The Future for Lawyers

Chance für die Anwalt­schaft

Richard Susskind ist inzwischen auch außerhalb Großbritanniens fast jedem in der IT-Branche ein Begriff. Neben seiner Tätigkeit als Autor, Redner, internationaler Unternehmens- und britischer Regierungsberater ist er auch Professor der University of Oxford, des Gresham College und der Strathclyde University. In Deutschland zog er die Aufmerksamkeit besonders durch seine Bücher auf sich, in denen er sich mit dem Einfluss digitaler Technologien auf den Anwaltsberuf auseinandersetzt. Charakteristisch ist seine schonungslose Herangehensweise, die über eine deskriptive Analyse hinausgeht: Susskind kritisiert, wagt Prognosen und hält der Anwaltschaft den Spiegel vor. Allerdings begegnet er seiner eigenen Arbeit mit denselben Maßstäben. Sein jüngster Bestseller „The Future of the Professions“ ist eine Zusammenarbeit mit seinem Sohn Daniel Susskind, in dem zwei Generationen den Wandel der freien Berufe für die nächste Generation betrachten.

Mit provokanten Titeln wie „The End of Lawyers?“ aus dem Jahre 2008 zeigt Susskind, dass er nicht nur informieren, sondern wachrütteln möchte. Verständlich, dass er dafür gelegentlich dem Vorwurf der Dramatisierung ausgesetzt ist. Aber Susskind ist gerade an einer kritischen Auseinandersetzung mit seinen Thesen gelegen. „Das Fragezeichen am Ende des Buchtitels ist wichtig“, stellte Susskind zu Beginn seines Vortrags Anfang September augen zwinkernd klar, den er diesmal etwas positiver „der Zukunft der Anwälte“ widmete.

Was macht einen Anwalt im digitalen Zeitalter aus?

Was will der Mandant? Diese Frage stellte Susskind den Kongressteilnehmern. Die Antwort erscheint zunächst naheliegend: anwaltlichen Rat. Doch im Grunde geht es den Mandanten um die Lösung eines Problems in der jeweiligen Situation. Und diese kann eben auch in einem Formularvordruck, einem Onlineartikel oder einer Streitbeilegungssoftware liegen. Wenn man diesen Anknüpfungspunkt wählt, wird schnell ersichtlich, warum neue Technologien derzeit große Erfolge auch in der Rechtsbranche feiern. Es geht nicht darum, die angebotenen Leistungen mit denen eines Anwalts zu vergleichen. Es geht darum, andere Leistungen zu suchen und in Form von Software zu finden. Susskind umschreibt dieses Phänomen mit der Formulierung „the competition that kills you doesn’t look like you“. Auch bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz gehe es nicht darum, ein menschliches Wesen nachzubilden. Es geht um Entscheidungsfindung und Datenanalyse, wobei dabei nicht gesagt sei, dass das menschliche Gehirn tatsächlich den effizientesten Weg dafür darstellt. So stellt sich auch für die Zukunft nicht die Frage nach einem digitalen Anwalt, sondern vielmehr danach, was einen Anwalt im digitalen Zeitalter ausmachen wird. Was macht es eigentlich genau aus, dieses Anwaltsgeschäft?

What business are you in?

Die Anwaltstätigkeit hat viele Elemente: Dokumentenprüfung, Projektmanagement, Unterstützung im Rechtsstreit, Verhandlungsgeschick, strategisches Vorgehen, Vertretung des Mandanten, rechtliche Recherche. Doch welche dieser Aufgaben kann wirklich nur ein Anwalt bewerkstelligen? Susskind stellt das traditionelle Berufsmodell gleich einer ganzen Reihe von Alternativen gegenüber. Angesichts dieser fällt es schwer, davon auszugehen, dass sich nur die Weiterentwicklung des bisherigen Modells durchsetzen wird. Denkbar sind beispielsweise Modelle wie das „networked experts model“, bei dem die Kunden eines Unternehmens Zugang zu einer Gruppe von Freelancer-Anwälten erhalten, wodurch die Kosten im Vergleich zu privaten Kanzleien gesenkt werden. Weitere Möglichkeiten sind „knowledge engeneering“, in Form von automatisierter Dokumentenerstellung, „communities of experience“, in denen professioneller Rat untereinander ausgetauscht wird, anstelle die Fragen an externe Experten weiterzuleiten, „embedded knowledge“, also das Bereitstellen von Compliance-Lösungen für den Mandanten ohne die Intervention des Anwalts bis hin zum „machine-generated model“, bei dem das komplette Problem einem Computersystem überlassen wird, welches eine Lösung und damit gegebenenfalls sogar neues Wissen generiert.

Diese Ansätze finden schon heute in vielen Bereichen in unterschiedlicher Intensität Anwendung. Für die Anwaltschaft gilt es nun ebenfalls, sich mit den Alleinstellungsmerkmalen ihrer Tätigkeit auseinanderzusetzen und den tatsächlichen Schwerpunkt zu finden. Denn genau darauf basieren die neuen Technologien: der Ausgliederung standardisierbarer Aufgabenbereiche. Laut Susskind ist die Anwaltschaft also nicht am Ende, sondern am Anfang. Es geht darum, das Berufsbild selbst neu zu gestalten. Ähnlich einem Algorithmus müssen die Anwältinnen und Anwälte dabei alle Möglichkeiten zumindest einmal in Betracht ziehen. Wer Susskind zuhört, merkt, dass er die Anwaltschaft nicht verunsichern, sondern zu einer proaktiven Gestaltung ihrer Zukunft ermutigen will. //

Die Autorin Nora Zunker hat Jura an der Humboldt-Univer­sität studiert und schreibt regel­mäßig für Anwalts­blatt und Anwalts­blatt Karriere.

 

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