Porträt - Einzel­an­wältin im Wirtschafts­recht

Die kann was.

Text: Jochen Brenner, Hamburg
Fotos: Franz Brück, Berlin

Als der Brief aus Karlsruhe auf ihrem Schreibtisch landet, triumphiert Einzelanwältin Reyhan Akar. Sie hat es geschafft. In dem Schreiben des Bundesgerichtshofs geht es um Einzelheiten ihres Falls, den ihre Kanzlei betreut, auf ihre Verantwortung. Das oberste deutsche Gericht tauscht sich mit ihr aus. Für einen Moment erinnert sich Reyhan Akar an ihre Kindheit, als sie 13 Jahre alt ist und ein aufgewecktes türkisches Mädchen aus Frankfurt-Rödelheim. Damals, Ende der 1980er, beginnt ihre juristische Karriere. So erzählt Reyhan Akar heute ihre Geschichte. Sie sitzt hinter dem mächtigen Schreibtisch ihrer Kanzlei in Bad Homburg, draußen lärmen die Vögel im nahegelegenen Kurpark, die Sonne fällt in den hellen Raum einer repräsentativen Altbauetage. „Seit ich ein kleines Mädchen war, war ich die Anwältin meiner Familie“, sagt sie. „Bis ich hier sitzen konnte und die Chefin meiner eigenen Kanzlei wurde, war es ein ziemlich langer Weg.“

Was sie dann erzählt, ist die Geschichte eines Mädchens, das als Kind türkischer Gastarbeiter Stufe für Stufe einer Treppe erklomm, die sie von einer Hochhaus siedlung bis in die ehrwürdige Kaiser-Friedrich-Promenade in Bad Homburg führte. Der Brief vom BGH war deshalb so etwas wie ein Treppenabsatz, den Akar nie zu erreichen glaubte. Mit dreizehn übersetzt sie zum Beispiel die Kreditgespräche der Eltern bei der Bank. „Mein erster Fall im Wirtschaftsrecht“, sagt Akar. Als ihr Vater später einen Arbeitsunfall erleidet – er arbeitet, wie die Mutter, über Jahrzehnte Vollzeit als Fabrikarbeiter – besucht ein fremder Mann die Familie und bietet eine Abfindung an. „Das Geld reicht uns doch nur bis übermorgen, habe ich ihm gesagt und ihn weggeschickt“, sagt sie. „Der Mann wollte, dass mein Vater einen Auflösungsvertrag unterschreibt. Heute gehört Arbeitsrecht zu meinen Spezialgebieten als Einzelanwältin.“

Akars Leben quillt über vor solchen Geschichten. Da ist der Gymnasialrektor, der die damals 10-jährige Reyhan fragt, ob sie sich das Gymnasium wirklich zutraut. Dann aber gibt es auch die Grundschullehrerin, die ihr Mut macht. Mit 16 besorgt sich Reyhan Akar – damals noch türkische Staatsbürgerin – eine  Arbeitserlaubnis und fängt bei Rewe an der Kasse an. Bis der Marktleiter sie schließlich die Abrechnung machen lässt, weil er merkt: Die kann was. Talent ist Reyhan Akars Rettung. Talent in der Schule, Talent im Sport, als Studentin spielt sie Volleyball in der 2. Bundesliga. Talent mit Menschen. Talent im Glücklichsein. „Lachen alle Menschen so viel wie ich?“, fragt sie irgendwann mitten im Gespräch. Als Kind, erzählt sie, wollte sie Klavier lernen. Ging nicht, das Geld war zu knapp, der Vater hatte schon einen zweiten Job, um die Klassenreisen seiner drei Kinder zu bezahlen. Seit vergangenem Jahr steht ein Klavier in Akars Haus, einmal in der Woche kommt eine Lehrerin zum Unterricht. „’Das war noch längst nicht alles’ ist mein Lebensmotto“, sagt sie, „es ist nie zu spät anzufangen.“ Heute weiß Akar, dass sie sich schon als Kind eine Fähigkeit aneignete, die Psychologen Resilienz nennen, eine Art Widerstandsfähigkeit der Psyche. „Ich musste früh viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten, Verantwortung übernehmen und trotzdem Kind sein. Das war mitunter ziemlich stressig.“ Reyhan Akar hat lange überlegt, ob sie in einem Porträt ihre Geschichte erzählt wissen möchte. Vom türkischen Mädchen aus Frankfurt-Rödelheim zur gut verdienenden Anwältin in Bad Homburg, mit Eigenheim, großem Wagen und ein paar teuren Urlauben im Jahr. „Das allerletzte, was ich brauche, ist Mitleid“, sagte sie, als sie schließlich einwilligte. „Meine Mandanten messen mich an meinen Fähigkeiten als Wirtschaftsanwältin. Mein Lebensweg interessiert sie gottseidank nicht“, sagt Akar, „aber wer verstehen will, wie ich zu dem Menschen wurde, der ich heute bin, der muss die Umstände kennen.“ Nach dem Abitur schreibt sie sich an der Universität Frankfurt für Jura ein, als Teilzeitstudentin. Nebenbei arbeitet Akar erst weiter im Supermarkt, in einem Callcenter und schließlich als Assistentin in der Schadensregulierung der Allianz. Daneben ist sie noch Jugendtrainerin ihres Volleyballvereins.

Der Weg zur Einzelanwältin

„Ich hatte schon früh ein ordentliches Pensum. Das hilft mir heute auch als Einzelanwältin“, sagt sie. „Der Job ist nichts für Schwächlinge.“ Nach dem vierten Semester bittet ihr Zivilrechtsprofessor die junge Studentin zu sich an den Lehrstuhl. Ob sie Lust hätte, mitzuarbeiten? Schließlich standen 14 Punkte unter ihrer letzten Klausur im Kondiktionsrecht. Im Geist ging Akar ihre finanziellen Verpflichtungen durch. Die Vergütung für studentische Mitarbeiter am Lehrstuhl hätte die Kosten ihres Lebensunterhalts bei weitem nicht gedeckt. Sie sagte ab. „Ein Fehler, natürlich. Nicht der erste, nicht der letzte. Aber so war ich damals“, sagt sie. „In solchen Situationen hätte ich den Rat eines erfahrenen Menschen gebraucht.“ Bei der Vorbereitung aufs Erste Staatsexamen spürt Akar, dass sie zum ersten Mal an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gerät. Vorher hatte sie sich auf ihre schier unerschöpflichen Ressourcen verlassen, jetzt merkte sie: Das wird steinig. Ein privates Repetitorium kommt nicht in Frage, die Uni bietet nur mäßigen Ersatz. „Wenn ich heute zweifle, sagt mein Mann, dass ich eine Langstreckenläuferin bin“, erzählt Akar. Und so kämpft sie sich eisern über die Ziellinie. Erstes Examen, kurz Verschnaufen, Zweites Examen. Zulassung. Einatmen, ausatmen. Geschafft.

Harter Wettbewerb als Einzelanwältin

Der harte Wettbewerb beim Berufs­ein­stieg in die Anwalt­schaft schreckt sie nicht ab. Selbst­be­wusst geht Akar ihren Weg. Beweisen muss sie sowieso niemandem mehr etwas. Also macht sie es kurz. „Ich habe für die Examina selektiv gelernt. Und mir das dann zunutze gemacht.“ Bei Bewer­bungen fügt sie einfach die Zettel bei, auf denen ihre Noten in den zivil­recht­lichen Fächern stehen – „und die konnten sich in einer Welt, die sich stark über Examens­noten definiert, sehen lassen.“ Sie bewirbt sich ausschließlich in Kanzleien, die wirtschafts- und zivil­rechtlich orien­tiert waren.

Das Manöver funktio­niert. Und die junge Rechts­an­wältin heuert bald als Angestellte in einer mittel­stän­di­schen Wirtschafts­kanzlei in Bad Homburg mit damals drei Partner­an­wälten an. Zwei Jahre lang lernt sie das Geschäft von der Pike auf. Schrift­sätze, Recherche, ein paar Termine. „Aber an den Mandanten bin ich nicht so nahe range­kommen, wie ich es wollte“, sagt sie. Schließlich merkt Akar, dass sie zu große Lust auf die erste Reihe hat, um weiter Angestellte zu sein. Und selbst­be­wusst denkt sie bei sich: „Den Job kann ich auch alleine.“

Genau so macht sie es schließlich. Erst kurz als Unter­mie­terin, schließlich in ihrem eigenen Büro in bester Bad Homburger Lage. „Am Anfang habe ich meinen Mann gebeten, ab und an mal in der Kanzlei anzurufen, damit das Telefon klingelt“. So spricht Akar über die ersten Wochen ihrer Selbstän­digkeit im Sommer 2011. Heute ist es eher die Ausnahme, dass das Telefon mal nicht klingelt. Über die Jahre hat sich Reyhan Akar einen Mandan­ten­stamm aufgebaut, dem sie überwiegend im Handels-, Gesell­schafts- und Arbeits­recht ihre Dienste anbietet. 80 Prozent sind kleine und mittlere Unter­nehmen, ein paar Große finden sich darunter, und die übrigen kommen als Privat­per­sonen zu ihr. „Meine Mandanten sind mein Schatz. Ganz überwiegend ist die Akquise ein Empfeh­lungs­ge­schäft. Ich bin stolz darauf, dass die Fluktuation bei mir gegen Null geht.“

Wer Reyhan Akar mit Mandanten erlebt, lernt eine Frau kennen, deren Freude am Beruf noch den hochnäsigsten Kommentar im Schriftsatz der Gegenseite neutralisiert. Sie empfängt ihre Klienten persönlich an der Tür, führt sie in ihr Büro, redet in ihrem sanften Hessisch auf sie ein und kommt dann schnell zur Sache. „Mir macht das keinen Spaß, wenn Rechtsanwälte in Schriftsätzen so sehr drohen“, sagt sie zu ihrer Mandantin, einer Unternehmerin aus der Region, „ich erkläre Ihnen das jetzt gerne, Sie müssen ja wissen, worum es geht“. Die persönliche Beratung, das wird schnell klar, ist Akars große Stärke. „Mensch, Frau Akar, was machen wir denn da?“, sagt sie bisweilen in der dritten Person über sich – Berufskrankheit der Einzelanwälte. Und als der Sachverhalt etwas unübersichtlich wird: „Nun wird es zu meiner großen Freude juristisch etwas komplizierter.“ Wer Reyhan Akar zu seiner Rechtsanwältin macht, weiß genau, was er bekommt. „Die Leute erreichen keine Assistentin oder Kollegen am Telefon, sondern immer persönlich mich. Die wissen, wann ich im Urlaub bin, wenn ich sie mal eine Stunde vertrösten muss oder vor Gericht bin. Totale Transparenz ist mein Geschäftsmodell“, sagt Akar. Wenn sie Unterstützung braucht, holt sie qualifizierte Kollegen für die Mandatsbearbeitung mit ins Boot. „So funktioniert es doch auch in den Großkanzleien. Die holen sich ihre Spezialisten einfach Inhouse dazu. Ich hingegen habe mir einfach ein wertvolles Netzwerk mit vielen anderen Einzelanwälten aufgebaut.“ Die ersten Aufträge der Kanzlei Akar waren nicht immer wirtschaftlich attraktiv. Akar hat sie trotzdem angenommen und gewissenhaft erledigt. „Wer durch Leistung überzeugt und sich für die kleineren Aufträge am Anfang nicht zu fein ist und konstant gute Arbeitsergebnisse abliefert, wird früher oder später die Erfahrung machen, dass größere Aufträge folgen“, sagt sie. Auch wirtschaftlich unattraktive Aufträge fördern immerhin die anwaltliche Berufserfahrung. Zu ihrem Erfahrungsschatz gehört inzwischen auch, dass es echte Pausen vom Job der Einzelan wältin für sie nicht gibt, nicht geben muss. „Per E-Mail oder per Handy bin ich permanent erreichbar, gerne auch unter der Palme am Urlaubsstrand. Mich stört das nicht und die Technik macht es möglich. Permanente Erreichbarkeit macht mich frei“, sagt Akar. Der krampfhafte Versuch, Arbeit und Privatzeit zu trennen, mache unzufrieden und schade dem Geschäft, jedenfalls als Einzelanwalt in den Gründungsjahren. „Wenn man gerne Unternehmen beraten möchte, dann halte ich eine solche Erreichbarkeit für unerlässlich.“

Nach fünf Jahren als Einzelanwältin hat Reyhan Akar für sich ein persönliches Fazit gezogen, das sie jungen Absolventen gerne zurufen würde. „Ich mache einen Job, der in vielem jedem anderen im Unternehmen oder einer Großkanzlei ähnelt. Viel Arbeit, viel Verantwortung, Überstunden, Akten lesen auch mal am Sonntag. Aber,“ sagt Akar, legt ihre Hand auf das schon wieder klingelnde Telefon, lächelt, „Einzelanwältin zu sein, ist keine Notlösung, sondern eine Berufung.“ //

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