Existenz­gründung

Neue Dienst­leis­tungen rund um das Recht

Innovative Geschäftsmodelle können auch kleinere Kanzleien entwickeln. Für die Kanzlei Müggenborg in Aachen geht es mal um effizient abgewickeltes Massengeschäft, mal um hoch spezialisierte, interdisziplinäre Beratungsmandate. Die Basis bildet stets ein professioneller Auftritt im Internet. Der jüngste Coup ist ein Krisenteam für Betriebsstörungen mit gefährlichen Ausmaßen – bundesweit und im Wettbewerb mit Großkanzleien.

Der Zugang führt zwischen altem Baumbe­stand über eine Brücke und einen breiten Wasser­graben. Dahinter leuchtet Schloss Rahe weiß in der Sonne. Prof. Dr. jur. Hans-Jürgen Müggenborg ist mit seiner Kanzlei vor ein paar Jahren in das reprä­sen­tative Schloss gezogen. Hier residierte 1818 der russische Zar Alexander nach der Niederlage Napoleons. Auch Kaiser Franz I. von Öster­reich bettete schon sein Haupt in den Gemächern, die nun diverse Unter­nehmen beher­bergen. In diesem Ambiente entwirft der Umwelt- und Technik­rechtler Müggenborg mit seinem Büroleiter, dem Betriebswirt und Infor­ma­tiker Michael Schmitz, neue Geschäfts­mo­delle.

Müggenborg lehrt als Honorar­pro­fessor an der RWTH Aachen, ansonsten könnte die Kanzlei auch sonstwo in Deutschland sitzen. „Ich habe kaum Mandanten hier aus Aachen“, sagt Müggenborg, Fachanwalt für Verwal­tungs­recht. Der jüngste Streich der innova­tiven Kanzlei mit nur fünf festen Mitar­beitern und Honorar­kräften sind „ Die Störfall­ex­perten“. Ein achtköp­figes Krisen-Inter­ven­ti­onsteam steht für Störfälle in der chemi­schen Industrie und anderen Risiko­branchen parat. Es ist ein Pool von Experten aus Recht, Verfah­rens­technik, Anlagen­si­cherheit und Psycho­logie für den Ernstfall, aber auch für Prävention und Beratung, damit es gar nicht erst zum Äußersten kommt.

Wenn es knallt, raucht, brennt, gefährliche Stoffe freigesetzt und womöglich sogar Menschen verletzt oder getötet werden, stehen die Störfallexperten in einer 24-Stunden-Rufbereitschaft parat. Im Expertenpool sind etwa Kapazitäten wie Prof. C. Jochum, ehemaliger Sicherheitschef der Hoechst AG und Ex-Vorsitzender der Störfall-Kommission. Sogar ein Experte für Chemiewaffen ist mit von der Partie, verrät Schmitz. Das Team ist handverlesen: „20 Jahre Berufserfahrung sind das Minimum“, um Aufnahme zu finden, sagt Müggenborg. „Das Konzept verbindet bewusst Juristen und Nicht-Juristen.“ Es geht um die Abwicklung von Störfällen, das Planungsrecht rund um Störfall-Anlagen mit riskanten Stoffen und das Krisen-Management bis hin zur Störfallübung. Der letzte große Störfall bei der BASF brachte Müggenborg auf die Idee. Unternehmen, die in der ersten Phase Fehler machen, etwa gravierende behördliche Anordnungen nicht rechtzeitig angreifen, können schnell in existenzielle Gefahr geraten. Es geht um große Risiken und um entsprechend hohe Beträge. Eine britische Studie beziffert die durchschnittlichen Kosten eines Störfalls auf 15 Millionen Euro.

Ein Unternehmen, das erst auf ihn zukam, als das Kind sprichwörtlich im Brunnen lag, also Fristen versäumt waren, kämpft auch noch Jahre später mit den Folgen. „Die haben schon das 36. Sachverständigen-Gutachten beibringen müssen“, sagt Müggenborg. Im Dezember 2016 ging die Webseite der Störfallexperten online, seither sind erste Mandate angebahnt. 95 Prozent der Arbeit des Professors ist Beratung. Es geht um die Seveso-IIIRichtlinie, angemessene Sicherheitsabstände und ganz konkrete Fragen wie die, ob der Betriebskindergarten tatsächlich direkt am Störfall-Lager gebaut werden sollte. „Vor Gericht sieht man mich selten. Wer braucht eine Entscheidung in fünf Jahren? Das muss schneller gehen.“

Das Netzwerk der Störfallexperten sei auch ein Mittel, um der geballten Kraft der Großkanzleien Paroli bieten zu könnensagt Müggenborg. „Wir haben nicht deren Overhead-Kosten und können daher geringere Stundensätze berechnen. Wir zielen auf den riesigen Mittelstand in Deutschland. Die Störfallbetriebe und deren Nachbarschaft. Die Großkonzerne brauchen unsere Expertise nicht, die haben sie intern.“ Das Störfallrecht, so hat es der Europäische Gerichtshof entschieden, muss inzwischen in jedem einzelnen Genehmigungsverfahren angewendet werden, was früher nicht der Fall war. „Das hat eine große Rechtsunsicherheit geschaffen, die Behörden wissen auch nicht, wie sie damit umgehen sollen – und verzögern die Genehmigungen.“ Die Expertise der Störfallexperten soll somit auch helfen, den dadurch entstandenen und auf 25 bis 30 Milliarden Euro geschätzten Investitionsstau in Deutschland abzubauen. Ein Aspekt, der die Nachfrage nach dem Expertenteam weiter erhöhen dürfte, ist die Gefahr durch Terroristen. Die Störfallverordnung nennt das „Abwehr von Eingriffen Unbefugter“.

Da müssen die Unter­nehmen Vorsorge treffen, besonders gegen Innen­täter.Geschäftsfeld Immobilien-Darlehen Der erste Erfolg der Zusam­men­arbeit von Schmitz und Müggenborg wurde im Jahr 2014 auf einem ganz anderen Rechts­gebiet auf den Markt gebracht. Die Idee war das Gegenteil zu denStör­fall­ex­perten: Massen­ge­schäft statt hochkom­ple­xer­hoch­kom­plexer Mandate. Der Widerruf von Immobilien-Darlehen wegen fehler­hafter Klauseln wurde zum neuen Tummel­platz (www.widerruf-immobi­li­en­dar­lehen.de) für den Umwelt- und Technik­rechtler. „Über das Internet Mandanten zu akqui­rieren, war auch für mich neu – bis ich Herrn Schmitz kennen­ge­lernt habe. Dass es so einen Sog entwi­ckelt, hätte ich auch nicht geglaubt. Das ist ungeheuer wirkungsvoll. Das musste ich auch erst lernen. Ich komme ja aus klassi­schen Kanzleien, habe sehr viel veröf­fent­licht, Kommentare heraus­ge­geben, Vorträge gehalten – habe mir so einen Namen gemacht. Aber das hier geht viel schneller. Zeitweise mussten wir die Google-Werbung abschalten, weil wir so viele Anfragen bekamen, dass wir die alle gar nicht mehr bewäl­tigen konnten.“

In einem Jahr kamen 4.000 Mandate herein. „Wir haben eineeigene Datenbank entwi­ckelt mit den rund 1.000 einschlä­gigen Gerichts­ur­teilen und einem Klage-Generator, um unsere Effizienz zu steigern. Die insgesamt 47 Fehler in Wider­rufs­be­leh­rungen von Immobilien-Darlehen wurden mit den passenden Textbau­steinen hinterlegt, um sie durch eine rasch erzeugte Klage­schrift anzugreifen. „Das hat unsere Produk­ti­vität vervier­facht. Dafür konnten wir auch höhere Gehälter zahlen, denn gute Leute zu bekommen, ist das größte Problem“, berichtet Schmitz. Das Geschäft mit den Immobilien-Darlehen war aller­dings rasch vorbei, weil der Gesetz­geber auf Druck der Banken das Recht geändert hat. „Das läuft jetzt aus, aber wir betreuen immer noch zahlreiche Mandate – eine Weile trägt das noch“, sagt Müggenborg. Google hat sich eine goldene Nase an den Aachenern verdient. „Denen haben wir bis zu 16.000 Euro im Monat gezahlt. Gelohnt hat es sich natürlich trotzdem.“ Schnell und dann mit aller Kraft auf ein neues Thema aufspringen, das sei in Zeiten der Digita­li­sierung die notwendige Strategie für Anwälte. „Bei den VW-Rückrufen haben wir zum Beispiel auch überlegt, ob wir da einsteigen, es aber schließlich verworfen, um uns nicht zu verzetteln.“ Ein paar andere Ideen sind dafür noch auf Lager, aber nichts, worüber Schmitz und Müggenborg jetzt schon sprechen würden. „Wir haben noch einige Ideen, nur nicht genug Zeit, 80 bis 90-Stunden-Wochen sind die Regel – weil es so gut läuft.“ //

Text: Malte Varnhagen, Düsseldorf

Heft 1/2017

Text: Andin Tegen, Hamburg

Jürgen Fritschi wollte Profi­fuß­baller werden. Dazu hat es zwar nicht gereicht, doch als Rechts­anwalt kommt er seinem Traum gerade wieder etwas näher.Die Mandantin raubt ihm den Verstand. Heute, sagt Jürgen Fritschi, hat er sich erlaubt, die Zusam­men­arbeit so freundlich wie möglich abzulehnen. „Man muss auch mal seine Nerven schonen“, sagt der 41-Jährige und zieht gequält die Augen­brauen hoch. Seit acht Jahren ist er nun Anwalt für Miet- und Verkehrs­recht. Ganz zu Anfang seiner Laufbahn, sagt er, hätte er es sich zehnmal überlegt jemandem abzusagen, selbst wenn der neue Mandant furchtbar unein­sichtig war. Heute traut er sich das.

Er sitzt an einem schwarzen Schreib­tisch in seiner Kanzlei in München, den Windbreaker hat er locker über den Bürostuhl gehängt. Hinter ihm, auf einem schlichten Regal, steht eine alte nostal­gische Schreib­ma­schine mit Farbband. In den Fächern reihen sich Fachbücher anein­ander. Fritschi selbst wirkt vor dieser Kulisse fast jungenhaft. Er trägt ein braunes Poloshirt, Brille mit schmalem Rand, die Locken sportlich durch­ein­ander, was ihm eher etwas von einem Studenten als von einem arrivierten Anwalt verleiht. Dabei scharrt Fritschi in seiner Kanzlei im schicken Stadtteil Bogen­hausen mittler­weile 13 Mitar­beiter um sich, darunter Rechts­an­wälte für Verkehrs-, Arbeits-, Miet-, Erb-, Familien und Sport­recht. Gerade ist er auf der Suche nach einem weiteren Experten für Mietrecht, weil der Bedarf an juris­ti­schem Beistand in dem Bereich fast unerschöpflich ist. Genau wie für das Verkehrs­recht. Fritschi hat so viele Mandanten, dass er nicht mehr pausenlos akqui­rieren muss und noch genug Zeit für seine Frau und seine zwei Kinder hat. „Das ist mir wichtig“, sagt er, „Ich glaube, dass es eine Frage der Einstellung ist, ob man als Rechts­anwalt ständig bis Mitter­nacht arbeitet.“ Aus Fritschis Haltung spricht die Gelas­senheit eines Menschen, der sich keine Sorgen machen muss. Dabei war seine Karriere gar nicht so vorge­zeichnet. Er hätte auch Versi­che­rungs­kaufmann bleiben können. Damals, nach der Schulzeit, musste er ja irgen­detwas Sinnvolles machen, sagt er und lächelt, wie so oft, wenn er spricht.

Er schlüpft in die Fußstapfen seiner Eltern, die im Ort eine Allianz-Filiale leiten. Nach der Ausbildung wird er Marke­tingleiter bei der Sparkasse in seiner Heimat­stadt Meßkirch inBaden-Württem berg. Neben den Vermark­tungs­auf­gaben vermittelt er auch zwischen Auszu­bil­denden und Vorge­setzten, wenn es zu Span nungen kommt. Es liegt ihm, sich für andere einzu­setzen. „Meine Güte, ich war auch nicht immer pünktlich als Azubi“, sagt er und man ahnt, warum viele seiner Mandanten ihn immer wieder konsul­tieren. Er hat etwas Nahbares ansich, spricht nicht von oben herab, sobald einem ein juris­ti­scher Begriff mal nicht geläufig ist. Er hält sich nicht für etwas Besseres. Eigentlich, sagt er, hat er den Beruf Versi­che­rungs­kaufmann nicht gerade aus Leiden­schaft ausgeübt. Er wollte lieber Fußballer werden. „Dafür war ich aber nicht gut genug“, sagt er ohne Umschweife. „Und ich wollte auf Nummer Sicher gehen.“ Der gebürtige Badener war schon vieles, bevor er sich entschied eine Kanzlei zu gründen: Als ehema­liger Geschäfts­führer der Firma „Newsports GmbH“ half er dabei, Fußball-Mini-Arenen aufzu­bauen, vermit­telte und beriet Fußball­profis, darunter Spieler aus der Regio­nalliga des SC Pfullendorf. Es faszi­niert ihn, welche Summen für Spieler ausge­geben werden, ein Riesen­un­ter­nehmen sei das. Aus einem einfachen Ballspiel sei ein ganzer Wirtschafts­zweig geworden. Um nah an seiner Leiden­schaft Sport zu bleiben, musste er sich etwas überlegen. Spieler brauchen juris­tische Berater, wenn sie für hohe Summen an andere Vereine verkauft werden. Warum also nicht Rechts­wis­sen­schaften studieren? Das kam eigentlich nicht in Frage. Fritschi mochte Studenten nicht besonders. Warum, weiß er bis heute nicht so genau, „viel­leicht, weil ich unter­schwellig Ehrfurcht vor der Uni hatte und mir die akade­mische Laufbahn nicht zugetraut habe“, sagt er. Die Angst war ziemlich unbegründet, stellte sich heraus. Es machte ihm schlichtweg Spaß zu studieren. Parallel zum Staats­examen machte er noch einen Abschluss als Sport­ökonom.

Kann ja nicht schaden. Nach sieben Semestern gelang ihm das erste Staats­examen, mit 29 Jahren war er Volljurist. Nach dem Engagement in der Finanz­ge­schäfts­führung der Newsports GmbH gründet er in seinen eigenen vier Wänden eine Ein-Mann-Kanzlei. Er entwirft Flyer, lässt sie ver teilen, nach und nach kommen die ersten Mandanten. „Ich habe mich auf Miet- und Verkehrs­recht spezia­li­siert, weil mir das durch meine Ausbildung und die Versi­che­rungs­tä­tigkeit meiner Eltern geläufig war“, erläutert Fritschi. Die Mandanten haben ein anderes Fahrzeug beschädigt, sind zu schnell gefahren, bei Rot über eine Ampel gerast. Oder sie haben Mieter-Probleme, Schimmel an den Wänden, horrende Mieter­hö­hungen stehen bevor oder sie stehen vor dem Rausschmiss. Fritschi hört sich alles an. Er findet weniger durch einen gewon­nenen Fall seine Bestä­tigung als dadurch, dass sich ein Mandant bei ihm gut aufge­hoben fühlt. Wie die schwangere Mutter, die der Vermieter vor die Tür setzen wollte. Sie kam verzweifelt zu ihm, weil sie sich eine andere Bleibe finan­ziell nicht leisten konnte. Fritschi kann beruhigen, aber er verspricht nichts. Er lässt seine Mandanten aber merken, dass er sich für sie einsetzt so gut es geht. Das beruhigte die Mutter. Der Vermieter ging weiter recht aggressiv gegen sie vor. Aber durch Fritschis Hilfe lebt sie noch heute in der Wohnung.

Jürgen Fritschi würde nie einem frischgebackenen Juristen raten, sich einfach so selbstständig zu machen. Auch bei ihm war diese Entscheidung ein langer Prozess, ein alles andere alsgradliniger Weg.  Wie ein Kanzleigründer ein Team formt, um selbst Erfolg zu haben. Bevor er eine richtige Kanzlei gründen kann, braucht er Geld. Das erarbeitet er sich durch seine verschiedenen beruflichen Tätigkeiten. Irgendwann fasst er den Entschluss aufzusteigen. Er zieht mit seiner Familie nach München, kauft ein Haus am Stadtrand und mietet großzügige Büroräumlich keiten im schicken Bogenhausen. Er braucht Mitstreiter, um als seriöse
Kanzlei aufzutreten. Es braucht Wochen bis er zwei Anwälte findet, die sich mit ihm zusammentun und dadurch seine Fixkosten entlasten. „Das war erleichternd und hat mich in meinem Weg bestätigt“, sagt er. Im Laufe der Jahre findet er noch weitere Anwälte, die seine Fachgebiete ergänzen. Fritschi weiß nicht, ob er es schaffen wird jemals hauptberuflich als Sportrechtler zu arbeiten. Dafür ist die Branche zu klein. Und darum geht es ihm auch nicht. Er will dem Profisport einfach nahe bleiben, und das kann er als Spielervermittler und juristischer Berater. „Das Schöne am Anwaltsberuf ist, dass jede Branche mit einer Form von Rechtsberatung verknüpft ist, sagt er. „Wer nicht Sänger geworden ist, kann ohne weiteres im Musikbusiness beraten“. Das gelte auch für die Bereiche Kunst, Architektur, Schauspiel – alles sei möglich. Es sei nur wichtig, einen Traum zu haben, sagt er. Im Rückblick war seine Karriere nur möglich, weil er diesen nie verloren hat. Aber auch, und daraus macht er keinen Hehl, weil er sich mit seinen Mandanten immer gleich im Voraus über die Anwaltskosten verständigt hat. Das sei ganz wichtig, „Viele scheitern, weil sie Angst haben, einen Auftrag zu verlieren, wenn sie einen Vorschuss oder einen Nachweis der Rechtsschutzversicherung fordern“, sagt er, „Da muss man standhaft bleiben, sonst geht man pleite“. Trotzdem dürfe es nicht nur immer ums Geld gehen.„Wenn man zum Beispiel glaubt, jemand sei eindeutig schuldig und man kann ihn nicht guten Gewissens verteidigen, muss man es auch nicht“. Er nennt einen Mann, der unter betäubenden Substanzen Auto fuhr und überzeugt davon war, dass er das auch weiterhin könne. Oder eine Frau, die eindeutig über Rot gefahren war, Menschen dabei gefährdete und sich keiner Schuld bewusst war. Die eigenen Vorstellungen von Moral, Recht und Unrecht bilden den roten Faden im Leben eines Anwalts, sagt Fritschi. Nur daraus entwickle sich ein Selbstbewusstsein, das für den Beruf so wichtig ist. Das habe ihm geholfen. Auch dabei, einem Mandanten mal freundlich und bestimmt „Nein“ zu sagen. //

Text: Andin Tegen, Hamburg

In ihrer Kanzlei schreiben sie jeden Tag Angebote, beantworten Mandanten-Mails oder pflegen ihre Kontakte. All das bis weit nach Ladenschluss, wenn diese besondere Ruhe eingekehrt ist in Hamburgs Innenstadt. Das Rastlose, sagt Oliver Rossbach, sei immer verbunden mit einer Gründer-Euphorie und dem Wissen, nun alles selbst entscheiden zu können. Das sei ein Gefühl von Freiheit.


Vor knapp einem Jahr haben sich die Anwälte Stephan R. Göthel, Oliver Rossbach und Franz W. Schmitz in der Hamburger Innenstadt niedergelassen. Ihre Wirtschaftssozietät Pier 11 ist wie ein Schnellboot, das sie jetzt lernen müssen zu navigieren. Lange Zeit wollte er sich gar nicht selbstständig machen. Stephan R. Göthel hatte ganz andere Pläne, er wollte internationale Mandanten betreuen, mit Global Playern verhandeln, in einer Großkanzlei Karriere machen. Das hat er getan. Und jetzt sitzt er mit seinen zwei Partnern an einem fein geschliffenen Holztisch in der Nähe des Hamburger Rathausmarktes und blickt auf die Dächer der Hansestadt. Seit knapp einem Jahr arbeitet er nun hier, in einer Kanzlei, die er mit Oliver Rossbach und Franz W. Schmitz gegründet hat. Pier 11 haben die drei sie getauft in Anspielung auf die Hafennähe, den Weg in die Welt hinaus und die Heimat, in die man immer wieder zurückkehrt. Die 11 steht für den Teamgedanken. Hier, sagt er, und es klingt wie ein Ausatmen, ist er nun wirklich angekommen.

Die Mischung macht es. Dabei war die Überlegung eine eigene Kanzlei zu gründen anfangs so etwas wie eine Schnapsidee. Jeder von ihnen war damals beruflich weit gekommen: Göthel und Rossbach waren zuletzt Partner der Großkanzlei Taylor Wessing. „Das waren gute und extrem lehrreiche Jahre“, sagt der 44-Jährige Göthel und erinnert sich an die älteren und erfahrenen Kollegen, die ihm damals zur Seite standen, wenn Fälle unlösbar schienen oder bei einem Mandanten mehr Erfahrung gefragt war. Er wurde zum Experten für Unternehmenskäufe, also Mergers & Acquisitions, und Gesellschaftsrecht und lernte auch von den sogenannten Rainmakern, den überaus umsatzstarken Anwälten, die es in jeder Kanzlei gibt, und die so gut überzeugen können, dass ihnen die Mandanten zuzufliegen scheinen. Oft sitzen bei internen Entscheidungen bis zu 30 Partner am Tisch. „Es ist nicht immer einfach, bei so vielen Anwälten und Fachgebieten immer einer Meinung zu sein“, erinnern sich Göthel und Rossbach an ihre Zeit bei Taylor Wessing. Sie und Schmitz wollten mehr: eine eigene Wirtschaftskanzlei, in der die Entscheidungswege schneller, die Ideen spontaner, die Teamarbeit und die Abstimmungsprozesse unkomplizierter verlaufen würden. Irgendwann saßen alle drei bei einem Glas Bier zusammen und erkannten, dass sie sich mit ihren Expertiexistenzgründung sen gut ergänzen würden: Göthel und Rossbach kannten sich schon seit der Referendariatszeit, später waren sie Kollegen bei Taylor Wessing. Göthel war zuvor noch ein paar Jahre bei Freshfields Bruckhaus Deringer. Rossbach war Syndikusanwalt bei der Deutschen Bank und beim Bundesverband deutscher Banken in Berlin. Er war der Mann für die Bereiche Finance und Restructuring. Franz W. Schmitz arbeitete erst als Rechtsanwalt bei Linklaters, danach als Syndikusanwalt und General Counsel in Unternehmen der MPC Münchmeyer Petersen Capital Gruppe. Er würde den Bereich Commercial und Gesellschaftsrecht abdecken. Mit diesen schwergewichtigen Lebensläufen, wurde ihnen klar, war es möglich, eine Wirtschaftssozietät zu gründen, die sich unter allen anderen dieses Fachgebiets behaupten könnte.

Dann ging alles schnell. Innerhalb eines halben Jahres kündigten die drei ihre Jobs, entwickelten einen Businessplan, suchten einen Makler, der ihnen ansprechende Gewerbeimmobilien zeigte, verliebten sich in eine helle Büroetage, gestalteten die Räume schlicht modern, mit viel Holz und Glas, „und kauften endlich eine richtig gute Espressomaschine“. Im April 2015 eröffneten sie ihre Kanzlei. Die atemlose Zeit ist längst nicht vorbei. Immer geht es darum, nicht nur bestehende Mandate zu bearbeiten, sondern neue zu akquirieren und an Ausschreibungen teilzunehmen. „Man ist auch schon sechsmal hintereinander beim selben potenziellen Kunden, stellt sich vor, macht sich vertraut, lädt zum Essen ein“, sagt Göthel, „aber wir halten auch Vorträge, besuchen Tagungen und Messen, um Kontakte zu knüpfen oder aufzuwärmen“. Klar ist, wer sich selbstständig macht, muss es mögen, auf Leute zuzugehen und darf sich nicht von der Anwesenheit von Konkurrenten einschüchtern lassen, bekräftigt Oliver Rossbach. In ihrer Kanzlei schreiben sie jeden Tag Angebote, beantworten Mandanten-Mails oder pflegen ihre Kontakte. All das bis weit nach Ladenschluss, wenn diese besondere Ruhe eingekehrt ist in Hamburgs Innenstadt. Das Rastlose, sagt Oliver Rossbach, sei immer verbunden mit einer Gründer-Euphorie und dem Wissen, nun alles selbst entscheiden zu können. Das sei ein Gefühl von Freiheit. „Eine Zeitlang kommt das Sportprogramm dann eben kürzer“, sagt Schmitz und zuckt nur mit den Schultern. Ist es denn empfehlenswert auch ohne die umfangreichen Erfahrungen aus Kanzleien eine eigene Anwaltskanzlei zu gründen? So gut vernetzt wie das Dreiergespann sind Studierende nach dem Staatsexamen ja noch lange nicht. Die drei würden längst nicht jedem raten, sich sofort selbstständig zu machen. „Wir profitieren ganz klar von unseren Lebensläufen“, sagt FranzW. Schmitz. „Ein weiterer Vorteil ist, dass wir – sollten sich unsere Ziele absolut nicht verwirklichen – immer die Möglichkeit hätten, wieder in Unternehmen oder Kanzleien unterzukommen“. Umfangreiche Lebensläufe mit möglichst viel Stationen und Publikationen seien kein Muss, bekräftigen alle drei, aber wer sich ohne Erfahrung selbstständig macht, sollte schon eine Nische abdecken, die ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche ist. Ihre Fachgebiete gehörten nicht unbedingt dazu. „Da ist viel Erfahrung allein schon deshalb notwendig, weil man es oft mit älteren Mandanten zu tun hat, die einen schlichtweg nicht ernst nehmen, wenn man zu jung ist“, sagt Göthel.

Wer nicht wagt: Neues Abrechnungsmodell Auch für Pier 11 war es wichtig, Alleinstellungsmerkmale zu schaffen. Als deutsche Wirtschaftssozietät bieten sie zum Beispiel proaktiv eine Alternative zum Modell des Stundenhonorars. Wie Göthel erläutert, kann das Honorar vor der Mandatierung verbindlich vereinbart werden. Damit gehe man ins unternehmerische Risiko. So wie die Mandanten, die man berate. Die offensive Art, gleich auf der Homepage mit diesem Honorar-Modell zu werben, ist neu, entspricht aber dem Zeitgeist: „Die Mandanten kämpften heute mit weitaus strengeren Budgets für die Rechtsberatung“, sagt Göthel, „deshalb wünschen viele Kalkulationssicherheit“. Auch die Sprache auf der Homepage ist klar und unkompliziert. Man findet kein verklausuliertes Anwaltsdeutsch oder seitenlange Lebensläufe. Es ist eine puristische Seite, die mit kühler Ästhetik wirbt. Und der praktisch ständigen Erreichbarkeit der drei Gründer. Schließlich erwarten Mandanten heute schnelle Reaktionen: Um 10 h berichten sie von ihrem Fall, um 17 h erwarten sie die erste Strategie. „Mit dieser Schnelligkeit sind wir in den Beruf eingestiegen“, sagt Rossbach, „das etwas langsamere Zeitalter, als man noch per Fax kommunizierte und nur werktags antwortete, ist für Anwälte längst vorbei“. Sie seien es gewohnt, immer erreichbar zu sein und präsent in sozialen Netzwerken wie Xing und LinkedIn. Sie verschicken Newsletter, schreiben Blogbeiträge über Joint Ventures oder Wagniskapital. Auch das Smartphone liegt immer in Reichweite. „Und wenn mal einen halben Tag lang keine Antwort auf eine Mail kommt, ist das schon komisch“, sagt Rossbach. Es laste eine ganz andere Verantwortung auf einem, wenn man selbstständig sei. Das sei der gefühlt größte Unterschied zu ihren vorherigen Tätigkeiten in Großkanzlei und Unternehmen. Vielleicht kann man das Geheimnis der Pier 11-Gründung mit den Worten von Franz W. Schmitz erklären: „Unsere Selbstständigkeit ist vergleichbar mit einem Schnellboot“, sagt er und zeichnet eine schlangenförmige Linie durch die Luft. „Man sieht viel in kurzer Zeit, lernt viel Neues dazu und kann spontan reagieren, wenn mal eine Bugwelle kommt“. Das mache ihre jetzige Tätigkeit so anspruchsvoll – und so viel reizvoller „als die Fahrt auf einem großen schweren Luxusliner“. //

Anwalts­blatt Karriere 1/2016

Auch kleine Anwalts­kanz­leien können mehr als Jura bieten

Text: Malte Varnhagen, Düsseldorf

Edle Rappen, vornehme Gestüte, hohe Streit­werte: Die Leiden­schaft für Pferde hat in Neustadt an der Weinstraße eine ungewöhn­liche Allianz geschmiedet. Die Anwalts­kanzlei Schliecker funktio­niert als Famili­en­be­trieb samt promo­vierter Tierärztin. Der neue Schwer­punkt Pferde­recht entpuppt sich dabei als spannend und lukrativ.

Einige seiner Mandanten haben in ihrer Tiefkühl­truhe ein abgesägtes Pferdebein liegen, berichtet Anwalt Christian Schliecker (36). „Das ist makaber, geht aber nicht anders. Sonst bekommt man ein Beweis­problem.“Weil sich Rechtss­treite bekanntlich in die Länge ziehen und es immer sein kann, dass ein weiterer Sachver­stän­diger hinzu­ge­zogen wird, liegt das Corpus Delicti schon mal länger auf Eis. „Ist ein Pferd verendet, raten wir immer, es sezieren zu lassen, sonst gehen die Gerichte von Beweis­ver­ei­telung aus.“

„Schliecker“,„Schliecker“,„Schliecker“ – schon bei der Begrüßung wird klar: Diese Kanzlei ist ein Famili­en­be­trieb. Eigentlich arbeiten sogar vier mit Nachnamen Schliecker hier: Vater, Tochter, Sohn und Mutter, die aber an diesem Tag frei hat. Die zweite Auffäl­ligkeit: Im Warte­zimmer hängt neben den Urkunden für Fachan­walts­titel die Appro­bation einer Veteri­närin. Das liegt am neuen Schwer­punkt, für den Dr. Christian Schliecker verant­wortlich ist: Pferde­recht. Damit kommt seine Schwester, die Tierme­di­zi­nerin Dr. med. vet. Kirstin Schliecker (33) ins Spiel – als tierärzt­liche Gutach­terin bei allen medizi­ni­schen Fragen rund ums Pferd.

Während die Anwälte in der Kanzlei, einschließlich Kanzlei­gründer Wolfgang Schliecker (68), das Zivil- und Straf­recht abdecken, ist Christian Schliecker, der in Pferde­recht sogar promo­viert hat, fast ausschließlich mit Fällen rund um das Huftier befasst. Er zählt zu der Handvoll Spezia­listen in Deutschland, die zwischen Hamburg und München an den Gerichten antreten, wenn es um die besonders wertvollen Exemplare dieser Spezies Streit gibt. „Ich mache zu 90 Prozent Pferde­recht“, sagt er.

„Das wird häufig belächelt, auch von meinen Anwalts­kol­legen. Dabei ist es außer­or­dentlich lukrativ, lukra­tiver als eine normale Zivil­rechts­kanzlei.“ Es geht um Millio­nen­werte, um Reitpferde von sehr renom­mierten Mandanten, die auf Diskretion bedacht sind. „Die rufen von überall an: USA, Nieder­lande, Öster­reich, Schweiz, Tsche­chien. Wir können gar nicht alles annehmen.“

Die Kanzlei­adresse „Marstall 2“ hat der Sohn seinem Vater zu verdanken. Es gibt wohl kaum eine bessere für einen Pferde­rechtler. Doch dass hier früher einmal ein fürst­licher Reitstall stand, hat Wolfgang Schliecker nicht inter­es­siert, als er seine Kanzlei 1982 gründete. Purer Zufall also. Die Leiden­schaft für Pferde hat Christian dagegen seiner Schwester Kirstin zu verdanken: „Eigentlich wollte Christian einen Snowboard-Kurs belegen. Ich habe ihn zum Reiten überredet“, verrät diese. Beide haben dann rasch Ehrgeiz entwi­ckelt und in ihrer Jugend Titel als rheinland-pfälzische Landes­meister im Spring­reiten errungen, Kirstin im Einzel­springen, Christian in der Mannschaft. „Meine Schwester und ich reiten, seit wir Kinder sind. Unser Freun­des­kreis besteht aus Reitern“, sagt Christian. Beide haben immer noch ein eigenes Spring­pferd, er einen Olden­burger und sie einen Zweibrücker.

Inzwi­schen profi­tiert die Schwester davon, ihrem Bruder damals das Reiten schmackhaft gemacht zu haben. Als Gutach­terin ist sie deutlich flexibler als eine Tierärztin mit eigener Praxis. Dies komme ihr als Mutter zweier Kinder sehr entgegen, sagt sie. „Ich werte Röntgen­bilder aus, nehme zu Gutachten Stellung oder kontrol­liere einen tierärzt­lichen Behand­lungs­ablauf auf Fehler.“

Aber wie kam der Hobby-Spring­reiter auf die Idee, Pferde­rechtler zu werden? „Das war eigentlich die Ideemeines Vaters“, räumt Christian Schliecker ein. Wolfgang Schliecker hatte Dietrich Plewa kennen­ge­lernt, einen der renom­mier­testen Pferde­rechtler in Deutschland. Gemeinsam mit Plewa ist sein Sohn nun 25 Kilometer entfernt in Germersheim seit 2012 Sozius einer weiteren Kanzlei. Erklärtes Ziel ist es, die Kanzleien eines Tages zu verschmelzen, wenn sich die Altvor­deren zur Ruhe gesetzt haben. Wolfgang Schliecker will in zwei Jahren aufhören. „Defi­nitiv“, sagt er.

Neustadt an der Weinstraße hat rund 80.000 Einwohner und liegt genau auf der geogra­fi­schen Kante zwischen Rheinebene und Pfälzer Wald. Die Region ist keine Hochburg des Reitsports, aber als Lage für die Kanzlei dennoch geeignet: „Vier Stunden nach Hamburg, drei nach München, eineinhalb nach Düsseldorf“, sagt Schliecker junior. „Manchmal bin ich jeden Tag de rWoche bei einem anderen Gericht. Rheinland-Pfalz liegt da ganz gut in der Mitte.“

Vor den Gerichten werden Fälle wie dieser verhandelt: Das Pferd der Mandantin hat ein geschwol­lenes Bein. Der Tierarzt behandelt es, doch das Tier entwi­ckelt die häufig tödliche Pferde­krankheit Hufrehe und verendet. Aus den Behand­lungs­un­ter­lagen wird klar: Der Veterinär hat dem Tier die Überdosis eines Medika­ments verab­reicht, das für die Symptome gar nicht indiziert war und bei dem die Hufrehe als unerwünschte Neben­wirkung vermerkt ist. „Dieme­di­zi­ni­schen Details hat mir meine Schwester erklärt. Den Fall haben wir in der zweiten Instanz gewonnen“, sagt Christian Schliecker.

Ein anderer Fall: Ein sehr teures Reitpferd – sein Wert liegt weit über einer Million Euro – hat einen leichten Husten. Der Tierarzt behandelt es mit Eigenblut und einem homöo­pa­thi­schen Präparat. Das Pferd reagiert auf das Präparat mit einem aller­gi­schen Schock und bricht tot zusammen: „Wir nehmen den Tierarzt in Anspruch.“ Oder: Bei der Ankaufs­un­ter­su­chung eines Reitpferdes übersieht der Sachver­ständige eine Kehlkopf-OP, die das Pferd wegen einer Atemwegs­er­krankung bereits hinter sich hat. Das Tier verendet schließlich an der Atemwegs­er­krankung. Die Versi­cherung des Sachver­stän­digen wird den Schaden bald regulieren müssen. Bei einem weiteren Pferd fällt dem Besitzer nach dem Kauf auf, dass die Neuer­werbung hin und wieder leicht hinkt. Der Vorbe­sitzer gibt sich ahnungslos, doch das Gutachten von Kirstin Schliecker ergibt: Der Sachver­ständige hat bei der Ankaufs­un­ter­su­chung eine schwere Arthrose zwischen zwei Rücken­wirbeln übersehen.

Die Unter­dis­zi­plinen des Pferde­rechts muten auf den ersten Blick ein wenig spröde an: das Hufschmiedrecht zum Beispiel. Dabei geht es in den konkreten Fällen oft um leidende Tiere. „Wenn der Hufschmied beim Beschlagen der Hufe mit Hufeisen die Nägel zu tief einschlägt, man sagt ,ins Leben nagelt‘, kann sich auch eine Hufrehe bilden.“ Unter­läuft dem Schmied bei einem edlen Rappen ein Fehler, ist er hoffentlich ausrei­chend versi­chert: „Das ist ein Werkvertrag, das kann teuer werden. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da alles passiert“, berichtet der Anwalt. „Wenn ein Hufschmied pfuscht, leidet das Tier richtig. So etwas will man nicht sehen."

„Es geht nicht nur ums Geld, es geht auch um Emotionen“, sagt Kirstin Schliecker. „Die Leute lieben ihre Pferde.“ Entspre­chend drama­tisch kann es wider Erwarten beim Pferde­pen­si­ons­recht zugehen: „Eine Mandantin hat ein junges Fohlen in einen Aufzucht­be­trieb einge­stellt. Dreieinhalb Wochen später ist es tot. Heraus kommt: In dem Betrieb grassierte ein Jahr zuvor eine hochan­ste­ckende Erkrankung. Die Erreger steckten noch im Boden und das Fohlen hat sich infiziert. „Da haftet dann der Pensi­ons­be­trieb.“

Mit drei Anwälten, davon ein angestellter, zählt die Kanzlei Schliecker zu den größten in Neustadt. Bei den vier Schlieckers,MutterWal­traud Schliecker ist in Neustadt für die Buchhaltung zuständig, tagt regel­mäßig der Famili­enrat: „Immer nach Bedarf, wenn es sein muss täglich. Bei den grund­sätz­lichen Fragen haben wir uns immer einigen können. Ich hoffe, das bleibt so“, sagt Christian Schliecker. „Es wird manchmal schon kontrovers disku­tiert, aber unter dem Strich klappt das gut“, sagt Kirstin Schliecker.

von links oben nach rechts unten: Susanne Nienaber von Türk (Wormser, Kiely, Galef & Jacobs LLP), Jörg Seifert (Al Sharif Advocates & Legal Consul­tants), Michael A. Müller (Mueller Foreign Law Office), Alexander Koczian (Luther LLP), Ulrike Glück (CMS Hasche Sigle), Steffen Kaufmann (DLA Piper), Christian Moritz (Felsberg Avogados) und Ulrike Brückner (Rödl & Partner)

Gekommen um zu bleiben

Der Blick von jungen Studie­renden richtet sich zunehmend in die Ferne. Was bewegt eine Anwältin oder einen Anwalt dazu, ein Leben weit weg von Zuhause aufzu­bauen? Was waren die größten Heraus­for­de­rungen? In unserer Rubrik „Exis­tenz­gründung“ porträ­tieren wir acht Anwäl­tinnen und Anwälte. Sie haben in Deutschland studiert, jetzt leben und arbeiten sie in Dubai, Johan­nesburg, Moskau, New York, São Paulo, Shanghai, Singapur oder Tokio.

1. Warum haben Sie Deutschland verlassen?

2. Was hält Sie in …?

3. Können Sie sich vorstellen, zurück nach Deutschland zu kommen?

4. Im Rückblick: was war die größte Herausforderung

Susanne Nienaber von Türk, Wormser, Kiely, Galef & Jacobs LLP, New York

  1. Die Entscheidung, Deutschland zu verlassen, erfolgte nicht ad hoc, sondern eher stufenweise während verschiedener Aufenthalte in den USA, erst als Praktikantin, dann als Referendarin und schließlich als Assessorin. Schritt für Schritt schlägt man Wurzeln in dem fremden Land, beruflicher und persönlicher Natur, und die Frage des Zurückgehens stellt sich dann irgendwann nicht mehr. Bestimmte Faktoren haben aber dazu beigetragen, dass ich diesen Weg damals in den Achtzigern eingeschlagen habe: die Offenheit, Toleranz und positive Grundeinstellung der Menschen und auch der schon damals gewonnene Eindruck, dass Beruf und Familie in den USA gut vereinbart werden können.
  2. Ich bin seit über 25 Jahren als Attorney-at- Law in New York tätig. In dieser Stadt sind meine beiden Kinder geboren und aufgewachsen. Ich habe hier 9/11 miterlebt. New York ist meine neue Heimat. Die Stadt ist eine wunderbare Katastrophe, wie Sabina Lietzmann von der FAZ sie einmal nannte.
  3. Wohl nicht aus beruflichen Gründen. Ich berate hier in New York deutsche Unternehmen und Privatpersonen ausschließlich im amerikanischen Recht. Allerdings würde ich es nicht ausschließen, später im Ruhestand mehr Zeit in Deutschland zu verbringen.
  4. Der Berufseinstieg in den USA. Ohne eine zukunftsversprechende Anstellung als firstyear associate bei einer angesehenen Kanzlei in New York wäre die Integration viel schwieriger gewesen.

Jörg Seifert, Al Sharif Advocates & Legal Consul­tants, Dubai

  1. Mich hat es schon während des Studiums gereizt danach im Ausland zu arbeiten. Meine Anwaltsstation während des Referendariats habe ich in Jeddah, Saudi Arabien verbracht. Dies hat mir sehr gut gefallen und ich habe mich noch während der Anwaltsstation dort beworben. Fünf Wochen nach meinem 2. Staatsexamen habe ich meine Koffer gepackt und bin nach Saudi Arabien zurückgekehrt. Dort habe ich für drei Jahre die Europäische Abteilung der Kanzlei Dr. Hasan Al Mulla Lawyers & Legal Consultants in Riad, Saudi Arabien, geleitet. Während meiner dortigen Tätigkeit wurde ich durch das österreichische Außenministerium zum offiziellen Vertrauensanwalt der österreichischen Botschaft in Riad bestellt. Ende 1998 verlegte ich meinen Wohnsitz nach Dubai, Vereinigte Arabische Emirate. Seitdem bin ich in der lokalen Kanzlei Al Sharif Advocates & Legal Consultants schwerpunktmäßig für die wirtschaftsrechtliche Beratung internationaler Mandanten zuständig und betreue diese im Team mit 14 weiteren Anwälten bei der Anbahnung und Umsetzung von Investitionsvorhaben in den Vereinigten Arabischen Emiraten und den anderen Ländern des Golf- Kooperationsrates.
  2. Die angenehme Arbeitsweise, die Sonne und die Tatsache, dass in den Vereinigten Arabischen Emiraten keine Steuern erhoben werden.
  3. Deutschland ist ein sehr schönes Land und ich werde sicherlich nach Beendigung meiner beruflichen Laufbahn dorthin zurückkehren.
  4. Meine Ernennung durch Seine Hoheit Sheikh Ahmed bin Saeed Al Maktoum, in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender und CEO des größten Reisedienstleisters im Nahen Osten, als Bevollmächtigter zur rechtlichen Begleitung und Umsetzung eines Joint Ventures mit einem britischen Reisedienstleister in Dubai.

Michael A. Müller, Mueller Foreign Law Office, Tokio

  1. Ich war bereits im Alter von 19 Jahren über zwei Jahre in Japan, bevor ich studiert habe. Mein Jura-Studium in Berlin habe ich finanziert durch Dolmetschertätigkeit Japanisch-Deutsch. Hilfreich waren hier die in Japan erworbenen guten Kenntnisse von Sprache und Mentalität. Als Rechtsreferendar war ich dann wieder in der Wahlstation in Japan, aber habe dann nach dem zweiten Examen zunächst als Rechtsanwalt in Deutschland Erfahrung gesammelt. Der Wunsch wieder eine Zeitlang in Japan zu leben war Auslöser, in Japan anwaltlich tätig zu werden.
  2. Zurück in Japan habe ich meine Kanzlei in Tokyo eröffnet - spezialisiert auf deutsches Recht für japanische Mandanten und Unterstützung im japanischen Recht für deutsche Mandanten. Als deutscher Rechtsanwalt hat man in Japan ein Alleinstellungsmerkmal. Interessant ist die Tätigkeit hier, weil man als kleine Kanzlei sehr vielfältig Mandate in Bereichen bearbeiten kann, die in Deutschland nur in größeren Kanzleien denkbar wären. So zählen Mandanten aus der Luftfahrt- und Automobilindustrie genauso zu meinen Mandanten wie solche aus der Lebensmittel- und Chemieindustrie, Medizintechnik und sehr viele mittelständische Werkzeugmaschinenhersteller. Es macht mir ganz einfach auch Spaß. Neben der Rechtsberatung ist wesentlicher Teil meiner Tätigkeit hier Mentalitätsmittlung - in Verhandlungen zwischen deutschen und japanischen Parteien. Schön ist es auch junge mutige Start-ups oder Hidden Champion aus dem deutschen Mittelstand in Japan zu unterstützen.
  3. Nicht während meines Berufslebens. Ich müsste meine eigene Kanzlei aufgeben. Ich bin geschäftlich im Durchschnitt sechs Mal im Jahr in Deutschland - das reicht, um den Kontakt zur Heimat zu halten. Und in Japan habe ich neben Mandanten aus Deutschland regelmäßig Rechtsreferendare in der Wahlstation hier.
  4. Die Eröffnung der eigenen Kanzlei fern der in der Heimat entwickelten Netzwerke. Die ersten beiden Jahre waren hart, bis nach und nach die Mandate kamen. Mandate kommen nicht von allein. Durchführung von Informationsveranstaltungen zum japanischen Recht in Deutschland, aktive Teilnahme an der Community der japanischen Kollegen in Tokyo. Wichtig war die Einbindung in Netzwerke deutscher Rechtsanwälte im Ausland, wie Cross Border Business Lawyer (CBBL). Es braucht schon Mut, um in der Ferne etwas aufzubauen - und Mut wird belohnt. Nur in jungen Jahren ist das möglich.

Alexander Koczian, Luther LLP, Singapur

  1. Seitdem ich mit 12 Jahren das erste Mal wirklich bewusst Asien erlebt habe, war es mein Zukunftsplan, eines Tages dort zu leben. Die Frage war nicht ob, sondern nur wo in Asien. 10 Jahre lang drehte sich mein Leben außerhalb des Semesters um „Greater China“, in Singapur bin ich am Ende eher durch Zufall gelandet.
  2. In 5 Jahren in Singapur habe ich mich nach und nach hier eingelebt, mir einen Freundeskreis aufgebaut und Möglichkeiten gefunden meinen Hobbies nachzugehen (vor allem Wassersport) und attraktive nahe Ausflugsziele entdeckt (tropische Inseln und historische Städte). Mittlerweile habe ich eine Familie gegründet und wir haben eine Wohnung gekauft. Seit vielleicht 2 Jahren empfinde ich Singapur als „zu Hause“.
  3. Nach Europa insgesamt kann ich mir eine Rückkehr kaum vorstellen. Mir ist das Leben dort zunehmend fremd geworden und nach den ersten sieben bis zehn Tagen Urlaub kriege ich regelmäßig Heimweh nach Singapur.
  4. Die Umstellung von China und Hong Kong, wo das Blut in den Adern pulsiert und der Kopf so vielen existenziellen Fragen ausgesetzt ist, dass man kaum aufhören kann sich mit philosophischen, kulturellen und sozialen Gedanken auseinanderzusetzen war die größte Herausforderung. Singapur ist in vieler Hinsicht nicht „Asien“ und es erfordert Zeit, auch die Vorzüge hiervon zu erkennen.

Ulrike Glück, CMS Hasche Sigle, Shanghai

  1. Ich habe in Passau Jura und Chinesisch studiert und war von 1988 bis 1989 Austauschstudentin in Shanghai. Ferner habe ich meine Doktorarbeit zu einem Thema des chinesischen Rechts geschrieben. Da ich während meiner Ausbildung viel Zeit in meine chinesischen Rechtskenntnisse und meine Sprachkenntnisse investiert hatte, wollte ich diese auch für eine Zeit lang in der Praxis anwenden. Ursprünglicher Plan war, drei bis vier Jahre in China zu arbeiten. Dass ich jetzt bereits 16 Jahre in China arbeite und auch plane, den Rest meines Berufslebens hier zu verbringen, ist eine Folge des Umstandes, dass mir die Arbeit hier großen Spaß macht.
  2. Die herausfordernde Tätigkeit und die Möglichkeit, Teil einer dynamischen Entwicklung zu sein, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Die juristische Arbeit hier ist sehr herausfordernd und anstrengend, bietet aber auch enorme Gestaltungsmöglichkeiten und unternehmerische Freiheiten. Ferner habe ich das Büro in Shanghai aufgebaut und fühle mich daher dem Büro sehr verbunden.
  3. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, wieder in Deutschland zu arbeiten. Allerdings betrachte ich mich in China als „Gastarbeiterin“ und werde sicher nach Beendigung meiner beruflichen Tätigkeit nach Deutschland zurückkehren. Aufgrund der großen Umweltverschmutzung in China ist es nicht attraktiv, hier meinen Lebensabend zu verbringen.
  4. Die größten Herausforderungen sind die Dynamik des Marktes, die damit verbundene große Konkurrenz und die andere Mentalität. Diese Herausforderungen bleiben auch nach 16 Jahren in China unverändert. Alles in China bewegt sich sehr schnell und es gibt täglich neue Herausforderungen. Dies erfordert große Flexibilität und permanente Kraftanstrengungen, macht die Arbeit hier auch sehr spannend, da nahezu nichts Routine ist.

Steffen Kaufmann, DLA Piper, Moskau

  1. Gereizt hat es mich schon immer, einmal grenzübergreifend tätig zu werden. Spätestens nach meinem Master-Studiengang in Kapstadt war mir klar, dass ich versuchen würde, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten. Im Rahmen des Referendariats habe ich dann meine Wahlstation bei einer internationalen Anwaltskanzlei in Moskau absolviert. Dabei ist der Entschluss gereift, ein paar Jahre als Rechtsanwalt in Russland zu praktizieren.
  2. Ich bin nun seit über 13 Jahren in internationalen Anwaltskanzleien in Moskau tätig, inzwischen als Partner bei DLA Piper. Ich berate ausländische Investoren und russische Unternehmen zu einer Vielzahl von Rechtsfragen, insbesondere bei Unternehmenskäufen und -verkäufen. In einem sog. "Emerging Market" zu leben und arbeiten kann ausgesprochen spannend sein und ganz andere Möglichkeiten bieten als in etablierteren Märkten. Moskau ist zudem die größte Stadt Europas und bietet alles, was man von einer Metropole erwartet. Außerdem hält mich hier natürlich meine Familie, die sich ebenfalls in Moskau sehr wohl fühlt.
  3. Ich kann mir durchaus vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Allerdings hätte eine solche Rückkehr die komplette Änderung meiner beruflichen Ausrichtung zur Folge. Als Solicitor (in England zugelassener Rechtsanwalt) berate ich hier vor allem zu englischrechtlichen Transaktionen, da sich das englische Recht bei größeren Unternehmensübernahmen international und insbesondere in Russland durchgesetzt hat. Als deutscher Anwalt wie man ihn zu Hause versteht habe ich, obwohl in Berlin zugelassen, seit meinem Weggang nach Moskau nicht mehr praktiziert. Außerdem sind meine Mandanten auf den russischen Markt fokussiert. Insofern wäre ein Rückgang nach Deutschland mit deutlichen Umstellungen verbunden.
  4. Herausforderungen gab es über die Jahre hinweg viele. Die Folgen der globalen Finanzkrise konnten wir hier in den Jahren ab 2008 sehr deutlich spüren (so mussten wir in den Jahren 2008/09 unser Kanzleipersonal um ca. ein Drittel reduzieren). Gegenwärtig sind es die aktuellen politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen, die wir hier zu spüren bekommen und die es zu überwinden gilt.

Christian Moritz, Felsberg Avogados, São Paulo

  1. Geprägt von einem gegenüber fremden Ländern und Menschen aufgeschlossenen Elternhaus zog es mich schon als Schüler, Student, Soldat, Referendar, Anwalt und EUBerater ins Ausland. Als ich meine brasilianische Frau kennengelernt hatte, war mir klar, dass auch das aufstrebende Brasilien ein spannendes berufliches Ziel darstellt. Während eines Besuchs in São Paulo beim Centro de Estudos das Sociedades de Advogados (ein brasilianisches Pendant zum DAV) bekam ich zwischen Tür und Angel das Angebot, als deutscher Anwalt in São Paulo den German Desk der brasilianischen Full-Service Kanzlei Felsberg Advogados aufzubauen.
  2. Die 20-Millionen Metropole São Paulo und das Inland des gleichnamigen Bundesstaates locken mit einer beeindruckenden Palette und Intensität wirtschaftlicher Aktivität ausländischer Investoren. Für einen Anwalt mit Vorliebe für Handels-, Gesellschafts- und Arbeitsrecht sowie für internationale Bezüge ist es ein idealer Platz zum Austoben. Die Türen dafür stehen offen, da die aus vielen Nationen bunt zusammengesetzte brasilianische Gesellschaft Immigranten aufgeschlossen gegenübersteht.
  3. Als deutscher Anwalt für Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz reißt der Kontakt zur Heimatregion nicht ab. Das Gefühl der bedrückenden Entfernung kommt so erst gar nicht auf. Anders könnte auch keine Beratung als „German Desk“ mit Mehrwert geleistet werden. Rechtsrat zu den Bedingungen für Handel und Investitionen in Brasilien muss immer die eigene (juristische und kulturelle) Warte des Ratsuchenden mitberücksichtigen.
  4. Im Anwaltsberuf bildet die Sprache mit all ihren Nuancen und Mehrfachbedeutungen die Basis aller Arbeit. Portugiesisch gehörte bis zu meinem 35. Lebensjahr leider nicht auf meinen Lehrplan und so bedurfte es größter Kraftanstrengungen bis ich mir das erforderliche sprachliche Rüstzeug aneignete.

Ulrike Brückner, Rödl & Partner, Johan­nesburg

  1. Rödl & Partner bietet mir als deutsche Juristin die einzigartige Möglichkeit, im Ausland internationale Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum gemeinsam mit Kollegen aus verschiedenen Fachdisziplinen und Ländern grenzüberschreitend zu beraten. Meine Aufgaben betreffen vor allem die Betreuung unserer Mandanten in Afrika sowie den Ausbau unserer Rechtsberatung speziell in Südafrika. Diese Aufgaben sind vor Ort besser zu bewältigen. Daher fiel die Entscheidung nicht allzu schwer, den Arbeitsort nach Johannesburg zu verlegen.
  2. Die Unterstützung unserer Mandanten bei ihren Projekten auf dem afrikanischen Kontinent ist eine sehr erfüllende Aufgabe. Gerade auf risikoreicherem Terrain brauchen mittelständische Unternehmen einen starken Partner vor Ort. Johannesburg ist als wirtschaftliches Zentrum des südlichen Afrikas zudem eine sehr spannende Metropole. Die Stadt ist wesentlich besser als ihr Ruf und bietet neben einem lebendigen Geschäftsleben auch viel Kultur.
  3. Angesichts der Geschwindigkeit und der Brisanz, mit der sich aktuell Geschäftsmöglichkeiten in Afrika ergeben, ist an eine Rückkehr nicht zu denken. Deutschland ist jedoch meine Heimat und es wird immer eine Option bleiben, nach Deutschland zurückzukehren. Rödl & Partner bietet auch auf nationaler Ebene interessante Einsatzgebiete.
  4. Die größten Herausforderungen für eine Tätigkeit im Ausland liegen nach meiner Auffassung eher im privaten Bereich. Wenn man sich als Jurist für eine Tätigkeit mit internationaler Ausrichtung interessiert und die Chance bekommt, eine derartige Position auszufüllen, dann spielt der Arbeitsort keine übergeordnete Rolle. Jedoch auch Familie und Freunde davon zu überzeugen und sich sodann am neuen Lebensmittelpunkt eine neue private Umgebung zu schaffen, braucht ein hohes Maß an Geduld und Disziplin.

Text: Martin Dommer

Als Berufs­ein­steiger in die Provinz zu gehen, um aus dem Nichts eine erfolg­reiche Kanzlei zu gründen, klingt nach Wahnsinn. Doch ohne den gehe es eben nicht, sagen Nikolaos Pente­ridis und Marc-Oliver Melzer aus Bad Lippspringe.

Wer hierher findet, weiß, was er sucht: Weezen, Holtensen, Springe, Alten­beken.... Die vorbeiglei­tenden Bahnhofs­schilder tragen für den Nicht-Westfalen wenig zur Orien­tierung bei. Paderborn liefert einen ersten bekannten Naviga­ti­ons­punkt. Knapp zehn Taxi-Kilometer weiter liegt das Reiseziel: Bad Lippspringe. Kurort, sechs Kliniken, 15.000 Einwohner.

„Ursprünglich wollten wir mit unserer Kanzlei in eine der Metro­polen in Westfalen-Lippe“, sagt Nikolaos Pente­ridis, „Bielefeld oder Paderborn. Aber dann haben wir das hier gefunden.“ Das hier, das ist ein altes, liebevoll restau­riertes Bauernhaus im Fachwerk-Stil. Mit seinem rustikal-roman­ti­schen Charme zieht es den Besucher schnell in seinen Bann. Der Konfe­renzraum mit offenem Kamin, holzver­stärkten Backstein­wänden, angren­zender kleiner Teeküche und Glasfront zur Außen­ter­rasse wirkt fast wie ein Wohnzimmer; wäre da nicht die Regalwand mit juris­ti­schen Fachzeit­schriften und dem „Psychrembel“, der Mutter des klini­schen Wörter­buchs. Davor auf dem Tisch, ein Tablett mit Mineral­wasser, Visiten­karten und ein Aufsteller mit der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Verbraucher und Recht“.


„Das Ambiente fällt jedem als erstes auf“, sagt Nikolaos Penteridis. „Gerade am Anfang war dieser eye catcher bei Mandanten oft sehr hilfreich.“ Der junge Anwalt lächelt augenzwinkernd, während er in einem der dunklen Ledersessel Platz nimmt. Es sei ihm „durchaus mulmig“ gewesen bei dem Gedanken, einen Standort mitten auf dem Land zu wählen, „allein schon wegen der nicht unerheblichen Kosten für Miete, Makler und Büroeinrichtung.“

Das Schild in der Einfahrt weist die Partner­schafts­ge­sell­schaft von Nikolaos Pente­ridis und Marc-Oliver Melzer als Kanzlei für Medizin­recht aus. Das sei aber längst nur noch ein Teil des Geschäfts­mo­dells, erklärt der Fachanwalt für Medizin-, Sozial und Versi­che­rungs­recht. Seinen Partner Marc-Oliver Melzer, ebenfalls Fachanwalt für die drei Rechts­ge­biete, kennt er schon viele Jahre – aus gemein­samen WG- und Studen­ten­zeiten. Die Idee, mit Medizin­recht in die anwalt­liche Selbstän­digkeit zu starten, sei mehr zufällig entstanden: „Es war ein Dienstag, wir hatten telefo­niert und disku­tiert, dass es doch toll wäre, selbständig etwas aufzu­ziehen“, erinnert sich Pente­ridis. Kurz darauf sei er bei einer Folge der RTL-Serie „Dr. House“ hängen­ge­blieben. „Da hab‘ ich mit dem Gedanken gespielt: ,Ist das eigentlich alles richtig, was die machen, aus juris­ti­scher Sicht?‘“

Der fixen Idee folgte eine intensive Internet-Recherche zum medizin­recht­lichen Markt: „Wir haben uns gefragt, ,Wo gibt es Nischen?‘,Sind Kanzleien aus der Region auf dem Gebiet aktiv?‘“, erzählt Pente­ridis. Und: „Sind es Spezia­listen mit Fachan­wälten oder Gemischt­wa­ren­läden von A wie Abfall­recht bis W wie Wasser­recht?“ Die Freunde kamen zu dem Schluss, es zu wagen und überzeugten mit ihrem Businessplan auch den Bankbe­rater. „Wir brauchten ja einen Kredit für das alles hier.“ Im November 2007 startete die Kanzlei. Mit Zuschüssen für Existenz­gründer von der Agentur für Arbeit. Ursprünglich hätten sie ausschließlich Medizin­recht anbieten wollen, „sowohl für die Patienten, als auch für Kliniken und Ärzte“, sagt der Kanzlei­gründer. „Das ging schief. “

Warum? „Die wenigen Mandate auf diesem Gebiet werden nach unserem Eindruck unter einigen big playern verteilt und erfordern viel arztrecht­liche Praxis“, sagt Pente­ridis. „Als Anfänger kommt man da kaum rein, der Aufwand rechnet sich nicht.“ Zudem stünden Anwälte, die für beide Seiten des OP oder Behand­lungs­ti­sches stritten, schnell vor einem Vertrauens- und Glaub­wür­dig­keits­problem bei den Mandanten.

Aufge­geben haben die Kanzlei­gründer deshalb nicht – im Gegenteil: „Wir haben bald gemerkt, dass wir mehr Mandate aus dem Sozial- und Versi­che­rungs­recht bekommen als ursprünglich progno­s­ti­ziert“, erzählt Nikolaos Pente­ridis. Entspre­chend Entspre­chend hätten sie ihr Portfolio verändert und das Geschäfts­modell „modi­fi­ziert.“ Melzer und Pente­ridis beraten heute nur noch die Patien­ten­seite. Und sie streiten auch für sie: Gegen Versi­cherer. Gegen Kliniken. Gegen Ärtze.

Mehr als die Hälfte ihrer Mandate generiert die Kanzlei über das Internet. Die Website wird täglich auf den neuesten Stand gebracht. „Es gilt: Inhalt statt Verpa­ckung“, wirbt Marc- Oliver Melzer, der regel­mäßig alle relevanten Urteile, Fachar­tikel und auch eigene Aufsätze der beiden Spezia­listen ins Netz stellt. Im realen Kanzlei­alltag gehe es meist um „exis­ten­tielle Fragen“ bei den Mandaten – und oft hohe Streit­werte, erzählt sein Partner: Opfer von Arbeits­un­fällen, die berufs­un­fähig geworden sind und deren private Versi­cherung nicht zahlen will. Eltern, deren Nachkommen durch Behand­lungs­fehler oder technische Pannen missge­bildet zur Welt gekommen sind und die für eine finan­zielle Entschä­digung über den eigenen Tod hinaus streiten, um ihre Kinder sicher versorgt zu wissen. Hausfrauen und Witwen, bei denen der Ehemann nach der OP nicht aus dem künst­lichen Koma erwacht ist und deren einzige Hoffnung jetzt auf dem Geld einer privaten Renten­ver­si­cherung ruht. Das Leben kennt viele solcher Geschichten. Emotional dürfe man sie als Profi nur sehr bedingt an sich heran­lassen, sagt Nikolaos Pente­ridis, der vor dem Jura-Studium lange mit Sozio­logie liebäu­gelte.

„Eigentlich wollte mein Vater, dass ich Medizin studiere“, erzählt er auf dem Weg zum Mitta­gessen in seinem Lieblings- Burger-Lokal in Paderborn. Seine Eltern, die aus Griechenland stammen, betrieben mehr als 25 Jahre eine Taverne in Bad Salzuflen. Die Kinder sollten es einmal besser haben – fern der aufrei­benden Gastro­nomie. Ihr Vorbild, sagt der junge Anwalt heute, habe ihm den Schritt in die eigene Selbstän­digkeit erleichtert. „Den Gefallen Arzt zu werden, habe ich meinem Papa zwar nicht getan, aber Anwalt findet er auch ganz in Ordnung.“ Der 33-Jährige mit dem kahl rasierten Schädel und dem stoppel­kurzen, dunklen Vollbart lacht fröhlich. Es ist ein anste­ckendes Lachen.

Die Zufrie­denheit ihrer Mandanten überprüfen Melzer und Pente­ridis regel­mäßig mit Feedback-Bögen an ihre Klienten. Der größte Fehler eines Anwalts, sagt Nikolaos Pente­ridis, bestehe darin, „Dinge zu versprechen, die nicht realis­tisch sind, oder juris­tische Prognosen abzugeben, ohne bis ins Detail geprüft und analy­siert zu haben.“ Laufe dann etwas schief, seien die Enttäu­schung und der Vertrau­ens­verlust nie wieder wettz­u­machen. Der gute Ruf wäre dahin. Marc-Oliver Melzer sieht das ähnlich: „Hier wird keiner vom Hof fahren“, sagt er, „der keine realis­tische Erfolg­s­ein­schätzung für seinen Fall bekommen hat.“ Bislang hat sich dieses Berufs­ethos ausge­zahlt. Marc-Oliver Melzer und Nikolaos Pente­ridis bekommen mittler­weile Mandate aus demge­samten Bundes­gebiet. Bauernhaus hin, Provinz her. //

Zwischen Tradition und Moderne: Anwalt in Weimar

Text: Katharina Sophia Zimmer, Berlin

In der histo­ri­schen Altstadt von Weimar hat Matthias Ehspanner seit 2010 seine Kanzlei aufgebaut. Besonders gerne berät er Musiker. In der Stadt der Dichter und Denker findet sich der junge Anwalt zwischen Tradition und Moderne.

Die Gegend um das Amtsge­richt Jena mutet roman­tisch an: In den Gärten der Fachwerk­häuser blühen die Rosen, ein Bach schlängelt sich plätschernd durchs Gebüsch. Gar nicht roman­tisch geht es hingegen im Gerichtssaal zu: Im Straf­prozess versucht Rechts­anwalt Matthias Ehspanner die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Die Akte hat er auf seinem „iPad“ einges­cannt. „So kann man auch solch eine dicke Akte vor der Verhandlung nochmal schnell überfliegen“, sagt der Anwalt auf der Rückfahrt zu seiner Kanzlei in Weimar. Diese hat er sich vor zwei Jahren bewusst neben dem Café Residenz am Stadt­schloss einge­richtet. Mandanten betreut er in ganz Thüringen. Doch Weimar als Standort gefällt ihm besonders gut. „In Weimar kennt man sich. Es ist ein überschau­barer Kolle­gen­kreis, der zusam­menhält. Die Stadt ist nicht so anonym, das Haifisch­becken nicht so groß.“ Für Mandanten außerhalb von Weimar nimmt Ehspanner schon mal weite Wege in Kauf – oder lässt sich per Skype zuschalten. Eine Konfe­renz­schaltung per Skype würde Ehspanner sich auch für Gerichts­termine wünschen: „Manchmal habe ich zwei Stunden Anfahrtsweg und dann kommt die andere Partei nicht.“

Der junge Anwalt berät gerne im Urheber­recht, macht aber auch Straf­recht oder Zivil- und Baurecht. Weimar ist heute ein guter Standort für Kreative. „Hier gibt es viele Künstler, Verlage, Poeten, Musical­schreiber oder Softwa­re­ent­wickler.“ Im Bereich des Urheber­rechts kannte sich Ehspanner schon immer gut aus – als Musiker ging es ihm auch immer um den Schutz seiner eigenen Werke. Anfangs hatte er überlegt Musik zu studieren. Jetzt spielt er neben dem Beruf am Woche­nende. „Während die Leute sich unter der Woche streiten, entspannen sie sich amWoche­nende zu meiner Musik. Einen solchen Ausgleich braucht man. Sonst können die ganzen Strei­te­reien schnell belastend werden.“ In seinem Büro hat der Anwalt zudem neben dem Schreib­tisch ein Klavier platziert. „Wenn ich in einem Fall nicht weiter­komme, mache ich eine Pause und mache Musik. Danach sind meine Gedanken wieder frei und ich bin konzen­trierter.“ Die gelungene Symbiose aus Hobby und Beruf zeigt sich auch bei der Außen­werbung: „Wenn ich auf einer Hochzeit Klavier spiele und mit den Leuten ins Gespräch komme, wird man auf mich als Anwalt aufmerksam. Das ist gute Publicity.“ Privates und Beruf zu verein­baren, sei aller­dings nicht so einfach. Dazu brauche es einen geord­neten Tagesablauf. „Es dauert bis man das lernt.“

Seit 2010 ist der junge Anwalt selbst­ständig. Die Situation auf dem Anwalts­markt will er nicht beschö­nigen: „Als Anfänger ist es wahnsinnig schwer, sich zu etablieren. Man muss eine Lücke finden.“ Doch die Selbstän­digkeit hat ihn gereizt. „Als angestellter Anwalt ist der Druck sehr hoch und der Lohn niedrig. Man kann immer ersetzt werden. Jetzt entscheide ich selbst, wie ich meine Zeit einteile.“

Beim Start hat Ehspanner zunächst einen Finanzplan aufge­stellt. Er beantragte Förder­gelder und konnte so eine finan­zielle Durst­strecke vermeiden. Während des Studiums wurde ihm oft abgeraten, sich mit dem Urheber­recht zu befassen. Ältere Anwälte konnten mit Inter­net­recht wenig anfangen.“ Der Online-Bereich biete heute viel Potenzial. Gerade im künst­le­ri­schen Bereich erwarten die Mandanten, dass man ihre Sprache spreche – sozusagen einer von ihnen sei. Wer juris­tische Sachver­halte „soft“ erläutern könnte, gewinne Vertrauen. Mit Erfolg bei Ehspanner. Jetzt koope­riert er sogar mit seiner Schwester, auch eine Anwältin, und beschäftigt eine Sekre­tärin. Angefangen hatte er noch mit einem Telefon­service. „Proble­ma­tisch war, dass sich immer verschiedene Frauen am Telefon meldeten und meinen Rückruf anboten. Das fiel dann schon mal auf. Für den Anfang ist es mit rund 180 Euro im Monat aller­dings eine sehr preis­werte Variante.“

Auch die weniger schönen Seiten des Berufs hat der junge Anwalt bereits kennen­ge­lernt: Mandate hat er auch schon abgelehnt. „Ein poten­ti­eller Mandant drängte auf ein Erfolgs­ho­norar.“ Der Nicht-Mandant zeigte ihn anschließend erfolglos bei der Anwalts­kammer an. „Sich damit ausein­an­der­setzen zu müssen, ist in Kauf genommene Neben­wirkung der Freiheit, nicht jedes Mandat annehmen zu müssen.“

Und wie lautet Ehspanners Tipp für die Anwälte der „Gene­ration 2.0“? Sie sollten die neuen Medien nutzen und sich den Berufs­alltag mit moderner Technik erleichtern. Zum Beispiel einer Anwalts­software: „Das ist zwar teuer, aber es lohnt sich, da beispiels­weise die Fristen angezeigt werden“, sagt Ehspanner. „Wenn man eine digitale Akte oder ein Verkehrs­schild auf dem ‚iPad‘ zeigen kann, beein­druckt das im Gerichtssaal. Unauf­fällig und schnell recher­chieren zu können, ist ein klarer Vorteil.“, sagt er in einem Café in der Weimarer Altstadt. Werben könne man vor allem auch in Social Media. Auf Facebook hat der junge Anwalt eine Seite, der Inter­es­sierte folgen können. „Man kann Aktuelles über Google suchen und täglich recht­liche Neuig­keiten posten. Wenn man außerdem mittels Umfragen und Diskus­sionen inter­aktiv ist, kann das Ganze durch Teilen und Liken einen viralen Effekt haben“, so Ehspanner. Überhaupt ist das Internet der Ort für neue Mandate. Hier müssten junge Anwälte ihre Strategien austesten. „Man muss die Vorteile der modernen Medien nutzen“, sagt Ehspanner und macht sich auf den Weg zu einer Probe mit seiner Band „Easy Tanzmu­siktrio“. Vorher lässt er aber noch die neueste Akte digita­li­sieren.

Der Apple unter den US-Anwälten – ein Modell für die Zukunft?

Text: Dr. Justus von Daniels

Das Ende der klassi­schen Anwalts­kanzlei wird immer wieder einmal ausge­rufen. Im Jubilä­umsheft zu fünf Jahren Anwalts­blatt Karriere wirft die Redaktion einen Blick auf eine neue Entwicklung im Anwalts­markt der USA: Die Kanzlei ohne Kanzlei. Sieht so die Zukunft in Deutschland aus?

Er hat es geschafft. Mark Harris hat in den USA eine law firm aufgebaut, die für so viel Wirbel sorgt, dass eigens eine PR-Agentur für die Öffent­lich­keits­arbeit der Kanzlei beauf­tragt wurde. Anwälte, die von zu Hause aus arbeiten und nach Maßstäben einer Großkanzlei entlohnt werden. Auftrag­geber von Morgan Stanley bis Amazon. Und vor allem: Es gibt keine Büros. Das erregt natürlich Aufmerk­samkeit. Die Rechts­be­ra­tungs­firma Axiom gibt einen Vorge­schmack, wie sich neue Geschäfts­mo­delle in der Rechts­be­ratung entwi­ckeln und ganz nebenbei neue Arbeits­mo­delle für Anwälte entstehen, die weniger arbeiten wollen.

Es war eine riskante Geschäftsidee, als Harris mit einem Kollegen vor zwölf Jahren den Plan fasste, eine Anwalts­kanzlei neuen Typs zu gründen. Denn er wollte in direkte Konkurrenz zu den etablierten Großkanz­leien treten. Schon der Name Axiom macht deutlich, dass es sich nicht um eine übliche Partner­schafts­kanzlei handelt, sondern um eine Gesell­schaft für Rechts­be­ratung. Die Idee war zunächst einfach: Rechts­ab­tei­lungen, die kurzfristig mit Arbeit überlastet sind, heuern Anwälte von Axiom an, die als Springer in den Unter­nehmen für Abhilfe sorgen sollen. Für M&A-Tätig­keiten bei Banken und Invest­ment­fonds oder für Umstruk­tu­rie­rungen von Unter­nehmen gibt es häufig Bedarf, für ein paar Monate zusätzlich Anwälte zu beschäf­tigen, die bei der Abwicklung von Verträgen Unter­stützung leisten können. Axiom bietet Unter­nehmen die Möglichkeit des „In-sourcings“: Anstatt Anwalts­kanz­leien zu beauf­tragen und die Geschäfte nach außen zu verlagern, holen sich Unter­nehmen temporär Anwälte mit Pauschal­ver­gü­tungen ins Haus, die bei Axiom angestellt sind. Es ist eine echte Lücke, die effizient gefüllt wird. Bislang müssen Unter­nehmen bei erhöhtem Rechts­be­ra­tungs­bedarf in komplexen Verfahren Arbeit an Großkanz­leien abgeben, von denen sie verläss­liche Qualität erwarten können. Interne Kosten­prüfer monieren immer häufiger die enormen Anwalts­kosten. Durch die Spezia­li­sierung auf das Ausleihen von Anwälten bietet Axiom die gleiche Leistung deutlich günstiger an.

In der Gründungs­phase war es aller­dings nicht so leicht, erfahrene Anwälte zu finden, die an den Erfolg dieses Modells glaubten und bereit waren, gut dotierte Stellen in Großkanz­leien zu verlassen. Axiom war auf gute Anwälte angewiesen, um den Quali­täts­standard zu erfüllen, den große Unter­nehmen einfordern. In den ersten Jahren gestaltete sich der Aufbau noch mühsam. Rechts­an­wälte, die in großen Kanzleien arbei­teten, hielten die Aufträge für Zuträ­ger­tä­tig­keiten und nahmen das Anwalt-start-up nicht richtig ernst – auch wenn Harris ihnen ein vergleich­bares Gehalt anbot. Vor allem konnten sie sich nicht vorstellen, in einer Firma zu arbeiten, die keine Büros hat.

Aber das war das eigent­liche Herzstück der Idee und zugleich PR-Gag: Die „virtuelle“ Kanzlei. Da Axiom seine Anwälte direkt in die Rechts­ab­tei­lungen der Auftrag­geber schickt oder die Anwälte ihre Aufträge von zu Hause aus erledigen, konnten die sonst so hohen Kosten für reprä­sen­tative Büros einge­spart werden. Axiom musste keine Etagen in teuren Hochhäusern anmieten. Das Büroma­na­gement ist auf ein Minimum reduziert. Lediglich an einigen Stand­orten unterhält Axiom kleine Büroräume, in denen Mitar­beiter zeitweilig arbeiten können oder die für Bespre­chungen genutzt werden. Die Honorare liegen vor allem wegen dieser sparsamen Infra­struktur teilweise bis zu 50 Prozent unter denen von Sozie­täten, die in direkter Konkurrenz stehen.

Mit dieser Art von hochqualifizierter Leiharbeit hat Axiom im letzten Jahr nach eigenen Angaben immerhin 100 Millionen Dollar Umsatz gemacht. Das Silicon Valley in Gestalt von Cisco und Yahoo gehört genauso zu ihren Kunden wie Credit Suisse oder Unilever. Mittlerweile arbeiten weltweit über 600 Anwälte für Axiom, das sich auf „soft routine medium level“-Tätigkeiten spezialisiert hat. Will heißen: Die Anwälte sind nicht federführend bei komplexen Vertragsgestaltungen oder an strategischen Planungen beteiligt, sondern sie begleiten die Arbeit der Rechtsabteilungen, indem sie bestimmte Routinearbeiten im Gesellschaftsrecht übernehmen. Für die Anwälte ist das ein Spagat: Sie stehen nicht an vorderster Front, müssen aber in der Lage sein, sich schnell in komplexe Verfahren einzugliedern. Insbesondere für M&A, für Due Diligence und für die im amerikanischen Recht bedeutsame Discovery wird Axiom ins Haus bestellt. War Axiom am Anfang noch ganz auf spontane
Secondee-Aufträge angewiesen, werden Anwälte mittlerweile auch mit regelmäßigen Routinediensten beauftragt.

Heute stehen gute Bewerber bei Axiom Schlange. Das liegt auch daran, dass sich die Rechts­be­ra­tungs­ge­sell­schaft bemüht, ein ganz neues Image für die Arbeit als Rechts­anwalt zu entwerfen. Auf der Website begegnen einem schlichte, eingängige Slogans, wie sich Axiom von üblichen Kanzleien unter­scheidet. Und in knappen Video einspielern werden Anwälte vorge­stellt, die eine vollkommen neue Arbeitswelt für Juristen beschreiben: die von zu Hause arbeiten, denen Flexi­bi­lität bei der Annahme von Aufträgen ermög­licht wird, damit sie sich um ihre Familie kümmern oder Hobbies wirklich ausleben können – und das bei einer Vergütung, die sich bei einem Einsatz an Großkanz­leien orien­tiert. Viele betonen, dass sie genau aus diesen Gründen große Kanzleien verlassen hätten. Es ist eine neue mid-career- Option: Nach ein paar Jahren bei einer Rechts­ab­teilung oder einer Kanzlei bietet Axiom eine leichte Entschleu­nigung an – bei überschau­baren Einkom­mens­ver­lusten für Ruhephasen. Auf der firme­nei­genen Präsen­tation legen viele Mitar­beiter Wert darauf, selbst­be­stimmter und projekt­be­zo­gener arbeiten zu können. Andere heben die vielfäl­tigen Einblicke in Unter­nehmen hervor, um sich später beruflich neu zu orien­tieren.

Axiom präsen­tiert sich als eine Art Apple der Großkanz­leien: Wenn alle Computer grau sind, reicht es schon, wenn man erstmal das Design ändert und Änderungen am Arbeitsprozess vornimmt. Die Rechts­be­ratung wurde nicht neu erfunden, aber Neuerungen werden geschickt kombi­niert: Der Stil einer Unter­neh­mens­be­ratung wird auf die Rechts­be­ratung übertragen und gleich­zeitig wird ein modernes Arbeits­zeit­profil integriert, das den Mitar­beitern Flexi­bi­lität ermög­licht. Das bedeutet aber auch, dass man zu Hause arbeiten können muss. Und die Flexi­bi­lität verlangt, das Privat­leben spontan an die Arbeit anpassen zu können. Manch einer sehnt sich da vielleicht doch eher nach der Routine und Übersicht im Büro.

Der Markt für Firmen, die sich auf Sprin­ger­dienste in Rechts­ab­tei­lungen spezia­li­sieren, ist auch in den USA überschaubar. Schließlich fallen solche peaks vor allem bei Unter­neh­men­sum­struk­tu­rie­rungen oder Verkäufen an. In den letzten Jahren sind ein paar Firmen dem Beispiel von Axiom gefolgt. Es sind kleinere Anwalts­firmen entstanden, die sich eher regional orien­tieren, die Outside GC oder Paragon heißen. In Deutschland ist der Markt für diesen Bereich wahrscheinlich deutlich kleiner. Aber auch hier werden Kosten­ana­lysen gemacht und es wird in Unter­nehmen genauer abgeschätzt, welche Rechts­an­ge­le­gen­heiten an wen abgegeben werden können. Nur sollte man sich nichts vormachen: Sogar in den innova­ti­ons­freu­digen USA brauchte Mark Harris viel Überzeu­gungs­arbeit, um sein Konzept zu etablieren.

Text: Katja Wilke

Hartz-IV-Mandate sind die Spezia­lität von Corinna Unger. Dieses Geschäft gilt bei Anwälten als brotlos, bei der Geraer Rechts­an­wältin funktio­niert es aber ganz wunderbar. Vor vier Jahren gründete die ehemalige Mitar­bei­terin in der Wider­spruchs­stelle eines Jobcenters ihre Kanzlei.

Der Anruf sorgte bei Corinna Unger erst mal für Irrita­tionen. Da hatte sich doch tatsächlich gerade der Golfclub gemeldet, um die frisch zugelassene Rechts­an­wältin als Mitglied anzuwerben. Andere Anwälte hätten sich geschmei­chelt gefühlt. Doch Corinna Unger winkte ab. „Ich denke, eine solche Mitglied­schaft wäre eher geschäfts­schä­digend“, sagt sie heute.

Mit dieser Einschätzung dürfte sie richtig liegen. Die 36- Jährige vertritt so genannte Hartz-IV-Empfänger. Menschen, die manchmal nicht wissen, wovon sie in der kommenden Woche leben sollen, weil sich Auszah­lungen der Behörde mal wieder verzögern. Oder solche, die sich gegen Sanktionen des Jobcenters wehren, die sie für ungerecht­fertigt halten. „Das sind regel­mäßig Mandanten, die viele andere Anwälte in Gera lieber nicht in ihrer Kanzlei sehen möchten“, sagt Unger unumwunden. Diese Erfahrung hat sie gemacht, als sie vor rund vier Jahren eine Stelle in den etablierten Kanzleien in der thürin­gi­schen Klein­stadt suchte. Mit Arbeits­recht oder Famili­en­recht wäre sie schnell unter­ge­kommen. Aber Hartz-IV?

Dieselben Anwälte, die Unger damals abwim­melten, können heute eine Erfolgs­story mitver­folgen. Ihre Kanzlei läuft. Denn die Anwältin bearbeitet Hartz-IV-Fälle fast wie am Fließband: Rund 2.400 sind es mittler­weile. Sie ist schnell, weil viele Mandate ähnlich gelagert sind. Das gleicht aus, dass Streitwert und Gebühren eigentlich zu niedrig sind. „Die Masse macht es“, sagt Unger. Außer­demhat sie nichtmit Zahlungs­aus­fällen zu kämpfen: Der Staat zahlt ihren Mandanten oft Beratungs­hilfe oder Prozess­kos­ten­hilfe.

Geholfen hat dabei eine Mischung aus Glück, Unerschro­ckenheit und guter Planung. Beratung zumSGB II war vor vier Jahren eine Markt­lücke in Gera – es gab Anwälte, die das gemacht haben, aber niemand war wirklich spezia­li­siert. Ohne ihr Vorwissen wäre ihr der schnelle Durch­bruch aber nicht gelungen. Unger kannte sich bei der Kanzlei­gründung nicht nur mit dem Hartz-IV-Recht genau aus, sondern auch – was mindestens genau so zählte – mit den Struk­turen, Abläufen und vor allemSchwach­punkten im Jobcenter.Mehr noch: Sie kannte sogar die Mitar­beiter in der Wider­spruchs­stelle für Hartz-IV Bescheide persönlich. Denn wenige Monate zuvor hatte sie selbst noch neben ihnen am Schreib­tisch gesessen – als Sachbe­ar­bei­terin mit einem befris­teten Vertrag. Als der nach zwei Jahren nicht verlängert wurde, musste sich Unger auf Jobsuche machen. Als Unger bei einem Anwalt in Berlin aushalf, der Hartz-IV-Fälle machte, merkte sie: Das kann ich auch.

So wurde die Frau, die zuvor nie von der Selbst­stän­digkeit geträumt hatte und für die die Anwalt­station im Referen­dariat eine Tauch­station war, 2007 Existenz­grün­derin und 2010 mit dem zweiten Platz beim Soldan-Kanzlei­gründer-Preis ausge­zeichnet. In ihrer Geburts­stadt Gera mietete sie günstig Kanzlei­räume an. Und zur Kanzlei­er­öffnung startete sie eine Marke­tingof­fensive, von der sie noch heute, Jahre später, profi­tiert. Zusammen mit einem Anzei­gen­blatt ließ sie damals einen Flyer im Postkar­ten­format verteilen: „Sie sind betroffen und haben Probleme mit Hartz-IV?“ stand da. Plakativ, blutrot auf schwarzem Grund. Auf der Rückseite erklärte sie, dass Berech­tigte Anspruch auf Beratungs­hilfe haben und sich die Kosten für den Anwalt damit in Grenzen halten. Vom ersten Tag an klingelte das Telefon. Seither macht die Anwältin mit den feuer­roten langen Haaren ihren ehema­ligen Kollegen im Jobcenter das Leben schwer. Nicht wenige in der Behörde haben für den Seiten­wechsel kein Verständnis und gehen heute grußlos an Unger­vorbei. Sie selbst hat dafür nur Kopfschütteln übrig. Was hätte sie mit ihrer Spezia­li­sierung als Anwältin denn anderes machen sollen?

Sie weiß genau, wo ihren damaligen Kollegen regel­mäßig Fehler unter­laufen. „Dahinter steckt kein böser Wille oder Bequem­lichkeit“, entschuldigt Unger ihre ehema­ligen Kollegen. „Dahinter steckt chronische Überlastung. Es gibt einfach zu wenige Mitar­beiter für die Masse der Fälle.“ Also erklärt Unger ihren Mandanten Bescheide, legt Wider­sprüche ein, treibt die Behörden zu schnel­leren Entschei­dungen und zieht auch regel­mäßig mit Klienten vor Gericht. Oft geht sie mit dem schönen Gefühl nach Hause, Menschen in Notsi­tua­tionen geholfen zu haben. Etwa dem Famili­en­vater, der arbeiten geht, aber von seinem Lohn die Familie nicht ernähren kann – und dem im Jobcenter offenes Misstrauen und ein respekt­loser Umgangston entge­gen­schlägt. „So etwas nehme ich gedanklich mit nach Hause“, sagt Unger. „Abschalten kann man da nur schwer.“ Schwierig sind Fälle, in denen sie feststellt, dass ein Mandant ein notori­scher Drücke­berger ist, der von der Schlam­pigkeit der Verwaltung profi­tieren will. Dann kann sie sogar die Reaktionen ihrer früheren Kollegen nachvoll­ziehen.

Die schönen Momente überwiegen aber im Arbeit­salltag. Als Mutter eines achtjäh­rigen Sohnes freut sie sich darüber, dass die Arbeitszeit planbar ist. Ihre Mandanten haben tagsüber Zeit. Um aber nicht nur von Hartz-IV-Mandanten abhängig zu sein, will Unger sich auch in das Renten- und Kranken­ver­si­che­rungs­recht einar­beiten. Und die Expansion der Kanzlei voran­treiben, denn das Einzel­kämp­fer­dasein ist nicht ihr Lebens­traum. Der Grund­stein ist gelegt: In ihrem Fachan­waltskurs für Sozial­recht hat Unger eine Kollegin aus Erfurt kennen­ge­lernt. Die Chemie stimmte. So haben die beiden Anwäl­tinnen in Jena zusammen eine Sozietät gegründet. Zunächst arbeitet in der Kanzlei, die künftig aus Haftungs­gründen als GmbH geführt werden soll, eine angestellte Anwältin. Unger und ihre Kollegin pendeln jeweils einen Tag pro Woche zu ihrer neuen Außen­stelle. Weitere Zweig­stellen in Leipzig und Altenburg sind in Vorbe­reitung. Eine regionale Sozial­rechts­kanzlei – das ist das ehrgeizige Ziel.

„Wir versuchen dabei, das finan­zielle Risiko gering zu halten“, sagt Unger. Das war auch die Maxime bei der Eröffnung ihrer eigenen Kanzlei. Am Anfang saß sie alleine mit einer Referen­darin im Büro, die Anrufe annahm und Termine koordi­nierte. Erst nach einigen Monaten, als es gar nicht mehr anders ging wegen des Andrangs, entschloss sich Unger, eine Rechts­an­walts­fachan­ge­stellte an Bord zu holen. Auch und gerade bei der Einrichtung achtete Unger auf Schlichtheit. Der helle Holzschreib­tisch stammt von Ikea, ein paar Topfpflanzen begrünen das Beratungs­zimmer und für Kinder gibt es eine Spielecke. Dazu passt das legere Auftreten der Chefin: T-Shirt, Weite Hose, bequeme Schuhe. „Zum Anwalt zu gehen, schüchtert viele Mandanten erst einmal ein“, erklärt Unger. „Es ist deswegen ganz wichtig, Nähe aufzu­bauen.“ Der schwere Eichen­schreib­tisch des Vormieters landete deswegen kurzerhand im Sperrmüll. Zu viel Status­symbol, befand Unger. Fast noch schlimmer als eine Mitglied­schaft im Golfclub.