Report - Examens­noten

Warum vier Punkte im Examen nicht das Ende der Karriere sind

Text: Zakiya Mzee, Berlin
Interviews: Nora Zunker und Zakiya Mzee, Berlin

Es gibt ihn immer noch, diesen besonderen Nimbus um die Examensnoten. Nichts garantiert den erfolgreichen Berufseinstieg, wie die magischen neun Punkte im Examen. Das glauben jedenfalls noch immer viele Studierende und Referendare. Dabei ist ein Prädikatsexamen allein heute kein Job-Garant mehr, ebenso wenig wie ein „nur“ ausreichendes Examen das Karriereende bedeutet. Tatsache ist, dass gerade die Anwaltschaft Nachwuchs braucht und zwar Nachwuchs, der wirtschaftlich denkt, teamfähig ist und praktikable Lösungen findet. Mit Nebil A., Katrin L., Lars G. und Julia W.* stellt Anwaltsblatt Karriere vier Juristinnen und Juristen vor, die auf unterschiedliche Weise bewiesen haben, dass ein Prädikatsexamen bei weitem nicht der einzige Weg zum beruflichen Erfolg ist. (* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert)

Wie wichtig sind Examensnoten?


Nebil A.
„Die Note spiegelt nicht den Anwalt wieder.“

Heute weiß Nebil A.: „Die Note spiegelt nicht den Anwalt wieder.“ Seit acht Jahren betreibt er nun eine Kanzlei in einer niedersächsischen Kleinstadt. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Nebil kam als Kind eines türkischen Gastarbeiters nach Deutschland. Nach dem Abitur war Jura für ihn die erste Wahl, obwohl er nur „eine sehr diffuse Vorstellung davon hatte – sehr idealisiert“. Das Studium fiel ihm nicht leicht. „Ich hatte durchgehend Angst vor dem Nichtbestehen“, erzählt er. Nach intensiver Vorbereitung auf das erste Examen reichte es am Ende für sechs Punkte. Doch auch nach dem Examen wurde es nicht leichter. Nebil bekam keinen Referendariatsplatz. Daraufhin schrieb er sich für ein Zweitstudium ein. Nach drei Semestern bekam er schließlich doch eine Ausbildungsstelle zugewiesen. Während des Referendariats wollte er noch Richter werden, doch die Examensnoten machten ihm einen Strich durch die Rechnung. „Als ich meine Zulassung hatte, wusste ich erstmal nicht wohin. Im Referendariat bekam man keine richtige Orientierung“, erzählt er. „Eine Anstellung kam nicht infrage. Ich wollte mir nichts mehr sagen lassen.“ Also wurde Nebil A. Existenzgründer. Angefangen hat er mit nicht mehr als einem Laptop und einem Schreibtisch, den ihm ein Rechtsanwalt in seinen Räumen zur Verfügung stellte. Das Gewinnen von Mandanten gehörte nicht zu seinen Startschwierigkeiten. Schnell sprach sich in der Umgebung rum, dass es jetzt einen türkisch- und arabischsprachigen Anwalt gab. „Ich wurde gleich mit Mandaten zu geschmissen.“ Das eigentliche Problem war die anwaltliche Arbeit. Einen Schriftsatz schreiben konnte er. „Doch wie macht man das mit den Kosten? Wie schreibt man eine Rechnung? Das musste ich mir alles selbst beibringen.“ Heute bearbeitet Nebil schon mal 200 Akten pro Jahr. Unfassbar viel verdient er nicht, doch er ist zuversichtlich:„Ich bin noch völlig in der Entwicklung drin, auch nach acht Jahren“, sagt er und führt weiter aus: „Was einen Anwalt ausmacht, lernt man erst in der Praxis: Das Auftreten, die Hingabe. Ich merke in meiner täglichen Arbeit nicht, dass ich nur ein Ausreichend habe.“ Seiner Meinung nach liegen Arbeitgeber, die nur auf die Noten schauen, daneben. Für einen Anwalt zählen auch andere Fähigkeiten.

Katrin L.
„Die Richter dachten, so richtig pfiffig ist sie nicht.“

Das Jura-Studium hatte sich Katrin L. anders vorge­stellt. Sie empfand es als wenig attraktiv und viel Freizeit hatte sie auch nicht. Das Examen schrieb sie im Freischuss Ergebnis: vier Punkte. Für Katrin stand trotzdem fest, dass sie weiter machen würde: „Es ist wie bei der Fahrschule: Das erste Examen ist die Theorie­prüfung, aber fahren kann man erst nach dem zweiten.“ Dabei begann das Referen­dariat nicht gerade vielver­spre­chend: „Die Richter dachten, so richtig pfiffig ist sie nicht“, berichtet Katrin L. Aber davon ließ sie sich nicht abschrecken: „Selbst­be­wusst weiter machen, höflich bleiben und sich nicht irritieren lassen“, rät sie jedem, der eine vergleichbare Erfahrung befürchtet. Während des Referen­da­riats arbeitete sie in einer Anwalts­kanzlei. Doch die Idee dauerhaft in eine Kanzlei zu gehen, erschien ihr gar nicht so attraktiv. „Die Anwälte, für die ich gearbeitet habe, hatten ständig Streit und Stress und als Angestellte verdient man nicht genug“, erzählt Katrin. Auch die Selbst­stän­digkeit kam für sie nicht infrage: „Ich hatte nicht den Mut,  freischwebend auf dem Markt zu sein.“ Nach einem erfolg­reichen zweiten Examen kam ihr der Zufall zu Hilfe: Auf der Weihnachts­feier einer Freundin knüpfte sie Kontakte zu einem Unter­nehmen, das gerade einstellte. Nach der Note aus dem ersten Examen fragte sie keiner mehr. Heute arbeitet Katrin L. in der Rechts­ab­teilung des Unter­nehmens. Doch so ganz hat sie die anwalt­liche Arbeit nicht aufge­geben: Nebenbei betreibt sie ein Online-Schei­dungs­portal, bietet Online-Beratung bei Facebook an und berät ausge­wählte Mandanten als Einzel­an­wältin bei sich zu Hause. Sie hat für sich eine gute Kombi­nation aus sicherer Festan­stellung mit hohem Gehalt und echter anwalt­licher Tätigkeit gefunden. Ihr Erfolgstipp: „Mit einem gefes­tigten Umfeld besteht man das Examen. Das ist der Schlüssel.“


Lars G.
„Man braucht Kontakte, sonst wird es schwierig.“

Das Studium hat Lars G. ganz gut gefallen. Er lernte viel in Eigenregie. Die juristische Tätigkeit interessierte ihn. Während des Studiums wollte er noch gerne in den Staatsdienst. Doch als er nach einem befriedigenden ersten Examen ins Referendariat ging, entdeckte er den Anwaltsberuf für sich. Das zweite Examen machte er mit Ausreichend. Danach stand auch für ihn fest: eine Anstellung kommt nicht infrage. Gemeinsam mit einem Partner wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit. „Wir haben uns sehr intensiv damit auseinander gesetzt und geplant“, berichtet Lars. Zu bedenken gab es einiges, nicht zuletzt den richtigen Standort. „Der Anlauf war schwierig, aber das ist ganz normal“, erzählt er. „Wir haben uns erstmal damit auseinander gesetzt, wie wir an Mandate kommen. Man braucht Kontakte, sonst wird es schwierig.“ Auf diese Weise kam er an die ein- oder andere Pflichtverteidigung oder wurde an potentielle Mandanten weiter empfohlen. Mittlerweile gibt es die Kanzlei seit sechs Jahren. Nachdem sie am Anfang noch breit aufgestellt waren, haben sie sich inzwischen weiter entwickelt und Nischen gesucht. Das Geschäft läuft. „Wenn man das Studium und Referendariat absolviert hat, verfügt man über ein gutes Handwerkszeug“, findet Lars. Für ihn spielt die Examensnote für den Erfolg als Anwalt keine übermäßige Rolle. Ein „nur“ ausreichendes Examen mache niemanden zu einem Juristen zweiter Klasse und heiße auch nicht, man könne keine komplexen Sachverhalte bearbeiten. „Unterm Strich muss man in der Lage sein, praktikable Lösungen zu finden. Das kann man nicht durch Noten abfragen.“ Jedem, der sich vorstellen kann, wie Lars. G. gleich nach dem Studium eine eigene Kanzlei zu eröffnen, rät er: „Man muss Netzwerke bilden und sich ins Gespräch bringen. Das ist das Wichtigste und macht den Einstieg leichter.“

Julia W.
„Ich dachte, ich bekomme keinen Job.“

Für Julia W. zählen die Persönlichkeit und das Auftreten sowie kommunikative Fähigkeiten weit mehr, als die Examensnoten. Auch wenn Kanzleien und Unternehmen zunehmend Wert auf diese Soft-Skills legen, ist das bei weitem noch nicht überall angekommen. „Ich finde es ganz schlimm, dass man nicht mehr eingeladen wird“, sagt Julia. Insbesondere mit dem Vorurteil, das Juristen ohne Vollbefriedigend kein Jura können, würde sie gerne aufräumen.Sie selbst ist der lebende Beweis: Trotz zweier „nur“ ausreichender Examina ist Julia W. heute Referentin in einem Landesministerium. Was ihr geholfen hat? Kontakte und ihr Erststudium in Sozialpädagogik. Schon damals kam sie durch Praktika in der Bewährungshilfe mit Jura in Kontakt. Als es mit den Jobs im sozialen Bereich schwierig wurde, entschied sie sich für ein Jurastudium. Nebenbei arbeitete sie weiter in ihrem Beruf als Sozialpädagogin – eine nicht zu unterschätzende Doppelbelastung. Dementsprechend fiel auch das erste Examen aus. Dennoch entschied sie sich, auch das zweite Examen zu machen. „Ich wusste ja, dass ich mit dem zweiten Examen erst lernte, worum es wirklich geht“, erklärt Julia. Während des Referendariats musste auch sie mit den Vorurteilen ihrer Ausbilder zurechtkommen. „Der Richter in der Zivilstation konnte es nicht so leiden, wenn man kein Prädikatsexamen hatte“, erzählt sie. Bei der Staatsanwaltschaft gefiel es ihr schon besser. Es kam ihr zugute, dass sie schon Lebenserfahrung hatte und wusste, wie man mit Menschen umgeht. Auch einen Karriereplan hatte sie bereits: „Ich wusste, ich wollte keine Anwältin werden. Ich hatte mir einen Referenten-Job ausgeguckt.“ Doch nachdem sie auch das zweite Examen mit einem Ausreichend bestanden hatte, war sie nicht sonderlich zuversichtlich: „Ich dachte, ich bekomme keinen Job.“ Aber es kam anders. Über eine Freundin erfuhr Julia W. von einer freien Stelle als Referentin in einer Fraktion. „Die fanden meinen Lebenslauf gut. Da hat die Note nicht gezählt.“ Später schaffte sie den Sprung ins Ministerium. Heute beschäftigt sie sich mit Gesetzgebungsverfahren im Bereich Schulen und  Kindertagesstätten. „Ich wollte immer Sozialpädagogik und Juristerei verbinden“, sagt Julia. Das ist ihr gelungen. //

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