­be­scheine oder Luftfracht­briefe gesehen hat, kann kaum beim Mandanten als kompetent erscheinen. Gute Englisch­kennt­nisse gehören ebenfalls dazu, weil Fälle im Trans­port­recht häufig einen inter­na­tio­nalen Bezug haben. Schließlich sollte die Rechts­an­wältin, der Rechts­anwalt mit Fristen­druck leben können. Die Verjäh­rungs- und Ausschluss­fristen sind im Trans­port­recht kurz – und manchmal haben die Mandanten alle Unter­lagen erst am letzten Tag der Frist zusammen.


Der Autor ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Transport- und Speditionsrecht im Deutschen Anwaltverein.

Der Schaden – Das Lebens­elixier des Verkehrs­an­walts

Text: Rechtsanwalt Jörg Elsner, LL.M., Hagen

Das Verkehrsrecht nährt viele Anwälte. Die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins zählt mehr als 5.600 Mitglieder. Für die Versicherer sind sie Kostentreiber. Trotzdem ein Markt mit Zukunft?

Der massen­hafte Indivi­dual­verkehr gehört untrennbar zu unserer modernen Gesell­schaft. Ich wage die Prognose: Solange es diesen Indivi­dual­verkehr gibt, werden daraus weiter in großer Zahl Rechtss­treite entstehen. Es geht um den Erwerb eines Fahrzeugs, den Ersatz des Schadens beim Unfall, Straf- und Ordnungs­wid­rig­keiten, recht­liche Sanktionen sowie Fragen der Führer­schein­zu­lassung und der Kraft­fahr­ver­si­cherung.

Der Schaden ist das Lebens­elixier insbe­sondere des Verkehrs­an­walts. Immer sicherere Fahrzeuge mit Quanten­sprüngen in der Telematik verhindern das Entstehen von Unfällen oder mindern deren Folgen. Gleichwohl sinken die absoluten Unfall­zahlen nicht wegen der immer höheren Verkehrs­dichte, wenngleich die Verlet­zungs­folgen der Tötung oder der schweren Unfall­ver­letzung auf das niedrigste Niveau gesunken sind. Strei­tig­keiten um Leistungs­stö­rungen beim Autokauf werden ebenso den Anwälten erhalten bleiben. Straf- und Ordnungs­wid­rig­keiten führen bei einer immer höheren Überwa­chungs­dichte zu einer Vielzahl von Mandaten. Auch Versi­che­rungs­ver­träge rund ums Auto bieten genügend Arbeitsstoff für den Verkehrs­rechtler.

Die Chancen für junge Anwälte ohne feste Mandant­schaft sind im Verkehrs­recht besonders hoch. Mit Ausnahme der Versi­che­rungs­ge­sell­schaften und großer Fuhrparks gibt es kaum Stamm­man­danten, die regel­mäßig die gleiche Kanzlei aufsuchen. Mandanten im Verkehrs­recht sind deshalb meist anwaltlich ungebunden. Durch gezielte Werbe­maß­nahmen und Akquise kann auch ein Berufs­an­fänger seinen Einstieg in den Markt finden. Die Feinheiten des Rechts­ge­biets können auch im Selbst­studium und durch Seminare gelernt werden. Wer einen Fachan­walts­lehrgang belegt, ist auch ohne den Ratschlag älterer Kollegen befähigt, den größten Teil der verkehrs­rechtlich anfal­lenden Mandate zu bearbeiten.

Doch kommt es nicht nur auf die Rechts­kennt­nisse an: Von dem Verkehrs­anwalt wird ein hohes Maß an Flexi­bi­lität, Schnel­ligkeit in der Sachbe­ar­beitung verlangt, wie auch die Fähigkeit, eine Kommu­ni­ka­ti­ons­ebene mit jedem Mandanten zu finden. Denn leider ist die Hemmschwelle eines Geschä­digten nach wie vor sehr hoch, sich wegen seines Unfall­schadens an einem Anwalt zu wenden. Bei der Schaden­re­gu­lierung besteht eine für einen Betriebswirt geradezu traum­hafte Marktlage: Denn nur rund zehn Prozent der Unfall­ge­schä­digten lassen sich anwaltlich vertreten. Für unsere Dienst­leistung besteht also noch eine riesiger unerschlos­sener Markt. Außerdem ist diese Dienst­leistung für unseren Kunden, den Geschä­digten, in der Regel sogar ohne Kosten!

Auf diesem Markt gibt es aller­dings auch mächtige Gegner: Die Versi­che­rungs­un­ter­nehmen mit ihrer Markt- und Werbe­macht versuchen natürlich, den Geschä­digten von der Kontakt­auf­nahme mit dem Anwalt abzuhalten. Da die "Beratung" durch den Versi­cherer, der letztlich für die Kosten aufkommen muss, sicherlich nur die zweit­beste Lösung ist, stehen die besseren Argumente auf Seiten der Verkehrs­an­wälte.

Natürlich werden auch andere Berufs­gruppen wie Werkstätten versuchen, sich auf dem Markt der Unfall­scha­den­re­gu­lierung zu tummeln. Das neue Rechts­dienst­leis­tungs­gesetz – zur Zeit im Gesetz­ge­bungs­ver­fahren – wird das vielleicht möglich machen. Gegen die Werkstätten als Berater spricht aber schon deren schlechtere fachliche Qualität gegenüber Rechts­an­wälten. Außerdem vertritt diese Berufs­gruppe bei der Unfall­scha­den­re­gu­lierung Eigen­in­ter­essen.

Die Vertretung vor den Gerichten in allen Zweigen des Verkehrs­rechts wird auf absehbare Zeit allein der Rechts­an­walt­schaft vorbe­halten bleiben. Hier droht unserem Arbeits­be­reich nur die vom Sparzwang der Justiz angetriebene Gefahr, sich selbst möglichst abzuschaffen, also Rechtswege und Rechts­mittel zu beschneiden. Dabei stößt sie aber auf den erbit­terten Wider­stand der Verkehrs­an­wälte. In der politi­schen Diskussion haben sie den großen Vorteil, die gesamte Wähler­schaft zu vertreten.

Rechts­an­wälte werden auch in Zukunft im Verkehrs­recht viele Aufgaben finden. Sie müssen sich diese aber erhalten, neue erkämpfen und offen sein für aktuelle Entwick­lungen. Ohne Flexi­bi­lität und ständige Markt­be­ob­achtung geht es nicht.


Der Autor ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins.

Der Beitrag wurde in Anwalts­blatt Karriere, Heft 1 (Sommer­se­mester 2007) veröf­fent­licht.

Die digitale Revolution im Auto wirft viele neue komplexe Fragen auf

Interview mit Rechtsanwältin Cornelia Süß, Dresden

1. Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich Verkehrsrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt

Anwälte sind Rechts­dienst­leister. In den vergan­genen Jahren mussten sie erleben, dass diese Dienst­leis­tungen, gerade im Bereich der Blech­scha­den­re­gu­lierung, zunehmend auch von anderen (zum Beispiel von einigen Werkstätten als Kunden­service) angeboten werden. Gegenüber diesen Anbietern haben sich Anwälte durch­ge­setzt, die sich durch regel­mäßige Fortbildung spezia­li­siert und unter Umständen auch den Fachan­walts­titel erworben haben. Mandanten sind heute durch das im Internet abrufbare Wissen häufig schon gut infor­miert. Dass ein Anwalt den Fachan­walts­titel führen darf und damit seine vertieften Fachkennt­nisse unter Beweis stellt, ist immer häufiger ein wichtiges Kriterium für die Erteilung des Mandats.

2. Was wird 2016 das bestimmende Ereignis werden?

Nachdem die für 2016 geplante Einführung der Pkw-Maut nun doch verschoben wurde, könnte die Anwälte im kommenden Jahr ein anderes Thema beschäf­tigen. Im Koali­ti­ons­vertrag haben beide Regie­rungs­par­teien vereinbart, dass ein Fahrverbot, das bislang nur bei bestimmten Ordnungs­wid­rig­keiten oder in Verkehrs­s­trafsachen angeordnet werden kann, in Zukunft auch bei Straf­taten ohne verkehrs­recht­lichen Bezug (zum Beispiel Steuer­strafsachen) möglich sein soll.

3. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich Verkehrsrecht in den kommenden Jahren aussehen?

Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Jahren immer mehr Fahrzeuge mit sogenannten Dashcams ausge­rüstet sein werden. Anwälte werden sich in diesem Zusam­menhang mit Fragen des Daten­schutzes beschäf­tigen müssen und ob (und wie) die durch die Kameras gewon­nenen Erkennt­nisse in Straf-/Bußgeld- und Zivil­ver­fahren zu verwerten sind. Selbst­fah­rende Autos werden in naher Zukunft den Markt erobern. Schon heute verfügen moderne Fahrzeuge über eine Vielzahl von Fahreras­sis­tenz­sys­temen. Wir werden in Zukunft klären müssen, wie weit die Verant­wortung des Fahrzeug­führers reicht, der diese Innova­tionen nutzt, ohne den Opfer­schutz aus den Augen zu verlieren. Neben der Haftung bei Unfällen spielt aber auch der Daten­schutz eine große Rolle. Außerdem können die Daten, die die Fahreras­sis­tenz­systeme im Pkw erfassen und speichern, auch als Beweis­mittel von Bedeutung sein. Aufgabe der Anwälte wird es sein, sich mit der Verwert­barkeit ausein­an­der­zu­setzen.

4. Wo haben Berufsanfänger im Verkehrsrecht die größten Chancen?

Das Verkehrs­recht ist nach wie vor für Berufs­an­fänger als Einstieg gut geeignet. Ein Selbst­läufer ist die Bearbeitung von Unfall­man­daten jedoch nicht. Man muss auf sich aufmerksam machen. Das kann zum einen durch Arbeit in Netzwerken geschehen, aber auch durch Werbung. Neben der klassi­schen Werbung bietet sich vor allem das Verfassen kleiner Fachbei- träge zum Beispiel in Inter­net­foren an.

5. Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich Verkehrsrecht braucht?

Junge Kollegen kennen sich häufig nicht im Versi­che­rungs­recht aus. Sie haben noch nie etwas über Oblie­gen­heiten oder die Abrechnung nach Quoten­vor­recht gehört. Im Studium und Referen­dariat wird ihnen immer noch nicht das Handwerkszeug beige­bracht, um Perso­nen­schäden richtig zu regulieren, weil sie zum Beispiel nicht wissen, dass ein Verletzter den Haushalts­füh­rungs­schaden ersetzt verlangen kann. Junge Anwälte und Anwäl­tinnen besitzen oft kein Grund­wissen im Sozial­recht. Dieses ist aber von Nöten, wenn der Geschä­digte auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Heimweg bei einem Unfall verletzt wird. Leider bestehen nicht nur im Zivil­recht Wissens­lücken. Das Recht der Ordnungs­wid­rig­keiten wird nicht unter­richtet, obwohl Unter­schiede zum Straf­recht vorhanden sind. Auch das Gebüh­ren­recht und der Umgang mit Rechts­schutz­ver­si­cherern sind wichtige Themen. Um Versäum­nisse aus Studium und Referen­dariat rasch zu besei­tigen, empfehle ich praxis­ori­en­tierte Fachli­te­ratur, die erfahrene Anwalts­kol­legen verfasst haben.

Die Gesprächspartnerin ist Rechtsanwältin und Mitglied der Arbeits gemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins.

 

Die Lebens­ver­si­cherung für ein Anwalts­leben?

Text: Rechtsanwalt Dr. Hubert W. van Bühren, Köln

Wenn die Reform des Versicherungsvertragsrechts ab Januar 2008 gilt, müssen auch die Anwälte umdenken. Das ist eine Chance.

Statis­tisch gesehen entfallen auf jeden Bundes­bürger fast 10 Versi­che­rungs­ver­träge. Die Versi­che­rungs­wirt­schaft bearbeitet jährlich rund 50 Mio. Schaden­fälle, im Regelfall ohne Betei­ligung von Anwälten. Die Prozess­quote liegt bei etwa einem Prozent. Jährlich werden mehr als 500.000 Prozesse geführt, an denen Versi­cherer beteiligt sind.

Bei mehr als 145.000 Anwäl­tinnen und Anwälten in Deutschland klingt das wenig. Tatsächlich gibt es zurzeit aber nur etwa 800 Fachan­wälte für Versi­che­rungs­recht und diese werden überwiegend von den Versi­cherern beauf­tragt. Es gibt Kanzleien, die ausschließlich für Versi­cherer tätig werden. Es fehlt an Kanzleien, die sich darauf spezia­li­siert haben, überwiegend oder ausschließlich Versi­che­rungs­nehmer (seien es Verbraucher oder Unter­nehmen) gegen Versi­cherer zu beraten und zu vertreten.

Es lohnt sich daher, sich mit dem Versi­che­rungs­recht zu befassen, zumal die Materie übersichtlich ist und sich die Beson­der­heiten auf die Abwei­chungen zum allge­meinen Zivil­recht beschränken. Versi­che­rungs­recht ist Vertrags­recht. Es befasst sich mit den Rechten und Pflichten der Vertrags­partner. Das BGB findet damit Anwendung, soweit sich aus dem Versi­che­rungs­ver­trags­gesetz (VVG) keine Sonder­be­stimmung ergibt. Das VVG ist lex specialis zum BGB.

Im Versi­che­rungs­recht müssen alle Anwälte umlernen. Das Versi­che­rungs­ver­trags­gesetz von 1908 ist umfassend refor­miert worden. Das neue VVG tritt am 1. Januar 2008 in Kraft. Während des Kalen­der­jahres 2008 findet das neue VVG nur Anwendung auf Verträge, die nach dem 1. Januar 2008 geschlossen worden sind, Gültigkeit für alle Versi­che­rungs­ver­träge hat das Gesetz erst ab 1. Januar 2009.

Durch das neue VVG sind die Rechte der Versi­che­rungs­nehmer gegenüber den Versi­cherern erheblich gestärkt und verbessert worden. Der Versi­che­rungs­nehmer als Kunde ist zwar noch nicht „König“, aber auch nicht mehr „Bettler“. Die wesent­liche Änderung des VVG besteht darin, dass bei Oblie­gen­heits­ver­let­zungen, Gefahr­er­höhung, grober Fahrläs­sigkeit des Versi­che­rungs­nehmers der Versi­cherer nicht mehr vollständig leistungsfrei wird, der Anspruch des Versi­che­rungs­nehmers kann lediglich entspre­chend dem Grad des Verschuldens gemindert werden. Diese Analogie zu § 254 BGB wird dazu führen, dass zunächst heftig über die Regulie­rungs­quote gestritten wird, bis sich ein Standard in der Recht­spre­chung gebildet hat, entspre­chend den im Haftungs­recht gebil­deten Quoten.

Hier tut sich ein enormes Betäti­gungsfeld für die Anwalt­schaft auf, zumal Rechts­schutz­ver­si­che­rungen im Regelfall Deckungs­schutz für Versi­che­rungs­pro­zesse gewähren.

Eine weitere Neuerung im VVG ist für die Anwalt­schaft wichtig: Der neue § 215 VVG schafft den Gerichts­stand des Versi­che­rungs­nehmers für Klagen aus dem Versi­che­rungs­vertrag. Zwar kann auch nach dem jetzigen § 48 VVG der Versi­cherer dort verklagt werden, wo der Agent, der den Vertrag vermittelt hat, seinen Sitz hat. Dieser Gerichts­stand versagt jedoch bereits bei Direkt­ver­si­cherern und bei Vermittlung eines Vertrages durch Makler. Zurzeit werden daher die meisten Verfahren gegen Versi­cherer bei den Gerichten geführt, in denen sich der Hauptsitz der Versi­cherer (München, Wiesbaden, Köln, Hannover und Hamburg) befindet.

In Zukunft werden sich die Verfahren auf die gesamte Republik verteilen, eine Chance für alle Rechts­an­wälte, da Versi­cherer immer mehr bestrebt sind, Rechts­an­wälte „vor Ort“ zu beauf­tragen; dies ist auch eine Chance für die Anwälte, die sich in ihrer Region auf die Vertretung von Versi­che­rungs­nehmern spezia­li­sieren.

Es ist eine Frage des Marke­tings und der Berufs­auf­fassung, ob ein Rechts­anwalt sich entschließt, ausschließlich für oder gegen Versi­cherer tätig zu werden. Rechts­an­wälte als unabhän­giges Organ der Rechts­pflege sollten sich nach meiner persön­lichen Auffassung insoweit nicht festlegen, zumal eine einseitige Orien­tierung „betriebs­blind“ macht. Der mittel­al­ter­liche Grundsatz „cuius regio, eius religio“ (wessen Herrschaft, dessen Religion) gilt nicht für Rechts­an­wälte. Ein Rechts­anwalt muss sowohl den Stand­punkt eines Versi­che­rungs­nehmers als auch den eines Versi­cherers überzeugend darlegen können.


Der Autor ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Versicherungsrecht im Deutschen Anwaltverein.

Wenn Grenzen überschritten werden … helfen Anwäl­tinnen und Anwälte

Interview mit Rechtsanwalt Dr. Jan Curschmann, Hamburg

Was hat den Tätigkeitsbereich von Anwältinnen und Anwälten im Bereich Internationales Wirtschaftsrecht in den vergangenen fünf Jahren am meisten geprägt?

Zunächst ist zu klären: was bedeutet eigentlich „Internationales Wirtschaftsrecht“? Es geht dabei um die ganze Bandbreite grenzüberschreitender Transaktionen, vom Handelsgeschäft über den Anlagenbauvertrag bis zu gesellschaftsrechtlichen Verträgen einschließlich des zugehörigen Steuerrechtes, Kartellrechtes, um Compliance-Themen und vieles mehr, egal ob über Kontinente hinweg oder innerhalb der EU. Die Brüsseler Gesetzgebung gehört also auch dazu. Wobei: gemeint ist nicht nur das Recht im engeren Sinne, sondern auch das „soft law“ und interkulturelle Fähigkeiten. Denn beruflicher Erfolg beruht nicht nur auf Spezialisierung im rechtlichen Fachgebiet, sondern man sollte auch sprachlich versiert und mit allen Besonderheiten des Ziellandes oder Rechtskreises vertraut sein. Das hochgradig heterogene Arbeitsfeld des im internationalen Wirtschaftsrecht Tätigen war deshalb gerade die Schwierigkeit bei der Abfassung des Curriculum für den Fachanwalt „Internationales Wirtschaftsrecht“, den die Satzungsversammlung 2013 beschlossen hat. Sie ermöglicht den Kollegen und Kolleginnen jetzt erstmals, in qualifizierter Weise für ihre besonderen Kenntnisse zu werben. Das ist für mich das prägende Ereignis für alle im Bereich des „Internationalen Wirtschaftsrecht“ tätigen Anwältinnen und Anwälte: nutzen Sie diese Chance!

Was wird 2017 das bestimmende Ereignis werden?

Bestimmendes Ereignis des Jahres 2017 wird mit großer Wahrscheinlichkeit der Brexit werden: Wann (und ob?) wird Großbritannien den Antrag nach Art. 50 EUV stellen? Welche Folgen wird das auf rechtlicher Ebene für die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen britischen und kontinentaleuropäischen Unternehmen haben? Wie muss die Europäische Union sich neu ausrichten, um Folgeaustritten entgegenzuwirken? Als weitere spannende Zukunftsthemen sind zu nennen die im grenzüberschreitenden Wirtschaftsverkehr zunehmend wichtigere Compliance und – natürlich – die Herausforderungen an das Recht durch die digitale Wirtschaft.

Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Tätigkeitsbereich für Anwälte im Bereich Internationales Wirtschaftsrecht in fünf Jahren aussehen?

Der Trend geht – besonders im (grenzüberschreitenden) Transaktionsgeschäft – eindeutig in Richtung Standardisierung: ausgefeilte, auf alle denkbaren Fallkonstellationen zugeschnittene und fortlaufend aktualisiert abrufbare Vertragsmuster sind im Vormarsch und verdrängen die individuelle Beratung zunehmend. Das hat Folgen: Wirtschaftlich mag die Transaktionsberatung weiter interessant bleiben, rechtlich aber wird sie zunehmend weniger spannend werden. Aber es gibt ja viele andere Bereiche, deren Entwicklung erst begonnen hat: die Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen – und damit entsprechender Rechtberatungsbedarf – schreitet ständig weiter voran.

Wo haben Berufsanfänger im Internationalen Wirtschaftsrecht die größten Chancen?

In allen Rechtsbereichen, die sich für Standardisierung nicht (oder kaum) eignen. Das ist sicher der gesamte Bereich des ITRechts, aber auch die Streitbeilegung. Letztlich lässt sich diese Frage aber nicht generell beantworten: ein Berufsanfänger, der in einer Großstadt lebt und auf eine Anstellung in einer internationalen Kanzlei hofft, muss sich anders ausrichten als ein(e) junge(r) Anwalt/Anwältin, der/die in einer grenznahen Kleinstadt lebt und sich auf die Rechtsberatung im Wirtschaftsverkehr mit dem Nachbarland spezialisieren möchte.

Was vermitteln Studium und Referendariat nicht, was eine junge Anwältin oder ein junger Anwalt im Bereich Internationales Wirtschaftsrecht braucht?

Sprachen und die eingangs bereits erwähnten interkulturellen Fähigkeiten. Meine Empfehlung lautet deshalb: machen Sie eine Zusatzausbildung im Ausland! Dort erworbene oder vertiefte Sprachkenntnisse und das Verständnis für die Gegebenheiten in anderen Rechtskreisen sind von großem Vorteil für die zukünftige Berufsausübung. Aus meiner Sicht ist, wenn man im internationalen Wirtschaftsrecht tätig werden möchte, ein im Ausland erworbener LL.M. einer hiesigen Promotion vorzuziehen.

Der Autor ist Vorsitzender des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Internationales Wirtschaftsrecht im Deutschen Anwaltverein.

Heft 2/2016