Micha-Manuel Bues: Ein Spezialist in der Legal-Tech-Szene

Text: Jochen Brenner, Hamburg

 

Dr. Micha-Manuel Bues. Masterabschluss in Oxford, zwei Prädikatsexamen, mehrjährige Berufserfahrung in einer der größten deutschen Wirtschaftskanzleien, teilt sich sein Büro mit drei Kollegen. Wird es ihm zu laut, wechselt er in den Konferenzraum. Oder er lässt sich auf das Sofa im Aufenthaltsraum fallen und tippt dort auf seinem Macbook weiter. Wenn er Durst kriegt, bedient er sich am leise summenden Gastrokühlschrank neben dem Kickertisch. „Hi Micha“, sagen Kollegen, die er auf dem Flur dorthin trifft.

Start-up Leverton

Alltag bei Leverton, einem Start-up in Berlin-Mitte. Die Hälfte der Mitarbeiter kommt aus Deutschland, die andere aus der ganzen Welt. Konferenzsprache: Englisch. Einzug in die neuen Räume: 2015. Geplanter Auszug: 2017. Es wird einfach zu eng. Irgendwo müssen die inzwischen fast 60 hochspezialisierten Programmierer ja sitzen, um an der Revolution des Anwaltsberufes arbeiten zu können. Die Frage ist längst, ob Leverton eigentlich überhaupt noch ein Start-up ist. Wenn die Deutsche Bank, Union Investment und SAP zu den Kunden gehören und der Immobilien-Riese Jones Lang Lasalle mit 70.000 Mitarbeitern weltweit seine Verträge von Leverton analysieren lässt. Fünf Jahre ist das Unternehmen am Markt, jüngst haben die Gründer Büros in London und New York eröffnet, um näher am Kunden sein zu können. „In unserer Welt herrscht Goldgräberstimmung. Leverton ermöglicht seinen Kunden neue Produkte und neue Geschäftsmodelle, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben“, sagt Micha-Manuel Bues. Seit Juni 2016 ist der 31-Jährige Geschäftsführer von Leverton. Er hat dafür eine Karriere aufgegeben, um die ihn viele Juristen beneideten. Nach vier Jahren als Kartellrechts-Experte bei der Großkanzlei Gleiss Lutz in München kündigte er seinen Job, überzeugte Frau und Kinder, bestellte den Umzugswagen und zog nach Berlin. „Ich habe unter Kollegen so viele Anwälte getroffen, die das ganze Berufsleben lang vom Wunsch nach Veränderung getrieben waren, aber diesem Wunsch nie nachgegeben haben. Das wollte ich anders machen“, sagt Bues.

 

Blog rund um Legal Tech

Noch bei Gleiss Lutz begann er zu bloggen. Sein Thema: Wie „Legal Tech“ die Branche verändert. Wie Software und Cloud-Lösungen juristische Arbeitsprozesse unterstützen oder sogar automatisieren. Warum gerade das und nicht Kartellrecht, sein Spezialgebiet in der Kanzlei? „Schlichtes Interesse“, sagt Bues, „und eine Ahnung vielleicht, dass da was Großes passiert.“ Es passierte. Die Leverton-Gründer lasen den Blog. Und wurden auf den jungen Juristen in München aufmerksam, der so sachkundig über das Thema schrieb. Der Rest ist Geschichte, wenn auch erst eine kurze. „Der Blog war das Bewerbungsschreiben, das ich nie verfasst habe“, sagt Bues – es ist vielleicht einer der elegantesten Wege, einen neuen Job zu bekommen.

Leverton zieht große Unternehmen und Kanzleien mit einer Software an, die die Eigenheiten komplizierter Verträge versteht. Große deutsche Fondsgesellschaften verwalten so ihre Immobilienportfolios. Levertons Entwicklung ist in der Lage, Verträge auszulesen und sie mit künstlicher Intelligenz zu analysieren. Braucht ein Portfoliomanager Informationen, muss er nicht mehr den ganzen Vertrag lesen, sondern lässt sich von der Software die entscheidenden Stellen zeigen. „Da beginnt die Musik der Digitalisierung“, sagt Bues.

Er klappt sein Macbook auf und zeigt, wie in den Kanzleien künftig gearbeitet werden wird – wenn sich die Anwälte auf Levertons Algorithmen einlassen. Bues lädt einen Vertrag in die Leverton-Software hoch – und die Analyse beginnt. Ein paar Augenblicke genügen, um aus den über 100 Seiten die Kerndaten herauszufiltern: Adresse, Quadratmeter, Gesamtmiete. Wie viele Mietparteien wohnen oder arbeiten in dem Gebäude? Wann darf wer kündigen? „Ein Unternehmen ist heute so viel Wert wie die Summe seiner Verträge“, sagt Bues, „und unsere Algorithmen machen diese Verträge und damit den echten Wert transparent.“ Bei Übernahmen würden immer noch „Kartons mit Schrott“ abgeliefert – Aktenberge, die niemand jemals durchforsten, geschweige denn verstehen könne. „Ist die Datenlage eines Unternehmens aber gut, kann das bedeuten, ein bis zwei Prozent auf den Kaufpreis draufschlagen zu können.“ Unternehmen hätten heute noch oft kein Gefühl für den Wert ihrer Daten. „Leverton verschafft den Überblick. Sie wollen wissen, wie viele Verträge in drei Jahren auslaufen“, fragt Bues. „Die Antwort ist einen Klick weit entfernt.“ Bei der Analyse geht es nicht darum, Schlag- oder Stichworte zu definieren, nach denen das Dokument dann durchsuchbar wäre. Die Software analysiert eine Textwolke und setzt die einzelnen Worte in einen Zusammenhang. „Das hat nichts zu tun mit dem regelbasierten Lernen, das es seit den achtziger Jahren gibt und das als Ergebnis aus einem Vertrag etwa den größten Betrag einer Rechnung auslesen kann oder alle Kontonummern aufzählt“, sagt Bues, „es geht um mehr.“

„Machine learning“ nennen es die Experten, wenn die Daten mit der Zeit beginnen, ein Eigen­leben zu führen. Unstruk­tu­rierter Fließtext wird in Zusam­menhang gesetzt und die Infor­ma­tionen daraus werden plötzlich wertvoll. Beispiel Immobi­li­en­recht: Welche Kündi­gungs­klauseln funktio­nieren besonders gut? Und welche führen dazu, dass das Mietver­hältnis überdurch­schnittlich oft vor Gericht landet? Wofür Anwälte vorher allen­falls ein Bauch­gefühl entwi­ckeln konnten – das soll nun eine empirische Basis bekommen. „Ich kann als Rechts­anwalt die Erfolgs­wahr­schein­lichkeit von Klagen erfassen, weil ich nachvoll­ziehen kann, wie viele Klauseln ich in einen Vertrag einge­ar­beitet habe“, sagt Bues. Kolla­te­ral­schaden der immer schlauer werdenden Software und der mitler­nenden Algorithmen ist das Geschäfts­modell der meisten größeren und großen Sozie­täten in Deutschland.

 

Bisher funktio­niert es so: Kanzleien erhalten ein Mandat und angestellte Associates beginnen mit seiner Bearbeitung – was meist eine Fleiß­aufgabe ist. Die erfah­renen Partner wenden sich dann den juris­tisch komple­xeren Fragen zu, die sich aus der eher schema­ti­schen Bearbeitung des Falls durch die jungen Kollegen ergeben. Abgerechnet wird die Gesamtheit der Arbeit, wobei die Fleiß­arbeit höher bepreist wird, als die Lohnkosten sind, die dafür anfallen. Wenn selbst­ler­nende Algorithmen binnen Minuten Hunderte Seiten lange Immobi­li­en­ver­träge auf ihre Aussa­ge­kraft hin analy­sieren können – schneller als je ein Jurist dazu in der Lage wäre – was sollen die Anwälte dann noch abrechnen außer jener Leistung, die keine Maschine je wird erbringen können – die recht­liche Analyse?

„Schon heute sehen wir, dass die Zahl der Anwälte, die pro Jahr Partner werden, immer weiter sinkt“, sagt Micha-Manuel Bues, „die Branche ist unter Druck und braucht dringend neue Geschäftsmodelle.“ Basis dafür soll Levertons Datenanalyse sein. „Für große Kanzleien sind wir die Vorhut der Digitalisierung“, sagt Bues, „und geben ihren Daten gewissermaßen ein Gesicht, eine Stimme.“ Das Beispiel des amerikanischen Immobilienriesen und Leverton-Großkundens Jones Lang Lasalle (JJL) illustriert, wohin auch Anwaltskanzleien sich hierzulande entwickeln könnten: zu hochqualifizierten Daten-Übersetzern. Die Berater von JJL etwa sind Vertragsexperten, deren Geschäftsmodell immer besser funktioniert, je genauer sie verstehen, welche Werte in den Verträgen stecken, die sie managen. In Deutschland könnte ein Immobilieninvestor seinen Rechtsanwalt künftig schlicht bitten, die einem Projekt zugrundeliegenden Daten in Form von Verträgen so detailliert wie möglich auszuwerten. „Ein Geschäft, das hierzulande noch kaum jemand anbietet“, sagt Bues.

Wenn Bues über die Anwaltsbranche und ihr abwartendes Wesen spricht, scheinen Ungeduld und Neugier bei ihm durch, die ihn zu den schnellen Schritten treiben, mit denen er bei Leverton über die Flure eilt. Er wirkt ein wenig so, als habe er sich an einem bestimmten Punkt seiner Karriere aus der Masse ausgeklinkt und den verdutzten Kollegen zum Abschied eine Art Lebensmotto zugerufen: „Ich geh dann schon mal vor."

Vorne gefällt es ihm sichtlich. Er ist jetzt nicht mehr Anwalt, sondern Manager. Muss viele Bälle gleichzeitig in der Luft halten: Ein Team führen, neue Leute einstellen, Kunden überzeugen, Finanzentscheidungen treffen, die Strategie im Auge behalten. „Ich habe als Anwalt gemerkt, dass ich Fähigkeiten habe, die ich auch einsetzen möchte“, sagt Bues, „ich wollte strategischer denken und in vielschichtigeren Teams arbeiten.“ Eine Erkenntnis, die ihn erst erreichte, als er war, wo er lange Zeit glaubte, angekommen zu sein – in der Großkanzlei. Um dorthin vorgelassen zu werden, studierte Bues, der in Hamburg aufgewachsen ist, nach dem Zivildienst Jura in Passau und wechselte dann an die Universität Bonn, wo er das Erste Staatsexamen ablegte. „Ich habe das Studium so schnell wie möglich beendet“, sagt Bues, „weil ich praktisch arbeiten wollte.“ Wie viele seiner Kommilitonen lockte ihn die Großkanzlei – es sollte anders kommen.

Nach einer Promotion im Luftrecht über die „Europäisierung der Flugsicherung“ absolvierte Bues das Referendariat in Hamburg. Sein Plan gelingt und der junge Jurist steigt bei Gleiss Lutz in München ein, wo er vor allem Mandanten im Kartellrecht betreut. „Und dann habe ich mich doch gleich auf die Flucht begeben“, sagt Bues heute. Ohne Groll oder Unmut. Aber eben doch auch selbstbewusst: Bues absolviert ein Master-Programm an der Universität Oxford. Kehrt zurück, arbeitet, fängt an zu bloggen – und flieht – vier Jahre später – zum zweiten Mal, diesmal als Geschäftsführer zu Leverton. Bues würde seine Entwicklung vom Anwalt zum Vordenker und Geschäftsführer natürlich so nie beschreiben, wer ihn aber vor Ort in seinem Element erlebt, dem wird klar, dass es für Bues keinen Weg zurück gibt.

„Bei Leverton werden Entscheidungen schnell und sachlich getroffen, das imponiert mir“, sagt Bues. Das Tempo in einem Start-up kommt seinem Wesen entgegen. Die Vielfalt der Kollegen, ihre fachliche Expertise, die hierarchiearme Struktur des Unternehmens: Den Wunsch nach Veränderung, den Bues bei so vielen Kollegen und sich selbst wahrnahm, kann er hier fast täglich ausleben. Die Start-up-Atmosphäre bietet ihm überdies Gelegenheit, sein Verkaufstalent auszuleben. Auf die Frage, welche Position Leverton in der Legal-Tech-Branche heute einnimmt, hat Micha-Manuel Bues nur eine Antwort: „Google ist auch nicht mehr einholbar.“

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