Anwalts­aus­bildung - inter­na­tionale Karriere

Karriere im Ausland

Schrump­fende Profite, das Internet und alter­native Geschäfts­mo­delle haben in den vergan­genen Jahren den Druck auf tradi­tio­nelle Anwalts­kanz­leien erhöht. Das bleibt nicht ohne Folgen für junge Anwälte. „Die Ausbildung an den Univer­si­täten sollte darauf reagieren und den Studenten das entspre­chende betriebs­wirt­schaft­liche Wissen vermitteln“, sagt der Kanzlei­be­rater Jaap Bosman aus den Nieder­landen. Laut einer im vergan­genen Jahr in Paris vorge­stellten Studie unter jungen Anwäl­tinnen und Anwälten hielten rund 28 Prozent der Befragten Teile der voran­schrei­tenden techno­lo­gi­schen Entwicklung für eine Bedrohung.

Die Studie war gemeinsam vom Rat der Europäischen Anwaltschaften (CCBE) als Dachverband der europäischen Anwaltsorganisationen und dem grenzüberschreitenden Anwaltsverband Association Internationale des Jeunes Avocats (AIJA) in Auftrag gegeben worden. AIJA zählt 4.000 Anwältinnen und Anwälte unter 45 Jahren in 90 Ländern als Mitglieder.

Was brauchen moderne Jura-Absol­venten, Jurastu­die­rende und junge Juristen?

Hightech wird in vielen Kanzleien immer sichtbarer und es lässt sich nicht mehr verleugnen, dass technische Neuerungen in Zukunft den Berufsalltag vieler Juristen bestimmen werden. Was bedeutet das für den Berufseinstieg junger Anwältinnen und Anwälte? Müssen Jurastudierende neben ihrem Studium nun auch noch Kurse im Programmieren und Informatik belegen? Und: Wie wird die Rechtsberatung in wenigen Jahren aussehen?

Junge Juristen müssen nach übereinstimmender Einschätzung von Kennern der Anwaltsszene keine IT-Experten werden, um ihren Beruf auszuüben. Sie sollten aber ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass sich die Rechtsberatung in der nächsten Zeit verändern wird ‒ und sie sollten in der Lage sein, auf diese Veränderungen in ihrem Berufsalltag zu reagieren. So könnte in Zukunft beispielsweise eine Software den Ausgang eines Rechtsstreits mit großer Sicherheit voraussagen. Das aber könnte zur Folge haben, dass weniger Fälle vor einem Gericht verhandelt werden, weil Schlichtung oder außergerichtliche Klärung eines Rechtsstreits attraktiver sind.

Dass mit der technischen Weiterentwicklung nicht nur Risiken für das Anwaltsgeschäft, sondern auch Chancen für die Kanzleien verbunden sind, zeigt das Beispiel des Legal Service Centre von Allen & Overy. Die Kanzlei eröffnete das juristische Datenzentrum im Jahr 2012 im irischen Belfast. Dort werden große Mengen an Dokumenten und Verträgen gesichtet und aufbereitet. Auf diese Weise versorgt das Legal Services Centre A & O-Büros auf der ganzen Welt mit dem Material für besonders umfangreiche Mandate. Die Kanzlei profitiert dabei unter ananwaltsausbildung derem von der im Vergleich zu London günstigeren Gehaltsstruktur in Belfast. „Wir sind mit 20 Mitarbeitern gestartet”, sagt Stephen Beattie vom Legal Service Centre. Heute liegt diese Zahl bei 85. Davon haben alle mit Ausnahme von sieben Mitarbeitern für die Datenanalyse einen juristischen Abschluss. Viele probieren Vieles aus.

 

Überhaupt lohnt sich ein Blick auf diejenigen Kanzleien, die mit Hilfe von Testlaboren und eigenen Start-ups Innovation groß schreiben. Eines dieser Innnovationszentren ist die USamerikanische Firma „Nextlaw Labs“. „Nextlaw Labs“ gehört zur internationalen Kanzlei Dentons und soll in Zusammenarbeit mit anderen IT-Firmen, Branchenexperten und Anwälten innovative ITLösungen entwickeln. Die Kanzlei habe sich bewusst dafür entschieden, die IT-Entwicklungsaktivitäten auszulagern, sagt John Fernandez von „Nextlaw Labs“: „Wir können so an Projekten arbeiten, die vielleicht jetzt noch nicht zu unserem Kerngeschäft zählen, aber unsere Zukunft bestimmen werden“, sagt er. Eine weitere große Rolle spielen Investitionen in andere Start-ups, die Technik für die Arbeit in einer Kanzlei entwickeln. „Unsere Kunden haben schon vor langer Zeit in ihre IT investiert, um die Abläufe in ihren Betrieben zu automatisieren. Sie erwarten nun das Gleiche von uns“, sagt Fernandez.

Legal Incubator

Die französische Rechtsanwaltsvereinigung Paris Bar gründete im Jahr 2014 den so genannten Legal Incubator. Auch auf diese Weise sollen Innovationen in
den Kanzleien gefördert werden. Einmal im Jahr lädt der Incubator mehrere hundert Fachleute zu einem Gedankenaustausch über die Zukunft des Anwaltsmarktes ein. Der Beruf des Anwalts sei schon jetzt vielfältig, sagt Benjamin Pitcho vom Incubator: „Diese Vielfalt wird in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen.“ Anwälte könnten multinationale Konzerne beraten oder Sozialverbände. Sie könnten interne Untersuchungen leiten oder ganz neue Berufsfelder betreten, etwa als Agenten für Künstler oder berühmte Sportler. Mit dem traditionellen Berufsbild habe das oft nicht mehr viel zu tun. Aber das ist kein Nachteil, sagt Pitcho: „Solange die jungen Juristen neugierig bleiben und bei Innovationen nicht nachlassen, haben sie eine großartige Karriere vor sich.“

Anwältinnen und Anwälte werden weiterhin gebraucht, sagt auch Stephen Beattie von Allen & Overy: „Es wird immer Bedarf an Rechtsberatung geben. Anwaltlichen Rat anzubieten heißt, mit den Mandanten im Gespräch zu sein. Das kann ein Roboter nicht leisten.“ Nicht sich ängstigen, sondern anpacken Sind also die Ängste von Jurastudenten übertrieben, wenn sie ins Berufsleben starten? Für junge Anwältinnen und Anwälte wird es darauf ankommen, sich auf die Bedürfnisse ihrer Mandanten in Zukunft noch besser einzustellen. Eine große Zahl hat das offenbar auch verstanden. Laut der Umfrage von CCBE und AJIA sah eine Mehrheit der Befragten die größte Gefahr für die Branche in der Anwaltschaft selbst begründet: Fast zwei Drittel warender Ansicht, dass die fehlende Innovationsbereitschaft in den Kanzleien dem Berufsstand schadet. Nun muss niemand ein Start-up gründen oder inteure IT investieren, wozu die meisten kleinen und mittleren Kanzleien ohnehin nicht in der Lage sind, geschweige denn Berufseinsteiger. Aber es hilft vielleicht zu verstehen, dass manche Mandanten heutzutage lieber skypen, als in die Kanzlei zu kommen.

David Frølich von der dänischen Kanzlei Lund Elmer Sandager in Kopenhagen ist AIJA-Präsident. Für ihn ist der Blick über den Tellerrand ein wichtiger Aspekt für den beruflichen Erfolg als Anwältin oder Anwalt: Andere Sprachen lernen und Verständnis für internationale Zusammenhänge entwickeln. „Die Zukunft ist nun einmal international”, sagt er. Kanzleiberater Bosman rät dazu, den Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge zu schärfen und zum Beispiel Ausbildungsstationen in Unternehmen einzuplanen. Das würde Anwalt und Mandant gleichermaßen dienen, sagt Bosman. Selbstverständlich seien Kenntnisse in IT hilfreich. Doch niemand erwarte von einem Anwalt, dass er IT-Spezialist sei. Auch das Rechtsgebiet spiele für den beruflichen Erfolg keine so große Rolle, wie gemeinhin angenommen, sagt Bosman. Es wird wohl künftig für viele Anwälte darauf ankommen, IT sinnvoll zu nutzen und Routinearbeiten einer cleveren Software zu überlassen. So bleibt mehr Zeit, Rechtsrat zu bieten, den eine Suchmaschine im Internet nicht leisten kann. Selbst der lernfähigste Computer kann eben ein Gespräch unter vier Augen nicht ersetzen. Und darin liegt, da sind sich Branchenexperten einig, in Zukunft die Stärke des Anwaltsberufs. //

Text: Nicola de Paoli, Edinburgh

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