Männlich, ergraut, renommiert sucht...

Balzrituale der Großkanzleien – vom Sinn der Bewerbermessen

Text: Martin Dommer

Der Rückzug aus der eigenen Kanzlei fällt älteren Anwälten oft schwer. Nicht nur, weil es um ihr Lebenswerk geht. Häufig fehlt schlicht ein geeigneter Nachfolger. Für unternehmerisch denkende Berufseinsteiger kann das die Chance sein. Wolfgang Schwackenberg hat es in seinem Berufsleben zu etwas gebracht. Als junger Referendar bekam er 1976 das Angebot, Sozius einer mittelständischen Kanzlei in Oldenburg zu werden und nahm an. „Eine Spezialisierung gab es da noch nicht“, erinnert sich der heute 63-Jährige. „Wir haben in der Kanzlei alles gemacht, was uns angetragen wurde.“

35 Jahre später zählt Schwackenberg, Herausgeber des Anwaltsblatts, zu den renommiertesten Familienrechtlern der Republik und betreibt mit vier weiteren Berufsträgern eine Kanzlei in Oldenburg. Zum Portfolio zählen jetzt nur noch das Familien- und Erbrecht sowie arbeits- und medizinrechtliche Fragen. Notwendig wurde die Umstellung mit dem Wegfall der Singular-Zulassungen vor zehn Jahren. „Damit brach ein erheblicher Teil des Umsatzes weg, den wir zuvor mit Verfahren vor dem OLG im Auftrag von Kollegen generierten“, erzählt der Seniorpartner. Die Kanzlei habe damals am Scheideweg gestanden: Sollte sie auf möglichst viele Rechtsgebiete oder auf Spezialisierung setzen? Schwackenberg und zwei Partner entschieden sich für eine Spezialisierung, fünf andere nahmen lieber ihren Hut. Heute besteht die Sozietät ausschließlich aus Fachanwälten. „Rückblickend war es die richtige Entscheidung“, sagt der Familienrechtler.

Doch wo Licht ist, fällt eben auch Schatten: So ist die Frage einer Nachfolge „nun sehr auf die einzelne Sparte konzentriert“, sagt der Spezialist. „Wenn ich alsbald aufhören möchte, muss ich dafür Sorge tragen, einen qualifizierten Nachfolger für das Familienrecht zu finden.“ Gerade auf dem Lande oder an Standorten mit kleinstädtischer Struktur kann das schwierig werden. Für „ambitionierte Kollegen“, formuliert Schwackenberg diplomatisch, „ist Oldenburg sicher nicht das Traumziel.“ Zumal das Ertragsvolumen bei privaten Mandanten „im Familienrecht unter der Höchstmarke liegt.“ Entsprechend klein ist der Kreis potentieller Nachfolger. „Entweder finde ich jemanden von hier oder ich muss von vornherein mit anderen Angeboten locken“, sagt der gebürtige Niedersachse. Fälle, wie der von Schwackenberg sind keine Seltenheit. „Erfahrener Rechtsanwalt bietet Kollegen/in günstigen Einstieg in lebhafte Allgemeinkanzlei“ – so oder ähnlich formulierte Verkaufsofferten finden sich immer häufiger in den Anzeigenteilen von Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Der Generationswechsel in der deutschen Anwaltschaft ist in vollem Gange: Nach Auskunft der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) sind etwa 25 Prozent der deutschen Anwälte im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. Der Abschied aus dem aktiven Berufsleben – für so manchen Kanzlei-Inhaber jenseits der 55 wird er zur Nagelprobe. Zumindest, wenn er darauf gesetzt hat, durch einen Verkauf die eigene Altersvorsorge absichern zu können. Immer häufiger erweist sich die Hoffnung, das eigene Lebenswerk werde am Ende angemessen honoriert, als Trugschluss. Viele überschätzen den Wert ihres beruflichen Erbes.

„Die Spezialisierung führt dazu, dass der Mandantenstamm mit Blick auf den Verkaufswert einer Kanzlei zusehends an Bedeutung verliert“, sagt Martin Lang, Fachanwalt für Erbrecht in München und bis 2007 Vorsitzender des Forums junger Anwaltschaft im Deutschen Anwaltverein. „Die Leute springen von Kanzlei zu Kanzlei“. Der „klassische Hausanwalt des Vertrauens“ sei rar geworden. Immer mehr Mandanten sähen in der anwaltlichen Beratung eine schlichte Dienstleistung, derer sie sich von Fall zu Fall bedienten – und das nicht immer beim selben Anbieter. Zwar herrscht an Methoden zur Ermittlung des betriebswirtschaftlichen Wertes einer Kanzlei kein Mangel. Doch sie spiegeln längst nicht immer ein realistisches Bild der Lage. Nach einer Formel des „Ausschusses Kanzleibewertung der BRAK“ liegt der vom Verkäufer maximal zu erzielende Kaufpreis demnach beim etwa 0,8 bis 1,3fachen des durchschnittlichen Jahresumsatzes der vergangenen drei Jahre. Aus Martin Langs Erfahrung sind Kanzleiverkäufe unter Einzelanwälten mit hohen Kaufpreissummen aber eher die Ausnahme als die Regel. Für den Ernstfall rät er beiden Seiten zu „voller finanzieller Transparenz.“ Aus Sicht eines Käufers sei der „ideale Weg zu sagen: ,vor dem Kauf arbeite ich erst einmal mit und übernehme die Buchhaltung!‘.“ Auf diese Weise lasse sich etwa nachvollziehen, was mit Fremdgeldern geschehe: „Werden sie sofort weitergeleitet oder erst zeitversetzt ausbezahlt?“, fragt Lang rhetorisch. Er spricht von einem „klassischen Warnzeichen“, für den Staatsanwalt „werde dann Untreue daraus.“ Ein weiterer Indikator sei die Stimmung unter den Beschäftigten, die es möglicherweise zu übernehmen gelte. Ein Käufer solle genau abwägen, ob er mit Blick auf Mandantenstamm, Umsätze und die eigene Qualifikation „mittelfristig nicht lieber einzelne Perlen rettet und andere Rechtsgebiete abstößt, obwohl er sie ursprünglich vielleicht mit gekauft hat.“ Die Bedeutung des Fachanwalts und Spezialisten in der Öffentlichkeit hat aus Langs Sicht stark zugenommen.

Wer sich als Kanzleikäufer ohne entsprechende Zusatzqualifikationen zum Experten für ein Rechtsgebiet aufschwinge, laufe „Gefahr, das Renommee-Versprechen gegenüber den Mandanten nicht mehr einlösen zu können.“ Der 43-Jährige kann auf eigene Erfahrungen verweisen. Nach dem Studium trat er 1994 in die Kanzlei ein; damals noch eine Boutique mit Familienrecht und anderen Rechtsgebieten im Portfolio. Heute bearbeitet die Kanzlei fast nur noch erb- und familienrechtliche Mandate – mit Erfolg. Generell sollte „der Neue“ in einer Kanzlei im Vorfeld eines Verkaufs bei allen wichtigen Mandanten persönlich durch den Ausscheidenden vorgestellt werden. Nur so lässt sich ein abrupter und garantiert schädlicher Inhaberwechsel vermeiden. Auch eine (zeitweise) gemeinsame Betreuung oder längere Urlaubsvertretungen sind vor der sukzessiven Mandatsübernahme sicher empfehlenswert. „Noch mache ich deutlich mehr Umsatz, als es meinem Anteil entspricht“, sagt auch der abgabewilligeWolfgang Schwackenberg. Gleichwohl, fährt er fort, gebe es gerade im Privatgeschäft „über die Jahre gewachsene Kontakte, die bis hinein in den (Sport)Verein, die Schule oder andere Institutionen reichen können.“ Ein Quereinsteiger, der neu akquirieren müsse, könne da „schon Schwierigkeiten haben“, sagt der Niedersachse. Um den Übergang erfolgreich zu regeln, arbeitet er seit einigen Jahren an dem Modell einer „Sternsozietät“. Für diesen Kanzlei-Verbund gründete Schwackenberg mit einer ihm bekannten, etablierten Kollegin in Bremen eine zweite Kanzlei. In dieser ist er ebenso Sozius und Namensgeber, wie in Oldenburg. Die Idee: „Größer werden und mehr an der Nachfrage orientierte Dienstleistungen vor Ort anbieten – ohne großen Mehraufwand an Kosten und Kapazitäten.“

Mittelfristig soll in der Hansestadt eine junge Familienrechtlerin, die er eigens angestellt hat, einen wachsenden Teil seiner Mandate übernehmen. Zugleich ist Schwackenbergs Tochter als Partnerin in die Oldenburger Sozietät eingetreten – mit den Schwerpunkten Arbeits- und Sozialrecht, die sie verantwortet. „So sind wir in zwei verschiedenen Töpfen tätig; das vermeidet Reibereien“, scherzt der Vater. „Besser kommt selten nach“, sagt ein deutsches Sprichwort. „Neue Besen kehren gut“, sagt ein anderes.

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