Existenzgründung

Neue Dienstleistungen rund um das Recht

Innovative Geschäftsmodelle können auch kleinere Kanzleien entwickeln. Für die Kanzlei Müggenborg in Aachen geht es mal um effizient abgewickeltes Massengeschäft, mal um hoch spezialisierte, interdisziplinäre Beratungsmandate. Die Basis bildet stets ein professioneller Auftritt im Internet. Der jüngste Coup ist ein Krisenteam für Betriebsstörungen mit gefährlichen Ausmaßen – bundesweit und im Wettbewerb mit Großkanzleien.

Der Zugang führt zwischen altem Baumbestand über eine Brücke und einen breiten Wassergraben. Dahinter leuchtet Schloss Rahe weiß in der Sonne. Prof. Dr. jur. Hans-Jürgen Müggenborg ist mit seiner Kanzlei vor ein paar Jahren in das repräsentative Schloss gezogen. Hier residierte 1818 der russische Zar Alexander nach der Niederlage Napoleons. Auch Kaiser Franz I. von Österreich bettete schon sein Haupt in den Gemächern, die nun diverse Unternehmen beherbergen. In diesem Ambiente entwirft der Umwelt- und Technikrechtler Müggenborg mit seinem Büroleiter, dem Betriebswirt und Informatiker Michael Schmitz, neue Geschäftsmodelle.

Müggenborg lehrt als Honorarprofessor an der RWTH Aachen, ansonsten könnte die Kanzlei auch sonstwo in Deutschland sitzen. „Ich habe kaum Mandanten hier aus Aachen“, sagt Müggenborg, Fachanwalt für Verwaltungsrecht. Der jüngste Streich der innovativen Kanzlei mit nur fünf festen Mitarbeitern und  Honorarkräften sind „ Die Störfallexperten“. Ein achtköpfiges Krisen-Interventionsteam steht für Störfälle in der chemischen Industrie und anderen  Risikobranchen parat. Es ist ein Pool von Experten aus Recht, Verfahrenstechnik, Anlagensicherheit und Psychologie für den Ernstfall, aber auch für Prävention und Beratung, damit es gar nicht erst zum Äußersten kommt.

Wenn es knallt, raucht, brennt, gefährliche Stoffe freigesetzt und womöglich sogar Menschen verletzt oder getötet werden, stehen die Störfallexperten in einer 24-Stunden-Rufbereitschaft parat. Im Expertenpool sind etwa Kapazitäten wie Prof. C. Jochum, ehemaliger Sicherheitschef der Hoechst AG und Ex-Vorsitzender der Störfall-Kommission. Sogar ein Experte für Chemiewaffen ist mit von der Partie, verrät Schmitz. Das Team ist handverlesen: „20 Jahre Berufserfahrung sind das Minimum“, um Aufnahme zu finden, sagt Müggenborg. „Das Konzept verbindet bewusst Juristen und Nicht-Juristen.“ Es geht um die Abwicklung von Störfällen, das Planungsrecht rund um Störfall-Anlagen mit riskanten Stoffen und das Krisen-Management bis hin zur Störfallübung. Der letzte große Störfall bei der BASF brachte Müggenborg auf die Idee. Unternehmen, die in der ersten Phase Fehler machen, etwa gravierende behördliche Anordnungen nicht rechtzeitig angreifen, können schnell in existenzielle Gefahr geraten. Es geht um große Risiken und um entsprechend hohe Beträge. Eine britische Studie beziffert die durchschnittlichen Kosten eines Störfalls auf 15 Millionen Euro.

Ein Unternehmen, das erst auf ihn zukam, als das Kind sprichwörtlich im Brunnen lag, also Fristen versäumt waren, kämpft auch noch Jahre später mit den Folgen. „Die haben schon das 36. Sachverständigen-Gutachten beibringen müssen“, sagt Müggenborg. Im Dezember 2016 ging die Webseite der  Störfallexperten online, seither sind erste Mandate angebahnt. 95 Prozent der Arbeit des Professors ist Beratung. Es geht um die Seveso-IIIRichtlinie, angemessene Sicherheitsabstände und ganz konkrete Fragen wie die, ob der Betriebskindergarten tatsächlich direkt am Störfall-Lager gebaut werden sollte. „Vor Gericht sieht man mich selten. Wer braucht eine Entscheidung in fünf Jahren? Das muss schneller gehen.“

Das Netzwerk der Störfallexperten sei auch ein Mittel, um der geballten Kraft der Großkanzleien Paroli bieten zu könnensagt Müggenborg. „Wir haben nicht deren Overhead-Kosten und können daher geringere Stundensätze berechnen. Wir zielen auf den riesigen Mittelstand in Deutschland. Die Störfallbetriebe und deren Nachbarschaft. Die Großkonzerne brauchen unsere Expertise nicht, die haben sie intern.“ Das Störfallrecht, so hat es der Europäische Gerichtshof
entschieden, muss inzwischen in jedem einzelnen Genehmigungsverfahren angewendet werden, was früher nicht der Fall war. „Das hat eine große Rechtsunsicherheit geschaffen, die Behörden wissen auch nicht, wie sie damit umgehen sollen – und verzögern die Genehmigungen.“ Die Expertise der  Störfallexperten soll somit auch helfen, den dadurch entstandenen und auf 25 bis 30 Milliarden Euro geschätzten Investitionsstau in Deutschland abzubauen. Ein Aspekt, der die Nachfrage nach dem Expertenteam weiter erhöhen dürfte, ist die Gefahr durch Terroristen. Die Störfallverordnung nennt das „Abwehr von Eingriffen Unbefugter“.

Da müssen die Unternehmen Vorsorge treffen, besonders gegen Innentäter.Geschäftsfeld Immobilien-Darlehen Der erste Erfolg der Zusammenarbeit von Schmitz und Müggenborg wurde im Jahr 2014 auf einem ganz anderen Rechtsgebiet auf den Markt gebracht. Die Idee war das Gegenteil zu den  Störfallexperten: Massengeschäft statt hochkomplexerhochkomplexer Mandate. Der Widerruf von Immobilien-Darlehen wegen fehlerhafter Klauseln wurde zum neuen Tummelplatz (www.widerruf-immobiliendarlehen.de) für den Umwelt- und Technikrechtler. „Über das Internet Mandanten zu akquirieren, war auch für mich neu – bis ich Herrn Schmitz kennengelernt habe. Dass es so einen Sog entwickelt, hätte ich auch nicht geglaubt. Das ist ungeheuer  wirkungsvoll. Das musste ich auch erst lernen. Ich komme ja aus klassischen Kanzleien, habe sehr viel veröffentlicht, Kommentare herausgegeben, Vorträge gehalten – habe mir so einen Namen gemacht. Aber das hier geht viel schneller. Zeitweise mussten wir die Google-Werbung abschalten, weil wir so viele Anfragen bekamen, dass wir die alle gar nicht mehr bewältigen konnten.“

In einem Jahr kamen 4.000 Mandate herein. „Wir haben eineeigene Datenbank entwickelt mit den rund 1.000 einschlägigen Gerichtsurteilen und einem Klage-Generator, um unsere Effizienz zu steigern. Die insgesamt 47 Fehler in Widerrufsbelehrungen von Immobilien-Darlehen wurden mit den passenden Textbausteinen hinterlegt, um sie durch eine rasch erzeugte Klageschrift anzugreifen. „Das hat unsere Produktivität vervierfacht. Dafür konnten wir auch höhere Gehälter zahlen, denn gute Leute zu bekommen, ist das größte Problem“, berichtet Schmitz. Das Geschäft mit den Immobilien-Darlehen war allerdings rasch vorbei, weil der Gesetzgeber auf Druck der Banken das Recht geändert hat. „Das läuft jetzt aus, aber wir betreuen immer noch zahlreiche Mandate – eine Weile trägt das noch“, sagt Müggenborg. Google hat sich eine goldene Nase an den Aachenern verdient. „Denen haben wir bis zu 16.000 Euro im Monat gezahlt. Gelohnt hat es sich natürlich trotzdem.“ Schnell und dann mit aller Kraft auf ein neues Thema aufspringen, das sei in Zeiten der Digitalisierung die notwendige Strategie für Anwälte. „Bei den VW-Rückrufen haben wir zum Beispiel auch überlegt, ob wir da einsteigen, es aber schließlich verworfen, um uns nicht zu verzetteln.“ Ein paar andere Ideen sind dafür noch auf Lager, aber nichts, worüber Schmitz und Müggenborg jetzt schon sprechen würden. „Wir haben noch einige Ideen, nur nicht genug Zeit, 80 bis 90-Stunden-Wochen sind die Regel – weil es so gut läuft.“ //

Text: Malte Varnhagen, Düsseldorf

Heft 1/2017

Text: Andin Tegen, Hamburg

Jürgen Fritschi wollte Profifußballer werden. Dazu hat es zwar nicht gereicht, doch als Rechtsanwalt kommt er seinem Traum gerade wieder etwas näher.Die Mandantin raubt ihm den Verstand. Heute, sagt Jürgen Fritschi, hat er sich erlaubt, die Zusammenarbeit so freundlich wie möglich abzulehnen. „Man muss auch mal seine Nerven schonen“, sagt der 41-Jährige und zieht gequält die Augenbrauen hoch. Seit acht Jahren ist er nun Anwalt für Miet- und Verkehrsrecht. Ganz zu Anfang seiner Laufbahn, sagt er, hätte er es sich zehnmal überlegt jemandem abzusagen, selbst wenn der neue Mandant furchtbar uneinsichtig war. Heute traut er sich das.

Er sitzt an einem schwarzen Schreibtisch in seiner Kanzlei in München, den Windbreaker hat er locker über den Bürostuhl gehängt. Hinter ihm, auf einem schlichten Regal, steht eine alte nostalgische Schreibmaschine mit Farbband. In den Fächern reihen sich Fachbücher aneinander. Fritschi selbst wirkt vor dieser Kulisse fast jungenhaft. Er trägt ein braunes Poloshirt, Brille mit schmalem Rand, die Locken sportlich durcheinander, was ihm eher etwas von einem Studenten als von einem arrivierten Anwalt verleiht. Dabei scharrt Fritschi in seiner Kanzlei im schicken Stadtteil Bogenhausen mittlerweile 13 Mitarbeiter um sich, darunter Rechtsanwälte für Verkehrs-, Arbeits-, Miet-, Erb-, Familien und Sportrecht. Gerade ist er auf der Suche nach einem weiteren Experten für Mietrecht, weil der Bedarf an juristischem Beistand in dem Bereich fast unerschöpflich ist. Genau wie für das Verkehrsrecht. Fritschi hat so viele Mandanten, dass er nicht mehr pausenlos akquirieren muss und noch genug Zeit für seine Frau und seine zwei Kinder hat. „Das ist mir wichtig“, sagt er, „Ich glaube, dass es eine Frage der Einstellung ist, ob man als Rechtsanwalt ständig bis Mitternacht arbeitet.“ Aus Fritschis Haltung spricht die Gelassenheit eines Menschen, der sich keine Sorgen machen muss. Dabei war seine Karriere gar nicht so vorgezeichnet. Er hätte auch Versicherungskaufmann bleiben können. Damals, nach der Schulzeit, musste er ja irgendetwas Sinnvolles machen, sagt er und lächelt, wie so oft, wenn er spricht.

Er schlüpft in die Fußstapfen seiner Eltern, die im Ort eine Allianz-Filiale leiten. Nach der Ausbildung wird er Marketingleiter bei der Sparkasse in seiner Heimatstadt Meßkirch inBaden-Württem berg. Neben den Vermarktungsaufgaben vermittelt er auch zwischen Auszubildenden und Vorgesetzten, wenn es zu Span nungen kommt. Es liegt ihm, sich für andere einzusetzen. „Meine Güte, ich war auch nicht immer pünktlich als Azubi“, sagt er und man ahnt, warum viele seiner Mandanten ihn immer wieder konsultieren. Er hat etwas Nahbares ansich, spricht nicht von oben herab, sobald einem ein juristischer Begriff mal nicht geläufig ist. Er hält sich nicht für etwas Besseres. Eigentlich, sagt er, hat er den Beruf Versicherungskaufmann nicht gerade aus Leidenschaft ausgeübt. Er wollte lieber Fußballer werden. „Dafür war ich aber nicht gut genug“, sagt er ohne Umschweife. „Und ich wollte auf Nummer Sicher gehen.“ Der gebürtige Badener war schon vieles, bevor er sich entschied eine Kanzlei zu gründen: Als ehemaliger Geschäftsführer der Firma „Newsports GmbH“ half er dabei, Fußball-Mini-Arenen aufzubauen, vermittelte und beriet Fußballprofis, darunter Spieler aus der Regionalliga des SC Pfullendorf. Es fasziniert ihn, welche Summen für Spieler ausgegeben werden, ein Riesenunternehmen sei das. Aus einem einfachen Ballspiel sei ein ganzer Wirtschaftszweig geworden. Um nah an seiner Leidenschaft Sport zu bleiben, musste er sich etwas überlegen. Spieler brauchen juristische Berater, wenn sie für hohe Summen an andere Vereine verkauft werden. Warum also nicht Rechtswissenschaften studieren? Das kam eigentlich nicht in Frage. Fritschi mochte Studenten nicht besonders. Warum, weiß er bis heute nicht so genau, „vielleicht, weil ich unterschwellig Ehrfurcht vor der Uni hatte und mir die akademische Laufbahn nicht zugetraut habe“, sagt er. Die Angst war ziemlich unbegründet, stellte sich heraus. Es machte ihm schlichtweg Spaß zu studieren. Parallel zum Staatsexamen machte er noch einen Abschluss als Sportökonom.

Kann ja nicht schaden. Nach sieben Semestern gelang ihm das erste Staatsexamen, mit 29 Jahren war er Volljurist. Nach dem Engagement in der Finanzgeschäftsführung der Newsports GmbH gründet er in seinen eigenen vier Wänden eine Ein-Mann-Kanzlei. Er entwirft Flyer, lässt sie ver teilen, nach und nach kommen die ersten Mandanten. „Ich habe mich auf Miet- und Verkehrsrecht spezialisiert, weil mir das durch meine Ausbildung und die Versicherungstätigkeit meiner Eltern geläufig war“, erläutert Fritschi. Die Mandanten haben ein anderes Fahrzeug beschädigt, sind zu schnell gefahren, bei Rot über eine Ampel gerast. Oder sie haben Mieter-Probleme, Schimmel an den Wänden, horrende Mieterhöhungen stehen bevor oder sie stehen vor dem Rausschmiss. Fritschi hört sich alles an. Er findet weniger durch einen gewonnenen Fall seine Bestätigung als dadurch, dass sich ein Mandant bei ihm gut aufgehoben fühlt. Wie die schwangere Mutter, die der Vermieter vor die Tür setzen wollte. Sie kam verzweifelt zu ihm, weil sie sich eine andere Bleibe finanziell nicht leisten konnte. Fritschi kann beruhigen, aber er verspricht nichts. Er lässt seine Mandanten aber merken, dass er sich für sie einsetzt so gut es geht. Das beruhigte die Mutter. Der Vermieter ging weiter recht aggressiv gegen sie vor. Aber durch Fritschis Hilfe lebt sie noch heute in der Wohnung.

Jürgen Fritschi würde nie einem frischgebackenen Juristen raten, sich einfach so selbstständig zu machen. Auch bei ihm war diese Entscheidung ein langer Prozess, ein alles andere alsgradliniger Weg.  Wie ein Kanzleigründer ein Team formt, um selbst Erfolg zu haben. Bevor er eine richtige Kanzlei gründen kann, braucht er Geld. Das erarbeitet er sich durch seine verschiedenen beruflichen Tätigkeiten. Irgendwann fasst er den Entschluss aufzusteigen. Er zieht mit seiner Familie nach München, kauft ein Haus am Stadtrand und mietet großzügige Büroräumlich keiten im schicken Bogenhausen. Er braucht Mitstreiter, um als seriöse
Kanzlei aufzutreten. Es braucht Wochen bis er zwei Anwälte findet, die sich mit ihm zusammentun und dadurch seine Fixkosten entlasten. „Das war erleichternd und hat mich in meinem Weg bestätigt“, sagt er. Im Laufe der Jahre findet er noch weitere Anwälte, die seine Fachgebiete ergänzen. Fritschi weiß nicht, ob er es schaffen wird jemals hauptberuflich als Sportrechtler zu arbeiten. Dafür ist die Branche zu klein. Und darum geht es ihm auch nicht. Er will dem Profisport einfach nahe bleiben, und das kann er als Spielervermittler und juristischer Berater. „Das Schöne am Anwaltsberuf ist, dass jede Branche mit einer Form von Rechtsberatung verknüpft ist, sagt er. „Wer nicht Sänger geworden ist, kann ohne weiteres im Musikbusiness beraten“. Das gelte auch für die Bereiche Kunst, Architektur, Schauspiel – alles sei möglich. Es sei nur wichtig, einen Traum zu haben, sagt er. Im Rückblick war seine Karriere nur möglich, weil er diesen nie verloren hat. Aber auch, und daraus macht er keinen Hehl, weil er sich mit seinen Mandanten immer gleich im Voraus über die Anwaltskosten verständigt hat. Das sei ganz wichtig, „Viele scheitern, weil sie Angst haben, einen Auftrag zu verlieren, wenn sie einen Vorschuss oder einen Nachweis der Rechtsschutzversicherung fordern“, sagt er, „Da muss man standhaft bleiben, sonst geht man pleite“. Trotzdem dürfe es nicht nur immer ums Geld gehen.„Wenn man zum Beispiel glaubt, jemand sei eindeutig schuldig und man kann ihn nicht guten Gewissens verteidigen, muss man es auch nicht“. Er nennt einen Mann, der unter betäubenden Substanzen Auto fuhr und überzeugt davon war, dass er das auch weiterhin könne. Oder eine Frau, die eindeutig über Rot gefahren war, Menschen dabei gefährdete und sich keiner Schuld bewusst war. Die eigenen Vorstellungen von Moral, Recht und Unrecht bilden den roten Faden im Leben eines Anwalts, sagt Fritschi. Nur daraus entwickle sich ein Selbstbewusstsein, das für den Beruf so wichtig ist. Das habe ihm geholfen. Auch dabei, einem Mandanten mal freundlich und bestimmt „Nein“ zu sagen. //

Text: Andin Tegen, Hamburg

In ihrer Kanzlei schreiben sie jeden Tag Angebote, beantworten Mandanten-Mails oder pflegen ihre Kontakte. All das bis weit nach Ladenschluss, wenn diese besondere Ruhe eingekehrt ist in Hamburgs Innenstadt. Das Rastlose, sagt Oliver Rossbach, sei immer verbunden mit einer Gründer-Euphorie und dem Wissen, nun alles selbst entscheiden zu können. Das sei ein Gefühl von Freiheit.


Vor knapp einem Jahr haben sich die Anwälte Stephan R. Göthel, Oliver Rossbach und Franz W. Schmitz in der Hamburger Innenstadt niedergelassen. Ihre Wirtschaftssozietät Pier 11 ist wie ein Schnellboot, das sie jetzt lernen müssen zu navigieren. Lange Zeit wollte er sich gar nicht selbstständig machen. Stephan R. Göthel hatte ganz andere Pläne, er wollte internationale Mandanten betreuen, mit Global Playern verhandeln, in einer Großkanzlei Karriere machen. Das hat er getan. Und jetzt sitzt er mit seinen zwei Partnern an einem fein geschliffenen Holztisch in der Nähe des Hamburger Rathausmarktes und blickt auf die Dächer der Hansestadt. Seit knapp einem Jahr arbeitet er nun hier, in einer Kanzlei, die er mit Oliver Rossbach und Franz W. Schmitz gegründet hat. Pier 11 haben die drei sie getauft in Anspielung auf die Hafennähe, den Weg in die Welt hinaus und die Heimat, in die man immer wieder zurückkehrt. Die 11 steht für den Teamgedanken. Hier, sagt er, und es klingt wie ein Ausatmen, ist er nun wirklich angekommen.

Die Mischung macht es. Dabei war die Überlegung eine eigene Kanzlei zu gründen anfangs so etwas wie eine Schnapsidee. Jeder von ihnen war damals beruflich weit gekommen: Göthel und Rossbach waren zuletzt Partner der Großkanzlei Taylor Wessing. „Das waren gute und extrem lehrreiche Jahre“, sagt der 44-Jährige Göthel und erinnert sich an die älteren und erfahrenen Kollegen, die ihm damals zur Seite standen, wenn Fälle unlösbar schienen oder bei einem Mandanten mehr Erfahrung gefragt war. Er wurde zum Experten für Unternehmenskäufe, also Mergers & Acquisitions, und Gesellschaftsrecht und lernte auch von den sogenannten Rainmakern, den überaus umsatzstarken Anwälten, die es in jeder Kanzlei gibt, und die so gut überzeugen können, dass ihnen die Mandanten zuzufliegen scheinen. Oft sitzen bei internen Entscheidungen bis zu 30 Partner am Tisch. „Es ist nicht immer einfach, bei so vielen Anwälten und Fachgebieten immer einer Meinung zu sein“, erinnern sich Göthel und Rossbach an ihre Zeit bei Taylor Wessing. Sie und Schmitz wollten mehr: eine eigene Wirtschaftskanzlei, in der die Entscheidungswege schneller, die Ideen spontaner, die Teamarbeit und die Abstimmungsprozesse unkomplizierter verlaufen würden. Irgendwann saßen alle drei bei einem Glas Bier zusammen und erkannten, dass sie sich mit ihren Expertiexistenzgründung sen gut ergänzen würden: Göthel und Rossbach kannten sich schon seit der Referendariatszeit, später waren sie Kollegen bei Taylor Wessing. Göthel war zuvor noch ein paar Jahre bei Freshfields Bruckhaus Deringer. Rossbach war Syndikusanwalt bei der Deutschen Bank und beim Bundesverband deutscher Banken in Berlin. Er war der Mann für die Bereiche Finance und Restructuring. Franz W. Schmitz arbeitete erst als Rechtsanwalt bei Linklaters, danach als Syndikusanwalt und General Counsel in Unternehmen der MPC Münchmeyer Petersen Capital Gruppe. Er würde den Bereich Commercial und Gesellschaftsrecht abdecken. Mit diesen schwergewichtigen Lebensläufen, wurde ihnen klar, war es möglich, eine Wirtschaftssozietät zu gründen, die sich unter allen anderen dieses Fachgebiets behaupten könnte.

Dann ging alles schnell. Innerhalb eines halben Jahres kündigten die drei ihre Jobs, entwickelten einen Businessplan, suchten einen Makler, der ihnen ansprechende Gewerbeimmobilien zeigte, verliebten sich in eine helle Büroetage, gestalteten die Räume schlicht modern, mit viel Holz und Glas, „und kauften endlich eine richtig gute Espressomaschine“. Im April 2015 eröffneten sie ihre Kanzlei. Die atemlose Zeit ist längst nicht vorbei. Immer geht es darum, nicht nur bestehende Mandate zu bearbeiten, sondern neue zu akquirieren und an Ausschreibungen teilzunehmen. „Man ist auch schon sechsmal hintereinander beim selben potenziellen Kunden, stellt sich vor, macht sich vertraut, lädt zum Essen ein“, sagt Göthel, „aber wir halten auch Vorträge, besuchen Tagungen und Messen, um Kontakte zu knüpfen oder aufzuwärmen“. Klar ist, wer sich selbstständig macht, muss es mögen, auf Leute zuzugehen und darf sich nicht von der Anwesenheit von Konkurrenten einschüchtern lassen, bekräftigt Oliver Rossbach. In ihrer Kanzlei schreiben sie jeden Tag Angebote, beantworten Mandanten-Mails oder pflegen ihre Kontakte. All das bis weit nach Ladenschluss, wenn diese besondere Ruhe eingekehrt ist in Hamburgs Innenstadt. Das Rastlose, sagt Oliver Rossbach, sei immer verbunden mit einer Gründer-Euphorie und dem Wissen, nun alles selbst entscheiden zu können. Das sei ein Gefühl von Freiheit. „Eine Zeitlang kommt das Sportprogramm dann eben kürzer“, sagt Schmitz und zuckt nur mit den Schultern. Ist es denn empfehlenswert auch ohne die umfangreichen Erfahrungen aus Kanzleien eine eigene Anwaltskanzlei zu gründen? So gut vernetzt wie das Dreiergespann sind Studierende nach dem Staatsexamen ja noch lange nicht. Die drei würden längst nicht jedem raten, sich sofort selbstständig zu machen. „Wir profitieren ganz klar von unseren Lebensläufen“, sagt FranzW. Schmitz. „Ein weiterer Vorteil ist, dass wir – sollten sich unsere Ziele absolut nicht verwirklichen – immer die Möglichkeit hätten, wieder in Unternehmen oder Kanzleien unterzukommen“. Umfangreiche Lebensläufe mit möglichst viel Stationen und Publikationen seien kein Muss, bekräftigen alle drei, aber wer sich ohne Erfahrung selbstständig macht, sollte schon eine Nische abdecken, die ein Alleinstellungsmerkmal in der Branche ist. Ihre Fachgebiete gehörten nicht unbedingt dazu. „Da ist viel Erfahrung allein schon deshalb notwendig, weil man es oft mit älteren Mandanten zu tun hat, die einen schlichtweg nicht ernst nehmen, wenn man zu jung ist“, sagt Göthel.

Wer nicht wagt: Neues Abrechnungsmodell Auch für Pier 11 war es wichtig, Alleinstellungsmerkmale zu schaffen. Als deutsche Wirtschaftssozietät bieten sie zum Beispiel proaktiv eine Alternative zum Modell des Stundenhonorars. Wie Göthel erläutert, kann das Honorar vor der Mandatierung verbindlich vereinbart werden. Damit gehe man ins unternehmerische Risiko. So wie die Mandanten, die man berate. Die offensive Art, gleich auf der Homepage mit diesem Honorar-Modell zu werben, ist neu, entspricht aber dem Zeitgeist: „Die Mandanten kämpften heute mit weitaus strengeren Budgets für die Rechtsberatung“, sagt Göthel, „deshalb wünschen viele Kalkulationssicherheit“. Auch die Sprache auf der Homepage ist klar und unkompliziert. Man findet kein verklausuliertes Anwaltsdeutsch oder seitenlange Lebensläufe. Es ist eine puristische Seite, die mit kühler Ästhetik wirbt. Und der praktisch ständigen Erreichbarkeit der drei Gründer. Schließlich erwarten Mandanten heute schnelle Reaktionen: Um 10 h berichten sie von ihrem Fall, um 17 h erwarten sie die erste Strategie. „Mit dieser Schnelligkeit sind wir in den Beruf eingestiegen“, sagt Rossbach, „das etwas langsamere Zeitalter, als man noch per Fax kommunizierte und nur werktags antwortete, ist für Anwälte längst vorbei“. Sie seien es gewohnt, immer erreichbar zu sein und präsent in sozialen Netzwerken wie Xing und LinkedIn. Sie verschicken Newsletter, schreiben Blogbeiträge über Joint Ventures oder Wagniskapital. Auch das Smartphone liegt immer in Reichweite. „Und wenn mal einen halben Tag lang keine Antwort auf eine Mail kommt, ist das schon komisch“, sagt Rossbach. Es laste eine ganz andere Verantwortung auf einem, wenn man selbstständig sei. Das sei der gefühlt größte Unterschied zu ihren vorherigen Tätigkeiten in Großkanzlei und Unternehmen. Vielleicht kann man das Geheimnis der Pier 11-Gründung mit den Worten von Franz W. Schmitz erklären: „Unsere Selbstständigkeit ist vergleichbar mit einem Schnellboot“, sagt er und zeichnet eine schlangenförmige Linie durch die Luft. „Man sieht viel in kurzer Zeit, lernt viel Neues dazu und kann spontan reagieren, wenn mal eine Bugwelle kommt“. Das mache ihre jetzige Tätigkeit so anspruchsvoll – und so viel reizvoller „als die Fahrt auf einem großen schweren Luxusliner“. //

Anwaltsblatt Karriere 1/2016

Auch kleine Anwaltskanzleien können mehr als Jura bieten

Text: Malte Varnhagen, Düsseldorf

Edle Rappen, vornehme Gestüte, hohe Streitwerte: Die Leidenschaft für Pferde hat in Neustadt an der Weinstraße eine ungewöhnliche Allianz geschmiedet. Die Anwaltskanzlei Schliecker funktioniert als Familienbetrieb samt promovierter Tierärztin. Der neue Schwerpunkt Pferderecht entpuppt sich dabei als spannend und lukrativ.

Einige seiner Mandanten haben in ihrer Tiefkühltruhe ein abgesägtes Pferdebein liegen, berichtet Anwalt Christian Schliecker (36). „Das ist makaber, geht aber nicht anders. Sonst bekommt man ein Beweisproblem.“Weil sich Rechtsstreite bekanntlich in die Länge ziehen und es immer sein kann, dass ein weiterer Sachverständiger hinzugezogen wird, liegt das Corpus Delicti schon mal länger auf Eis. „Ist ein Pferd verendet, raten wir immer, es sezieren zu lassen, sonst gehen die Gerichte von Beweisvereitelung aus.“

„Schliecker“,„Schliecker“,„Schliecker“ – schon bei der Begrüßung wird klar: Diese Kanzlei ist ein Familienbetrieb. Eigentlich arbeiten sogar vier mit Nachnamen Schliecker hier: Vater, Tochter, Sohn und Mutter, die aber an diesem Tag frei hat. Die zweite Auffälligkeit: Im Wartezimmer hängt neben den Urkunden für Fachanwaltstitel die Approbation einer Veterinärin. Das liegt am neuen Schwerpunkt, für den Dr. Christian Schliecker verantwortlich ist: Pferderecht. Damit kommt seine Schwester, die Tiermedizinerin Dr. med. vet. Kirstin Schliecker (33) ins Spiel – als tierärztliche Gutachterin bei allen medizinischen Fragen rund ums Pferd.

Während die Anwälte in der Kanzlei, einschließlich Kanzleigründer Wolfgang Schliecker (68), das Zivil- und Strafrecht abdecken, ist Christian Schliecker, der in Pferderecht sogar promoviert hat, fast ausschließlich mit Fällen rund um das Huftier befasst. Er zählt zu der Handvoll Spezialisten in Deutschland, die zwischen Hamburg und München an den Gerichten antreten, wenn es um die besonders wertvollen Exemplare dieser Spezies Streit gibt. „Ich mache zu 90 Prozent Pferderecht“, sagt er.

„Das wird häufig belächelt, auch von meinen Anwaltskollegen. Dabei ist es außerordentlich lukrativ, lukrativer als eine normale Zivilrechtskanzlei.“ Es geht um Millionenwerte, um Reitpferde von sehr renommierten Mandanten, die auf Diskretion bedacht sind. „Die rufen von überall an: USA, Niederlande, Österreich, Schweiz, Tschechien. Wir können gar nicht alles annehmen.“

Die Kanzleiadresse „Marstall 2“ hat der Sohn seinem Vater zu verdanken. Es gibt wohl kaum eine bessere für einen Pferderechtler. Doch dass hier früher einmal ein fürstlicher Reitstall stand, hat Wolfgang Schliecker nicht interessiert, als er seine Kanzlei 1982 gründete. Purer Zufall also. Die Leidenschaft für Pferde hat Christian dagegen seiner Schwester Kirstin zu verdanken: „Eigentlich wollte Christian einen Snowboard-Kurs belegen. Ich habe ihn zum Reiten überredet“, verrät diese. Beide haben dann rasch Ehrgeiz entwickelt und in ihrer Jugend Titel als rheinland-pfälzische Landesmeister im Springreiten errungen, Kirstin im Einzelspringen, Christian in der Mannschaft. „Meine Schwester und ich reiten, seit wir Kinder sind. Unser Freundeskreis besteht aus Reitern“, sagt Christian. Beide haben immer noch ein eigenes Springpferd, er einen Oldenburger und sie einen Zweibrücker.

Inzwischen profitiert die Schwester davon, ihrem Bruder damals das Reiten schmackhaft gemacht zu haben. Als Gutachterin ist sie deutlich flexibler als eine Tierärztin mit eigener Praxis. Dies komme ihr als Mutter zweier Kinder sehr entgegen, sagt sie. „Ich werte Röntgenbilder aus, nehme zu Gutachten Stellung oder kontrolliere einen tierärztlichen Behandlungsablauf auf Fehler.“

Aber wie kam der Hobby-Springreiter auf die Idee, Pferderechtler zu werden? „Das war eigentlich die Ideemeines Vaters“, räumt Christian Schliecker ein. Wolfgang Schliecker hatte Dietrich Plewa kennengelernt, einen der renommiertesten Pferderechtler in Deutschland. Gemeinsam mit Plewa ist sein Sohn nun 25 Kilometer entfernt in Germersheim seit 2012 Sozius einer weiteren Kanzlei. Erklärtes Ziel ist es, die Kanzleien eines Tages zu verschmelzen, wenn sich die Altvorderen zur Ruhe gesetzt haben. Wolfgang Schliecker will in zwei Jahren aufhören. „Definitiv“, sagt er.

Neustadt an der Weinstraße hat rund 80.000 Einwohner und liegt genau auf der geografischen Kante zwischen Rheinebene und Pfälzer Wald. Die Region ist keine Hochburg des Reitsports, aber als Lage für die Kanzlei dennoch geeignet: „Vier Stunden nach Hamburg, drei nach München, eineinhalb nach Düsseldorf“, sagt Schliecker junior. „Manchmal bin ich jeden Tag de rWoche bei einem anderen Gericht. Rheinland-Pfalz liegt da ganz gut in der Mitte.“

Vor den Gerichten werden Fälle wie dieser verhandelt: Das Pferd der Mandantin hat ein geschwollenes Bein. Der Tierarzt behandelt es, doch das Tier entwickelt die häufig tödliche Pferdekrankheit Hufrehe und verendet. Aus den Behandlungsunterlagen wird klar: Der Veterinär hat dem Tier die Überdosis eines Medikaments verabreicht, das für die Symptome gar nicht indiziert war und bei dem die Hufrehe als unerwünschte Nebenwirkung vermerkt ist. „Diemedizinischen Details hat mir meine Schwester erklärt. Den Fall haben wir in der zweiten Instanz gewonnen“, sagt Christian Schliecker.

Ein anderer Fall: Ein sehr teures Reitpferd – sein Wert liegt weit über einer Million Euro – hat einen leichten Husten. Der Tierarzt behandelt es mit Eigenblut und einem homöopathischen Präparat. Das Pferd reagiert auf das Präparat mit einem allergischen Schock und bricht tot zusammen: „Wir nehmen den Tierarzt in Anspruch.“ Oder: Bei der Ankaufsuntersuchung eines Reitpferdes übersieht der Sachverständige eine Kehlkopf-OP, die das Pferd wegen einer Atemwegserkrankung bereits hinter sich hat. Das Tier verendet schließlich an der Atemwegserkrankung. Die Versicherung des Sachverständigen wird den Schaden bald regulieren müssen. Bei einem weiteren Pferd fällt dem Besitzer nach dem Kauf auf, dass die Neuerwerbung hin und wieder leicht hinkt. Der Vorbesitzer gibt sich ahnungslos, doch das Gutachten von Kirstin Schliecker ergibt: Der Sachverständige hat bei der Ankaufsuntersuchung eine schwere Arthrose zwischen zwei Rückenwirbeln übersehen.

Die Unterdisziplinen des Pferderechts muten auf den ersten Blick ein wenig spröde an: das Hufschmiedrecht zum Beispiel. Dabei geht es in den konkreten Fällen oft um leidende Tiere. „Wenn der Hufschmied beim Beschlagen der Hufe mit Hufeisen die Nägel zu tief einschlägt, man sagt ,ins Leben nagelt‘, kann sich auch eine Hufrehe bilden.“ Unterläuft dem Schmied bei einem edlen Rappen ein Fehler, ist er hoffentlich ausreichend versichert: „Das ist ein Werkvertrag, das kann teuer werden. Man kann sich gar nicht vorstellen, was da alles passiert“, berichtet der Anwalt. „Wenn ein Hufschmied pfuscht, leidet das Tier richtig. So etwas will man nicht sehen."

„Es geht nicht nur ums Geld, es geht auch um Emotionen“, sagt Kirstin Schliecker. „Die Leute lieben ihre Pferde.“ Entsprechend dramatisch kann es wider Erwarten beim Pferdepensionsrecht zugehen: „Eine Mandantin hat ein junges Fohlen in einen Aufzuchtbetrieb eingestellt. Dreieinhalb Wochen später ist es tot. Heraus kommt: In dem Betrieb grassierte ein Jahr zuvor eine hochansteckende Erkrankung. Die Erreger steckten noch im Boden und das Fohlen hat sich infiziert. „Da haftet dann der Pensionsbetrieb.“

Mit drei Anwälten, davon ein angestellter, zählt die Kanzlei Schliecker zu den größten in Neustadt. Bei den vier Schlieckers,MutterWaltraud Schliecker ist in Neustadt für die Buchhaltung zuständig, tagt regelmäßig der Familienrat: „Immer nach Bedarf, wenn es sein muss täglich. Bei den grundsätzlichen Fragen haben wir uns immer einigen können. Ich hoffe, das bleibt so“, sagt Christian Schliecker. „Es wird manchmal schon kontrovers diskutiert, aber unter dem Strich klappt das gut“, sagt Kirstin Schliecker.

von links oben nach rechts unten: Susanne Nienaber von Türk (Wormser, Kiely, Galef & Jacobs LLP), Jörg Seifert (Al Sharif Advocates & Legal Consultants), Michael A. Müller (Mueller Foreign Law Office), Alexander Koczian (Luther LLP), Ulrike Glück (CMS Hasche Sigle), Steffen Kaufmann (DLA Piper), Christian Moritz (Felsberg Avogados) und Ulrike Brückner (Rödl & Partner)

Gekommen um zu bleiben

Der Blick von jungen Studierenden richtet sich zunehmend in die Ferne. Was bewegt eine Anwältin oder einen Anwalt dazu, ein Leben weit weg von Zuhause aufzubauen? Was waren die größten Herausforderungen? In unserer Rubrik „Existenzgründung“ porträtieren wir acht Anwältinnen und Anwälte. Sie haben in Deutschland studiert, jetzt leben und arbeiten sie in Dubai, Johannesburg, Moskau, New York, São Paulo, Shanghai, Singapur oder Tokio.

1. Warum haben Sie Deutschland verlassen?

2. Was hält Sie in …?

3. Können Sie sich vorstellen, zurück nach Deutschland zu kommen?

4. Im Rückblick: was war die größte Herausforderung

Susanne Nienaber von Türk, Wormser, Kiely, Galef & Jacobs LLP, New York

  1. Die Entscheidung, Deutschland zu verlassen, erfolgte nicht ad hoc, sondern eher stufenweise während verschiedener Aufenthalte in den USA, erst als Praktikantin, dann als Referendarin und schließlich als Assessorin. Schritt für Schritt schlägt man Wurzeln in dem fremden Land, beruflicher und persönlicher Natur, und die Frage des Zurückgehens stellt sich dann irgendwann nicht mehr. Bestimmte Faktoren haben aber dazu beigetragen, dass ich diesen Weg damals in den Achtzigern eingeschlagen habe: die Offenheit, Toleranz und positive Grundeinstellung der Menschen und auch der schon damals gewonnene Eindruck, dass Beruf und Familie in den USA gut vereinbart werden können.
  2. Ich bin seit über 25 Jahren als Attorney-at- Law in New York tätig. In dieser Stadt sind meine beiden Kinder geboren und aufgewachsen. Ich habe hier 9/11 miterlebt. New York ist meine neue Heimat. Die Stadt ist eine wunderbare Katastrophe, wie Sabina Lietzmann von der FAZ sie einmal nannte.
  3. Wohl nicht aus beruflichen Gründen. Ich berate hier in New York deutsche Unternehmen und Privatpersonen ausschließlich im amerikanischen Recht. Allerdings würde ich es nicht ausschließen, später im Ruhestand mehr Zeit in Deutschland zu verbringen.
  4. Der Berufseinstieg in den USA. Ohne eine zukunftsversprechende Anstellung als firstyear associate bei einer angesehenen Kanzlei in New York wäre die Integration viel schwieriger gewesen.

Jörg Seifert, Al Sharif Advocates & Legal Consultants, Dubai

  1. Mich hat es schon während des Studiums gereizt danach im Ausland zu arbeiten. Meine Anwaltsstation während des Referendariats habe ich in Jeddah, Saudi Arabien verbracht. Dies hat mir sehr gut gefallen und ich habe mich noch während der Anwaltsstation dort beworben. Fünf Wochen nach meinem 2. Staatsexamen habe ich meine Koffer gepackt und bin nach Saudi Arabien zurückgekehrt. Dort habe ich für drei Jahre die Europäische Abteilung der Kanzlei Dr. Hasan Al Mulla Lawyers & Legal Consultants in Riad, Saudi Arabien, geleitet. Während meiner dortigen Tätigkeit wurde ich durch das österreichische Außenministerium zum offiziellen Vertrauensanwalt der österreichischen Botschaft in Riad bestellt. Ende 1998 verlegte ich meinen Wohnsitz nach Dubai, Vereinigte Arabische Emirate. Seitdem bin ich in der lokalen Kanzlei Al Sharif Advocates & Legal Consultants schwerpunktmäßig für die wirtschaftsrechtliche Beratung internationaler Mandanten zuständig und betreue diese im Team mit 14 weiteren Anwälten bei der Anbahnung und Umsetzung von Investitionsvorhaben in den Vereinigten Arabischen Emiraten und den anderen Ländern des Golf- Kooperationsrates.
  2. Die angenehme Arbeitsweise, die Sonne und die Tatsache, dass in den Vereinigten Arabischen Emiraten keine Steuern erhoben werden.
  3. Deutschland ist ein sehr schönes Land und ich werde sicherlich nach Beendigung meiner beruflichen Laufbahn dorthin zurückkehren.
  4. Meine Ernennung durch Seine Hoheit Sheikh Ahmed bin Saeed Al Maktoum, in seiner Eigenschaft als Vorstandsvorsitzender und CEO des größten Reisedienstleisters im Nahen Osten, als Bevollmächtigter zur rechtlichen Begleitung und Umsetzung eines Joint Ventures mit einem britischen Reisedienstleister in Dubai.

Michael A. Müller, Mueller Foreign Law Office, Tokio

  1. Ich war bereits im Alter von 19 Jahren über zwei Jahre in Japan, bevor ich studiert habe. Mein Jura-Studium in Berlin habe ich finanziert durch Dolmetschertätigkeit Japanisch-Deutsch. Hilfreich waren hier die in Japan erworbenen guten Kenntnisse von Sprache und Mentalität. Als Rechtsreferendar war ich dann wieder in der Wahlstation in Japan, aber habe dann nach dem zweiten Examen zunächst als Rechtsanwalt in Deutschland Erfahrung gesammelt. Der Wunsch wieder eine Zeitlang in Japan zu leben war Auslöser, in Japan anwaltlich tätig zu werden.
  2. Zurück in Japan habe ich meine Kanzlei in Tokyo eröffnet - spezialisiert auf deutsches Recht für japanische Mandanten und Unterstützung im japanischen Recht für deutsche Mandanten. Als deutscher Rechtsanwalt hat man in Japan ein Alleinstellungsmerkmal. Interessant ist die Tätigkeit hier, weil man als kleine Kanzlei sehr vielfältig Mandate in Bereichen bearbeiten kann, die in Deutschland nur in größeren Kanzleien denkbar wären. So zählen Mandanten aus der Luftfahrt- und Automobilindustrie genauso zu meinen Mandanten wie solche aus der Lebensmittel- und Chemieindustrie, Medizintechnik und sehr viele mittelständische Werkzeugmaschinenhersteller. Es macht mir ganz einfach auch Spaß. Neben der Rechtsberatung ist wesentlicher Teil meiner Tätigkeit hier Mentalitätsmittlung - in Verhandlungen zwischen deutschen und japanischen Parteien. Schön ist es auch junge mutige Start-ups oder Hidden Champion aus dem deutschen Mittelstand in Japan zu unterstützen.
  3. Nicht während meines Berufslebens. Ich müsste meine eigene Kanzlei aufgeben. Ich bin geschäftlich im Durchschnitt sechs Mal im Jahr in Deutschland - das reicht, um den Kontakt zur Heimat zu halten. Und in Japan habe ich neben Mandanten aus Deutschland regelmäßig Rechtsreferendare in der Wahlstation hier.
  4. Die Eröffnung der eigenen Kanzlei fern der in der Heimat entwickelten Netzwerke. Die ersten beiden Jahre waren hart, bis nach und nach die Mandate kamen. Mandate kommen nicht von allein. Durchführung von Informationsveranstaltungen zum japanischen Recht in Deutschland, aktive Teilnahme an der Community der japanischen Kollegen in Tokyo. Wichtig war die Einbindung in Netzwerke deutscher Rechtsanwälte im Ausland, wie Cross Border Business Lawyer (CBBL). Es braucht schon Mut, um in der Ferne etwas aufzubauen - und Mut wird belohnt. Nur in jungen Jahren ist das möglich.

Alexander Koczian, Luther LLP, Singapur

  1. Seitdem ich mit 12 Jahren das erste Mal wirklich bewusst Asien erlebt habe, war es mein Zukunftsplan, eines Tages dort zu leben. Die Frage war nicht ob, sondern nur wo in Asien. 10 Jahre lang drehte sich mein Leben außerhalb des Semesters um „Greater China“, in Singapur bin ich am Ende eher durch Zufall gelandet.
  2. In 5 Jahren in Singapur habe ich mich nach und nach hier eingelebt, mir einen Freundeskreis aufgebaut und Möglichkeiten gefunden meinen Hobbies nachzugehen (vor allem Wassersport) und attraktive nahe Ausflugsziele entdeckt (tropische Inseln und historische Städte). Mittlerweile habe ich eine Familie gegründet und wir haben eine Wohnung gekauft. Seit vielleicht 2 Jahren empfinde ich Singapur als „zu Hause“.
  3. Nach Europa insgesamt kann ich mir eine Rückkehr kaum vorstellen. Mir ist das Leben dort zunehmend fremd geworden und nach den ersten sieben bis zehn Tagen Urlaub kriege ich regelmäßig Heimweh nach Singapur.
  4. Die Umstellung von China und Hong Kong, wo das Blut in den Adern pulsiert und der Kopf so vielen existenziellen Fragen ausgesetzt ist, dass man kaum aufhören kann sich mit philosophischen, kulturellen und sozialen Gedanken auseinanderzusetzen war die größte Herausforderung. Singapur ist in vieler Hinsicht nicht „Asien“ und es erfordert Zeit, auch die Vorzüge hiervon zu erkennen.

Ulrike Glück, CMS Hasche Sigle, Shanghai

  1. Ich habe in Passau Jura und Chinesisch studiert und war von 1988 bis 1989 Austauschstudentin in Shanghai. Ferner habe ich meine Doktorarbeit zu einem Thema des chinesischen Rechts geschrieben. Da ich während meiner Ausbildung viel Zeit in meine chinesischen Rechtskenntnisse und meine Sprachkenntnisse investiert hatte, wollte ich diese auch für eine Zeit lang in der Praxis anwenden. Ursprünglicher Plan war, drei bis vier Jahre in China zu arbeiten. Dass ich jetzt bereits 16 Jahre in China arbeite und auch plane, den Rest meines Berufslebens hier zu verbringen, ist eine Folge des Umstandes, dass mir die Arbeit hier großen Spaß macht.
  2. Die herausfordernde Tätigkeit und die Möglichkeit, Teil einer dynamischen Entwicklung zu sein, die es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Die juristische Arbeit hier ist sehr herausfordernd und anstrengend, bietet aber auch enorme Gestaltungsmöglichkeiten und unternehmerische Freiheiten. Ferner habe ich das Büro in Shanghai aufgebaut und fühle mich daher dem Büro sehr verbunden.
  3. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, wieder in Deutschland zu arbeiten. Allerdings betrachte ich mich in China als „Gastarbeiterin“ und werde sicher nach Beendigung meiner beruflichen Tätigkeit nach Deutschland zurückkehren. Aufgrund der großen Umweltverschmutzung in China ist es nicht attraktiv, hier meinen Lebensabend zu verbringen.
  4. Die größten Herausforderungen sind die Dynamik des Marktes, die damit verbundene große Konkurrenz und die andere Mentalität. Diese Herausforderungen bleiben auch nach 16 Jahren in China unverändert. Alles in China bewegt sich sehr schnell und es gibt täglich neue Herausforderungen. Dies erfordert große Flexibilität und permanente Kraftanstrengungen, macht die Arbeit hier auch sehr spannend, da nahezu nichts Routine ist.

Steffen Kaufmann, DLA Piper, Moskau

  1. Gereizt hat es mich schon immer, einmal grenzübergreifend tätig zu werden. Spätestens nach meinem Master-Studiengang in Kapstadt war mir klar, dass ich versuchen würde, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten. Im Rahmen des Referendariats habe ich dann meine Wahlstation bei einer internationalen Anwaltskanzlei in Moskau absolviert. Dabei ist der Entschluss gereift, ein paar Jahre als Rechtsanwalt in Russland zu praktizieren.
  2. Ich bin nun seit über 13 Jahren in internationalen Anwaltskanzleien in Moskau tätig, inzwischen als Partner bei DLA Piper. Ich berate ausländische Investoren und russische Unternehmen zu einer Vielzahl von Rechtsfragen, insbesondere bei Unternehmenskäufen und -verkäufen. In einem sog. "Emerging Market" zu leben und arbeiten kann ausgesprochen spannend sein und ganz andere Möglichkeiten bieten als in etablierteren Märkten. Moskau ist zudem die größte Stadt Europas und bietet alles, was man von einer Metropole erwartet. Außerdem hält mich hier natürlich meine Familie, die sich ebenfalls in Moskau sehr wohl fühlt.
  3. Ich kann mir durchaus vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Allerdings hätte eine solche Rückkehr die komplette Änderung meiner beruflichen Ausrichtung zur Folge. Als Solicitor (in England zugelassener Rechtsanwalt) berate ich hier vor allem zu englischrechtlichen Transaktionen, da sich das englische Recht bei größeren Unternehmensübernahmen international und insbesondere in Russland durchgesetzt hat. Als deutscher Anwalt wie man ihn zu Hause versteht habe ich, obwohl in Berlin zugelassen, seit meinem Weggang nach Moskau nicht mehr praktiziert. Außerdem sind meine Mandanten auf den russischen Markt fokussiert. Insofern wäre ein Rückgang nach Deutschland mit deutlichen Umstellungen verbunden.
  4. Herausforderungen gab es über die Jahre hinweg viele. Die Folgen der globalen Finanzkrise konnten wir hier in den Jahren ab 2008 sehr deutlich spüren (so mussten wir in den Jahren 2008/09 unser Kanzleipersonal um ca. ein Drittel reduzieren). Gegenwärtig sind es die aktuellen politischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen, die wir hier zu spüren bekommen und die es zu überwinden gilt.

Christian Moritz, Felsberg Avogados, São Paulo

  1. Geprägt von einem gegenüber fremden Ländern und Menschen aufgeschlossenen Elternhaus zog es mich schon als Schüler, Student, Soldat, Referendar, Anwalt und EUBerater ins Ausland. Als ich meine brasilianische Frau kennengelernt hatte, war mir klar, dass auch das aufstrebende Brasilien ein spannendes berufliches Ziel darstellt. Während eines Besuchs in São Paulo beim Centro de Estudos das Sociedades de Advogados (ein brasilianisches Pendant zum DAV) bekam ich zwischen Tür und Angel das Angebot, als deutscher Anwalt in São Paulo den German Desk der brasilianischen Full-Service Kanzlei Felsberg Advogados aufzubauen.
  2. Die 20-Millionen Metropole São Paulo und das Inland des gleichnamigen Bundesstaates locken mit einer beeindruckenden Palette und Intensität wirtschaftlicher Aktivität ausländischer Investoren. Für einen Anwalt mit Vorliebe für Handels-, Gesellschafts- und Arbeitsrecht sowie für internationale Bezüge ist es ein idealer Platz zum Austoben. Die Türen dafür stehen offen, da die aus vielen Nationen bunt zusammengesetzte brasilianische Gesellschaft Immigranten aufgeschlossen gegenübersteht.
  3. Als deutscher Anwalt für Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz reißt der Kontakt zur Heimatregion nicht ab. Das Gefühl der bedrückenden Entfernung kommt so erst gar nicht auf. Anders könnte auch keine Beratung als „German Desk“ mit Mehrwert geleistet werden. Rechtsrat zu den Bedingungen für Handel und Investitionen in Brasilien muss immer die eigene (juristische und kulturelle) Warte des Ratsuchenden mitberücksichtigen.
  4. Im Anwaltsberuf bildet die Sprache mit all ihren Nuancen und Mehrfachbedeutungen die Basis aller Arbeit. Portugiesisch gehörte bis zu meinem 35. Lebensjahr leider nicht auf meinen Lehrplan und so bedurfte es größter Kraftanstrengungen bis ich mir das erforderliche sprachliche Rüstzeug aneignete.

Ulrike Brückner, Rödl & Partner, Johannesburg

  1. Rödl & Partner bietet mir als deutsche Juristin die einzigartige Möglichkeit, im Ausland internationale Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum gemeinsam mit Kollegen aus verschiedenen Fachdisziplinen und Ländern grenzüberschreitend zu beraten. Meine Aufgaben betreffen vor allem die Betreuung unserer Mandanten in Afrika sowie den Ausbau unserer Rechtsberatung speziell in Südafrika. Diese Aufgaben sind vor Ort besser zu bewältigen. Daher fiel die Entscheidung nicht allzu schwer, den Arbeitsort nach Johannesburg zu verlegen.
  2. Die Unterstützung unserer Mandanten bei ihren Projekten auf dem afrikanischen Kontinent ist eine sehr erfüllende Aufgabe. Gerade auf risikoreicherem Terrain brauchen mittelständische Unternehmen einen starken Partner vor Ort. Johannesburg ist als wirtschaftliches Zentrum des südlichen Afrikas zudem eine sehr spannende Metropole. Die Stadt ist wesentlich besser als ihr Ruf und bietet neben einem lebendigen Geschäftsleben auch viel Kultur.
  3. Angesichts der Geschwindigkeit und der Brisanz, mit der sich aktuell Geschäftsmöglichkeiten in Afrika ergeben, ist an eine Rückkehr nicht zu denken. Deutschland ist jedoch meine Heimat und es wird immer eine Option bleiben, nach Deutschland zurückzukehren. Rödl & Partner bietet auch auf nationaler Ebene interessante Einsatzgebiete.
  4. Die größten Herausforderungen für eine Tätigkeit im Ausland liegen nach meiner Auffassung eher im privaten Bereich. Wenn man sich als Jurist für eine Tätigkeit mit internationaler Ausrichtung interessiert und die Chance bekommt, eine derartige Position auszufüllen, dann spielt der Arbeitsort keine übergeordnete Rolle. Jedoch auch Familie und Freunde davon zu überzeugen und sich sodann am neuen Lebensmittelpunkt eine neue private Umgebung zu schaffen, braucht ein hohes Maß an Geduld und Disziplin.

Text: Martin Dommer

Als Berufseinsteiger in die Provinz zu gehen, um aus dem Nichts eine erfolgreiche Kanzlei zu gründen, klingt nach Wahnsinn. Doch ohne den gehe es eben nicht, sagen Nikolaos Penteridis und Marc-Oliver Melzer aus Bad Lippspringe.

Wer hierher findet, weiß, was er sucht: Weezen, Holtensen, Springe, Altenbeken.... Die vorbeigleitenden Bahnhofsschilder tragen für den Nicht-Westfalen wenig zur Orientierung bei. Paderborn liefert einen ersten bekannten Navigationspunkt. Knapp zehn Taxi-Kilometer weiter liegt das Reiseziel: Bad Lippspringe. Kurort, sechs Kliniken, 15.000 Einwohner.

„Ursprünglich wollten wir mit unserer Kanzlei in eine der Metropolen in Westfalen-Lippe“, sagt Nikolaos Penteridis, „Bielefeld oder Paderborn. Aber dann haben wir das hier gefunden.“ Das hier, das ist ein altes, liebevoll restauriertes Bauernhaus im Fachwerk-Stil. Mit seinem rustikal-romantischen Charme zieht es den Besucher schnell in seinen Bann. Der Konferenzraum mit offenem Kamin, holzverstärkten Backsteinwänden, angrenzender kleiner Teeküche und Glasfront zur Außenterrasse wirkt fast wie ein Wohnzimmer; wäre da nicht die Regalwand mit juristischen Fachzeitschriften und dem „Psychrembel“, der Mutter des klinischen Wörterbuchs. Davor auf dem Tisch, ein Tablett mit Mineralwasser, Visitenkarten und ein Aufsteller mit der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Verbraucher und Recht“.


„Das Ambiente fällt jedem als erstes auf“, sagt Nikolaos Penteridis. „Gerade am Anfang war dieser eye catcher bei Mandanten oft sehr hilfreich.“ Der junge Anwalt lächelt augenzwinkernd, während er in einem der dunklen Ledersessel Platz nimmt. Es sei ihm „durchaus mulmig“ gewesen bei dem Gedanken, einen Standort mitten auf dem Land zu wählen, „allein schon wegen der nicht unerheblichen Kosten für Miete, Makler und Büroeinrichtung.“

Das Schild in der Einfahrt weist die Partnerschaftsgesellschaft von Nikolaos Penteridis und Marc-Oliver Melzer als Kanzlei für Medizinrecht aus. Das sei aber längst nur noch ein Teil des Geschäftsmodells, erklärt der Fachanwalt für Medizin-, Sozial und Versicherungsrecht. Seinen Partner Marc-Oliver Melzer, ebenfalls Fachanwalt für die drei Rechtsgebiete, kennt er schon viele Jahre – aus gemeinsamen WG- und Studentenzeiten. Die Idee, mit Medizinrecht in die anwaltliche Selbständigkeit zu starten, sei mehr zufällig entstanden: „Es war ein Dienstag, wir hatten telefoniert und diskutiert, dass es doch toll wäre, selbständig etwas aufzuziehen“, erinnert sich Penteridis. Kurz darauf sei er bei einer Folge der RTL-Serie „Dr. House“ hängengeblieben. „Da hab‘ ich mit dem Gedanken gespielt: ,Ist das eigentlich alles richtig, was die machen, aus juristischer Sicht?‘“

Der fixen Idee folgte eine intensive Internet-Recherche zum medizinrechtlichen Markt: „Wir haben uns gefragt, ,Wo gibt es Nischen?‘,Sind Kanzleien aus der Region auf dem Gebiet aktiv?‘“, erzählt Penteridis. Und: „Sind es Spezialisten mit Fachanwälten oder Gemischtwarenläden von A wie Abfallrecht bis W wie Wasserrecht?“ Die Freunde kamen zu dem Schluss, es zu wagen und überzeugten mit ihrem Businessplan auch den Bankberater. „Wir brauchten ja einen Kredit für das alles hier.“ Im November 2007 startete die Kanzlei. Mit Zuschüssen für Existenzgründer von der Agentur für Arbeit. Ursprünglich hätten sie ausschließlich Medizinrecht anbieten wollen, „sowohl für die Patienten, als auch für Kliniken und Ärzte“, sagt der Kanzleigründer. „Das ging schief. “

Warum? „Die wenigen Mandate auf diesem Gebiet werden nach unserem Eindruck unter einigen big playern verteilt und erfordern viel arztrechtliche Praxis“, sagt Penteridis. „Als Anfänger kommt man da kaum rein, der Aufwand rechnet sich nicht.“ Zudem stünden Anwälte, die für beide Seiten des OP oder Behandlungstisches stritten, schnell vor einem Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsproblem bei den Mandanten.

Aufgegeben haben die Kanzleigründer deshalb nicht – im Gegenteil: „Wir haben bald gemerkt, dass wir mehr Mandate aus dem Sozial- und Versicherungsrecht bekommen als ursprünglich prognostiziert“, erzählt Nikolaos Penteridis. Entsprechend Entsprechend hätten sie ihr Portfolio verändert und das Geschäftsmodell „modifiziert.“ Melzer und Penteridis beraten heute nur noch die Patientenseite. Und sie streiten auch für sie: Gegen Versicherer. Gegen Kliniken. Gegen Ärtze.

Mehr als die Hälfte ihrer Mandate generiert die Kanzlei über das Internet. Die Website wird täglich auf den neuesten Stand gebracht. „Es gilt: Inhalt statt Verpackung“, wirbt Marc- Oliver Melzer, der regelmäßig alle relevanten Urteile, Fachartikel und auch eigene Aufsätze der beiden Spezialisten ins Netz stellt. Im realen Kanzleialltag gehe es meist um „existentielle Fragen“ bei den Mandaten – und oft hohe Streitwerte, erzählt sein Partner: Opfer von Arbeitsunfällen, die berufsunfähig geworden sind und deren private Versicherung nicht zahlen will. Eltern, deren Nachkommen durch Behandlungsfehler oder technische Pannen missgebildet zur Welt gekommen sind und die für eine finanzielle Entschädigung über den eigenen Tod hinaus streiten, um ihre Kinder sicher versorgt zu wissen. Hausfrauen und Witwen, bei denen der Ehemann nach der OP nicht aus dem künstlichen Koma erwacht ist und deren einzige Hoffnung jetzt auf dem Geld einer privaten Rentenversicherung ruht. Das Leben kennt viele solcher Geschichten. Emotional dürfe man sie als Profi nur sehr bedingt an sich heranlassen, sagt Nikolaos Penteridis, der vor dem Jura-Studium lange mit Soziologie liebäugelte.

„Eigentlich wollte mein Vater, dass ich Medizin studiere“, erzählt er auf dem Weg zum Mittagessen in seinem Lieblings- Burger-Lokal in Paderborn. Seine Eltern, die aus Griechenland stammen, betrieben mehr als 25 Jahre eine Taverne in Bad Salzuflen. Die Kinder sollten es einmal besser haben – fern der aufreibenden Gastronomie. Ihr Vorbild, sagt der junge Anwalt heute, habe ihm den Schritt in die eigene Selbständigkeit erleichtert. „Den Gefallen Arzt zu werden, habe ich meinem Papa zwar nicht getan, aber Anwalt findet er auch ganz in Ordnung.“ Der 33-Jährige mit dem kahl rasierten Schädel und dem stoppelkurzen, dunklen Vollbart lacht fröhlich. Es ist ein ansteckendes Lachen.

Die Zufriedenheit ihrer Mandanten überprüfen Melzer und Penteridis regelmäßig mit Feedback-Bögen an ihre Klienten. Der größte Fehler eines Anwalts, sagt Nikolaos Penteridis, bestehe darin, „Dinge zu versprechen, die nicht realistisch sind, oder juristische Prognosen abzugeben, ohne bis ins Detail geprüft und analysiert zu haben.“ Laufe dann etwas schief, seien die Enttäuschung und der Vertrauensverlust nie wieder wettzumachen. Der gute Ruf wäre dahin. Marc-Oliver Melzer sieht das ähnlich: „Hier wird keiner vom Hof fahren“, sagt er, „der keine realistische Erfolgseinschätzung für seinen Fall bekommen hat.“ Bislang hat sich dieses Berufsethos ausgezahlt. Marc-Oliver Melzer und Nikolaos Penteridis bekommen mittlerweile Mandate aus demgesamten Bundesgebiet. Bauernhaus hin, Provinz her. //

Zwischen Tradition und Moderne: Anwalt in Weimar

Text: Katharina Sophia Zimmer, Berlin

In der historischen Altstadt von Weimar hat Matthias Ehspanner seit 2010 seine Kanzlei aufgebaut. Besonders gerne berät er Musiker. In der Stadt der Dichter und Denker findet sich der junge Anwalt zwischen Tradition und Moderne.

Die Gegend um das Amtsgericht Jena mutet romantisch an: In den Gärten der Fachwerkhäuser blühen die Rosen, ein Bach schlängelt sich plätschernd durchs Gebüsch. Gar nicht romantisch geht es hingegen im Gerichtssaal zu: Im Strafprozess versucht Rechtsanwalt Matthias Ehspanner die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Die Akte hat er auf seinem „iPad“ eingescannt. „So kann man auch solch eine dicke Akte vor der Verhandlung nochmal schnell überfliegen“, sagt der Anwalt auf der Rückfahrt zu seiner Kanzlei in Weimar. Diese hat er sich vor zwei Jahren bewusst neben dem Café Residenz am Stadtschloss eingerichtet. Mandanten betreut er in ganz Thüringen. Doch Weimar als Standort gefällt ihm besonders gut. „In Weimar kennt man sich. Es ist ein überschaubarer Kollegenkreis, der zusammenhält. Die Stadt ist nicht so anonym, das Haifischbecken nicht so groß.“ Für Mandanten außerhalb von Weimar nimmt Ehspanner schon mal weite Wege in Kauf – oder lässt sich per Skype zuschalten. Eine Konferenzschaltung per Skype würde Ehspanner sich auch für Gerichtstermine wünschen: „Manchmal habe ich zwei Stunden Anfahrtsweg und dann kommt die andere Partei nicht.“

Der junge Anwalt berät gerne im Urheberrecht, macht aber auch Strafrecht oder Zivil- und Baurecht. Weimar ist heute ein guter Standort für Kreative. „Hier gibt es viele Künstler, Verlage, Poeten, Musicalschreiber oder Softwareentwickler.“ Im Bereich des Urheberrechts kannte sich Ehspanner schon immer gut aus – als Musiker ging es ihm auch immer um den Schutz seiner eigenen Werke. Anfangs hatte er überlegt Musik zu studieren. Jetzt spielt er neben dem Beruf am Wochenende. „Während die Leute sich unter der Woche streiten, entspannen sie sich amWochenende zu meiner Musik. Einen solchen Ausgleich braucht man. Sonst können die ganzen Streitereien schnell belastend werden.“ In seinem Büro hat der Anwalt zudem neben dem Schreibtisch ein Klavier platziert. „Wenn ich in einem Fall nicht weiterkomme, mache ich eine Pause und mache Musik. Danach sind meine Gedanken wieder frei und ich bin konzentrierter.“ Die gelungene Symbiose aus Hobby und Beruf zeigt sich auch bei der Außenwerbung: „Wenn ich auf einer Hochzeit Klavier spiele und mit den Leuten ins Gespräch komme, wird man auf mich als Anwalt aufmerksam. Das ist gute Publicity.“ Privates und Beruf zu vereinbaren, sei allerdings nicht so einfach. Dazu brauche es einen geordneten Tagesablauf. „Es dauert bis man das lernt.“

Seit 2010 ist der junge Anwalt selbstständig. Die Situation auf dem Anwaltsmarkt will er nicht beschönigen: „Als Anfänger ist es wahnsinnig schwer, sich zu etablieren. Man muss eine Lücke finden.“ Doch die Selbständigkeit hat ihn gereizt. „Als angestellter Anwalt ist der Druck sehr hoch und der Lohn niedrig. Man kann immer ersetzt werden. Jetzt entscheide ich selbst, wie ich meine Zeit einteile.“

Beim Start hat Ehspanner zunächst einen Finanzplan aufgestellt. Er beantragte Fördergelder und konnte so eine finanzielle Durststrecke vermeiden. Während des Studiums wurde ihm oft abgeraten, sich mit dem Urheberrecht zu befassen. Ältere Anwälte konnten mit Internetrecht wenig anfangen.“ Der Online-Bereich biete heute viel Potenzial. Gerade im künstlerischen Bereich erwarten die Mandanten, dass man ihre Sprache spreche – sozusagen einer von ihnen sei. Wer juristische Sachverhalte „soft“ erläutern könnte, gewinne Vertrauen. Mit Erfolg bei Ehspanner. Jetzt kooperiert er sogar mit seiner Schwester, auch eine Anwältin, und beschäftigt eine Sekretärin. Angefangen hatte er noch mit einem Telefonservice. „Problematisch war, dass sich immer verschiedene Frauen am Telefon meldeten und meinen Rückruf anboten. Das fiel dann schon mal auf. Für den Anfang ist es mit rund 180 Euro im Monat allerdings eine sehr preiswerte Variante.“

Auch die weniger schönen Seiten des Berufs hat der junge Anwalt bereits kennengelernt: Mandate hat er auch schon abgelehnt. „Ein potentieller Mandant drängte auf ein Erfolgshonorar.“ Der Nicht-Mandant zeigte ihn anschließend erfolglos bei der Anwaltskammer an. „Sich damit auseinandersetzen zu müssen, ist in Kauf genommene Nebenwirkung der Freiheit, nicht jedes Mandat annehmen zu müssen.“

Und wie lautet Ehspanners Tipp für die Anwälte der „Generation 2.0“? Sie sollten die neuen Medien nutzen und sich den Berufsalltag mit moderner Technik erleichtern. Zum Beispiel einer Anwaltssoftware: „Das ist zwar teuer, aber es lohnt sich, da beispielsweise die Fristen angezeigt werden“, sagt Ehspanner. „Wenn man eine digitale Akte oder ein Verkehrsschild auf dem ‚iPad‘ zeigen kann, beeindruckt das im Gerichtssaal. Unauffällig und schnell recherchieren zu können, ist ein klarer Vorteil.“, sagt er in einem Café in der Weimarer Altstadt. Werben könne man vor allem auch in Social Media. Auf Facebook hat der junge Anwalt eine Seite, der Interessierte folgen können. „Man kann Aktuelles über Google suchen und täglich rechtliche Neuigkeiten posten. Wenn man außerdem mittels Umfragen und Diskussionen interaktiv ist, kann das Ganze durch Teilen und Liken einen viralen Effekt haben“, so Ehspanner. Überhaupt ist das Internet der Ort für neue Mandate. Hier müssten junge Anwälte ihre Strategien austesten. „Man muss die Vorteile der modernen Medien nutzen“, sagt Ehspanner und macht sich auf den Weg zu einer Probe mit seiner Band „Easy Tanzmusiktrio“. Vorher lässt er aber noch die neueste Akte digitalisieren.

Der Apple unter den US-Anwälten – ein Modell für die Zukunft?

Text: Dr. Justus von Daniels

Das Ende der klassischen Anwaltskanzlei wird immer wieder einmal ausgerufen. Im Jubiläumsheft zu fünf Jahren Anwaltsblatt Karriere wirft die Redaktion einen Blick auf eine neue Entwicklung im Anwaltsmarkt der USA: Die Kanzlei ohne Kanzlei. Sieht so die Zukunft in Deutschland aus?

Er hat es geschafft. Mark Harris hat in den USA eine law firm aufgebaut, die für so viel Wirbel sorgt, dass eigens eine PR-Agentur für die Öffentlichkeitsarbeit der Kanzlei beauftragt wurde. Anwälte, die von zu Hause aus arbeiten und nach Maßstäben einer Großkanzlei entlohnt werden. Auftraggeber von Morgan Stanley bis Amazon. Und vor allem: Es gibt keine Büros. Das erregt natürlich Aufmerksamkeit. Die Rechtsberatungsfirma Axiom gibt einen Vorgeschmack, wie sich neue Geschäftsmodelle in der Rechtsberatung entwickeln und ganz nebenbei neue Arbeitsmodelle für Anwälte entstehen, die weniger arbeiten wollen.

Es war eine riskante Geschäftsidee, als Harris mit einem Kollegen vor zwölf Jahren den Plan fasste, eine Anwaltskanzlei neuen Typs zu gründen. Denn er wollte in direkte Konkurrenz zu den etablierten Großkanzleien treten. Schon der Name Axiom macht deutlich, dass es sich nicht um eine übliche Partnerschaftskanzlei handelt, sondern um eine Gesellschaft für Rechtsberatung. Die Idee war zunächst einfach: Rechtsabteilungen, die kurzfristig mit Arbeit überlastet sind, heuern Anwälte von Axiom an, die als Springer in den Unternehmen für Abhilfe sorgen sollen. Für M&A-Tätigkeiten bei Banken und Investmentfonds oder für Umstrukturierungen von Unternehmen gibt es häufig Bedarf, für ein paar Monate zusätzlich Anwälte zu beschäftigen, die bei der Abwicklung von Verträgen Unterstützung leisten können. Axiom bietet Unternehmen die Möglichkeit des „In-sourcings“: Anstatt Anwaltskanzleien zu beauftragen und die Geschäfte nach außen zu verlagern, holen sich Unternehmen temporär Anwälte mit Pauschalvergütungen ins Haus, die bei Axiom angestellt sind. Es ist eine echte Lücke, die effizient gefüllt wird. Bislang müssen Unternehmen bei erhöhtem Rechtsberatungsbedarf in komplexen Verfahren Arbeit an Großkanzleien abgeben, von denen sie verlässliche Qualität erwarten können. Interne Kostenprüfer monieren immer häufiger die enormen Anwaltskosten. Durch die Spezialisierung auf das Ausleihen von Anwälten bietet Axiom die gleiche Leistung deutlich günstiger an.

In der Gründungsphase war es allerdings nicht so leicht, erfahrene Anwälte zu finden, die an den Erfolg dieses Modells glaubten und bereit waren, gut dotierte Stellen in Großkanzleien zu verlassen. Axiom war auf gute Anwälte angewiesen, um den Qualitätsstandard zu erfüllen, den große Unternehmen einfordern. In den ersten Jahren gestaltete sich der Aufbau noch mühsam. Rechtsanwälte, die in großen Kanzleien arbeiteten, hielten die Aufträge für Zuträgertätigkeiten und nahmen das Anwalt-start-up nicht richtig ernst – auch wenn Harris ihnen ein vergleichbares Gehalt anbot. Vor allem konnten sie sich nicht vorstellen, in einer Firma zu arbeiten, die keine Büros hat.

Aber das war das eigentliche Herzstück der Idee und zugleich PR-Gag: Die „virtuelle“ Kanzlei. Da Axiom seine Anwälte direkt in die Rechtsabteilungen der Auftraggeber schickt oder die Anwälte ihre Aufträge von zu Hause aus erledigen, konnten die sonst so hohen Kosten für repräsentative Büros eingespart werden. Axiom musste keine Etagen in teuren Hochhäusern anmieten. Das Büromanagement ist auf ein Minimum reduziert. Lediglich an einigen Standorten unterhält Axiom kleine Büroräume, in denen Mitarbeiter zeitweilig arbeiten können oder die für Besprechungen genutzt werden. Die Honorare liegen vor allem wegen dieser sparsamen Infrastruktur teilweise bis zu 50 Prozent unter denen von Sozietäten, die in direkter Konkurrenz stehen.

Mit dieser Art von hochqualifizierter Leiharbeit hat Axiom im letzten Jahr nach eigenen Angaben immerhin 100 Millionen Dollar Umsatz gemacht. Das Silicon Valley in Gestalt von Cisco und Yahoo gehört genauso zu ihren Kunden wie Credit Suisse oder Unilever. Mittlerweile arbeiten weltweit über 600 Anwälte für Axiom, das sich auf „soft routine medium level“-Tätigkeiten spezialisiert hat. Will heißen: Die Anwälte sind nicht federführend bei komplexen Vertragsgestaltungen oder an strategischen Planungen beteiligt, sondern sie begleiten die Arbeit der Rechtsabteilungen, indem sie bestimmte Routinearbeiten im Gesellschaftsrecht übernehmen. Für die Anwälte ist das ein Spagat: Sie stehen nicht an vorderster Front, müssen aber in der Lage sein, sich schnell in komplexe Verfahren einzugliedern. Insbesondere für M&A, für Due Diligence und für die im amerikanischen Recht bedeutsame Discovery wird Axiom ins Haus bestellt. War Axiom am Anfang noch ganz auf spontane
Secondee-Aufträge angewiesen, werden Anwälte mittlerweile auch mit regelmäßigen Routinediensten beauftragt.

Heute stehen gute Bewerber bei Axiom Schlange. Das liegt auch daran, dass sich die Rechtsberatungsgesellschaft bemüht, ein ganz neues Image für die Arbeit als Rechtsanwalt zu entwerfen. Auf der Website begegnen einem schlichte, eingängige Slogans, wie sich Axiom von üblichen Kanzleien unterscheidet. Und in knappen Video einspielern werden Anwälte vorgestellt, die eine vollkommen neue Arbeitswelt für Juristen beschreiben: die von zu Hause arbeiten, denen Flexibilität bei der Annahme von Aufträgen ermöglicht wird, damit sie sich um ihre Familie kümmern oder Hobbies wirklich ausleben können – und das bei einer Vergütung, die sich bei einem Einsatz an Großkanzleien orientiert. Viele betonen, dass sie genau aus diesen Gründen große Kanzleien verlassen hätten. Es ist eine neue mid-career- Option: Nach ein paar Jahren bei einer Rechtsabteilung oder einer Kanzlei bietet Axiom eine leichte Entschleunigung an – bei überschaubaren Einkommensverlusten für Ruhephasen. Auf der firmeneigenen Präsentation legen viele Mitarbeiter Wert darauf, selbstbestimmter und projektbezogener arbeiten zu können. Andere heben die vielfältigen Einblicke in Unternehmen hervor, um sich später beruflich neu zu orientieren.

Axiom präsentiert sich als eine Art Apple der Großkanzleien: Wenn alle Computer grau sind, reicht es schon, wenn man erstmal das Design ändert und Änderungen am Arbeitsprozess vornimmt. Die Rechtsberatung wurde nicht neu erfunden, aber Neuerungen werden geschickt kombiniert: Der Stil einer Unternehmensberatung wird auf die Rechtsberatung übertragen und gleichzeitig wird ein modernes Arbeitszeitprofil integriert, das den Mitarbeitern Flexibilität ermöglicht. Das bedeutet aber auch, dass man zu Hause arbeiten können muss. Und die Flexibilität verlangt, das Privatleben spontan an die Arbeit anpassen zu können. Manch einer sehnt sich da vielleicht doch eher nach der Routine und Übersicht im Büro.

Der Markt für Firmen, die sich auf Springerdienste in Rechtsabteilungen spezialisieren, ist auch in den USA überschaubar. Schließlich fallen solche peaks vor allem bei Unternehmensumstrukturierungen oder Verkäufen an. In den letzten Jahren sind ein paar Firmen dem Beispiel von Axiom gefolgt. Es sind kleinere Anwaltsfirmen entstanden, die sich eher regional orientieren, die Outside GC oder Paragon heißen. In Deutschland ist der Markt für diesen Bereich wahrscheinlich deutlich kleiner. Aber auch hier werden Kostenanalysen gemacht und es wird in Unternehmen genauer abgeschätzt, welche Rechtsangelegenheiten an wen abgegeben werden können. Nur sollte man sich nichts vormachen: Sogar in den innovationsfreudigen USA brauchte Mark Harris viel Überzeugungsarbeit, um sein Konzept zu etablieren.

Text: Katja Wilke

Hartz-IV-Mandate sind die Spezialität von Corinna Unger. Dieses Geschäft gilt bei Anwälten als brotlos, bei der Geraer Rechtsanwältin funktioniert es aber ganz wunderbar. Vor vier Jahren gründete die ehemalige Mitarbeiterin in der Widerspruchsstelle eines Jobcenters ihre Kanzlei.

Der Anruf sorgte bei Corinna Unger erst mal für Irritationen. Da hatte sich doch tatsächlich gerade der Golfclub gemeldet, um die frisch zugelassene Rechtsanwältin als Mitglied anzuwerben. Andere Anwälte hätten sich geschmeichelt gefühlt. Doch Corinna Unger winkte ab. „Ich denke, eine solche Mitgliedschaft wäre eher geschäftsschädigend“, sagt sie heute.

Mit dieser Einschätzung dürfte sie richtig liegen. Die 36- Jährige vertritt so genannte Hartz-IV-Empfänger. Menschen, die manchmal nicht wissen, wovon sie in der kommenden Woche leben sollen, weil sich Auszahlungen der Behörde mal wieder verzögern. Oder solche, die sich gegen Sanktionen des Jobcenters wehren, die sie für ungerechtfertigt halten. „Das sind regelmäßig Mandanten, die viele andere Anwälte in Gera lieber nicht in ihrer Kanzlei sehen möchten“, sagt Unger unumwunden. Diese Erfahrung hat sie gemacht, als sie vor rund vier Jahren eine Stelle in den etablierten Kanzleien in der thüringischen Kleinstadt suchte. Mit Arbeitsrecht oder Familienrecht wäre sie schnell untergekommen. Aber Hartz-IV?

Dieselben Anwälte, die Unger damals abwimmelten, können heute eine Erfolgsstory mitverfolgen. Ihre Kanzlei läuft. Denn die Anwältin bearbeitet Hartz-IV-Fälle fast wie am Fließband: Rund 2.400 sind es mittlerweile. Sie ist schnell, weil viele Mandate ähnlich gelagert sind. Das gleicht aus, dass Streitwert und Gebühren eigentlich zu niedrig sind. „Die Masse macht es“, sagt Unger. Außerdemhat sie nichtmit Zahlungsausfällen zu kämpfen: Der Staat zahlt ihren Mandanten oft Beratungshilfe oder Prozesskostenhilfe.

Geholfen hat dabei eine Mischung aus Glück, Unerschrockenheit und guter Planung. Beratung zumSGB II war vor vier Jahren eine Marktlücke in Gera – es gab Anwälte, die das gemacht haben, aber niemand war wirklich spezialisiert. Ohne ihr Vorwissen wäre ihr der schnelle Durchbruch aber nicht gelungen. Unger kannte sich bei der Kanzleigründung nicht nur mit dem Hartz-IV-Recht genau aus, sondern auch – was mindestens genau so zählte – mit den Strukturen, Abläufen und vor allemSchwachpunkten im Jobcenter.Mehr noch: Sie kannte sogar die Mitarbeiter in der Widerspruchsstelle für Hartz-IV Bescheide persönlich. Denn wenige Monate zuvor hatte sie selbst noch neben ihnen am Schreibtisch gesessen – als Sachbearbeiterin mit einem befristeten Vertrag. Als der nach zwei Jahren nicht verlängert wurde, musste sich Unger auf Jobsuche machen. Als Unger bei einem Anwalt in Berlin aushalf, der Hartz-IV-Fälle machte, merkte sie: Das kann ich auch.

So wurde die Frau, die zuvor nie von der Selbstständigkeit geträumt hatte und für die die Anwaltstation im Referendariat eine Tauchstation war, 2007 Existenzgründerin und 2010 mit dem zweiten Platz beim Soldan-Kanzleigründer-Preis ausgezeichnet. In ihrer Geburtsstadt Gera mietete sie günstig Kanzleiräume an. Und zur Kanzleieröffnung startete sie eine Marketingoffensive, von der sie noch heute, Jahre später, profitiert. Zusammen mit einem Anzeigenblatt ließ sie damals einen Flyer im Postkartenformat verteilen: „Sie sind betroffen und haben Probleme mit Hartz-IV?“ stand da. Plakativ, blutrot auf schwarzem Grund. Auf der Rückseite erklärte sie, dass Berechtigte Anspruch auf Beratungshilfe haben und sich die Kosten für den Anwalt damit in Grenzen halten. Vom ersten Tag an klingelte das Telefon. Seither macht die Anwältin mit den feuerroten langen Haaren ihren ehemaligen Kollegen im Jobcenter das Leben schwer. Nicht wenige in der Behörde haben für den Seitenwechsel kein Verständnis und gehen heute grußlos an Ungervorbei. Sie selbst hat dafür nur Kopfschütteln übrig. Was hätte sie mit ihrer Spezialisierung als Anwältin denn anderes machen sollen?

Sie weiß genau, wo ihren damaligen Kollegen regelmäßig Fehler unterlaufen. „Dahinter steckt kein böser Wille oder Bequemlichkeit“, entschuldigt Unger ihre ehemaligen Kollegen. „Dahinter steckt chronische Überlastung. Es gibt einfach zu wenige Mitarbeiter für die Masse der Fälle.“ Also erklärt Unger ihren Mandanten Bescheide, legt Widersprüche ein, treibt die Behörden zu schnelleren Entscheidungen und zieht auch regelmäßig mit Klienten vor Gericht. Oft geht sie mit dem schönen Gefühl nach Hause, Menschen in Notsituationen geholfen zu haben. Etwa dem Familienvater, der arbeiten geht, aber von seinem Lohn die Familie nicht ernähren kann – und dem im Jobcenter offenes Misstrauen und ein respektloser Umgangston entgegenschlägt. „So etwas nehme ich gedanklich mit nach Hause“, sagt Unger. „Abschalten kann man da nur schwer.“ Schwierig sind Fälle, in denen sie feststellt, dass ein Mandant ein notorischer Drückeberger ist, der von der Schlampigkeit der Verwaltung profitieren will. Dann kann sie sogar die Reaktionen ihrer früheren Kollegen nachvollziehen.

Die schönen Momente überwiegen aber im Arbeitsalltag. Als Mutter eines achtjährigen Sohnes freut sie sich darüber, dass die Arbeitszeit planbar ist. Ihre Mandanten haben tagsüber Zeit. Um aber nicht nur von Hartz-IV-Mandanten abhängig zu sein, will Unger sich auch in das Renten- und Krankenversicherungsrecht einarbeiten. Und die Expansion der Kanzlei vorantreiben, denn das Einzelkämpferdasein ist nicht ihr Lebenstraum. Der Grundstein ist gelegt: In ihrem Fachanwaltskurs für Sozialrecht hat Unger eine Kollegin aus Erfurt kennengelernt. Die Chemie stimmte. So haben die beiden Anwältinnen in Jena zusammen eine Sozietät gegründet. Zunächst arbeitet in der Kanzlei, die künftig aus Haftungsgründen als GmbH geführt werden soll, eine angestellte Anwältin. Unger und ihre Kollegin pendeln jeweils einen Tag pro Woche zu ihrer neuen Außenstelle. Weitere Zweigstellen in Leipzig und Altenburg sind in Vorbereitung. Eine regionale Sozialrechtskanzlei – das ist das ehrgeizige Ziel.

„Wir versuchen dabei, das finanzielle Risiko gering zu halten“, sagt Unger. Das war auch die Maxime bei der Eröffnung ihrer eigenen Kanzlei. Am Anfang saß sie alleine mit einer Referendarin im Büro, die Anrufe annahm und Termine koordinierte. Erst nach einigen Monaten, als es gar nicht mehr anders ging wegen des Andrangs, entschloss sich Unger, eine Rechtsanwaltsfachangestellte an Bord zu holen. Auch und gerade bei der Einrichtung achtete Unger auf Schlichtheit. Der helle Holzschreibtisch stammt von Ikea, ein paar Topfpflanzen begrünen das Beratungszimmer und für Kinder gibt es eine Spielecke. Dazu passt das legere Auftreten der Chefin: T-Shirt, Weite Hose, bequeme Schuhe. „Zum Anwalt zu gehen, schüchtert viele Mandanten erst einmal ein“, erklärt Unger. „Es ist deswegen ganz wichtig, Nähe aufzubauen.“ Der schwere Eichenschreibtisch des Vormieters landete deswegen kurzerhand im Sperrmüll. Zu viel Statussymbol, befand Unger. Fast noch schlimmer als eine Mitgliedschaft im Golfclub.