Portrait - „Die Sprache ist mein mächtigstes Werkzeug“

Text: Jochen Brenner, Hamburg
Fotos: Peter Adamik, Berlin

 

Finden Sie Ihre Nische! Das raten Experten jungen Anwälten heute auf der Suche nach einem Auskommen – und denken ans Insolvenzrecht oder Mietstreitigkeiten. Claire Chevalier hat den Rat auf ihre Weise befolgt. Die Französin absolvierte beide deutsche Staatsexamen und besitzt die französische Anwaltszulassung. Ihr Spezialgebiet ist der deutsch-französische Grenzverkehr. Donnerstagmorgen, 10 Uhr an der EM Business School in Strasbourg. „Wie viele Tage hat der Arbeitnehmer effektiv in Deutschland gearbeitet“, fragt Claire Chevalier ihre Studenten. Zwei, drei Arme gehen in die Höhe, „drei“, sagt ein Student, „Unsinn, vier“, korrigiert eine Kommilitonin. „Höre ich fünf?“, ruft Chevalier auf Französisch. So geht es hin und her im Kurs Steuerrecht für die angehenden Betriebswirte. Die Hälfte sind Franzosen, die andere Hälfte Deutsche. Obwohl das Doppelbesteuerungsabkommen nicht zu den spannendsten Teilen der Rechtswissenschaft gehört, herrscht eine konzentrierte Atmosphäre im Saal. „Den französischen Studenten muss ich immer erst beibringen, dass sie mit mir als ihrer Dozentin diskutieren dürfen und nicht nur das aufschreiben müssen, was ich vortrage“, sagt Chevalier, „fürs bloße Auswendiglernen bin ich zu deutsch.“ Mag sein, dass Claire Chevalier einen französischen Pass besitzt und in der Nähe von Strasbourg wohnt. Im Herzen hat sie den Rhein in Richtung Deutschland schon als Teenager überquert und ist nie wieder ganz zurückgekehrt. Chevalier denkt deutsch, spricht deutsch, fühlt, träumt und argumentiert deutsch. „Die deutsche Mentalität und Kultur liegen mir einfach“, sagt sie. Mit 13 Jahren schickt sie ihr Gymnasium aus St. Etienne nach Solingen zum Schüleraustausch. Im Bergischen Land beginnt eine Deutschwerdung, die aus Claire Chevalier fast Klara Ritter macht. Gastschwester Lena wird ihre neue beste Freundin, bei der sie nun die Herbst-,Winter-,Weihnachts- und Osterferien verbringt. In der Oberstufe hält die Freundschaft immer noch, Chevalier putzt die Hälfte der Sommerferien in einem Solinger Krankenhaus, um in der anderen Hälfte mit ihrem deutschen Freund in den Urlaub zu fahren. „Da wusste ich bereits, dass ich in Deutschland studieren wollte.“ Nur was, ist ihr noch völlig unklar. Rückblickend wäre es ein Leichtes für sie, aus der sicheren Position der erfolgreichen Wirtschaftsanwältin nun an der eigenen Legende zu stricken.

Schon immer für die Rechtswissenschaft gebrannt, schon als Studentin eine Leidenschaft für die Ästhetik der Subsumtion entwickelt zu haben – so könnte sie ihre Karriere erzählen. Chevalier ist eine selbstbewusste Unternehmerin, die genauso weiß, dass Klappern zum Handwerk gehört, wie sie Selbstinszenierung ablehnt .„Meine Entscheidung für Jura war reiner Opportunismus“, sagt sie, „ich wollte nach Deutschland, ich wollte deutsch sprechen, und ich wollte studieren.“ Zur ganzen Geschichte gehört, dass sie nach dem Abitur in Frankreich für die „Classe Préparatoire“ ausgewählt wurde, einem Vorbereitungsjahr für den Besuch einer der Elitehochschulen Frankreichs. „Diese Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen“, sagt sie. In diesem Jahre besucht sie neben allgemeinbildenden Kursen in Latein, Geschichte und Geographie sehr viele Deutschstunden, die ihren Wunsch am Leben halten, auf die andere Rheinseite zu wechseln. Sie erfährt von einem Doppelstudiengang der Universität Köln und der Sorbonne in Paris, der für Franzosen und Deutsche mit Maitrise und einem Magister Legum endet. Zwei Jahre studiert Chevalier in Köln, zwei Jahre in Paris, die Zeit ist intensiv, viele lebenslange Freundschaften entstehen. „Und doch war das Studium eigentlich darauf angelegt, dass die 25 Deutschen danach in Deutschland, die 25 Franzosen in Frankreich den Berufseinstieg angehen.“ Chevalier aber hat einen anderen Plan und berät sich mit dem Programmdirektor, der ihr ohne Umschweife Mut macht: „Machen Sie das“, sagt er. So wird Claire Chevalier die erste französische Teilnehmerin des Studienprogramms, die nach dem Ende nicht in ihre Heimat zurückkehrt, sondern sich auf das deutsche Staatsexamen vorbereitet. „Ich hatte einiges zu verlieren, da niemand diesen Schritt bisher gegangen war und ich Zeit investiert habe, die ich bei einem Scheitern nie wieder zurückbekommen hätte.“ Längst hat sich die junge Juristin in die Stadt Köln ebenso wie in die Sprache verliebt. Sie feiert Karneval, ihr Zungenschlag wird ein wenig weicher und noch heute hört man den rheinischen Singsang ein ganz klein wenig durch, wenn sie schnell erzählt. „Ich kann den Zeitpunkt nicht mehr genau definieren“, sagt Chevalier, „aber es gab einen Tag im ersten oder zweiten Semester, als ich merkte, dass die Sprache mein mächtigstes Werkzeug sein würde.“ Natürlich klappt die Expedition „Erstes Staatsexamen“. Claire Chevalier wird Mitarbeiterin am Lehrstuhl, betreut die Franzosen des Studienprogramms, die nach ihr kommen, hilft bei der Auswahl der Bewerber und ist manchmal für die jungen Franzosen so etwas wie die „Programmmutter“: Sie weiß noch zu gut, wie es ist, mit 18 in den regnerischen Kölner Himmel zu blicken und von Sprache, Stadt und Jura schlicht überfordert zu sein. Nun, ausgestattet mit dem wichtigsten Einlasspapier in die juristische Welt diesseits des Rheins, kann sie auf dem Weg zur Volljuristin nichts mehr aufhalten. Im Referendariat sammelt sie die Erfahrungen, die ihr die französische Juristenausbildung verwehrt hätte. „Meine Landsleute müssen sich sehr früh entscheiden, welchen juristischen Beruf sie ergreifen wollen und gehen dann etwa auf die Rechtsanwaltsschule.“ Sie genießt die Station bei Staatsanwaltschaft und Gericht, schnuppert in eine Großkanzlei hinein. Nichts für sie, wie sie befindet. Richterin? Sie ist Französin und will es bleiben. Immer noch merkt sie: Sprache bringt in ihr eine Saite zum Klingen, die sie nicht überhören will. „Ich wollte mit den Sprachen spielen und auch unterwegs sein.“ Nach dem Zweiten Staatsexamen verlässt sie das geliebte Köln und heuert bei einer auf Wirtschaftsrecht spezialisierten überregionalen Anwaltskanzlei in Freiburg an: Mittelstand, Schwarzwald, die alte Schule. Und ist von Freiburg Frankreich nicht nur einen Katzensprung entfernt? Die Kollegen im Süden suchen jemanden wie sie, weil sie das Geschäft mit den französischen Nachbarn anstoßen wollen.

Drei Jahre geht das gut. Dann stellen Chevalier und ihr Kollege Jochen Bauerreis fest, dass es ohne eigene Niederlassung in Frankreich nicht länger geht. Um glaubwürdig deutsche Firmenmandate in Frankreich zu betreuen, brauchen sie einen Briefkasten, eine Adresse und vor allem Anwälte vor Ort.Was dann passiert, beschreibt Chevalier heute als Emanzipation. Denn die Beziehungen von Strasbourg ins nahe Freiburg erkalten. Claire Chevalier, die vergangenen Sommer Mutter wurde, formuliert es so: „Wir haben einfach allmählich die Nabelschnur durchschnitten.“ Chevalier und ihr Kollege Bauerreis machen sich selbständig und gründen die Kanzlei ABCI – das Kürzel steht für Avocats Bauerreis Chevalier International. Chevalier wäre mit dem, was sie macht, nicht so erfolgreich, wenn ihr zu diesem Abnabelungsprozess heute auch nur ein einziges schlechtes Wort über die Lippen käme. Diplomatie gehört zur Kernkompetenz der Wirtschaftsanwälte. Die Emanzipation ist inzwischen zehn Jahre her, die Kanzlei ABCI feiert ihr erstes Jubiläum. Das Kanzleiprofil war von Anfang an klar: ABCI begleitet französische Unternehmen auf demWeg nach Deutschland und deutsche im französischen Markt. Filialgründungen müssen vorbereitet, Vertriebsnetzwerke etabliert und abgesichert werden und das Arbeitsrecht auf beiden Seiten des Rheins verschafft Chevalier und Kollegen viel zu tun. Inzwischen gehören auch Schweizer und österreichische Mandanten zum Kundenstamm. 2009 gründet das deutsch-französische Anwaltsduo eine weitere Kanzlei im wenige Autominuten entfernten Kehl. Die zwei Gesellschaften erlauben es den Anwälten, je nach Anfrage die deutsche oder französische Kanzlei einzuschalten. „Wir machen jetzt, was uns am meisten liegt“, sagt Chevalier, „wir sind deutsch französische Rechtsübersetzer, morgens in der Kanzlei in Straßburg, mittags in der Niederlassung in Kehl. Das klappt sehr gut.“ 2013 gehörte Chevalier zu den Gründern des Deutschen Anwaltvereins Strasbourg, dem ersten „Auslandsverein mit grenzüberschreitendem regionalen Charakter“, dessen Vizepräsidentin sie heute ist. Ein wesentliches Ziel besteht im Aufbau einer engen Zusammenarbeit mit den grenznahen Anwaltsvereinen auf deutscher Seite, so mit den Anwaltsvereinen Karlsruhe, Baden-Baden, Offenburg und Freiburg und dem Saarbrücker Anwaltverein an der Nordgrenze der Region.


Man trifft sich, tauscht Erfahrungen aus und bespricht, diskutiert die Chancen der grenzüberschreitenden Geschäfte. Die Anwälte entlang beider Seiten des Rheins gehören ohne Zweifel zu den Profiteuren des Binnenmarkts, gleichzeitig illustriert die Tatsache, dass ein französischer Anwalt mit einer deutschen Zulassung nur schwierig deutsche Mandanten bekommt, wie traditionell viele Auftraggeber denken. „Wir erleben, dass sich die deutschen Mandanten oft einen Rechtsanwalt mit Staatsexamen wünschen“, sagt Chevalier, „für Bewerbungen in deutschen Kanzleien gilt das erst recht.“ Bei ABCI gibt es Avocats und Rechtsanwälte gleichermaßen, wobei die Zusammensetzung das für International im Kanzleinamen rechtfertigt. Es gibt eine Deutsche, die in Frankreich studiert hat, also Avocat ist, ebenso wie eine Französin, die – wie Chevalier – in Deutschland ausgebildet wurde, dann wäre noch eine Anwältin aus Rumänien, die in Frankreich Jura studiert hat – und Chevaliers Partner Bauerreis, der in Freiburg studiert hat und in Strasbourg promoviert wurde. „Wer sich auf dieses Hin und Her bei uns nicht einlässt, wird es bei ABCI schwer haben.“ In dem etwas außerhalb Strasbourg gelegenen Büro stehen zurzeit zwei Räume leer, in denen längst neue Rechtsanwälte arbeiten könnten, „aber wir finden nur schwer die Richtigen“, sagt Chevalier. „Beim Nachwuchs setzen wir auf die Bereitschaft zur persönlichen Entwicklung. Ist der Rechtsanwalt bereit, die französische Eignungsprüfung abzulegen und umgekehrt? In den Bewerbungen versprechen die Kollegen immer viel, wenn es dann aber darum geht, mal eine Stellungnahme auf Deutsch oder Französisch zu schreiben, wird es oft schnell eng.“ Vielleicht verlangt Chevalier so viel Flexibilität, weil sie schon so lange zwischen den beiden Sprachen und Kulturen dies- und jenseits des Rheins hin- und herwechselt wie ein Schauspieler in einer Doppelrolle: Die Darstellung könnte verschiedener nicht sein, der Mensch ist aber immer noch der gleiche. Den Part der Französin spielt sie qua Geburt perfekt, die Rolle der Deutschen hat sie in Köln und Freiburg verinnerlicht. „Ich habe das große Glück, mich nicht für ein Land entscheiden zu müssen“, sagt sie, die auch aus steuerlichen Gründen auf der französischen Seite des Rheins wohnt. „Weiter als Strasbourg kann ich aber niemals von Deutschland weg sein.“//

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