Gastkom­mentar - Chancen im Anwalts­beruf

Neue Chancen im Anwalts­beruf – oder: Nicht die Klischees von gestern glauben

Neue Chancen im Anwalts­beruf – oder: Nicht die Klischees von gestern glauben

Text: Jens Gnisa, Vorsitzender des Deutschen Richterbundes, Berlin

Unsere Geschichte ist voller Irrtümer und Fehlein­schät­zungen. Auch die Recht­sirr­tümer haben es mittler­weile zu eigenen Büchern gebracht. Ein populäres Beispiel ist die natürlich verfehlte Volks­weisheit, dass Eltern stets für ihre Kinder haften. Für viele Berufs­be­rater im juris­ti­schen Bereich ist es demge­genüber nur gut, dass sie nicht für ihre Ratschläge haften. Denn eigentlich haben sie die letzten 30 Jahre stets daneben­ge­legen.

Fast jeder Jurist kann sich an die ersten Reaktionen erinnern, wenn er offen­barte, Jura studieren zu wollen. Geradezu reflexartig wurde die Juris­ten­schwemme zitiert. Die ersten Vorle­sungen waren ein regel­rechtes Abschre­ckungs­sze­nario. Allen­falls ein Drittel der Anwesenden werde überhaupt nur das Examen bestehen, davon wieder nur ein geringer Teil mit einer solchen Note, dass er damit etwas anfangen könne. Der Rest müsse eben Anwalt werden und habe kaum wirtschaft­liche Überle­benschancen. Was für eine Vergeudung jugend­licher Motivation!

Heute wissen wir es nämlich besser. Gerade der Anwaltsmarkt hat sich in höchstem Maße als flexibel erwiesen. Von den Anwältinnen und Anwälten konnten stets neue Märkte erschlossen und so der jährliche Zuwachs an neuen Juristen aufgefangen werden. Neue Aufgaben harren, kaum bewältigt. Die weiter voranschreitende Globalisierung erfordert eine tiefe juristische Beratung mittlerweile auch kleiner und mittelständischer Unternehmen, um nicht unkalkulierbare Haftungsrisiken einzugehen, das Internet ist noch viel zu wenig rechtlich durchdrungen und die Digitalisierung schafft neue Rechtsfragen und damit Beratungsbedarf. Die Liste der Beispiele ließe sich problemlos verlängern. Gleichzeitig vergrößert sich derzeit die Zahl der zugelassenen Anwälte nicht mehr und stagniert bei knapp 165.000. Zudem werden in den nächsten Jahren zehntausende von Anwälten, Richtern und Notaren in den Ruhestand gehen, was den Markt nochmals für die Bewerber verbessert. Es verwundert nicht, dass nunmehr der Staat um geeignete Examenskandidaten kämpfen muss. Ihm gelingt es eben nicht mehr wie selbstverständlich, die besten Kandidaten für sich zu gewinnen.

Der Markt kehrt sich also und die Entscheidung Anwalt zu werden, ist nicht aus der Not heraus geboren, sondern kann ganz bewusst getroffen werden. Sicher geht es dabei auch um die wirtschaftliche Komponente, doch nicht nur. Der Anwaltsberuf ist auch deshalb begehrt, weil in ihm die gesamte Bandbreite des Lebens zu finden ist, mit interessanten Fragen und vor allem auch dem unmittelbaren Kontakt zum Mandanten. Der Anwalt kann wirtschaftliche Prozesse gestalten, mit Phantasie Lebenswege beeinflussen und genießt auch selbst als Organ der Rechtspflege Freiräume. Zudem werden mittlerweile familienfreundliche Arbeitsplatzmodelle angeboten. Die Berufsberater vergangener Zeiten lagen also gänzlich falsch und können froh sein, sich nicht bereits in einem Kompendium über populäre Irrtümer wieder zu finden.

Diese Entwicklung ist vor allem für die jungen Kolleginnen und Kollegen erfreulich. Sie haben beste Chancen. Das scheint bei ihnen aber noch nicht so ganz angekommen zu sein. Noch immer sind sie geradezu extrem auf die Examensnote fixiert und besuchen lieber viel zu lange Repetitorien, als sich mit wichtigen Zusatzkompetenzen zu versehen, die die Chancen auf dem Markt noch mal verbessern. Hier gilt es, dem Lebenslauf Ecken und Kanten zu geben, mal etwas zu machen, was den Horizont erweitert, auffällt. Die im Ausland entwickelte Sprachkompetenz ist schon lange gefordert. Wie wäre es aber jetzt mit Referendarstationen und Studienschwerpunkten im Ausland, mit gesellschaftlichem Engagement oder einem Nebenstudium? Ich wünsche mir von den jungen Kolleginnen und Kollegen, dass sie den Mut haben, auch Wege abseits des Mainstreams zu gehen. Die Anwälte sind nicht nur Rechtsberater.

Über das Recht geben sie auch entschei­dende Impulse für die Gesell­schaft und stellen Personal für wichtige staat­liche Ämter. Dazu braucht man nicht nur juris­ti­sches Fachwissen, sondern auch Bildung, soziale Kompetenz, Lebens­er­fahrung; man muss zu einer Persön­lichkeit reifen. Ich wünsche mir, dass die jungen Juristen den Freiraum, der ihnen der beruf­liche Wandel bietet, nutzen, schon in Studium und Referen­dariat gezielt solche Kompe­tenzen zu erwerben. Dann steht einer erfolg reichen Karriere wirklich nichts mehr im Weg. Also: Keine Angst. Wir brauchen Sie. //

 

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