Pro-bono - unbezahlter Rechtsrat

Laut einem Bericht des Australian Pro Bono Centre schrieben austra­lische Anwälte in diesem Jahr 402.216 unbezahlte Arbeits­stunden auf. Das war ein Plus von 8,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Für Catriona Martin von der Kanzlei DLA Piper ist es kein Widerspruch, auf dem hart umkämpften Rechtsberatungsmarkt unbezahlte Rechtsberatung anzubieten. Der Erfolg ihrer Kanzlei hänge letztlich von der Stärke ihres Umfeldes ab, sagt Martin: „Und indem wir in dieses Umfeld investieren, investieren wir gleichzeitig in die Zukunft der Kanzlei.“ Der australische Rechtsberatungsmarkt ist unter Druck geraten. Nach einem Bericht der Melbourne Law School zusammen mit dem Finanzinformationsdienst Thomson Reuters ist die Nachfrage nach Rechtsdienstleistungen auf dem Kontinent im vergangenen Jahr in den Kanzleien durchschnittlich um 1,9 Prozent gesunken. „Das Bild, das dieser Bericht zeichnet, ist nicht besonders positiv“, schreibt Carolyn Evans von der Melbourne Law School in einem Vorwort.

Unbezahlte Pro-bono-Arbeit als Wachstumsstrategie

Wegen einer anstehenden Rechtsreform erwartet die Anwaltschaft ab dem 1. Juli 2017 weitere deutliche Kürzungen der australischen Regierung bei der Prozesskostenhilfe. Viele Sozietäten sehen nun ausgerechnet unbezahlte Pro-bono-Arbeit als Teil ihrer Wachstumsstrategie. DLA Piper beispielsweise hat ein virtuelles Pro-bono-Programm für Arbeitsrecht ins Leben gerufen. Die Kanzlei unterstützt damit eine sozial schwache Region im Westen des Landes, rund 450 Kilometer entfernt von der Großstadt Perth. DLA Piper arbeitet dort mit einer Hilfsorganisation zusammen, die den ersten Kontakt zu dem Mandanten hat und den Fall aufnimmt. „Wenn die Hilfsorganisation bei einem arbeitsrechtlichen Problem wegen Kapazitätsproblemen oder fehlender arbeitsrechtlichen Kenntnis nicht weiterhelfen kann, verweist sie den Fall an DLA Piper weiter“, sagt Martin. Der Sachverhalt sowie dazugehörige Dokumente werden der Kanzlei in eines der Büros in Sydney, Brisbane oder Perth weitergeleitet.

Pro-bono-Arbeit erhöt die Produktivität der einzelnen Anwälte

Die Hilfsorganisation organisiert ein Beratungsgespräch. Dieses Gespräch findet in den Räumen der Hilfsorganisation und über den Internettelefonierer-Service Skype statt. Auf diese Weise erhält der Pro-bono-Mandant eine Stunde lang kostenlosen Rechtsrat von einem Anwalt. An dem Programm seien insgesamt sieben Anwälte von DLA Piper beteiligt, darunter zwei Partner, sagt Catriona Martin. Der Wert der bisher geleisteten Arbeit belaufe sich auf umgerechnet mehr als 17.000 Euro. Der Bedarf an Rechtsberatung sei enorm, sagt sie. Aber auch DLA Piper profitiere von dem Programm und erfülle damit die Erwartungen vieler Mandanten. „Unsere Mandanten teilen unsere Auffassung von sozialer Verantwortung und haben ebenfalls Programme aufgelegt, von denen wir viel lernen können“, sagt Martin. Derzeit arbeitet die Kanzlei in 60 unterschiedlichen sozialen Kooperationen mit Mandanten zusammen. Die Erfahrung zeige, dass Pro-bono-Arbeit die Produktivität der einzelnen Anwälte erhöht.

Pro-bono und Nachwuchs

Auch bei der Nachwuchssuche spiele Pro-bono eine immer größere Rolle. „Oft ist das Pro-bono-Programm das ausschlaggebende Argument bei der Kanzleisuche von talentierten Nachwuchskräften“, sagt Martin. Für den juristischen Nachwuchs böten diese Programme die Möglichkeit, Rechtsberatung und den Umgang mit Mandanten zu üben. //

Text: Nicola de Paoli, Edinburgh

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