Portrait
Eine Nische finden ...
Eine Nische ist Gold wert
Sie ist jung, humorvoll, arbeitet erfolgreich als Rechtsanwältin und hat seit einiger Zeit noch zusätzlich die „Notarin“ auf ihrem Kanzleischild stehen: Die Berliner Juristin Dörte Zimmermann begreift den „Job der alten Herren“ als Dienstleistung: langfristig, tiefgehend und immer auch in der Sache kontrovers. Und sie sagt: „Wir sind noch viel zu wenig Frauen.“
Zur Person
Dörte Zimmermann ist Anwaltsnotarin in Berlin. Den Doppelberuf des Rechtsanwalts, der auch Notar ist, gibt es noch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen, in Teilenvon Nordrhein-Westfalen und noch bis 2018) in Baden-Württemberg.

Immobilienrecht morgens um halb acht ist nicht jedermanns Sache. Immobilienrecht morgens um halb acht ist
jedermanns Sache, wenn Croissants, Erdbeeren und frischer Kaffee dazu auf dem Tisch stehen – das war die Idee. Dörte Zimmermann hat sie mit ihren Kollegen in diesem Sommer zum ersten Mal ausprobiert. Business - Frühstück nennt sie das Treffen, zu dem an einem Sommermorgen Insolvenzverwalter, Immobilienentwickler, Makler und Kollegen in ihre Kanzlei gekommen sind. Aber eigentlich liegt Zimmermann die Strenge nicht, die das Wort Business trans- portiert und es wird auch nichts verkauft an diesem Morgen – außer einem Gefühl: Dass die beiden (Anwalts-)Notare der jungen Kanzlei ZNH Zimmermann Nötzold Hartmann die Bedürfnisse ihrer Mandanten beobachtet haben und sie auf ihre ganz eigene Art bedienen. Mit Sachverstand, Power-Point und einem guten Frühstück. Das Thema trägt Zimmermanns Kollege Hartmann vor, „Insolvenz einer Partei beim Immobilienkaufvertrag“. Aber die beiden spielen sich gekonnt die Bälle zu. „Ich habe ja den Sachverstand direkt neben mir sitzen“, sagt Hartmann und Zimmermann zitiert sicher aus den wichtigen Gerichtsentscheidungen.
Die Reaktionen zeigen schon am gleichen Morgen noch, dass das Frühstück ein Erfolg ist. Die Gäste diskutieren, erzählen aus ihrem Alltag, stellen Fragen. „Das gibt es viel zu selten“, sagt einer und „sehr angenehm, sehr kompetent“ ein anderer. Von Dörte Zimmermann fällt eine kleine Anspannung ab, obwohl nichts wirklich schiefgehen konnte. Aber ihr ist anzumerken, wie sehr sie wollte, dass der Termin ein Erfolg wird und wie viel sie dafür getan hat. „Das ist wichtige Werbung für unsere Kanzlei“, sagt sie, „Heutzutage müssen wir Notare auf die Mandanten zugehen, wie jeder Dienstleister.“
Erst im Oktober des vergangenen Jahres haben sich Dörte Zimmermann und ihre beiden Kollegen zusammengetan und die neuen Räume bezogen, es ist eine Berliner Altbauetage, wie sie im Westen der Stadt noch häufig zu finden ist: Der Ku’damm vor der Tür, Hermès im Nachbarhaus. Und wenn die Atmosphäre einer Kanzlei über ihre Anwälte genauso viel verrät, wie eine Wohnung über ihren Besitzer, dann muss es offen zugehen bei Dörte Zimmermann, transparent, kollegial unter allen Mitarbeitern der Kanzlei und immer auch ein bisschen privat.
Ihr großes Büro zum Innenhof ist sachlich, ohne die Palandts und Schönfelders kommt auch Dörte Zimmermann nicht aus. Aber sie gönnt sich Persönlichkeit. Ein kleines rotes Sofa steht wie ein Farbtupfer auf einem monochromen Bild im Raum, eine Plastik auf dem Regal mit den Akten. Wenn sie von der Arbeit aufblickt, sieht sie das spektakuläre Panorama, das ein Foto an der Wand eröffnet. Darauf ist eine Windkraftanlage auf Rotor-Höhe im Morgendunst zu sehen. Das Bild vereint die Technik mit der Natur, Unberechenbarkeit mit Ingenieursleistung. Das Foto hat viel mit dem Wesen von Zimmermanns Arbeit als Anwältin und Notarin zu tun.
Denn schnell wird klar: Die 42-Jährige ist als Anwältin mit der Lizenz zum Notariat eine begnadete Moderatorin. Sie verkuppelt die mitunter unberechenbaren Interessen der Mandanten und die Unnachgiebigkeit der Gesetzeslage in einer Zeremonie, die nach Liebesheirat aussieht und doch meistens harte Arbeit ist. „Den Willen meiner Mandanten zu erforschen und den dann in juristisches Regelwerk zu gießen, das finde ich enorm spannend“, sagt sie.
Und so macht ein Drittel ihrer täglichen Arbeit inzwischen die Notariatstätigkeit aus – mit steigender Tendenz. „Das Gute am Notar-Beruf ist, dass man ihn für alle wichtigen Rechtsgeschäfte braucht“, sagt Zimmermann. Notare kümmern sich um Auflassungen, Gesellschaftsverträge, Beglaubigungen, Eheverträge und vieles mehr. Sie füllen ein öffentliches Amt aus und stehen unter enger staatlicher Aufsicht, Grundbuch und Handelsregister sind ihre Bibeln. „Wir nehmen hoheitliche Auf- gaben wahr und handeln im Gegensatz zum Anwalt unparteiisch.“
Zimmermann beschreibt eben diese neutrale Rolle als besondere Herausforde- rung. „Man muss diesen Beruf wirklich wollen, um ihn gut zu machen“, sagt sie, „das Sich-auf-den-Mandanten-Einlassen ist Kern des Erfolges.“ Wer nicht gerne rede, wer nicht zuhören könne und nicht die Geduld besitze, einfach Sachverhalte auch mehrmals zu erklären, der sei fehl am Platz. „Da kommen Mandanten, die einmal im Leben eine Eigentumswohnung kaufen und dann die, deren tägliches Geschäft notarielle Tätigkeiten nötig machen, etwa Unternehmen oder Immobilienverwalter. Ich muss mit jedem in seiner eigenen Sprache sprechen“, sagt sie.
Es ist ihr Anliegen, mit dem Vorurteilen aufzuräumen, die dem Notar-Beruf immer noch entgegengebracht werden. „Wir lesen nicht nur eine Urkunde vor, stempeln ein Dokument ab und verlangen dafür viel Geld“, sagt Zimmermann. Viele ihrer Mandate seien auf lange Zeit angelegte Geschäftsbeziehungen etwa mit Unternehmen, in deren Verlauf der Notar ein intimer Kenner des Geschäftsmodells seines Auftraggebers werden müsse, um ihn notariell richtig beraten zu können. „Als gute Notarin muss ich mein Gegenüber verstehen. Es geht dabei um Existenzielles, Kapitalerhöhungen, Satzungsänderungen, die richtige Wiedergabe von Hauptverhandlungen.“ Und längst sei der Notar-Titel kein Garant für sicheres Einkommen mehr. „Die Gebührenordnung mag zwingend sein, um einen Preiskampf unter Notaren zu verhindern“, sagt Zimmermann. „Trotzdem müssen sich bei 800 Berliner (Anwalts-)Notaren die Mandanten erstmal für unsere Kanzlei entscheiden.“
Heute, im Rückblick, kommt es Dörte Zimmermann vor, als hätten sich zwei gefunden, die sich suchten: Die junge Anwältin und der alte Notar-Beruf. Aber wie merkt man, dass einem ein Job der richtige für einen ist, wenn er dann auch noch so viel Engagement in der Ausbildung fordert? „Wenn ich das so genau wüsste“, sagt Zimmermann und lacht sich selbst ein bisschen aus: Weil sie so planlos war, wie sie meint. „Wenn ich sehe, wie strukturiert die jungen Kollegen heute ihre Karrieren angehen und das mit mir vergleiche, dann wundere ich mich immer, dass es bei mir trotzdem geklappt hat“, sagt sie. „Wir wussten ja nach dem Studium nicht mal, wie die großen Kanzleien überhaupt heißen oder was man dort verdient.“
Nach dem Abitur ging die Bremerin mit 20 nach Bonn, nicht etwa, weil die Lehre dort exzellent war, sondern weil Zimmermann die damalige Hauptstadt auf den ersten Blick sympathisch war. Sie schrieb sich für Geschichte ein, belegte im Nebenfach Jura und merkte im Lauf des Grundstudiums, dass dieses Nebenfach in ihren Gedanken immer weiter überhand nahm. Sie traute sich als Stipendiatin der Studien- stiftung zunächst nicht, dem immer stärker werdenden Wechselwunsch nachzugeben, doch man ermunterte sie. Kein Fehler, wie sich herausstellen sollte. Nach einem Auslandsjahr in Genf an der Universität und bei der UNO wechselte sie fürs Examen nach Regensburg, auch weil ihr der Gedanke, ein Hausarbeitsexamen zu schreiben, fremd war. „Jura ist am Ende ein Handwerk, Klausurenschreiben kann man lernen, und so habe ich mich für ein bayerisches Examen entschieden“, sagt Zimmermann.
So recht warm wurde sie aber wohl mit den Süddeutschen nicht, sie zog es „als Nordlicht wieder nach Hause“, wie sie sagt, diesmal aber nach Berlin. Nicht ohne vorher ein Jahr am King’s College einen Masterabschluss dazwischenzuschieben. „Völkerrecht“, sagt sie fast ein wenig versonnen, „wann, wenn nicht als junge Juristin sollte ich mich mit diesem oft ziemlich abstrakten Thema nochmal auseinandersetzen.“ Es spricht echte Begeisterung für das Fach aus ihren Erzählungen, aber eben auch der Pragmatismus, der sie dann zum Gesellschafts- und Immobilienrecht und schließlich in den Notarberuf brachte.
Nach dem Referendariat in Berlin und zwei überdurchschnittlichen Examensergebnissen fing Dörte Zimmermann in einem 20-Kollegen-Standort einer großen Kanzlei mit dem Arbeitsrecht an und wechselte nach zwei Jahren in eine amerikanische Großkanzlei. Dort riet ihr ein Kollege, unbedingt Notarin zu werden. Und wenn auch nicht jeder Tipp aus dem Büro gutgemeint ist, für die junge Anwältin Zimmer- mann war der Hinweis ein Treffer ins Schwarze. „Dann haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal, eine Nische ist Gold wert“, sagte der Kollege. „Und er hatte recht“, sagt sie heute. „Der Notar-Titel bringt auch eine Menge Vertrauensvorschuss und Reputation.“

Sie will nichts beschönigen. „Der Weg zum Notar ist hart“, sagt Zimmermann. Die Seminare laufen neben der sowieso schon ausufernden Arbeitszeit, dann folgten Praxisstunden beim Notar. „Heute läuft das berechenbarer, aber vielleicht sogar noch etwas härter“, sagt sie. Seit rund zwei Jahren müssen (Anwalts)-Notare ein „Drittes Staatsexamen“ absolvieren.
Bis der Brief von Kammergericht mit der Ernennung tatsächlich in Dörte Zimmermanns Briefkasten liegt, vergehen noch ein paar Jahre. Sie verlässt die Großkanzlei, „es hat nicht mehr gepasst“, sagt sie. Sie kümmert sich in einer anderen Sozietät ums Gesellschaftsrecht, Unternehmensbeteiligungen und sammelt Erfahrungen im Notariat, ehe sie schließlich 2004 als Partnerin in einer Vierer-Sozietät eintritt und nebenbei Notariatsvertretungen macht.
Sechs Jahre arbeiten die Kollegen zusammen, „dann war es Zeit für Veränderung“, sagt Zimmermann. „Wir hatten verschiedene Interessen entwickelt.“ Aus ihrer Wortwahl spricht in solchen Situationen die Diplomatie der Notarin. Aber woran merkt man als Kanzlei-Partner, dass es gemeinsam nicht weitergeht? Sie überlegt kurz, sagt dann: „Wenn man nicht mehr zusammenarbeitet, sondern nebeneinander her.“
Jetzt steht ihr Name ganz vorne im Kanzleibriefkopf und es spricht einiges dafür, dass Dörte Zimmermann die Verantwortung dafür begeistert. „Wir sind jetzt ein kleines Unternehmen mit sechs Angestellten, die wollen ihren Lohn kriegen“, sagt sie, „aber momentan boomt es, wir können den Andrang gar nicht bewältigen.“ Sie macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit einen großen Teil ihres Lebens bestimmt und nicht jedes Wochenende ohne Mandantenanrufe vorübergeht. „Aber diejenigen, die mich sonntags erreichen, entschuldigen sich für die Störung.“
Ob Jan Schröder zu den Sonntagsanrufern gehört? „Kein Kommentar“, sagt er und lacht. Er ist einer der Mandanten, die Dörte Zimmermann als Anwältin vertritt, und wie die beiden miteinander umgehen, sagt viel über das Bild, das die Juristin von ihrem Beruf hat. Die beiden duzen sich, aber ein Blatt nimmt Zimmermann deswegen noch lange nicht vor den Mund. „Deine Lösung ist ja sehr kreativ“, sagt sie zu Schröder, „aber wenn ich jetzt mal böse bin, dann hält sie einen Angriff nicht aus“. Das ist ihr Ton, charmant in einem Moment und im nächsten kompromisslos.
Schröder vertritt ein großes Windkraftunternehmen aus der Nähe von Berlin mit mehreren hundert Anlagen in den neuen Bundesländern, England, Polen und den USA. Das Unternehmen fragt von Zimmermann all jene Kompetenzen gleichzeitig ab, die sie sich über Jahre angeeignet hat. Allein in einem lokalen Windkraftprojekt stecken in der Regel eine Vielzahl von Gesellschaften. Die Anlagen stehen auf Grund und Boden, das Immobilienrecht ist einschlägig. Pachtverträge müssen bei Millionenkosten für ein Windrad wasserdicht geschlossen werden, Kaufverträge geprüft, Bebauungspläne hinterfragt werden.
Zimmermann moderiert die Erwartungen von Jan Schröder so, dass er ein Gefühl dafür bekommt, was möglich ist. „Wenn ich den Landwirten als Verpächtern einen dicken Vertrag anbiete, dann werden die misstrauisch“, sagt er. Und so versucht Anwältin Zimmermann, die Schriftstücke so knapp wie möglich und so präzise wie nötig zu halten. „Manchmal ringe ich mit ihm um jedes Wort“, sagt sie mit einem Augenzwinkern und Schröder hebt entschuldigend die Hände. „Wir kennen uns jetzt lange genug, um unsere Vorlieben zu kennen“, sagt er. Wie ein guter Arzt untersucht Zimmermann mehrere Verträge an diesem Vormittag eingehend, streicht mit ihrem Füller Absätze, die ihr unklar oder überflüssig vorkommen und ergänzt.
Es ist dieser nahe Kontakt, den sie schätzt und er ist der Grund, warum sie auch den Auftritt vor Gericht nicht vermisst. „Der Richter ist eine Instanz, der man als Anwalt ausgeliefert ist, man arbeitet sehr reaktiv“, sagt sie. Als Anwältin geht Zimmermann gerne in die Offensive.
Öffentlichkeit aber braucht und sucht die Juristin nicht, auch nicht privat. Als eine Freundin sie vor einigen Wochen bittet, Sponsorin eines Moabiter Kinder-Fußballvereins zu werden, sagt sie gerne ja – den Jungs ist finanzielle Sicherheit nicht in die Wiege gelegt. „Auf den Trikots wollte ich aber nicht auftauchen.“ Und so spielen jetzt über ein Dutzend kleine Berliner in Trikots, Stutzen und Winterjacken, die Dörte Zimmermann ihnen ermöglichte. „Ich kann spontan leben“, sagt sie, als die Rede auf die angenehmen Seite einer eigenen, gutgehenden Kanzlei kommt. „Ich genieße es, über das meiste nicht nachdenken zu müssen.“
Und so gönnt sich Dörte Zimmermann zwischendurch immer mal wieder eine kleine Auszeit, eine Woche Israel war es zuletzt. Aber auch dem Luxus des Alltags kann sie etwas abgewinnen. „Taxifahren empfinde ich zum Beispiel als enormes Privileg für mich“, sagt die VW-Lupo-Fahrerin, und dann gäbe es da ja noch die kleinen angenehmen Fluchten aus der Arbeit in einer Kanzlei mitten in Berlin. „Wenn ich mal abschalten will, setzte ich mich einfach spontan in ein Konzert in der Philharmonie.“
Text: Jochen Brenner