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Examensnoten

Der Wert der Examensnote schwindet

Warum großzügige Noten am Ende niemandem helfen

Text: Rechtsanwalt Priv.-Doz. Dr. Christian Winterhoff, Hamburg

Die Note des ersten Examens hat für Juristen eine große Bedeutung. Sie ist nicht nur für den Berufszugang wichtig, sondern – weitaus früher – auch für den zeitnahen Einstieg in das Referendariat, bei der Bewerbung um begehrte Stationsplätze oder für ein LL.M.-Studium. Dass die Examensnoten angesichts unterschiedlicher Prüfungsanforderungen der Bundesländer (zum Beispiel Hausarbeits- oder Klausurexamen, Umfang des Prüfungsstoffes, zeitlicher Ablauf des Examens) seit jeher nur bedingt vergleichbar waren, tat dem bislang keinen Abbruch.

Neuerdings ist allerdings unsicher geworden, was eigentlich „die Examensnote“ ist. § 5 Abs. 1 des 2002 reformierten Deutschen Richtergesetzes spricht nicht mehr von der „ersten Staatsprüfung“, sondern von einer „ersten Prüfung“, die aus einer universitären Schwerpunktbereichsprüfung und einer staatlichen Pflichtfachprüfung besteht. Der Bundesgesetzgeber hat sich also für eine gemischt staatlich-universitäre Prüfung entschieden und dadurch die juristischen Fakultäten aufgewertet. Sie prüfen die bisherigen Wahlfächer nun in eigener Verantwortung. Für die Note des ersten Examens bedeutet das: Sie setzt sich jetzt aus dem Ergebnis der staatlichen Pflichtfachprüfung und dem Ergebnis der universitären Schwerpunktbereichsprüfung zusammen. Beide werden im Zeugnis aufgeführt. Zusätzlich wird eine Gesamtnote ausgewiesen. In sie fließt das Ergebnis der staatlichen Prüfung mit 70 Prozent und das der universitären mit 30 Prozent ein.

Welche dieser drei Noten ist nun „die Examensnote“? Rein rechtlich sicherlich die Gesamtnote. Sie spiegelt die Resultate aller maßgeblichen Prüfungsleistungen wider. Bei Einstellungen in den Staatsdienst werden die zuständigen Behörden deswegen nicht umhinkommen, maßgeblich auf die Gesamtnote abzustellen. Anderes gilt für den nichtstaatlichen Bereich und speziell für einstellungsbereite Rechtsanwaltskanzleien. Sie können auf die Note abstellen, in welcher sich die juristische Leistungsfähigkeit eines Bewerbers am besten manifestiert. Dies kann durchaus die Gesamtnote sein – aber nur, wenn die Universitäten in ihrem Prüfungsteil Qualitäts- und Bewertungsmaßstäbe anlegen, die denen der staatlichen Prüfung entsprechen.

Erste Erhebungen über die Ergebnisse der nach neuem Recht abgenommenen Prüfungen lassen daran zweifeln. So soll im Freistaat Bayern der Notendurchschnitt der universitären Prüfung um etwa vier Punkte über dem der staatlichen liegen. In Baden-Württemberg erreichten im Jahr 2007 etwa 54 Prozent aller Teilnehmer des staatlichen Prüfungsteils eine befriedigende oder bessere Note, während es mehr als 75 Prozent der Examenskandidaten gelang, eine entsprechende Gesamtnote zu erzielen – was ebenfalls auf einen deutlich besseren Ausfall der universitären Prüfung hinweist. Sollte sich diese Tendenz bestätigen, wäre der Wert der Gesamtnote – und damit auch das gesetzgeberische Modell einer gemischt staatlich-universitären Prüfung – in Frage gestellt. Wahrscheinliche Folge wäre, dass die Personalverantwortlichen speziell in der Anwaltschaft vorrangig auf das Ergebnis des staatlichen Prüfungsteils abstellen. Im Extremfall könnten sie die Universitätsnote ignorieren. Die Hochschulen haben es daher selbst in der Hand, ob ihre Examensnoten in der Praxis ernst genommen werden.

Der Wert der Gesamtnote wird darüber hinaus unter einem weiteren Aspekt in Frage gestellt: Die schon bisher nur eingeschränkte Vergleichbarkeit der Examensnoten nimmt aufgrund der möglicherweise unterschiedlichen Benotungspraxis der Universitäten noch weiter ab. Das kann den Wert des ersten Examens in seiner Funktion als Einstellungskriterium relativieren und examensfremde Faktoren wie Fremdsprachenkenntnisse, Praktika und sonstige Erfahrungen noch stärker als bisher in den Vordergrund rücken lassen – oder in letzter Konsequenz gar zur Etablierung juristischer Einstellungstests führen.

Vor diesem Hintergrund gilt: Berufseinsteiger sollten den Wert der universitären Schwerpunktnote unter den gegebenen Umständen nicht überschätzen. Personalverantwortliche müssen künftig genauer hinschauen, von welcher Note die Rede ist. Und für die Universitäten gilt: Eine zu großzügige Benotungspraxis wirkt kontraproduktiv und kann – neben dem Bachelor-Master-Modell – zusätzlichen Druck auf die Institution des ersten Examens ausüben. Denn am Ende heißt die Frage: Wozu der Aufwand?